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Friedens­be­we­gung im Gesund­heits­wesen

03. August 2020
Datum: Sonntag, 03. November 1985

Klaus Water­stradt

aus: vorgänge Nr. 79 (Heft 1/1986), S. 28-30

Dies ist ein schwa­cher Ruf. Oder ist es vielleicht doch ein starker Ruf? Ursprüng­lich hieß es: Ärzte warnen vor dem Atomkrieg. Warum warnen Ärzte vor dem Krieg? – Krieg ist doch keine Krank­heit!
Und warnen sie etwa nur vor dem Atom-­Krieg? Nun, Pazifisten gab es schon immer. Und seit der Anti-A­tom­kraft-­Be­we­gung und der Ökolo­gie-­Be­we­gung gab es auch allent­halben Frieden­s­i­n­i­tia­tiven im Gesund­heits­we­sen. Damit kann jeder Staat leben.

Als aber Ärzte sich zusam­men­fanden und das Ansehen ihres Berufs­s­tandes in der Öffent­lich­keit in die Waagschale warfen, um außer­pa­r­la­men­ta­risch Aufklä­rungs­a­r­beit zu leisten, sich und andere zu infor­mieren, da wurden die Medien, die Abgeord­neten, die Regie­renden hellhö­rig.

Schlag­worte wie: „Die Überle­benden werden die Toten beneiden“ und „Wir werden Euch nicht helfen können!“ bewirkten in weiten Bevöl­ke­rungs­kreisen Nachdenken und Zustim­mung. Dadurch wurden alle Frieden­s­i­n­i­tia­tiven im Gesund­heits­wesen gestärkt und wuchsen weiter an.

Der 5. Kongreß zur Verhin­de­rung des Atomkrieges vom 31.10. bis 3.11.85 in Mainz wurde veran­staltet von der Frieden­s­i­n­i­tia­tive im Gesund­heits­wesen Mainz/Wies­baden zusammen mit der IPPNW (Deutsche Sektion der inter­na­ti­o­nalen Ärzte zur Verhin­de­rung des Atomkriegs).

Folge­richtig hieß das Motto jetzt: Wir warnen vor dem Atomkrieg, weil alle Mitar­beiter im Gesund­heits­wesen, die in der Friedens­be­we­gung aktiv sind, den Aufruf mittra­gen. Der
Unter­titel lautete: „Rüstungs­stop! Abrüsten!“. Das Verhand­lungs­thema war erheb­lich ausge­weitet worden, z.B. auf Einschät­zungen der Kranken­schwes­tern und des Pflege­per­so­nals oder etwa auf „die dritte Welt und der Krieg“. Der Kongreß wies gegen­über seinen Vorgän­gern weitere Beson­der­heiten auf, 1981 fand der erste Medizi­ni­sche Kongreß in Hamburg statt, 1982 folgte Berlin, dann 1983 München, Das Echo auf den 4. Medizi­ni­schen Kongreß 1984 in Tübingen war beson­ders groß. So entstand die Auswei­tung des Arbeits­ge­bie­tes. Etwa 60 Arbeits­gruppen und Seminare behan­delten jetzt spezi­elle Fragen wie SDI, West-Ost-­Kon­takte, Zivil­schutz, Bezie­hungen zur Gesam­tärz­te­schaft, Frauen und Milita­ri­sie­rung, alltäg­liche Gegen­wehr, Friedens­er­zie­hung, Bundes­wehr und vor allem die am meisten besuchten psycho­lo­gi­schen Fragen­kom­plexe.

Die Einzel­re­fe­rate z.B. von Till Bastian, Alfred Mechters­heimer, Ulrich Gottstein, Andreas Zumach, Horst Eberhard Richter, Gert Bastian, Hans Ulrich Deppe, Elvira Kleine, Christa Nickels, Barbara Hövener, Scott Mills, Knut Sroka und Karl Bonho­effer erscheinen im Druck zusammen mit dem Einfüh­rungs­vor­trag von Peter Rühmkorf: „Bleib erschütte­rbar und wider­steh!“ Die Broschüre kann über die Geschäfts­stelle der IPPNW Bahnhof­str. 24 in 6501 Heides­heim bezogen werden.

Das Wiesba­dener Tagblatt schrieb: „Kein Ärzte­kon­greß, sondern ein Stück Friedens­be­we­gung“. Das Presse-Echo war ungewöhn­lich groß (die Bericht-Aus­schnitte füllen drei Ordner!), sicher­lich auch mitbe­dingt durch die Verlei­hung des Friedens­no­bel­preises an die inter­na­ti­o­nale Ärzte­or­ga­ni­sa­tion.

Um so befrem­dender ist die offizi­elle Reaktion. Der parla­men­ta­ri­sche Staats­se­kretär im Bundes­in­nen­mi­nis­te­rium C.D. Spranger sagte seine Teilname an der vorge­se­henen Podiums­dis­kus­sion: „Ein neues Zivil­schutz­ge­setz – humani­täre Pflicht oder Kriegs­vor­be­rei­tung?“ ab. Da sein Minis­te­rium die Geset­zes­vor­lage bearbeitet, hätte gerade er die demokra­ti­sche Pflicht gehabt, seine Inten­ti­onen öffent­lich zu erläu­tern.

Statt­dessen verfaßte er nach mehrfa­chen Anmah­nungen auf über drei Schreib­ma­schi­nen­seiten Tatsa­chen­ver­dre­hungen und Unter­stel­lungen wie „Inhu­ma­nität“ zusammen mit Ratschlägen über den „ärzt­li­chen Auftrag“, um sein Kneifen vor dieser Ausein­an­der­set­zung zu begrün­den. Der Brief traf übrigens bis zum Kongreß­be­ginn bei uns als Veran­stalter nicht ein: Wir erhielten ihn von den Medien.

Wie stark die Gegner der Friedens­be­we­gung von den Sachar­gu­menten getroffen wurden, zeigt der Versuch des CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tärs H. Geißler, davon abzulenken durch die bewährte primi­tive Kommu­nis­mus-Un­ter­stel­lung und durch seine Rekla­ma­tion beim Friedens­no­bel­preis­ko­mitee in Oslo, das sich auf solche Diskus­sion noch nie einge­lassen hat.

Daß sich an diesen Protest neben einigen Gesin­nungs­freunden noch der Kanzler Kohl anhängen mußte, zeigt einmal mehr dessen mangelndes Finger­spit­zen­ge­fühl und natür­lich das seiner Berater. Die Ohrfeige aus Oslo mit dem Bezug auf Kanzler Hitler’s Protest vor 49 Jahren anläß­lich der Friedens­no­bel­preis­ver­lei­hung an den KZ-Häft­ling Carl von Ossietzky führte hier aber kaum zur Wangen­rö­tung.

Um den Alltag mit einzu­be­ziehen, wurde am 2.11., einem verkaufs­of­fenen Samstag, eine große Innen­stadt­ak­tion in Wiesbaden durch­ge­führt. Etwa 1500 Kongreß­teil­nehmer hatten im Sonderzug den Rhein überquert, um die Verbun­den­heit mit den dortigen Frieden­s­i­n­i­tia­tiven zu unter­strei­chen und um auf die Anhäu­fung militä­ri­scher Einrich­tungen in der gesamten Rhein-­Main-Re­gion hinzu­wei­sen.

Das größte und modernste ameri­ka­ni­sche Militä­r-Hos­pital außer­halb der Verei­nigten Staaten liegt in Wiesbaden und gestaltet sich als Angel­punkt aller US-Ak­ti­onen in Europa, Afrika und Vorder­asien, einschließ­lich der „schnellen Eingreift­ruppe“, da solche Einsätze ohne die Statio­nie­rung des Hospi­tals gar nicht möglich wären.
Was viele Menschen bei uns nicht wissen: entgegen den ursprüng­li­chen NATO-­Ver­trägen hat sich die BRD im Brüsseler Beschluß vom 13.5.1981 verpflichtet, auch außer­halb des NATO-­Ge­bietes zu operie­ren. Außerdem ist sie durch einen weiteren Vertrag (Warti­me-host-na­ti­o­n-­sup­por­t-­Ab­kommen vom 15.4.82) dazu verpflichtet, bei militä­ri­schen Opera­ti­onen Unter­stüt­zung zu gewäh­ren. So wird unser Land unver­se­hens zum Aufmarsch­ge­biet, zur Start­rampe und zur Drehscheibe für Einsätze im Nahen Osten, die ohne Nachschub und ohne medizi­ni­sche Versor­gung unmög­lich wären. Der Flugplatz Erben­heim, jetzt schon eine erheb­liche Beläs­ti­gung für 50.000 im unmit­tel­baren Umfeld lebende Menschen, soll auf die dreifache Hubschrau­ber­menge gebracht werden, wogegen sich eine Bürger­in­itia­tive von 7.500 Bürgern wendet. Das Land Hessen klagt beim Bund auch wegen der Gefähr­dung der Flugsi­cher­heit von „Rhein-­Main“.

Direkt neben den Städti­schen Kliniken in Wiesbaden ist das 333. Art. Btl. des V. US-Corps statio­niert, das mit opera­ti­v-tak­ti­schen Lance-A­tom­ra­keten ausge­rüstet ist (Verstoß gegen Art. 18 der Genfer Konven­tion vom 12.8.49). Solche Zentren sind sichere Ziele mögli­cher Gegen­schläge. Auch gefährden die ständigen Trans­porte von Atomra­keten die Bevöl­ke­rung.

Alles in Allem wurde deutlich gemacht, daß bei den beider­seits in Ost und West gepflegten Feind­bil­dern und bei den beider­seits aufge­stauten A-, B- und C-Mas­sen­ver­nich­tungs­mit­teln ohne völlige Kehrt­wen­dung der absolute Holocaust nicht zu umgehen ist.
Es gibt ja Menschen, die ihre Hoffnung auf die Möglich­keit eines begrenzten, konven­ti­o­nellen Krieges bauen. Was ist allein das schon für eine Perver­sion des Denkens, für eine unmensch­liche Denkweise! Aber sie übersehen dabei: Daß jede Seite dieser in absoluten Feind­bil­dern Denkenden im Falle eines eintre­tenden Nachteils im konven­ti­o­nellen Krieges­ge­schick das nächst­hö­here Waffen­re­gister zieht, solange bis der große Atomknall da ist. Man darf nicht unter­liegen – man muß siegen!

Diese wahnwit­zige Ideologie beherrscht das Handeln der Regie­ren­den.

Auf der anderen Seite versucht man uns einzu­reden, durch weitere Rüstung, durch Bunkerbau, durch Zivil­schutz hätten wir Chancen zu überle­ben. Und dies war der Grund, warum wir bereits den fünften Medizi­ni­schen Kongreß zur Verhin­de­rung des Atomkrieges machen. Wir sind für Notfa­li­me­dizin – ganz selbst­ver­ständ­lich, aber wir sind gegen Kriegs­me­dizin, gegen alle kriegs­vor­be­rei­tenden Maßnahmen, gegen kriegs­vor­be­rei­tenden Bunkerbau und gegen kriegs­vor­be­rei­tende Rüstung.

Es ist medizi­ni­sche Pflicht, recht­zeitig vorzu­beugen und nicht erst Heilungs­ver­suche zu machen, wenn keine Aussicht mehr auf Erfolg besteht. Der Krieg muß geächtet werden.

Katego­rie: vorgänge: Artikel, Frieden