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vorgänge: Artikel - 17.05.18

Rechtsradikale in der Bundeswehr – im Geiste der Freikorps*

Wolfram Wette

in: vorgänge Nr. 221/222 (1-2/2018), S. 197-211

Soldaten mit rechtsradikalen Einstellungen sind weder ein Einzelfall, noch ein neues Problem der Bundeswehr. Wolfram Wette zeichnet im folgenden Beitrag die Geschichte rechter Haltungen in deutschen Armeen von den Freikorps und der Wehrmacht bis zu aktuellen Vorfällen der Bundeswehr nach.

 

Rechtsradikalismus in Deutschland nach 1945. Was ist das?

Gibt es in der Bundeswehr Rechtsradikalismus? Ist er womöglich stark verbreitet? Oder tritt er nur in Einzelfällen hervor? Alte Streitfragen, die bekanntlich sehr unterschiedlich beantwortet werden! Wenn wir unser Thema ernsthaft und ohne vordergründige Polemik behandeln wollen, so müssen wir mit der Frage beginnen: Welche Kriterien stehen uns zur Verfügung, um Rechtsradikalismus in der Bundeswehr erkennen und beschreiben zu können?1

Eine allgemein verbindliche Definition von Rechtsradikalismus und Rechtsextremismus gibt es nicht.2 Im allgemeinen Sprachgebrauch werden beide Begriffe synonym verwendet zur Kennzeichnung der Gesinnung, der Methoden und der Ziele der äußersten Rechten. Im Folgenden verzichte ich auf eine weitergehende politikwissenschaftliche oder gar juristische Definition der Begriffe: Rechte, Rechtsnationale, Rechtspopulisten, Rechtsradikale, Rechtsextremisten und Neonazis unter Hinweis darauf, dass die Grenzen fließend sind. Stattdessen möchte ich inhaltliche Positionen der Rechtsextremisten benennen, um hernach rechtsradikales Denken im Militär zu beleuchten, das einige Besonderheiten aufweist, die mit dem spezifischen Milieu zu tun haben. Dem militärischen Rechtsradikalismus werde ich mich mit dem Blick des Historikers nähern, indem ich dem politischen Ort nachspüre, den das Militär in verschiedenen Phasen der jüngeren deutschen Geschichte eingenommen hat.

In der Bundesrepublik Deutschland bildete sich nach dem Kriegsende 1945 schrittweise eine neue, demokratische Kultur heraus.3 Ihr wichtigstes Kennzeichen bestand darin, dass die Nazi-Zeit – aus demokratischer Sicht – gleichsam als Negativfolie für die Gestaltung einer demokratischen Gegenwart und Zukunft galt.4 Immer mehr Menschen in unserem Land waren bereit, diesen Wandel mitzutragen5, weshalb Historiker später feststellten, diesmal sei die deutsche Demokratie „geglückt“.6

Die zivilen Rechtsradikalen erkannte man daran, dass sie den Weg in die Demokratie nicht mitgingen, sondern stattdessen – ganz oder teilweise – in den Denkstrukturen der Nazi-Zeit verharrten. Als rechtsradikal galt infolgedessen in der Bonner Republik ein aggressiver Nationalismus und Antikommunismus, ein elitäres, rassistisch geprägtes Sendungsbewusstsein, die Idee eines politischen „Führertums“, das identisch war mit der Ablehnung der  Demokratie sowie der Feindschaft gegen Ausländer, Minderheiten, fremde Völker und Staaten, aber auch gegen Andersdenkende in der Innenpolitik. Als rechtsradikal galten weiterhin der Antisemitismus und der völkische Rassismus, der sozialdarwinistisch hergeleitete Glaube an das Recht des Stärkeren, schließlich die Bereitschaft zur Durchsetzung der erstrebten Ziele mittels Gewalt. Der deutsche Rechtsradikalismus gab sich auch durch die Relativierung oder Leugnung der Verbrechen und die anhaltende Verherrlichung des NS-Staates zu erkennen.7 Viele seiner Vertreter wollten zudem eine deutsche Kriegsschuld nicht anerkennen. Sie sahen im 8. Mai 1945 nicht – wie Richard v. Weizsäcker – den Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, sondern beklagten ihn als Tag der Niederlage und des Zusammenbruchs.

Der militärische Rechtsradikalismus teilte diese Sichtweisen und pflegte darüber hinaus das wahrheitswidrige Bild von einer „sauber“ gebliebenen Wehrmacht. Die Rechtsradikalen in Uniform leugneten eine Beteiligung der Wehrmacht am Holocaust, ebenso die Verantwortung der Wehrmacht für das Massensterben von sowjetischen Kriegsgefangenen und die Ermordung von Millionen ziviler Sowjetbürger. Schließlich rechtfertigten sie die Kollaboration, also jene politischen Kräfte in Europa, die mit Hitler-Deutschland zusammengearbeitet hatten.8 Damit wird erkennbar: Der Rechtsradikalismus in Deutschland nach 1945 definierte sich in starkem Maße durch seine Nähe zum Nationalsozialismus, zu den demokratiefeindlichen Traditionen und zum militaristischen Gewaltkult.

Der Ort des Militärs in der jüngeren deutschen Geschichte

In welchen militärischen Traditionen steht die Bundeswehr? Ein Blick auf die jüngere Geschichte des deutschen Militärs vermag uns darüber Aufschluss zu geben. Der bekannte amerikanische Historiker Gordon A. Craig, der sich ein ganzes Wissenschaftlerleben lang mit der deutschen Geschichte auseinandergesetzt hat, traf einmal die aufschlussreiche Feststellung, „dass der Besitz einer Armee für Deutschland in seiner neueren Geschichte nicht zum Guten gewesen war und dass das Militär […] dazu tendiert hatte, ein Staat im Staate zu sein, der den sozialen Fortschritt und die Entwicklung liberaler und demokratischer Institutionen verhinderte“.9 Der französische Staatsmann Mirabeau soll die Rolle des Militärs in Preußen so auf den Punkt gebracht haben: „Andere Staaten besitzen eine Armee, Preußen ist eine Armee, die einen Staat besitzt.“10

In der Revolution von 1848/49 war aus dem Preußischen Kriegsministerium der Schlachtruf zu hören: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!“ Die von Craig angesprochene, gegen Demokratie und sozialen Fortschritt gerichtete Tendenz des preußisch-deutschen Militärs gab es nicht nur im alten Preußen und im kaiserlichen Deutschland, sondern auch in der Weimarer Republik und schließlich in der Zeit des Nationalsozialismus. Mit anderen Worten, das Militär stand in Deutschland schon immer rechts. Nach seinem Selbstverständnis war das Offizierskorps nicht nur die bewaffnete Stütze des Staates. Das Credo der Offiziere lautete vielmehr: Wir sind der Staat! Wenn das Militär in Staat und Gesellschaft tonangebend ist, sprechen wir von Militarismus.11

Auf den Ersten Weltkrieg folgten die Revolutionszeit 1918/19 und die unruhigen Nachkriegsjahre, die zugleich die frühen, gefährdeten Jahre der Weimarer Republik waren. In dieser Zeit des Umbruchs verkörperte das Militär in idealtypischer Weise einerseits die rückwärtsgewandte Reaktion und andererseits den nach vorne blickenden politischen Rechtsradikalismus. Militärs bekämpften die Revolution, die demokratischen Parteien und die junge Republik, sie bäumten sich auf gegen die Abrüstungsbestimmungen des Versailler Friedensvertrages und sie griffen immer wieder in die Politik ein. In den Jahren 1919/20 waren es die sogenannten Freikorps, die reichsweit im Auftrag Gustav Noskes alle revolutionären Regungen zusammenschossen, was mehr als 3000 Menschen das Leben kostete. Bei den Freikorps handelte es sich um militärische Freiwilligenverbände. Freiwillig meldeten sich damals hauptsächlich jene Weltkrieg-I-Soldaten, die nicht ins zivile Leben zurückfanden. Jemand hat einmal behauptet, sie hätten der Idee angehangen: „Es lebe der Krieg, denn der Frieden wird fürchterlich!“ Die jahrelang im Krieg nach außen praktizierte Gewalt wurde nun also in die deutsche Innenpolitik hineingetragen.

Junge rechtsradikale Freikorpsoffiziere unternahmen es seinerzeit, aus eigener Machtvollkommenheit in die politischen Geschehnisse einzugreifen, indem sie das taten, was sie im Krieg gelernt hatten, nämlich bewaffnete Gewalt auszuüben, zu schießen. Von einem aggressiven Nationalismus angetrieben, ermordeten sie prominente Politiker, die in ihren Augen „innere Feinde“ waren. Insgesamt wurden 354 Menschen Opfer der Morde „von rechts“.12 Ein rechtsradikaler Offizier ermordete den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (USPD), weil er ein Linker und ein Pazifist war und sich für die Anerkennung der deutschen Kriegsschuld ausgesprochen hatte. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden Opfer rechter Offiziere, weil sie vor und während des Weltkriegs als Gegner des Völkermordens hervorgetreten waren. Matthias Erzberger (Zentrumspartei) hassten sie, weil er einer der Initiatoren der Friedensresolution des Reichstages von 1917 gewesen war und weil er im Auftrag der Regierung den Waffenstillstand von Compiègne unterschrieben hatte. Er wurde, nachdem er in der Republik zum Reichsfinanzminister aufgestiegen war, von Angehörigen der rechtsextremistischen Organisation Consul ebenso umgebracht wie der wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgte Politiker Walter Rathenau, seines Zeichens Reichsaußenminister. Attentatsversuche gab es gegen die sozialdemokratischen Spitzenpolitiker Hugo Haase und Philipp Scheidemann. Ermordet wurde auch Kapitänleutnant der kaiserlichen Kriegsmarine, Hans Paasche, Sohn eines vormaligen Reichstagvizepräsidenten, weil er zum Pazifismus konvertiert war.

Wenn die Freikorps-Offiziere vom „jüdischen Bolschewismus“ redeten, meinten sie gar nicht in erster Linie Kommunisten, sondern Kriegsgegner, Demokraten, Pazifisten, Verständigungspolitiker – und natürlich die Juden, also pauschal jene Deutschen, die Hitler später als „Novemberverbrecher“ verunglimpfen sollte. Die Freikorps-Offiziere selbst stilisierten sich zu Vorkämpfern einer Neuauflage kriegerischer deutscher Machtpolitik.

Der Kapp-Lüttwitz-Putsch vom März 1920 war im Kern ein Militärputsch gegen die junge Republik. In der Stunde der Gefahr für die legale Reichsregierung weigerte sich die Führung der Reichswehr, gegen den eidbrüchigen General Walther Freiherr v. Lüttwitz und die Putschtruppen vorzugehen und die Regierung des sozialdemokratischen Reichskanzlers Gustav Bauer zu schützen. „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr!“ ließ Generaloberst Hans v. Seeckt verlauten, der Chef der Heeresleitung (1920-1926) und damals ranghöchste deutsche Soldat. Aus demokratischer Sicht stellte seine folgenschwere Weigerung, seine Pflicht zu tun, eine republikfeindliche Handlung dar. Sie war geeignet, den Bestand der Republik zu bedrohen. Die Reichswehr, der „Staat im Staate“, bestimmte selbst, was im Falle eines Militärputschs zu tun war.

Das bedeutet: Es gab in der Weimarer Republik nicht nur den individuellen Rechtsterrorismus der Freikorps-Leute, sondern auch einen institutionalisierten Rechtsextremismus der Reichswehr. Diese hatte Verbündete in der politischen Justiz sowie in Teilen der Wirtschaft, der Bürokratie und einigen Massenorganisationen, also in jenem nationalistisch eingestellten Teil der deutschen Gesellschaft, der sich selbst als „Mitte“ verstand. Seit 1924 betrieb die Reichswehrführung – hinter dem Rücken der Politik – Rüstungsplanungen, die als Vorbereitungen für einen Zukunftskrieg angesehen werden müssen. Sie unterstützte außerdem geheime, rechtswidrige Rüstungen. Gleichzeitig bekämpfte sie nach Kräften die Verständigungspolitik der republikanischen Regierungen – so wie ihre Gesinnungsgenossen später, in den 1970er Jahren, die Friedens- und Entspannungspolitik der sozial-liberalen Koalition bekämpfen sollten.
Nach den Reichstagswahlen von 1930 wurde die NSDAP zum Sammelbecken für die Feinde der Republik. Jetzt gingen die Nazis mit den Deutschnationalen, den Rechtsliberalen, mit Teilen der Wirtschaft, mit dem Frontsoldatenbund „Stahlhelm“ und mit der Reichswehr zusammen. Man nannte sich „Harzburger Front“. Was die Führer und Mitglieder dieser Organisationen verband, waren ein übersteigerter Nationalismus, die Republikfeindschaft und die Idee einer neuen Machtpolitik mit kriegerischen Mitteln. Man sang „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt“ und bekundete den gemeinsamen politischen Willen, die „Ketten von Versailles“ notfalls mit Gewalt zu sprengen. Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 waren die Rechtsradikalen an der Macht. Jetzt befand sich die deutsche Regierung in den Händen des organisierten deutschen Rechtsradikalismus. Die NSDAP nutzte ihre Macht zur Abschaffung der Demokratie und zur Gleichschaltung des politischen und gesellschaftlichen Lebens, zum Aufbau einer Diktatur, zur neuerlichen Militarisierung der Gesellschaft und zu einer systematischen Kriegsvorbereitung, weiterhin zur Schaffung einer deutschen „Volksgemeinschaft“, die rassistisch definiert war und deren wichtigstes Kennzeichen in der Ausgrenzung und späteren Ermordung von rassisch definierten Minderheiten wie den Juden bestand. Welches Unheil der in den Besitz der Staatsmacht gelangte deutsche Rechtsextremismus in den Jahren 1939 bis 1945 mit Krieg und Holocaust über Europa, die Welt und nicht zuletzt auch über Deutschland brachte, ist bekannt.


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