Nachruf: Friedemann Karl (1938-2026)
Am 18. Januar 2026 starb Friedemann Karl im Alter von 87 Jahren. Mit ihm verliert die Humanistische Union einen Mitstreiter für die Rechte der Bürgerinnen und Bürger. Ich verliere einen teuren Freund.
Als Friedemann Karl am 10. Oktober 1938 geboren wurde, geriet er in furchtbare Zeitläufte. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder in Osnabrück. Der Vater – ein ausgewiesener Linker und Antifaschist – wurde Soldat. Bewusst erlebte das Kind die Bombenangriffe auf die Stadt. Trotzdem erinnerte er die ersten Jahre als eine aufgehobene und beschützte Kindheit. Bald nachdem der Vater aus dem Krieg zurückgekommen war, zog die Familie nach Bremen. In der zerstörten Stadt fand der Vater als Steinmetz Arbeit, und der Achtjährige wurde mit der Verrohung seiner Altersgenossen konfrontiert. Mit Abscheu beobachtete er Kinder, die einen Frosch aufbliesen. Seinen Widerstand gegen das Tun bezahlte er mit einer Tracht Prügel.
Früh fand Friedemann Karl seinen Weg zur Sozialistischen Jugend Deutschland, Die Falken. Sie waren für seinen weiteren politischen Lebensweg prägend. Ein tiefes Empfinden für Gerechtigkeit und soziale Ungleichheit durchzog seine Biografie. Das schloss ein Befassen mit der deutschen Geschichte im Allgemeinen und der des deutschen Faschismus im Besonderen ein. Er gehörte zu den ersten jungen Menschen in Westdeutschland, die in den bleiernen 1950er Jahren den Film Nacht und Nebel von Alain Resnais mit der Musik von Hanns Eisler sahen, der ihn zutiefst bewegte.
Den Kriegsdienst zu verweigern war für Friedemann Karl nur selbstverständlich. In der reaktionär aufgeladenen Atmosphäre der 1950er brachte ihn das in Opposition zu seinen Mitschülern, die ihn ob dessen isolierten. Der junge Mann stand das durch und begründete seine Kriegsdienstverweigerung mit der Ringparabel in Lessings Nathan der Weise.
Den Wunsch des Studiums musste er aufschieben. Der ältere Bruder studierte bereits, und zwei Studenten waren für die Familie nicht finanzierbar. So absolvierte Friedemann Karl zuerst die Verwaltungsschule mit dem Ziel, sein Geld als Verwaltungsinspektor zu verdienen. Dem folgte das Studium der Jurisprudenz in Hamburg und Westberlin, das er als Fahrer für eine Brauerei finanzierte.
Früh trat Karl der SPD bei, der er zum Zeitpunkt seines Todes 60 Jahre lang angehörte. Er war Mitglied der Partei, ohne jemals getroffene politische Entscheidungen zu rechtfertigen, denen er kritisch gegenüberstand. So war jede Diskussion mit ihm ein Diskurs, er blieb immer offen für neues Denken und verteidigte den kantianischen Anspruch des freien und unabhängigen Denkens.
Nach dem Abschluss von Studium und Referendariat sowie einigen beruflichen Etappen als Jurist wurde Friedemann Karl Richter in Bremen. Er wirkte bald als Vormundschaftsrichter. Hier bewies sich sein Menschenbild und seine aufrechte Haltung gerade gegenüber jenen, die kaum mehr Möglichkeiten besaßen, ihre Rechte zu realisieren. Karl verhielt sich konsequent gegenüber jenen Ärztinnen und Ärzten in Psychiatrien, die anordneten, Patientinnen und Patienten zu fixieren. Der Jurist erkannte, ohne die einschlägigen Forschungsarbeiten dazu bereits kennen zu können, dass Fixierung von Menschen eine Form der Folter ist, vor der Menschen unter allen Umständen zu schützen sind.
Lange Zeit nach dem frühen Tod seiner ersten Frau lernte er Ute Kühling kennen. Sie wurde seine Lebensgefährtin. Dieses späte Lebensglück im Rentenalter bereicherte beider Leben. Sie reisten gemeinsam, besuchten Konzerte und erfreuten sich an der Architekturgeschichte.
So durfte ich Friedemann Karl kennenlernen: Nach einer Sitzung der Humanistischen Union Bremen, in deren Arbeit er sich mit seiner integrierenden Kraft einbrachte, erbot ich mich, beide heimzufahren. Vor ihrer Haustür entstand ein intensives Gespräch. Wir hatten Schwierigkeiten uns zu trennen. Dieser gemeinsame Abend begründete eine intensive Freundschaft, in der ich vom Freund Geduld lernte. Eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung machte den Freund ständig vom Sauerstoffgerät abhängig. Niemals verlor er die Geduld, niemals den optimistischen Blick in die Zukunft. Meine Ungeduld ließ ihn lächeln. Er fehlt.
Wolfram Grams