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vorgänge: Artikel - 14.10.20

Der Mensch, das Maß aller Dinge

Fritz Böhme

Der Maler Walter Womacka. In: vorgänge Nr. 230 (2/2020), S. 61-72

Wandbild "Der Mensch, das Maß der Dinge" in Berlin-Mitte

1. Vermutlich ist es jedem schon einmal passiert. Man erinnert sich an ein bekanntes Denkmal, ein Bild oder ein Bauwerk. Man hat es vor Augen. Man hat es sogar mehrmals gesehen – und doch fällt einem der Name des Künstlers nicht ein. Oder man verbindet keinen Künstler damit. Es ist einfach da.

Wer auf dem Alexanderplatz neben der Weltzeituhr steht und über den Platz auf das große Kaufhaus auf der anderen Seite schaut, der schaut über den Brunnen hinweg. Schon mehrfach geschehen. Aber wer hat den Brunnen entworfen? Einige Meter weiter rechts hinten steht durch Neubauten verdeckt das Haus des Lehrers mit dem wunderbaren Fries von … ja von wem? Und in der Friedrichsgracht in Berlin-Mitte an einem großen Wohnhaus ein Wandbild … ja auch dies ist von …

Der Brunnen „Völkerfreundschaft“ stammt aus dem Jahre 1970. Er hat einen Durchmesser von 23m und ist 6,20m hoch. Seine Verzierung besteht aus Kupfer, Glas, Keramik und Emaille. Er steht unter Denkmalschutz. Das Mosaik am Haus des Lehrers „Unser Leben“ hat die Ausmaße von 125 mal 7 Meter. Es stammt aus dem Jahre 1964. Es wurde 2002-2004 von der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte restauriert und steht ebenfalls unter Denkmalschutz. Und schließlich das Wandbild „Der Mensch, das Maß aller Dinge“. Es besteht aus emaillierten Kupferplatten und hat die Größe von 15m x 6m. Es stammt aus dem Jahre 1968. Es wäre mit dem Abriss des Ministeriums für Bauwesen der DDR vernichtet worden, wenn sich der Freundeskreis Walter Womacka nicht für den Erhalt eingesetzt hätte. So wurde es 2010 vom Ministerium demontiert, anschließend restauriert und 2013 durch die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte an der Friedrichsgracht an einem Gebäude wieder angebracht.

Und diese Kunstwerke stammen – wir haben es gewusst – von Walter Womacka.

2. Walter Womacka wurde am 22.12.1925 in Obergeorgenthal in Böhmen geboren (heute: Horni Jiretin, Tschechien). Von 1940 bis 43 absolvierte er eine Lehre als Dekorationsmaler an der Staatsschule für Keramik in Teplitz-Schönau. Dann wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, wurde verwundet und war bis 1945 in Kriegsgefangenschaft. Von 1946 bis 48 studierte er an der Meisterschule für gestaltendes Handwerk in Braunschweig. 1949 zog er nach Weimar und studierte dort an der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste. 1951/52 setzte er dieses Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden fort. 1953 nahm er die Lehrtätigkeit an der Hochschule für Bildende und Angewandte Kunst in Berlin Weißensee auf. Ein Jahr später siedelte er nach Berlin über. Von 1959 (bis 1988) war er Vizepräsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR. 1965 wurde er zum Professor ernannt und 1968 wurde ihm die Leitung für die künstlerische Ausgestaltung des Neubaukomplexes Berlin-Alexanderplatz übertragen. Im gleichen Jahr wurde er Rektor der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Diese Aufgabe nahm er bis 1988 wahr. Von 1969 bis 1991 war er Ordentliches Mitglied der Akademie der Künste Berlin. 2004 erschien seine Autobiographie „Farbe bekennen. Erinnerungen eines Malers“. Am 18.9.2010 starb er in Berlin. Sein Grab befindet sich auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde, Berlin Lichtenberg, Reihe Künstlergräber.

3. Nach diesen trockenen Zahlen bitte ich Dr. Fritz Böhme, uns Walter Womacka ein wenig näher zu bringen.

Walter Womacka sagt man, war ein sehr beliebter Künstler der DDR. Wie gut kannten Sie ihn?

Zuerst kannte ich seine Bilder. Ich bin in Dresden aufgewachsen. Sein Bild in der V. Deutschen Kunstausstellung „Am Strand“ und die breite Diskussion darüber blieben mir sehr lange im Kopf. Das war 1962. Ich war 25 Jahre, in der FDJ aktiv, Vater von Zwillingstöchtern und hatte zu meinem Beruf den Abschluss als staatlich geprüfter Klubleiter in der Tasche. In den folgenden Jahren interessierte mich nicht nur, was an neuen Arbeiten von Walter Womacka gezeigt wurde, sondern auch wozu er sich mit seinen Bildern und Graphiken auf seine Weise äußerte.

Und wie und wann lernten Sie ihn persönlich kennen?

Das war 1988 bei seiner Verabschiedung als Rektor der Kunsthochschule Berlin, Weißensee. Diese Funktion übte er seit 1968 aus. Nach 20 Jahren war er der dienstälteste Rektor einer Hochschule der DDR. Gefeiert wurde zunächst im Atelier Monbijoupark und abends in der Gaststätte „Praha“ am Spittelmarkt. Ende 1989 rief er mich an und erkundigte sich, wie es mir gehe. Ich war es gewohnt, dass mich bildende Künstler mit großen Namen und welche mit kleinen Sorgen anriefen. Meist ging es um einen Rat oder Hilfe bei einem Problem. Dass mich in diesen mehr als turbulenten Tagen einer fragte, ob er mir helfen könne, ist mir tief im Herzen geblieben. Danach trafen wir uns regelmäßig, wenn Walter Womacka in Berlin und nicht in Loddin war.

Und wie ging es Walter Womacka?

Walter Womacka war 1988, wie man so schön sagt, „in Rente“ gegangen. Auch die Funktion des Vizepräsidenten des Verbandes Bildender Künstler der DDR hatte er aufgegeben. Eigentlich hatte er jetzt das, was er sich immer gewünscht und sich selbst oft organisiert hatte: viel Zeit und Ruhe zum Malen.

Wieso hatte er erst jetzt diese Zeit?

Womacka arbeitete viel. Vor allem seine Tätigkeit als Rektor nahm ihn sehr stark in Anspruch. Skizzieren und Malen werden zwar wesentlich vom handwerklichen Können bestimmt. In erster Linie ist es aber Kopfarbeit – man muss den Kopf frei haben. Das war allerdings in den letzten Monaten der DDR nicht leicht gewesen. Das Nach- und Weiterdenken hatten aber mit und nach der Wende eine ganz andere Dimension. Nicht nur für Künstler. Jeder hatte seine DDR im Kopf, in konkreten Erinnerungen und Lebensbildern, im Guten wie im Schlechten, in Zuneigung und Distanz. Auch Womacka musste mit sich und den neuen Umständen erst einmal einen Konsens finden, bevor er zu Stift und Pinsel greifen konnte. Zum Glück brauchte er sich anfangs nicht die Sorgen zu machen, die viele seiner Kollegen quälten: Wovon die Ateliermiete bezahlen, woher Aufträge bekommen, womit das Leben sichern. Für Womacka reichte seine Rente gerade für die Miete.

Und wie bekam Womacka seinen Kopf „frei“ für das Malen?

Da spielten zwei Komponenten eine große Rolle. Erstens die Gespräche mit vielen darüber, was sich in ihren Köpfen abspielte. Womacka folgte vielen Einladungen und wurde zum Beispiel Gründungsmitglied der „Gesellschaft zum Schutze von Bürgerrecht und Menschenwürde“. Im Arbeitskreis „Kunst aus der DDR“ dieser Gesellschaft kam es zwischen vielen Künstlern zu einem intensiven geistigen Gedankenaustausch. Und sie stellten in der Geschäftsstelle in 87 Ausstellungen ihre Bilder und Graphiken zur Diskussion. Es gab ferner eine Runde von ehemaligen Ministern und Stellvertretenden Ministern, Botschaftern, Verbands- und Parteifunktionären sowie Künstlern und anderen Persönlichkeiten der früheren DDR, die sich in bestimmten Abständen zu Diskussionsrunden meistens im „Spitteleck“ trafen. Willi Sitte war einer der Initiatoren dieser Runde. „Ich bin Maler und kein Redner“, hat Womacka nicht nur zu mir oft gesagt, er hat dies auch praktiziert. Aber im Zuhören war er gewissenhaft, nicht nur bei Reden zur Eröffnung von Ausstellungen. Über die „Spitteleckrunde“ erzählte er mir eines Tages: „Ich habe auch was gesagt. Ihr redet hier, als hätten wir noch die Macht.“ An späteren Sitzungen nahm er dann nicht mehr teil.

Wie war eigentlich sein Verhältnis zur sogenannten „Viererbande“: Tübke, Mattheuer, Heisig und Sitte?

Auf diese Frage antwortete Womacka in der Super-Illu vom 14.10.2004 so: „Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer und ich kannten uns gut, ohne dass es Freundschaft war. Zu Bernhard Heisig hatte ich den besten Kontakt. Er hat leider nach der Wende mit seiner Vergangenheit gebrochen und wollte mit keinem mehr etwas zu tun haben. Zu Willi Sitte halte ich nach wie vor Verbindung.“ Bei der Antwort auf diese Frage darf man aber nicht vergessen, dass die Künstler in der DDR in ihren Verbänden ein Organ hatten, das ihre Interessen und Rechte in der Gesellschaft wirksam vertrat. Die Künstlerverbände wurden geleitet von den bekanntesten Kollegen der jeweiligen Sparte. So war es auch im Verband bildender Künstler der DDR. Da saß die sogenannte Viererbande mit Womacka und anderen Kollegen am Tisch und die mussten ihre künstlerischen und politischen Meinungen unter einen Hut bringen, wie man so landläufig sagt. Sie leiteten gemeinsam die Entwicklung der bildenden Kunst in der früheren DDR, sorgten für die Schaffens- und Lebensbedingungen der über sechstausend Mitglieder des Verbandes in Stadt und Land und legten gemeinsam darüber auf den Mitgliedersammlungen und Verbandskongressen Rechenschaft ab.

Kann eine solche Praxis die Entwicklung der Kunst nicht auch hemmen?

Ich will einfach auf den Unterschied aufmerksam machen. Heute gibt es das nicht mehr. Heute kann jeder sagen: ich bin Maler oder Graphiker und muss selbst sehen, wie er davon leben kann. In der DDR war die Berufsbezeichnung an eine entsprechende Ausbildung und die Aufnahme in die entsprechende Sektion gebunden. Dies war Voraussetzung für die freiberufliche Arbeit sowie die damit verbundene Absicherung der Arbeits- und Lebensbedingungen durch den Verband in Zusammenarbeit mit den örtlichen Staatsorganen.

Gut, lassen wir das. Und die zweite Komponente?

Womacka hat wesentliche Stationen, Erlebnisse, Höhen und Tiefen seines Lebens durchdacht und mit Hilfe seiner Taschenkalender, von Papierbergen, Fotostapeln und sonstigen Erinnerungsdelikten zu Papier gebracht. Seine 2004 erschienene Biographie „Farbe bekennen“ ist ein bildhaft geschriebenes Geschichtsbuch geworden. Zu vielen Lesungen und Signierstunden habe ich ihn begleitet. Das große Echo und Interesse an seinen Lebenserinnerungen haben ihm viel Kraft, auch für sein künstlerisches Schaffen gegeben. Es war vor allem die Anerkennung seiner geistigen Haltung, die im Mittelpunkt der Gespräche stand. Bei seinen Verehrern und Gesprächspartnern mit gleichem geistigem Gedankengut zum Leben in der DDR war das „wie zu alten Zeiten“. Aber auch viele Ausstellungsbesucher und Veranstaltungsteilnehmer, bei denen man nicht nur am Dialekt, sondern an der Fragestellung merkte, dass sie aus den „alten“ Bundesländern kamen, haben Womacka beeindruckt. 


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