Eugen Kogon. Ein christlicher Aufklärer

Joachim Perels

Erinnerungen im hundertsten Geburtsjahr

aus: Vorgang Nr. 163 ( Heft 3/2003), S. 122-123

 

Erinnerungen im hundertsten Geburtsjahr

Eugen Kogon verkörperte ein anderes Deutschland, das auch nach Hitler vielfach nicht Realität wurde. In dieses Jahr fiel sein 100. Geburtstag, am 2. Februar. Doch seine Bedeutung ist kaum mehr im allgemeinen Bewusstsein. Weder in der Zeit noch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde an Kogon erinnert. Im letzten Rundbrief der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft erscheint er im Wesentlichen als ein - in der Forschung wenig engagierter - Publizist, der aus ethischem Antrieb handelte. So wird seine analytische Kompetenz selbst in der eigenen Zunft eher verkannt als gewürdigt.

Zur Erinnerung: Kogons großes Buch Der SS-Staat, geschrieben in nur vier Monaten nach langer Haft im Konzentrationslager Buchenwald, erscheint 1946. Es öffnet die Augen für die Mechanismen der Entwürdigung, der Rechtlosigkeit und des staatlich prämierten Sadismus in Hitler-Deutschland. Als Grundlagenbuch über die NS-Herrschaft wird es sogleich von Max Horkheimer und Hannah Arendt rezipiert.

Kogons Wesen tritt in seiner Sprache hervor. Sie ist unpolemisch und schmerzend genau, doch frei von Hass. Seine wissenschaftliche und politische Haltung - die ursprünglich konservativ und durch ständestaatliches Denken geprägt ist, das er jedoch in der Diskussion mit Häftlingen aus der Arbeiterbewegung überwindet - gründet in einer christlichen Überzeugung, die er in seiner Jugend unter dem Einfluss von Dominikanern und Benediktinern ausbildete. Der Geist der Bergpredigt, die Weisung, Barmherzigkeit gegenüber jenen zu üben, die um ihres Gerechtigkeitswillens verfolgt werden, sind für Kogon die Leitschnur. Die Überwindung des Nationalsozialismus wird ihm zur Lebensaufgabe.

1946 gründet er gemeinsam mit Walter Dirks die Frankfurter Hefte, die bald eine Auflage von über fünfzigtausend ExempIaren er-reichen. Vor allem in dieser Zeitschrift entwikkelt Kogon, zunächst als Mitglied der CDU, Perspektiven für eine deutsche Demokratie, welche die gesellschaftlichen Fundamente des Dritten Reiches durch einen vom Sowjetsystem klar unterschiedenen „Sozialismus der Freiheit" aufhebt. Aktiv verficht er die europäische Einigung, die er wie seine Häftlingskameraden als konstruktive Antwort auf den mörderischen Nationalismus der Politik Hitlers versteht.

Kogon macht sich jedoch keine Illusionen. Er analysiert den Widerstand, den Nutznießer und Sympathisanten des NS-Regimes gegen die Demokratie leisten. In der ersten Nummer der Frankfurter Hefte beschreibt er in einem Exempel jene Tendenz, die der Aufarbeitung der Vergangenheit entgegenwirkt: „Wo immer man in Deutschland heute, sei es in der Straßenbahn oder im Eisenbahnabteil [... ] oder sonst wo, von Kriegsgefangenen hört, denen es im Sommer 1945 in einzelnen Lagern, teilweise schlecht ging [... ], da spricht das Herz in Worten mit - empört oder mitleidsvoll. Berichte aus den Konzentrationslagern erwecken in der Regel höchstens Staunen oder ungläubiges Kopfschütteln; sie werden kaum zu einer Sache des Verstandes, geschweige denn zum Gegenstand aufwühlenden Empfindens."

Seit 1951 Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt, gehört Kogon zu den Gründungsvätern der Politischen Wissenschaft in der jungen Bundesrepublik, die sich gegen viele Widerstände als Demokratiewissenschaft zu etablieren versucht. Trotz seines großen Wirkungsgrades als Wissenschaftler, als kommentierender und redigierender Publizist, in dessen Zeitschrift Adorno, Böll und Heinemann schreiben, als Leiter der Fernsehsendung „Panorama", bleibt Kogon in der Bundesrepublik ein Außenseiter, der kritische Positionen gegenüber machtpolitischen Tendenzen wie dem Plan einer exekutivstaatlich orientierten Notstandsgesetzgebung einnimmt. Als die weitgehende Wiederherstellung des Staats- und Wirtschaftsapparats des Dritten Reiches zu Beginn der fünfziger Jahre vollendet ist, schreibt Kogon einen bitteren Artikel: „Die stille allmähliche, schleichende, unaufhaltsame Wiederkehr der Gestrigen scheint das Schicksal der Bundesrepublik zu sein. [... ] Sie [die Altnazis; J. P:] lassen sich einzeln auf den hohen, reihenweise auf den mittleren Sesseln der Verwaltung, der Justiz und der Verbände nieder. In der Wissenschaft halten sie ohnehin die Hebel in ihren Händen [... ] Allzuviele 131er [die Elite der NS-Verwaltung, die durch das 131er-Gesetz wieder in den bundesdeutschen Staatsdienst einrückte; J. F.], haben über allzuviele 45er bereits gründlich gesiegt."

Eugen Kogon besaß - obwohl er in Träumen immer wieder von den Erinnerungen an die Zeit im Lager gepeinigt wurde - doch einen fast unverwüstlichen, antizipatorischen Optimismus, der Ansatzpunkte für die, wie er es nannte, Herstellung von Bedingungen der Humanität verfolgte. Lange vor der neuen Ostpolitik Willy Brandts entwickelte er, vor allem auf Studienreisen, Kontakte in die Sowjetunion, um den Weg dafür zu bereiten, dass zu dem von Hitler am meisten zerstörten Land, dessen System von Adenauer als Todfeind bezeichnet wurde, eine partnerschaftliche Beziehung in einem neuen europäischen Haus entstehen konnte.

Am Ziel gesellschaftlicher Neuordnung hielt Eugen Kogon bis zum Schluss fest. In einer Fülle von Arbeiten über die Rolle der Technik verwies er darauf, dass die einseitige wirtschaftlich-technische Rationalität, die in der Produktion militärischer Zerstörungsmittel von Atomwaffen bis zu Streubomben ihren unmittelbarsten Ausdruck findet, die Humanität gesellschaftlicher Zwecke zerstört. Er forderte ein „überfachliches Problembewusstsein", das sich „vom Geschichtspunkt der Humanisierung als gesellschaftlicher Norm" leiten lässt.

Kogon ist unserer Zeit, in der das Denken in produktiven Utopien fast versiegt ist, immer noch voraus. Sein Geburtstag kann Anlass sein, seine vielfältigen Arbeiten, die in einer im Quadriga-Verlag erschienenen Gesamtausgabe zugänglich sind, neu zu studieren.


Kategorie: vorgänge: Artikel