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Rezension, vorgänge: Artikel - 15.08.16

Die Korrumpierung des Wissens

Dr. Martin Kutscha

in: vorgänge Nr. 214 (Heft 2/2016), S. 159-160

Colin Crouch, Die bezifferte Welt. Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht, Suhrkamp-Verlag Berlin 2015, 250 S., 21.95 Euro, ISBN 978-3-518-42505-3

 

Der britische Governanceforscher Colin Crouch ist in Deutschland vor allem durch sein Buch „Postdemokratie“ bekannt geworden, das 2008 in deutscher Übersetzung erschien und in der Politikwissenschaft eine breite Debatte um die Defizite unseres parlamentarisch-demokratischen Systems auslöste. Der deutsche Titel seines neuesten Werkes „Die bezifferte Welt“ lässt indessen kaum deutlich werden, worum es dem Autor geht. Der englische Titel „The Knowledge Corrupters” ist da weit aussagekräftiger: Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Korrumpierung des Wissens durch die Hegemonie des neoliberalen Wirtschaftssystems. Crouch entfaltet seine Kritik auf zwei Ebenen, nämlich die Manipulation wissenschaftlicher Erkenntnisse durch mächtige Privatunternehmen sowie die Missachtung des Expert_ innen­wissens in der öffentlichen Verwaltung infolge der Durchsetzung betriebswirtschaftlicher Modelle nach den Konzepten des „New Public Management“.

Als Beleg für seine zentrale These, dass der Neoliberalismus ein „Feind des Wissens“ ist (S. 13), verweist der Autor im ersten Teil seiner Untersuchung auf Katastrophen wie die Explosion der von BP betriebenen Bohrinsel „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko 2010 sowie den GAU im Atomkraftwerk Fukushima im Jahr 2011. In beiden Fällen hätten die die Anlagen betreibenden Konzerne Warnungen von Ingenieuren und Geologen in den Wind geschlagen und sich stattdessen an ihren kurzfristigen Profitinteressen orientiert (S. 55 ff.). Als aktuelles Beispiel dafür, dass die „Gesetze“ der Marktwirtschaft massive „Anreize zur Unehrlichkeit“ schaffen (S. 37), hätte Crouch auch auf den Abgasskandal bei VW („Dieselgate“) verweisen können, für den vermutlich nicht nur einige Techniker und Programmentwickler verant­wortlich sind. Aber, dies wäre ein naheliegender Einwand, Betrug und Missachtung wissenschaftlicher Erkennt­nisse gab es nicht nur in marktwirt­schaftlichen Systemen, sondern auch in sozialistischen Planwirtschaften, wie das Beispiel des Reaktorunglücks von Tschernobyl auf drastische Weise zeigt. Der Autor erliegt indessen keineswegs der Illusion, dass ein regulierender Staat per se die Interessen der Allgemeinheit besser schützen würde (S. 64). Anhand zahlreicher Beispiele kann er allerdings die Unhaltbarkeit der Behauptung von Protagonisten des Neoliberalismus wie F. A. v. Hayek belegen, der Markt sei der zuverlässigste, weil von menschlicher Fehlbarkeit unabhängige Anbieter von Information und Wissen (S. 100).
Den Auswirkungen des Umbaus der öffentlichen Dienste und der Universitäten nach dem Vorbild betriebswirtschaftlicher Modelle widmet sich der zweite Teil der Darstellung. Leider beschränkt sich Crouch auch dabei weitgehend auf Beispiele aus Großbritannien. Wie fragwürdig der Versuch ist, die Qualität der Arbeit der Verwaltung anhand ominöser Kennziffern zu ermitteln, zeigt der vom ihm geschilderte Skandal um das „Wegschauen“ nordenglischer Polizeibehörden beim massenhaften sexuellen Missbrauch von Minderjährigen: Eine Untersuchung durch die Aufsichtsbehörde brachte 2014 ans Tageslicht, dass die zuständige Polizei „erhebliche Zeit und Mühen in den Versuch investiert hatte, die Beschuldigungen minderjähriger Opfer sexuellen Missbrauchs zu entkräften, um diese Verbrechen nicht in ihre Statistik aufnehmen zu müssen.“ (S. 116).

Deutliche Parallelen zur Situation in Deutschland gibt es bei der Ökonomisierung der Hochschulen als gesellschaftlich unverzichtbaren Institutionen der Wissensgenerierung. Auch hierzulande bestimmen fragwürdige betriebswirtschaftliche Instrumente zur „Leistungsmessung“ akademischer Forschung inzwischen das Feld. Angesichts der chronischen Unterfinanzierung der Hochschulen durch den Staat sind diese auf die Einwerbung von „Drittmitteln“ z. B. von finanzstarken Unternehmen angewiesen, wodurch die Unabhängigkeit und Objektivität der so finanzierten Forschung in Frage gestellt wird. So erhält z. B. das von Berliner Universitäten gegründete „Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft“ seine Finanzmittel hauptsächlich vom Internetgiganten Google. Zwar verspricht dessen Homepage vollmundig Transparenz und Freiheit der Forschung. Warnungen z. B. vor den Gefahren von Big Data sind indessen auf den vom Institut veranstalteten Tagungen kaum zu hören, stattdessen waltet dort der aus dem Silicon Valley bekannte Geist der Internet-Euphorie. So haben es jedenfalls Teilnehmer_innen dem Rezensenten berichtet.

Kritische Wissenschaft ist an den Universitäten zwar weiterhin möglich, sieht sich aber nicht selten einer Strategie der Marginalisierung und Diskreditierung aus­gesetzt: Als im September 2015 die Entscheidung bekannt wurde, neben dem US-amerikanischen Drohnenpiloten Brandon Bryant u. a. den französischen Molekularbiologen Gilles-Eric Séralini mit dem Whistleblower-Preis der IALANA zu ehren, überboten sich drei angesehene deutsche „Qualitätsmedien“ gegenseitig mit disqualifizierender Kritik: Séralini habe nur „Datenmüll“ publiziert, sei eine „wissenschaftliche Pfeife“ und wegen seiner fragwürdigen Forschungsmethoden des Preises nicht wert. Der Hintergrund: Der Forscher ist als engagierter Kritiker der Gentechnik sowie des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat aufgetreten. Sollten die nahezu zeitgleich publizierten Schmähartikel gegen ihn wirklich Zufall sein?

Recht vage bleiben die Vorschläge von Crouch, wie der von ihm richtig beschriebenen „Korrumpierung des Wissens“ Einhalt geboten werden kann. Er fordert ein „Höchstmaß an Trans­pa­renz“ und mehr Partizipation der Öffentlichkeit (S. 227). Das sind in der Tat richtige Ansätze, die aber noch der Konkretisierung bedürften. Trotz etlicher Redundanzen ist das Buch ein wichtiger Beitrag, der den Blick auf eine ansonsten kaum wahrgenommene Schattenseite der neoliberalen Hegemonie in den Gesellschaften des Westens lenkt.

 

Dr. Martin Kutscha
ist Professor für Staatsrecht i. R. und Vorstandsmitglied der Humanistischen Union