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vorgänge: Artikel - 1.08.18

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Sport

Jeannine Ohlert / Bettina Rulofs

in: vorgänge Nr. 223 (3/2018), S. 93-104

In der sogenannten "Münchener Erklärung" verpflichten sich die Mitgliedsorganisationen des Deutschen Olympischen Sportbundes, Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt im Sport zu ergreifen. Allerdings befindet sich die Diskussion um dieses Thema noch in vielen Vereinen und Verbänden im Anfangsstadium. Nach Begriffsklärungen zur sexualisierten Gewalt beschreiben Jeannine Ohlert und Bettina Rulofs spezifische Risikofaktoren im Sport. Sie stellen ein theoretisches Modell zum (zeitlichen) Ablauf eines Ereignisses schwerer sexualisierter Gewalt im Sport vor, den sogenannten "Grooming"-Prozess. Erst zwischen 2015 und 2017 wurden im Rahmen der Studie »Safe Sport« differenzierte Zahlen zu sexualisierter Gewalt im organisierten Sport in Deutschland erhoben. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass insgesamt mehr als ein Drittel der 1529 Befragten einmal oder häufiger eine Situation sexualisierter Gewalt im Sport erlebt hatten; bei 11% war es sogar schwere sexualisierte Gewalt. Zwei Drittel aller Betroffenen waren bei der ersten Gewalterfahrung noch nicht erwachsen. Frauen und Mädchen sind deutlich häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen; ebenfalls Sportler_innen mit homosexueller oder bisexueller Orientierung im Vergleich zu heterosexuellen Athlet_innen. Der Beschreibung der Folgen von Gewalt und der Möglichkeiten der Prävention sexualisierter Gewalt folgt der Hinweis, dass ähnliche Studien, wie sie zum Wettkampf- und Leistungssport vorliegen, auch für das Breitensportniveau gebraucht werden.


Durch die #MeToo-Kampagne gegen sexualisierte Gewalt bei gleichzeitigem Auftreten von Verdachtsfällen im Sport in verschiedenen Ländern (z.B. Fußball in England, Turnen in den USA, Alpiner Skilauf in Österreich, Fechten in Deutschland) ist das Thema sexuelle Übergriffe im Sport in jüngster Zeit vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Angestoßen wurde die Debatte im Sport jedoch bereits im Jahr 2010 durch die Berichterstattung über die Vorfälle sexualisierter Gewalt in Internatsschulen und kirchlichen Einrichtungen und den in der Folge eingesetzten Runden Tisch gegen sexuellen Kindesmissbrauch auf Ebene der Bundesregierung. Im Fahrwasser der gesamtgesellschaftlichen und politischen Diskussion verabschiedete die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) bereits 2010 die so genannte "Münchener Erklärung", in der sich alle Mitgliedsorganisationen des DOSB (z.B. Landessportbünde, Spitzenverbände und Verbände mit besonderen Aufgaben) dazu verpflichteten, Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt im Sport zu ergreifen. Dennoch befindet sich die Diskussion um das Thema sexualisierte Gewalt im Sport noch in vielen Vereinen und Verbänden im Anfangsstadium, wie die Daten der jüngst durchgeführten Studien im Forschungsprojekt »Safe Sport« zeigen. Im Folgenden soll ein Überblick gegeben werden über die vorliegenden Fakten und aktuellen Entwicklungen zum Thema sexualisierte Gewalt in den Sportorganisationen in Deutschland.

 

Begriffsklärung

Bei der Beschäftigung mit dem Thema sexuelle Übergriffe ist es notwendig, vorab zu klären, was genau unter einem "Übergriff" und auch unter dem Begriff "sexuell" zu verstehen ist. Da weder in Deutschland noch international die Verwendung einheitlich ist, gibt es große Schwierigkeiten, wenn die Zahlen verschiedener wissenschaftlicher Studien verglichen werden sollen. Im Bereich des Sports verwenden aktuellere Studien vermehrt den Begriff der "sexualisierten Gewalt" (engl. sexual violence), um eine Vereinheitlichung zu fördern. Daher wird dieser Begriff auch in diesem Beitrag genutzt. Sexualisierte Gewalt wird hier verstanden als jede Art sexualisierter Handlung, die darauf ausgerichtet ist, Menschen in ihrer Integrität und Würde zu verletzen. Darunter fallen unterschiedliche Formen der Machtausübung mit dem Mittel der Sexualität, also Handlungen mit Körperkontakt, ohne Körperkontakt und auch grenzverletzendes Verhalten. Um dennoch verschiedene Formen sexualisierter Gewalt voneinander trennen zu können, schlägt Brackenridge (2001) vor, sexualisierte Gewalt speziell im Sport als ein Kontinuum zu beschreiben. Dieses reicht von sexueller Belästigung über eine "graue Zone" bis hin zu sexuellem Missbrauch. Vertommen und Kolleg_innen erstellten auf Basis dieses Kontinuums schließlich drei Kategorien sexualisierter Gewalt, die nicht nur die Art der Situation, sondern zusätzlich die Häufigkeit der Erfahrung durch die betroffene Person einbeziehen (Vertommen et al., 2016). Auf diese Weise wird eine Situation sexueller Belästigung (wie z.B. sexuell anzügliche Bemerkungen), die bei einmaligem Vorkommen als leichte Form eingestuft wird, als moderate oder sogar schwere Form sexualisierter Gewalt gesehen, wenn eine Person sie häufiger oder sogar dauerhaft erdulden muss. Unter leichte sexualisierte Gewalt fallen demnach Ereignisse wie anzügliche Blicke, sexistische Witze oder auch Nachrichten in sozialen Medien mit sexuellem Inhalt, wenn diese einmalig (nicht öfter) stattfinden. Unter moderater sexualisierter Gewalt werden die gleichen Ereignisse eingestuft, wenn sie zwei bis viermal stattgefunden haben. Zusätzlich zählt zu dieser Kategorie grenzverletzendes Verhalten wie Massagen, Berührungen oder das Eindringen in die Intimsphäre, wenn diese Ereignisse von den Betroffenen als unangenehm empfunden werden und einmalig passieren. Finden die bisher genannten Ereignisse jedoch häufiger oder sogar regelmäßig statt, so zählen sie zu schwerer sexualisierter Gewalt. Weiterhin fallen in diese letztgenannte Kategorie auch die in der Regel unter sexuellem Missbrauch subsumierten Verhaltensweisen wie erzwungene Küsse sowie versuchter oder erfolgter Sex gegen den eigenen Willen. Insgesamt ist bei dieser Abstufung zu berücksichtigen, dass auch sogenannte leichte Formen der sexualisierten Gewalt die Betroffenen subjektiv stark belasten können und gegebenenfalls Vorstufen von schweren Übergriffen sind.

 

Spezielle Risikofaktoren des Sports

Als Bedingungen für die Entstehung von sexualisierter Gewalt im Sport werden häufig sowohl die sozialen Strukturen des Sports angeführt, z.B. ungleiche Geschlechterverhältnisse, die starke Körperlichkeit des Sports, die Erfolgsausrichtung und Sozialisation in einer Risikokultur[1], enge Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Trainer_innen und Athlet_innen im Leistungssport, als auch sportspezifische Situationen und Gelegenheiten, wie Umkleide- und Duschsituationen oder Kleidungsvorschriften und deren Kontrolle (Klein & Palzkill, 1998; Rulofs, 2015). Eine besondere Schwierigkeit stellt die Situation zwischen Trainer_in und Athlet_in dar, die von Abhängigkeiten und einem Machtgefälle gekennzeichnet sein kann. Sie bergen besondere Risiken für Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt. Dabei sind auch die Geschlechter- und Generationenverhältnisse relevant. Trainer- und Führungspositionen im Sport sind überwiegend von Männern besetzt; das Alters- und Kompetenzgefälle zwischen heranwachsenden Sportler_innen und erwachsenen Betreuer_innen beinhaltet potentielle Gefährdungen für Ausbeutung und Gewalt, insbesondere wenn junge Sportler_innen dem Ziel des sportlichen Erfolgs alles unterordnen und dieses gemeinsam mit dem Trainer bzw. der Trainerin erreichen möchten (Brackenridge, 2001).

Verschiedene Studien im Sport benennen zudem einige Personengruppen, die ein erhöhtes Risiko besitzen, sexualisierte Gewalt zu erleben. So sind in der Regel Frauen und Mädchen deutlich häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als Männer bzw. Jungen. Weiterhin sind auch Sportler_innen mit homosexueller oder bisexueller Orientierung häufiger Opfer von Übergriffen als heterosexuelle Athlet_innen. Andere Personenmerkmale, die international als Risikofaktor für sexualisierte Gewalt gelten, sind das Vorliegen einer Behinderung (sowohl körperlicher als auch geistiger Art) oder auch ein Migrationshintergrund (Ohlert et al., 2018).

Der "Grooming"-Prozess im Sport

Um Ereignissen sexualisierter Gewalt im Sport intensiver auf den Grund zu gehen, entwickelten Cense und Brackenridge (2001) auf Basis eines generellen Modells von Finkelhor (1984) sowie damals vorhandener empirischer Daten ein theoretisches Modell zum Ablauf eines Ereignisses schwerer sexualisierter Gewalt im Sport (siehe Abbildung 1).

 

Abbildung 1: Modell der zeitlichen Entwicklung sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen im Sport (adaptiert nach Cense & Brackenridge, 2001).

 

So gehen die Autorinnen von verschiedenen Phasen im Ablauf aus, beginnend zunächst mit der Motivation der Täterin bzw. des Täters und dem anschließenden Überwinden der persönlichen Hemmungen sowie der allgemeinen externen Barrieren aufgrund der Kultur und Strukturen in der jeweiligen Sportart. Anschließend erfolgt die Auswahl einer Zielperson, bei welcher zunächst ggf. spezifische Barrieren (z.B. die Einbindung der Person in ein Team) umgangen werden müssen, um schließlich mit dem so genannten Grooming-Prozess zu beginnen. Grooming ist dadurch charakterisiert, dass die Täterin bzw. der Täter zunächst im Laufe der Zeit bei der Zielperson eine Abhängigkeit von der eigenen Person erzeugt, so dass eine Trennung unangenehme sportliche Konsequenzen für die Sportlerin bzw. den Sportler hätte. Dies kann beispielsweise dadurch geschehen, dass ein Aufstieg in eine höhere Leistungsstufe in Aussicht gestellt oder tatsächlich umgesetzt wird, welcher abhängig von der Person der Täterin bzw. des Täters ist. Anschließend wird der Kontakt immer persönlicher, auch indem z.B. Gefälligkeiten gewährt werden, die anderen Athlet_innen nicht zugestanden werden. Diese zunächst "unauffälligen" Situationen (z.B. Einzeltrainings oder auch Nachhilfe bei Schulproblemen) werden im Laufe der Zeit vermehrt in den privaten Bereich verschoben, während gleichzeitig nach und nach auch die körperliche Nähe forciert wird. Ziel ist hier, dass die Athletin bzw. der Athlet durch die graduellen Verschiebungen den Punkt verpasst, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen. Erst nach dieser Phase erfolgt der eigentliche Missbrauch, der häufig mehrere Jahre andauern kann (wie lange hängt sowohl von den beteiligten Personen ab als auch von Dritten, die den Missbrauch unter Umständen irgendwann bemerken). Im letzten Schritt des Modells sucht sich die Täterin bzw. der Täter nach dem Ende des Missbrauchs in der Regel eine neue Zielperson. Falls er/sie eine Art Beziehung zur ehemaligen Zielperson aufrecht erhält, kann es zudem passieren, dass weitere Belästigungen oder Bedrohungen erfolgen, auch wenn die eigentliche Missbrauchsphase bereits abgeschlossen ist.

Bei der Anwendung des Modells sollte beachtet werden, dass dieses vor allem aufgrund qualitativer Daten entstanden ist und noch nicht quantitativ empirisch überprüft wurde. Dennoch baut es auf einer Vielzahl von Studien auf, die sich im Detail mit dem Prozess des sexuellen Missbrauchs beschäftigt haben, und bildet daher wesentliche inhaltliche Aspekte sehr gut ab. Es sollte jedoch auch bedacht werden, dass sich das Modell mit schweren Formen sexualisierter Gewalt beschäftigt. Für leichte oder moderate Formen finden sich möglicherweise andere Einflussfaktoren. Es ist allerdings auch denkbar, dass diese leichten Formen sexualisierter Gewalt Teil des oben genannten Grooming-Prozesses sind und nicht getrennt betrachtet werden sollten, da sie irgendwann in schwerer sexualisierter Gewalt münden.

 

Studienlage zu sexualisierter Gewalt im Sport


1

2

3

Vor