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vorgänge: Artikel - 15.09.12

Beschneidung zwischen Religionsfreiheit und körperlicher Unversehrtheit

Armin Pfahl-Traughber

Ein Plädoyer für die individuelle Entscheidung der Betroffenen

in: vorgänge 199 (Heft III / 2012), S. 124ff.

1. Einleitung und Fragestellung

Im Juni 2012 führte ein Urteil des Landgerichts Köln zu einer öffentlichen Kontroverse darüber, wie die genitale Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen anzusehen sei. Nach dem Gericht handelt es sich um eine rechtswidrige und strafbare Körperverletzung. Die Repräsentanten jüdischer und muslimischer Verbände sahen darin einen Angriff auf die Religionsfreiheit, gehöre doch laut deren Auffassung die Zirkumzision [l] zu den identitätsstiftenden Merkmalen ihres Glaubens. Außerdem handele es sich um ein anerkanntes Elternrecht, in dieser Frage über ein Kind zu bestimmen. Daraufhin bekundeten Repräsentanten der unterschiedlichsten Interessengruppen zu der Frage ihre Positionen: Während die kirchlichen Organisationen und politischen Parteien diese Kritik akzeptierten, fand das Urteil bei medizinischen Fachleuten und säkularen Verbänden inhaltliche Zustimmung. Journalistische und philosophische Kommentatoren nahmen - übrigens quer zu ihrer politischen Ausrichtung - dazu einmal die eine, einmal die andere Position ein.
Die vorliegende Abhandlung will sich dem in der Debatte auszumachenden Spannungsverhältnis von freier Religionsausübung und körperlicher Unversehrtheit widmen. Hierbei geht es nicht nur um die Frage der Einschätzung einer Beschneidung von Jungen, erklärt sie für sich allein doch nicht die gesellschaftliche Relevanz der Kontroverse. Vielmehr wird anhand dieser Thematik exemplarisch deutlich, welchen Stellenwert individuelle Selbstbestimmung gegenüber den Postulaten von kollektiven Sonderansprüchen haben kann bzw. haben sollte. Somit stellt sich in Richtung der Befürworter einer religiös begründeten Zirkumzision an nicht einwilligungsfähigen Jungen die Frage: Warum soll ein erwachsener bzw. religionsmündiger Mann nicht selbst entscheiden dürfen, ob er aus religiösen Gründen beschnitten wird? Diese Perspektive soll fortan die kritische Auseinandersetzung mit den Argumenten, welche die Befürworter einer Zirkumzision im Namen der Religionsfreiheit vortragen, inhaltlich leiten.
Bevor eine einschlägige Darstellung und Untersuchung erfolgt, bedarf es zunächst noch einer genaueren Betrachtung und Einschätzung des Anlasses und Urteils für die Kontroverse (II.). Erst danach geht es um die Auseinandersetzung mit der behaupteten Folgenlosigkeit der Beschneidung (III.), den behaupteten Eingriffen in die Religionsfreiheit (IV.), den behaupteten Eingriffen in das Erziehungsrecht (V.), die behauptete Religionsfeindlichkeit (VI.) und die behauptete Minderheitenfeindlichkeit der Kritik (VII.). Hierbei werden zunächst die Auffassungen der Befürworter einer Beschneidung beispielhaft dargestellt, und sie dann anschließend einer kritischen Prüfung auf empirische und theoretische Stimmigkeit unterzogen. Dem folgt ein Plädoyer für eine individuelle Entscheidung der Betroffenen (VIII.) und ein Plädoyer für einen pragmatischen Umgang mit dieser Frage (IX.). Im durchaus bestehenden Spannungsverhältnis von freier Religionsausübung und körperlicher Unversehrtheit wird in Abwägung der Argumente für das Primat des Kinderschutzes votiert.


II. Anlass und Urteil zur Debatte um die Beschneidung

Den Anlass für das erwähnte Urteil bot folgendes Ereignis: Im November 2010 nahm in Köln ein niedergelassener Arzt bei einem vierjährigen Jungen eine Beschneidung nicht aus medizinischen, sondern aus religiösen Gründen vor. Seine muslimischen Eltern waren der Auffassung, dies sei ein notwendiges Gebot ihrer Religion. Der Eingriff verlief zunächst problemlos, die Wunde wurde mit vier Stichen genäht. Nach zwei Tagen setzten aber überraschend Blutungen ein. Sie lösten bei der Mutter eine emotionale Überreaktion aus, welche sich in lauten Rufen auf der Straße artikulierte. Ein Nachbar rief daraufhin die Polizei, auch ein Rettungswagen traf ein. Dieser brachte Mutter und Sohn in die Notaufnahme einer Klinik. Dort kam bei einem Arzt der unzutreffende Verdacht auf, es habe sich um eine Beschneidung mit einer Schere und ohne Narkose gehandelt. Die Polizei leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachtes auf Körperverletzung ein. Im Januar 2011 erhob daraufhin die zuständige Oberstaatsanwältin Klage vor dem Amtsgericht.[2]
Im September 2011 kam es in erster Instanz zu einem Freispruch, sei doch der Eingriff durch das Sorgerecht der Eltern im Interesse des Kindeswohls gerechtfertigt. Sie hätten so auch einer möglichen Stigmatisierung ihres Sohnes entgegengewirkt, sei die Beschneidung doch eine traditionelle Handlungsweise zur Dokumentation der religiösen Zugehörigkeit zur muslimischen Gemeinschaft. Gegen das Urteil legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Und im Mai kam das Landgericht dann zu einem anderen Ergebnis. In einer Presseerklärung heißt es dazu: „Dieser Eingriff sei ... nicht durch die Einwilligung der Eltern gerechtfertigt, weil sie nicht dem Wohl des Kindes entspreche. Denn im Rahmen einer vorzunehmenden Abwägung überwiege das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit vorliegend die Grundrechte der Eltern. Ihre Religionsfreiheit und ihr Erziehungsrecht würden nicht unzumutbar beeinträchtigt, wenn sie gehalten seien abzuwarten, ob sich das Kind später selbst für eine Beschneidung entscheidet."[3]
Für die anstehende Erörterung sind folgende Gesichtspunkte von Anlass und Urteil zur Debatte um die Beschneidung von besonderem Interesse: Es handelte sich sehr wohl um eine Körperverletzung, was aber bei allen operativen Eingriffen medizinischer Art der Fall ist. Daher bedarf es für solche immer einer Legitimation durch den Betroffenen oder seine Angehörigen. Hierbei handelte es sich aber um einen Eingriff aus religiösen Gründen, der durchaus bedenkliche körperliche und psychische Folgewirkungen haben kann - worauf aber noch genauer eingegangen werden soll. Außerdem formulierte das Landgericht keineswegs eine pauschale Bewertung nur in einem Sinne. Vielmehr nahm es eine Abwägung vor: zwischen dem Grundrecht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit auf der einen Seite und dem Erziehungsrecht und der Religionsfreiheit der Eltern auf der anderen Seite. Da hierbei dem Ersteren eine Priorität eingeräumt wurde, setzte man bezogen auf das erwähnte Spannungsverhältnis auf die eigene spätere Entscheidung des Betroffenen.


III. Die behauptete Folgenlosigkeit der Beschneidung

Bei der an dieser Grundposition vorgetragenen Kritik hoben die Protagonisten einer gegenteiligen Auffassung besonders die Folgen- und Harmlosigkeit der Beschneidung hervor. Dafür stehen etwa folgende Aussagen: Der Kommunikationswissenschaftler Maximilian Gottschlich sprach von einem „kleinen chirurgischen Eingriff“ als Teil eines Gesamtkontextes der Religion, woraus man somit auch „nicht eine Körperverletzung ... ableiten“[4] könne. Für den „Spiegel“-Autor Matthias Matussek ist der Eingriff „kaum schmerzhafter ... als eine Impfung”, bei der das Kind ja auch nicht vorher von den Eltern konsultiert werde. Eine Gleichsetzung mit der Klitoris -Beschneidung bei jungen Mädchen sei „haarsträubender Unfug”. Ihnen raube man das Lustempfinden, „den Jungen dagegen nicht” .[5] Und der Philosoph Robert Spaemann setzte die Beschneidung als Akt einer Körperverletzung hinsichtlich der Folgen ebenfalls mit einer Impfung gleich: „Die Verletzung ist ... geringfügig. Sie entspricht in ihrer Schwere zum Beispiel einer Maserimpfung ...“.[6]
Bei den erwähnten und zitierten Auffassungen handelt es sich jeweils um Einschätzungen von Nicht-Medizinern, die mit besonderer Entschiedenheit vorgetragen wurden. Dafür stehen eben auch die Gleichsetzungen mit Impfungen. Fachärzte äußerten sich im Rahmen der öffentlichen Debatte in dieser Hinsicht ganz anders, wofür folgende Beispiele stehen mögen: Der Leiter des Deutschen Kinderschmerzzentrums an der Vestischen Kinderklinik Datteln, Boris Zernikow, geht von dauerhaften und heftigen Schmerzen nach der Entzündung von Operationsschnitten aus. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung seien sehr wohl auch Neugeborene und Säuglinge schmerzempfindlich, erstere sogar in einer besonders ausgeprägten Art und Weise. Außerdem konstatierte Zernikow: „Der Schmerz bei der Beschneidung verändert das Gehirn.“[7] Es könne sich ein Schmerzgedächtnis bilden, d. h. die Schmerzschwelle sei auch für die Betroffenen als Erwachsene niedriger. Die Gefahr chronischer Schmerzen wäre daher für sie im Vergleich zu den Nicht-Beschnittenen größer.
Mehrere Studien aus verschiedenen Ländern belegen darüber hinaus, dass die Beschneidung von Jungen zu Komplikationen, Schmerzen und Traumata führen kann. Auch spätere seelische und sexuelle Langzeitfolgen seien nicht selten. So erklärte Wolfram Hartmann, der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, bezogen auf deren Erfahrungen: Man sehe „immer wieder Komplikationen nach Beschneidungen, die mit erheblichen Schmerzen einhergehen, da die Genitalorgane außerordentlich schmerzempfindlich sind.“[8] Und in einer Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, dem Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften, heißt es: Man könne die Beschneidung gegen „jeden eventuellen politischen Opportunismus“ als eine Körperverletzung ansehen, welche ohne Betäubung „robust und blutig“[9] sogar als schwere Körperverletzung gelten müsse. Diese Einschätzungen machen deutlich, dass die Auffassungen von einer Folgen- und Harmlosigkeit nicht haltbar sind.


IV. Die behaupteten Eingriffe in die Religionsfreiheit

Die meisten Zurückweisungen der Kritik der Beschneidung verwiesen auf angeblich unangemessene Eingriffe in das Erziehungsrecht und die Religionsfreiheit der Eltern des betroffenen Jungen. Hier soll zunächst der letztgenannte Gesichtspunkte inhaltliche Aufmerksamkeit finden: Dabei sei zunächst darauf verwiesen, dass eine Beschneidung in der Tat zur jahrhundertlangen Praxis in jüdischen und muslimischen Gemeinschaften gehört. Für die erstgenannte Religionsgemeinschaft steht die Zirkumzision für den Eintritt des Jungen in den Bund mit Gott, sie soll verbindlich am achten Tag nach der Geburt erfolgen. Im Islam ist die Beschneidung nicht in gleichem Maße ein religiöses Prinzip, aber der Tradition nach bis zum dreizehnten Lebensjahr des Jungen üblich. Ali Kizilkaya, der Sprecher des Koordinationsrates der Muslime, äußerte bezogen auf das Gerichtsurteil, hier handele es sich um einen nicht hinnehmbaren „massiven Eingriff in die Religionsfreiheit“ [10]. In dieser Frage seien sich die islamischen Verbände mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland einig.
Bezogen auf die behaupteten Eingriffe in das Erziehungsrecht und die Religionsfreiheit akzeptieren die meisten Befürworter einer Beschneidung die Auffassung, es handele sich hierbei um eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit eines Kindes. Die bereits erwähnte Gleichsetzung mit Impfungen soll die Folgen- und Harmlosigkeit der Zirkumzision aufzeigen. Diese Auffassung ist in den Diskursen um die folgenden beiden Gesichtspunkte von besonderer Bedeutung, geht es doch um eine Abwägung von Grundrechten: Das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes steht erkennbar in dieser Frage in einem Spannungsverhältnis zu dem Grundrecht der Eltern auf Erziehung und dem Grundrecht der Eltern auf Religionsfreiheit. Dies sehen sowohl die meisten Anhänger wie Kritiker der Beschneidung so. Es kommt demnach darauf an, welche Prioritätensetzung mit welcher Begründung vorgenommen wird. Gilt eine Beschneidung als harmloser körperlicher Eingriff, kann das Primat von Elternrecht und Religionsfreiheit einfacher legitimiert werden.
Aber auch unabhängig von diesem Gesichtspunkt bedarf es des Hinweises darauf, dass die Freiheit der Religionsausübung zwar ein Grundrecht darstellt, aber sie durchaus bestimmte Grenzen durch höherrangige Prinzipien kennt. Dies erlaubt es auch, bestimmte Praktiken im Namen der Religion unter Strafe zu stellen. Hierzu gehört etwa die Genitalverstümmelung von Mädchen, die von den meisten Anhängern der Zirkumzision in Deutschland durchaus abgelehnt wird. In der Tat kann man angesichts der unterschiedlichen Folgewirkungen beide Eingriffe nicht gleichsetzen. Eine Beschneidung von Jungen hat aber ebenfalls körperliche und psychische Folgen. [11] Warum sollen sie im Namen einer Religion eine höhere Akzeptanz finden? [12] Darüber hinaus gibt es nicht nur eine Religionsfreiheit der Eltern, sondern auch eine solche des Jungen. Die Beschneidung führt mit religiöser Begründung zu einem nicht mehr änderbaren körperlichen Eingriff, der von ihm als erwachsener Mann mit einer möglicherweise anderen religiösen Ausrichtung nicht mehr korrigiert werden kann.


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