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Hackti­vism (vollständig)

Macht gegen digitale Kontrolle aus Perspektive der Bürgerrechte? Aus: vorgänge Nr. 209 (Heft 1/2015), S. 66-71

(Red.) Das Hacken informationstechnischer Systeme wird schnell in die Nähe von Terrorismus gerückt. Hinter dem Hack an sich und dem, was mittlerweile als Hacktivismus verstanden wird, stehen hingegen häufig Versuche, bestehende Technik (und Technologien) so zu verändern, dass sie in einem positiven Sinne mehr Menschen zur Verfügung stehen.

Hack bezeichnet den spielerischen kreativen Umgang mit Technik jeglicher, also nicht notwendigerweise nur computer- oder programmierungstechnischer Art. Martin Luther hat durch seine Übersetzung aus dem Lateinischen die Bibel gehackt. Johann Gutenberg versetzte dem Printmonopol der Klöster den Todesstoß. Eine analoge Uhr, umgebaut zu einem Zeitzünder, wäre also ein Hack, ganz ohne dass dabei Computer oder Programmierarbeit eine Rolle spielten. Die berühmteste Lizenz für Freie Software, die GPL-Lizenz, benutzt das Urheberrecht und die zuständigen Gerichte, um die Privatisierung von Programmcode zu verhindern: Mit den Mitteln des Eigentumsrechts gegen das Geistige Eigentum, ein Hack der bürgerlichen Eigentumsordnung. Trägt die Arbeit an einem derartigen Hack zur Verbesserung menschlicher Arbeits- und Lebensbedingungen bei, zu mehr Freiheit und mehr Gerechtigkeit, dann lässt sich meines Erachtens von Hacktivismus sprechen.

So verstanden wäre Wikipedia der erfolgreiche, massenwirksame Hack des Prinzips Enzyklopädie. Diese fasst den Begriff des Hacktivismus eng entlang von Protestformen: „Hacktivismus (Kofferwort aus Hack und Aktivismus, engl. Hacktivism), ist die Verwendung von Computern und Computernetzwerken als Protestmittel, um politische Ziele zu erreichen. Die erste Verwendung erfuhr der Begriff im Juli 2004 von Mitgliedern eines Hacker-Kollektivs namens Omega.“

Hacktivismus beansprucht und praktiziert m. E. vier Freiheiten:

  • Die Freiheit, ein Werk für jeden Zweck einsetzen zu dürfen (primäre Freiheit).
  • Die Freiheit, untersuchen zu dürfen, wie ein Werk funktioniert, und es den eigenen Bedürfnissen anzupassen (wissenschaftliche Freiheit).
  • Die Freiheit, das Werk an andere weiterzugeben und Kopien für andere machen zu dürfen (soziale Freiheit).
  • Die Freiheit, das Werk verbessern und diese Verbesserungen zum allgemeinen Wohl zugänglich machen zu dürfen (konstruktive Freiheit).

Mittels einer weiteren begrifflichen Vorklärung sei eine leichtere Verständigung zum Thema Technik und Technologie ermöglicht. Diese Begriffe werden zwar in den Debatten häufig synonym gebraucht, bezeichnen allerdings wesentlich unterschiedliche Gegenstände. So beschreibt aktuell das Unsichtbare Komitee(1) den Unterschied:

„Offenbar lasse sich die menschliche Existenz einteilen in Technisches und Nichttechnisches. Falsch: Man muss sich nur vor Augen halten, in welchem unfertigen Zustand der menschliche Sprössling zur Welt kommt und wie lange es braucht, bis er sich in der Welt bewegen, bis er sprechen kann, um festzustellen, dass sein Verhältnis zur Welt nichts Gegebenes ist, sondern vielmehr Ergebnis eines Erarbeitungsprozesses. Das Verhältnis des Menschen zur Welt ist, da es keiner natürlichen Angemessenheit untersteht, grundlegend künstlich, technisch, um mit den Griechen zu sprechen. (…) Man „errichtet“ also nicht eine Lebensform; man eignet sich nur Techniken an, zum Beispiel durch Übung oder Ausbildung. (…) Jedes Werkzeug konfiguriert und verkörpert ein bestimmtes Verhältnis zur Welt und wirkt sich auf denjenigen aus, der es verwendet. Die derart geprägten Welten sind nicht gleichwertig, ebenso wenig wie die Menschen, die darin leben. Genauso wenig, wie diese Welten gleichwertig sind, sind sie auch hierarchisierbar. Es gibt nichts, was erlauben würde, einige gegenüber anderen als „fortschrittlicher“ anzusehen. Sie sind nur unterschiedlich, jede mit ihrer eigenen zukünftigen Entwicklung, ihrer eigenen Geschichte. Um die Welten hierarchisch einzuteilen, muss man ein Kriterium einführen, ein implizites Kriterium, das erlaubt, die verschiedenen Techniken zu klassifizieren. Dieses Kriterium ist im Fall des Fortschritts schlicht die in Zahlen messbare Produktivität der Techniken, unabhängig davon, was ethisch in jeder Technik steckt oder was sie an wahrnehmbarer Welt hervorbringt. (…) Zu ergänzen ist, dass der Albtraum dieser Zeit nicht daher rührt, dass sie „die Ära der Technik“, sondern daher, dass sie eine Ära der Technologie ist. Technologie ist nicht die Vollendung der Techniken, sondern im Gegenteil die Enteignung der Menschen von ihren verschiedenen grundlegenden Techniken. Technologie ist die Systematisierung der effizientesten Techniken und folglich die Einebnung der Welten und der Verhältnisse zur Welt, die sich jeweils in ihr zeigen. (…) Der Kapitalismus ist in diesem Sinn wesensmäßig technologisch; er ist die rentable Organisierung der produktivsten Techniken in einem System.“ (Unsichtbares Komitee, An unsere Freunde, Hamburg 2015, 94ff)(2)

Oft richten sich hacktivistische Aktionen gegen die Technologie von Konzernen (z.B. zuletzt eine Kampagne gegen Google Glasses) oder Kampagnen der Privatwirtschaft (z.B. Initiativen gegen die Einführung von Digital Rights Management, DRM), die gegen diese Freiheiten anarbeiten, indem sie ihre politischen Ziele in ihre Technologie einarbeiten (wie besonders offensichtlich im Falle von DRM), um auf der Grundlage von Geheimwissen und Nutzungsverboten ihre Macht und ihre Kapitalbasis zu erweitern. Indem Hacktivismus sich derart nicht auf Appelle beschränkt und auf die regulierende Intervention etwa einer staatlichen Instanz wartet, um diese Freiheiten zu schützen oder überhaupt erst herzustellen, gerät er auch in ein Spannungsverhältnis zu staatlicher Ordnungspolitik, bisweilen gar in den Fokus von Kriminalisierung und sogar Terrorismusverdacht.

Letzteres mag daran liegen, dass eine radikale Fraktion tatsächlich so weit geht, grundsätzlich über die Dialektik von Produktivkraftentwicklung und Entwicklung der Produktionsweise nachzudenken: Wie hackt man eine Gesellschaftsformation, z.B. bürgerliche Herrschaft und Kapitalismus? Die Produktivkraftentwicklung wird dabei verstanden als die Dialektik von Produktionsmittel- und Arbeitskraftentwicklung, also die Entwicklung von Energiemaschinen (Dampfmaschine etc.), Prozessmaschinen (Fließband etc.), Algorithmusmaschinen (PC etc.) einerseits und von menschlicher Kreativität andererseits. Strategisch gehen sie dabei ganz ähnlich vor wie die Menschenrechtsbewegung oder die Arbeiterbewegung: Rechte werden formuliert, deren Allgemeingültigkeit derselben behauptet und schließlich für die Durchsetzung dieser Behauptung gekämpft. In diesem Zusammenhang sind die folgenden Mittel zu sehen, die wir meist gar nicht oder nur als zufälligerweise Betroffene miterleben oder vereinzelt und ohne Kontext über die Massenmedien berichtet bekommen.

Taktisch – auf der Ebene der Wahl der Mittel – bedeutet Hacktivismus den Kampf gegen die proprietären Technologien und Infrastrukturen von Konzernen, die ihre Benutzer_innen auf unmündige Kund_innen reduzieren und neben Geld auch noch alle Daten sammeln, derer sie habhaft werden können. Die so gewonnenen Kund_innenprofile werden nicht nur weiterverkauft, sondern akkumuliert und automatisiert ausgewertet. Mittelfristig läuft das nicht auf individualisierte Werbung und präventive Polizeiarbeit hinaus, sondern auf die kybernetische Gesellschaftssteuerung im Ganzen. Dieser offensichtlich unfreien Perspektive begegnet Hacktivismus mit dem Aufbau und der Verbreitung quelloffener und freier (im obigen vierfachen Sinne) Infrastrukturen, Architekturen, Schnittstellen, Programme und Algorithmen. Kurz: Mit der Arbeit an befreiter Technik.

Ganz konkret bedeutet dies: der Ausbau freier ITK-Infrastruktur schon auf dem Hardware Layer (Leitungen, Netze, Funkstrecken, Server) statt Telekom-Konzernnetze. Diesen Ansatz verfolgen Freifunk und die vielen kleinen Community-Provider wie etwa in-berlin.de. Server und Endgeräte werden auf der Basis von freier Hardware und freier Software betrieben. Die Zukunft der Hardware ist derzeit besonders wichtig, denn bei freier Software ist schon sehr viel möglich. Beispiele gibt es im Bereich der Internet-Router für das private Zuhause: Da lassen sich Embedded Devices auf Open Hardware-Basis (RaspberryPi) schon heute mit freier Software (openwrt) betreiben.

Als Konstruktionsprinzipien gelten neben o.g. Freiheit, wie sie die General Public License (GPL) versteht, also „infektiös“ und eben nicht beschränkt und kolonisierbar durch die Kapitalverwertung, wie im Fall einiger Creative Commons- und Open Source-Lizenzen, dann noch Modularität und offene Dokumentation aller Schnittstellen, damit alles mit allem für alle kombinierbar bleibt und keine Idee „nicht umsetzbar“ ist. Ein wichtiger Zwischenschritt wäre die Chipfabrik, die auf der Basis von freier Hard- und Software die Grundkomponenten freier Hardware herstellbar macht.

Dies kann man sich sicherlich so ähnlich vorstellen wie die vielen Fablabs, in denen schon heute 3D-Drucker und CNC-Fräsen Bestandteile von Maschinen herstellen und auch einfache Schaltkreise ätzen können. Obwohl viele dieser Anlagen nicht im anti-kapitalistischen Sinne betrieben werden, treiben sie zur Zeit die Produktionsmittelentwicklung voran, die immerhin von ihren impliziten Möglichkeiten her (vgl. Dath/Kirchner: Der Implex) über die kapitalistische Produktionsweise hinausweist. Kurz: Auch Maschinen, und sogar „Maschinen, die Maschinen machen“, lassen sich herstellen, ohne auf kapitalistische Produktionsstätten zurückgreifen zu müssen. Auch aus in der kapitalistischen Produktion aus Effizienzgründen ausgesonderten Komponenten lassen sich befreite Maschinen zusammenbauen, Stichwort: Hardware Hacking.

Das ist das übergreifende hacktivistische Programm, das derzeit läuft – und in dessen Zusammenhang wir z.B. Urheberrechtsnovellen oder Verträge wie TTIP oder die monopolistische Investitionspolitik der großen kalifornischen Technologie- und Internetkonzerne verstehen müssen.

Zu den sozialen Bedingungen dieser technophilen Utopie: Menschen müssen in der Lage sein, Lebenszeit für die Entwicklung solcher Technik aufwenden zu können. Das wäre möglich, wenn die hohe Besteuerung kapitalistischer Unternehmen (statt deren Subventionierung) zu einer Einnahmenbasis für eine kostenlose öffentliche Daseinsvorsorge und die Finanzierung eines ausreichenden Grundeinkommens führen würde. Ein positiver Nebeneffekt bestünde darin, dass diese Art der Umverteilung die kapitalistische Dynamik tendenziell abbremsen würde.

Emanzipatorischer Hacktivismus fließt in drei Kampagnen,die als solche natürlich nirgends von einem Zentralkomitee formuliert und vorangetrieben werden, sondern sich eher hinter dem Rücken der Subjekte in der Wechselwirkung ihrer Aktivitäten entfalten: 1. Entwicklung und Aufbau freier Technik, 2. Gesellschaftspolitik zur Unternehmensbesteuerung und für die Förderung öffentlicher Güter und eines Grundeinkommens und 3. die Sabotage der technologischen Entsprechungen der Technik, die als freie umgesetzt ist, wenn das notwendig scheint, um die gesellschaftliche Dominanz der kapitalistischen Bereitstellung des jeweiligen Gebrauchswerts zu brechen.
Die Verteidiger_innen der bestehenden, menschen- und naturvernichtenden Produktionsweise reduzieren diese Bewegung bei jeder Gelegenheit auf den letztgenannten Aspekt. Der sogenannte Maschinenstürmer- oder Luddismusvorwurf entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie, wenn er sich ausgerechnet gegen die technikaffinen Teile sozialer Bewegungen richtet. Denn die Rebellion gegen aufgeherrschte Technologien und die mit ihnen daherkommenden Ideologien findet auf der Basis selbst angeeigneter technischer Fähigkeiten und real existierender, selbstorganisierter Alternativen statt – und wird vor diesem Hintergrund überhaupt erst relevant und damit gefährlich. Aber:

„Wo der Ingenieur alles, was funktioniert, in Beschlag nimmt, damit alles besser funktioniert und er es in den Dienst des Systems stellen kann, fragt sich der Hacker, „wie funktioniert das?“, um die Schwachstellen aufzudecken, aber auch, um sich andere Nutzungen auszudenken, um zu experimentieren. Experimentieren heißt dabei: zu erleben, was diese oder jene Technik in ethischer Hinsicht bedeutet. Der Hacker entreißt die Techniken dem technologischen System, um sie daraus zu befreien. Wenn wir Sklaven der Technologie sind, dann genau deshalb, weil es eine Reihe von Artefakten unserer täglichen Existenz gibt, die wir für besonders „technisch“ halten und sie auf immer als einfache Blackboxes betrachten, deren unschuldige Nutzer wir wären. … Zu verstehen, wie jedes beliebige der Geräte funktioniert, die uns umgeben, verschafft uns ein Mehr an unmittelbarer Macht und gibt uns Zugriff auf das, was uns nun nicht mehr als Umgebung erscheint, sondern als eine Welt, die in einer bestimmten Weise aufgebaut ist und in die wir eingreifen können. Das ist die Sicht des Hackers auf die Welt.“ (Unsichtbares Komitee, ebd.)

Gute Literatur – ob fantastisch oder populärwissenschaftlich – ist in der Lage, unser Vorstellungsvermögen zu hacken: Empfehlenswert ist hier von Dietmar Dath sein Buch „Maschinenwinter“, in dem er für die „Befreiung der Maschinen vom Verwertungszweck als notwendiger Bedingung für die Befreiung des Menschen“ plädiert. Sein zusammen mit Barbara Kirchner verfasstes Buch „Der Implex“ bildet mit Wikipedia an der Seite einen wahren Steinbruch für emanzipatorische Fortschrittsarbeit, geordnet nach Wissenschafts- und Politikfeldern, den ideengeschichtlichen Zeitraum der letzten 350 Jahre überblickend. Dath verarbeitet seine Themen immer wieder auch in Romanform: Hier sei „Deutsche demokratische Rechnung“ empfohlen. Der Roman verhandelt implizit die Möglichkeit der kybernetischen sozialistischen – und eben nicht markt- d.h.: fonds-gesteuerten – Gesamtplanung.

MARKUS EUSKIRCHEN   ist Online-Redakteur (u.a.www.wem-gehoert-die- welt.org und www.prokla.de) und Techno-Politik-Referent am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin.

Anmerkungen:

(1)  Nach der Sabotage an einer Eisenbahnstrecke, auf der im November 2008 ein Castortransport mit radioaktivem Material geplant war, wurde die erste Publikation des Unsichtbaren Komitees, Der kommende Aufstand, von der französischen Regierung als ein »Handbuch des Terrorismus« beschlagnahmt und war Vorwand für die skandalöse, z.T. monatelange Inhaftierung von neun Menschen aus dem Dorf Tarnac. Die Polizei in Frankreich hat im Zuge der »Terrorismusbekämpfung« viele Spekulationen angestellt, wer dazugehören mag, aber die Identität der Autoren wurde nie bekannt

(2)  Online unter  https://linksunten.indymedia.org/de/system/files/data/2015/01/1713951010.pdf.

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