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Bericht über einen Kongreß in Senegal

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Vorgänge 10/1970, S. 353-354

Vom 27. Juli bis zum 4. August fand in der Universität von Dakar (Senegal) ein interna­tionaler Kongreß über laizistische Erziehung statt. Veranstalter war die Internationale Li­ga für Erziehung und Volksbildung mit Sitz in Paris, deren korporatives westdeutsches Mitglied die HU ist. An dem Kongreß nah­men etwa 300-350 Delegierte aus rund 40 Ländern Europas, Afrikas und Südamerikas teil. Aus der BRD kamen drei Teilnehmer, darunter wir beide als offizielle Repräsentan­ten der Humanistischen Union.
Der Kongreß verlief in einer spannungsgela­denen politischen Atmosphäre, obwohl er von den Veranstaltern und der gastgebenden sene­galesischen Liga so problemlos und apolitisch wie möglich geplant war. Die drei vorgesehe­nen Hauptvorträge mußten verlesen werden, da die Autoren nicht erschienen waren. Es war nicht schade drum, da der Inhalt der Vorträge kaum berichtenswert war. Bereits die Themaformulierung zweier Referate läßt das naive und ideologische Niveau ahnen. Der lütticher Professor M. Clausse handelte über eine künf­tige universelle Zivilisation („Vers une civili­sation de l’universel“), wobei – ausgerechnet in einem Land der Dritten Welt – alle so­zialen Strukturprobleme im Sinne der Konvergenzideologie ausgeklammert blieben. Das Referat des kongolesischen Schulrats F. Vuendy machte sich bereits im Titel kapita­listische Reklamesprüche zu eigen: „La Jeunes­se dans un monde sans cesse plus jeune – Die Jugend in einer immer jugendlicheren Welt“. Der luxemburgische Delegierte Marius de Sterio nannte das Referat treffend in populärem Französisch „du caca“-:Scheiße Auch der Vortrag des venezolanischen Volkshochschuldirek­tors über „Erziehung und Entwicklung“ kam über Abstraktionen nicht hinaus.
Die politischen Spannungen, die fast zu einem Platzen des Kongresses geführt hätten, erwuchsen nicht aus den dürftigen Referaten, sondern daraus, daß einige europäische Dele­gierte auf die Widersprüchlichkeiten des Kon-greß hinwiesen und nicht gewillt wa­ren, sich von den Autoritäten der senegale­sischen und auch der internationalen Liga ein-schüchtern zu lassen.
Von Anfang bis Ende der Tagung prangte über der Rednertribüne der Satz des franzö­sischen Philosophen Alain „L’amour de la li­berte suppose une haute idée de l’homme“ (Die Freiheitssliebe setzt ein hohes Bild vom Menschen voraus). Auch Ministerpräsident Abdou Diouf, der anstelle des verreisten Staatspräsidenten Leopold S. Senghor erschie­nen war, sagte in der Eröffnungssitzung: „Nous acceptons la contestation comme un élément nécessaire au dialogue“ (Wir akzep­tieren den Protest, die Demonstration als ein notwendiges Element im Dialog). Aber wäh­rend Abdou Diouf dies proklamierte, war das Kongreßgebäude von bewaffneten Soldaten umstellt, die kurz zuvor friedliche senegale­sische Studenten mit Brachialgewalt daran ge­hindert hatten, kritische Flugblätter zu ver­teilen. Zwar wurden die Soldaten – nicht zuletzt wegen unseres energischen Protests – am folgenden Tag abgezogen, dennoch fand der Kongreß bis zum Schluß in Anwesenheit von Geheimpolizisten statt, von denen einige, wie wir verschiedentlich hörten, Mitglieder der senegalesischen Liga waren.
Was war im einzelnen vorgefallen?
Am Vorabend der Eröffnungssitzung hatte die senegalesische Liga für die ausländischen Delegationen auf einem Sportplatz der Uni­versität eine folkloristische Show mit Lager­feuer organisiert. Nach dem Programm sollten Tänze, Gesänge, Tam-tam (Trommeln) vorgeführt werden. Kurz vor Beginn gingen linke senegalesische Studenten durch die Zuschauerreihen und verteilten Flugblätter, in denen das Regime Senghor als neo-kolonialistisch, antidemokratisch und antinational angegrif­fen wurde. Die snegalesische Liga sei ein will­fähriges Instrument dieses Regimes, nament­lich seitdem der korrupte Doudou Coulibaly ihr Vorsitzender sei. Gegen Ende der dritten Programm-Nummer liefen Studenten zum Lagerfeuer und zogen die Holzscheite ausein­ander. Einer von ihnen erklärte ihre Aktion in einer kurzen Ansprache: Das folkloristische Tam-tam sei eine Mystifikation, die die inter­nationalen Gäste von den wahren Problemen des Senegal ablenken solle.
Über die studentischen Vorwürfe wurde lei­der nicht auf dem Sportplatz öffentlich disku­tiert, weil die Repräsentanten der internatio­nalen Liga die ausländischen Gäste sofort zum Verlassen des Platzes aufforderten. Wir woll­ten doch nicht in eine Schlägerei hineingezo­gen werden, außerdem beobachte uns die Ge­heimpolizei. Einzelne italienische, englische, luxemburgische und französische Delegierte und wir blieben jedoch und ließen uns von den Studenten über die politische Position der senegalesischen Liga informieren. Charakte­ristisch für ihre antidemokratische Politik sei, daß sie – regierungshörig – einem Schüler-und Lehrerstreik in den Rücken gefallen sei.
Am folgenden Tag wurde der Kongreß unter Soldatenschutz eröffnet. Studentische Flug­blätter wurden konfisziert, während die sene­galesische Liga ungehindert eine „mise au point“ (Richtigstellung) verteilen konnte. Darin wurden die Studenten als „miserables robots, téléguidés de 1’étranger“ (elende Ro­boter, aus dem Ausland ferngesteuert) be­schimpft und als „quelques jeunes irresponsables“, als einige verantwortungslose Jugend­liche abgetan. Ihre Vorwürfe wurden mit kei­nem Wort zu entkräften versucht.

Nach der Eröffnungssitzung tagte auf Antrag der italienischen Delegation der Conseil Général der internationalen Liga, in den jede nationale Delegation maximal fünf stimmbe­rechtigte Mitglieder entsenden konnte. Nach heftigen Diskussionen solidarisierte sich dieses Gremium – einzig gegen unsere beiden Stim­men – mit der senegalesischen Liga und bil­ligte die Anwesenheit der Soldaten. Unser beider Antrag, den Studenten auf dem Kon­greß Rederecht zu gewähren und offen über alle Vorwürfe zu debattieren, wurde nieder-gestimmt. Der vermittelnde Vorschlag eines luxemburgischen Delegierten, die senegale­sische Liga möge eine Dokumentation über ihre Position bei dem Schüler- und Lehrer-streik vorlegen, wurde nicht befolgt. Als Scheinargument wurde uns vorgehalten, wir mischten uns in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates ein.
Seit jener Sitzung des Conseil général waren wir der senegalesischen Liga ein Dorn im Auge. Am Abend tagte die Jugendkommission, in der mehrheitlich eine offene Diskussion über die Vorwürfe der Studenten vor dem Kon­greß gefordert wurde. Die Forderung wurde nicht erfüllt. Daraufhin veranstalteten die senegalesischen Studenten ihrerseits ein Teach-in, zu dem die Kongreßteilnehmer eingeladen wurden. Dieses Teach-in mit etwa zweitau­send Teilnehmern war von großer Disziplin gekennzeichnet. Die Studenten , trugen erneut ihre Angriffe gegen das Senghor-Regime und die senegalesische Liga vor. Jedoch war die Liga nicht erschienen, so daß die internatio­nalen Gäste den Eindruck gewinnen mußten, sie könne sich nicht verteidigen gegen die stu­dentischen Argumente.
Der Höhepunkt der Auseinandersetzungen war erreicht, als wir beide anläßlich der Dis­kussion über das Jugendreferat von der Rednertribüne des Kongresses aus das Verhalten der senegalesischen und internationalen Liga angriffen. Wir wiesen darauf hin, daß hier nicht einmal das demokratische Minimum erfüllt werde, das die Statuten der internatio­nalen Liga sowie die Geschäftsordnung des Kongresses vorsähen.
Nach unserer Intervention antwortete der Vorsitzende der senegalesischen Liga, Doudou Coulibaly, in einer leidenschaftlichen Hetzti­rade. Wir seien Neokolonialisten und Faschisten, die sich in die inneren Probleme ihres Landes einmischten. Gerade als Deutsche hät­ten wir dazu kein Recht, hätten wir doch sel­ber genug Probleme – etwa die Mauer in Berlin. Wenn uns etwas nicht passe, sollten wir das Land verlassen. Die Mehrzahl der afrikanischen Zuhörer klaschte begeistert Bei-fall. Mehrere europäische Sprecher (u.a. der Chef der französischen Delegation) nahmen uns in den folgenden Reden in Schutz. Wie wir später erfuhren, beantragte die senegale­sische Liga an jenem Tag beim Innenministe­rium unsere sofortige Ausweisung, die jedoch abgelehnt wurde – wohl aus Angst vor einem internationalen Eklat. Am nächsten Morgen wurde uns eine deutschsprechende senegale­sische Hosteß geschickt. Sie sollte uns einer­seits versöhnen, andererseits aushorchen nach unseren politischen Ansichten (z.B. über Da­niel Cohn-Bendit und den Sohn Willy Brandts).
Coulibalys Rede verstärkte bei mehreren aus­ländischen Kongreßteilnehmern das Unbeha­gen an der Situation im Senegal und beson­ders an der senegalesischen Liga. In privaten Gesprächen äußerten vor allem italienische Delegierte den Plan, den Ausschluß der sene­galesischen Liga aus der internationalen Liga zu fordern. Daß allerdings auch in der inter­nationalen Liga nicht alles zum Besten steht, sollten wir erneut bei der letzten Versamm­lung des Conseil général feststellen können. Bei den Neuwahlen für sämtliche Ämter hatte der bisherige Vorstand eine zehn Namen (den bisherigen Vorstand) umfassende Liste vorge­schlagen, über die ohne jede Diskussion als Block abgestimmt werden sollte. Als wir dies kritisierten und zunächst eine Diskussion, auch über personelle Alternativen, sowie eine Ein­zelabstimmung forderten, wurden wir wieder niedergestimmt.
Die Humanistische Union muß sich überlegen, wie sie sich weiterhin gegenüber der Interna­tionalen Liga verhalten soll.