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vorgänge: Artikel - 5.12.12

Self- Ownership und staatliche Räuber

Stefan Wallaschek

Über Ayn Rand, eine libertäre Vordenkerin der US-Republikaner

aus: Vorgänge Nr. 200 ( Heft 4/2012), S.98-100

Nachdem Mitt Romney die US-Präsidentschaftswahlen deutlicher verloren hat, als es die Umfragen im Vorfeld vermuten ließen, wird schon über die nächsten Präsidentschaftsherausforderer/innen 2016 in der Republikanischen Partei spekuliert. Dem 42-jährigen Paul Ryan werden hierbei gute Chancen eingeräumt. Er vereint aus konservativer Perspektive nicht nur Haushalts- und Wirtschaftskompetenz, sondern bringt auch die von der rechtskonservativen Tea Party-Bewegung geforderte strenge Religiosität und die Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen und der Gleichstellung von Homosexuellen und Lesben mit. Im Zusammenhang mit Ryan taucht immer wieder der Name der Publizistin Ayn Rand (1905–1982) auf. Nach Ryans Äußerungen lieferte Rand ihm die philosophische Grundlage seiner Politik und seiner Moral. In den USA ist sie auch im 30. Jahr nach ihrem Tod höchst populär, ihre Romane erreichen weiterhin hohe Auflagen (Gillespie 2009) und 2011 erschien der erste Teil der dreiteiligen Verfilmung ihres opus magnums „Atlas Shrugged” in den US-Kinos. Obwohl Teil eins foppte, erschien vier Wochen vor den US-Wahlen der zweite Teil in den US-Kinos (Piper 2012)


Erstaunlicherweise ist sie im deutschsprachigen Raum fast unbekannt. Dabei wurde „Atlas shrugged”, ein etwa 1200 Seiten umfassender zweiteiliger Roman von 1957, schon zwei Jahre nach Erscheinen mit dem etwas sperrigen Titel „Atlas wirft die Welt ab” ins Deutsche übersetzt.[l] Dies blieb jedoch die einzige Übersetzung ihrer Schriften. Die Nicht-Wahrnehmung von Ayn Rand könnte an zwei Umständen liegen. Erstens wird sie häufig dem Libertarismus zugeordnet, der in Deutschland kaum Anhänger/innen und keine eigene philosophische und ideengeschichtliche Tradition hat. In den USA erreichte die Libertäre Partei um ihren Spitzenkandidaten Gary Johnson hingegen rund ein Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung, womit die Partei ihr bestes Ergebnis seit Bestehen feiern konnte. Zweitens war Rand keine ausgewiesene Wissenschaftlerin, womit ihr der Zugang zur scientific community erschwert war. Eine eingehende Betrachtung ihres Romans lohnt sich aber, da in ihm Positionen vermittelt werden, die für das heutige Verständnis der US-Gesellschaft von Relevanz sind. Deshalb werde ich mich im Folgenden auf Rands Staatskritik beziehen und ihre moralische Verteidigung des Kapitalismus und ihre Verurteilung staatlicher Wohlfahrtsmaßnahmen analysieren. Meine These ist, dass, folgt man den theoretischen Überlegungen Rands, staatliche Wirtschaftsregulierung zwar abgebaut, aber die staatliche Ordnungs- und Sicherheitsfunktion ausgebaut wird. An zwei Entwicklungen in den USA lässt sich dies schlaglichtartig aufzeigen.

Libertarismus ä la USA

Im europäischen Raum wird eine libertäre Auffassung eher mit einer anarchistischen Perspektive verbunden. Beide Theorien teilen zwar die Staatskritik, doch während anarchistische Theoretiker/innen den Staat abschaffen wollen (und mit ihm den Kapitalismus), brauchen US-Libertäre den Staat. Dieser soll auf nur zwei Funktionen beschränkt sein. Erstens soll er die öffentliche Ordnung und die staatlichen Außengrenzen sichern. Zweitens soll er für die minimale Bereitstellung öffentlicher Güter und umweltschutzrechtliche Maßnahmen sorgen. Allerdings immer unter der Prämisse, dass der Markt und der Wettbewerb nicht eingeschränkt werden. Als Ausgangspunkt dient dem Libertarismus, wie in allen liberalen Theorien, das Individuum, dessen Verwirklichung der eigenen Freiheit sowie der Schutz des persönlichen Eigentums. Diese naturrechtliche Vorstellung von egalitären Individuen, die sich von Natur aus Eigentum aneignen können – John Locke kann hier als Vordenker gelten - ist ebenso konstitutiv wie die damit verbundene Abwesenheit von Zwang. Keine Person und keine andere Macht dürfen einen Menschen gegen seinen Willen unterwerfen und ihm Gewalt aussetzen, weil sonst die Freiheit bedroht wäre. Locke (2008: 19) spricht hier von der Abwesenheit „absoluter und willkürlicher Gewalt.” Der Gewaltbegriff ist ein sehr umfassender, weil er sowohl die direkt ausgeübte Gewalt, sprich physische und psychische Strafen, als auch die bloße, aber glaubwürdige Androhung von Gewalt beinhaltet. So zeigt z. B. Craig Malcolm Duncan (2011: 1443) auf, dass die Besteuerung im Libertarismus „as a form of statesponsored theft” gesehen wird, sobald sie nicht für Mittel ausgegeben wird, die dem Schutz und der Sicherheit der Individuen dient.


Freiheit ist das einzige und wichtigste normative Konzept, weil sich aus diesem auch der Bezug auf das Eigentum ergibt. Im Englischen findet sich dafür der Begriff der „self-ownership” der mit der deutschen Übersetzung in „Selbsteigentum” nur ungenügend übersetzt ist. Es geht vielmehr um die radikale Abgrenzung des Individuums vom Kollektiv und die absolute Selbstbestimmung über sich selbst; man ist sich selbst Eigentum und kann mit sich machen, was man will. Dabei geht es wie Daniel Attas (2010: 812) hervorhebt, auch um „fulfilling the potential of their mental capacities”. Oder anders ausgedrückt: Nur wenn die Menschen frei sind, können sie frei denken. Die Vorstellung eines Marktes, auf dem jedes Individuum von Natur aus egalitär sei und egalitär behandelt wird, bildet den Gegensatz zum Staat.


Die Geschichte der USA macht dies noch deutlicher. Das britische Empire versuchte die Kolonialverwaltung fortwährend zu beeinflussen und die entstehende Wirtschaft der nordamerikanischen Kolonien durch immer neue Steuern auszubeuten. In der Folge wurden staatliche Eingriffe als freiheitsbegrenzend angesehen. Das politische System der USA weist mit der Gewaltenverschränkung, den checks and balance, eine staatskritische Position auf, nach der keine staatliche Institution zu mächtig werden darf. Die berühmten Federalist Papers spiegeln die Debatte sehr deutlich wieder (Hamilton et al. 1993). Zudem soll der Staat soweit wie möglich aus der Privatsphäre und der Ökonomie heraus gehalten werden. Mit dem „pursuit of happiness” deklariert die US-Verfassung zugleich, dass jeder Mensch nach seinem eigenen Glück streben soll. Das Streben der Einzelnen nach Glück wird so zu einer verfassungsrechtlichen Garantie in den USA. In der Zeit des New Deal unter dem US-Präsidenten Franklin Roosevelt und dem Auf kommen des Keynesianismus änderte sich dies. Durch ein staatliches Investitions- und Strukturprogramm und eine Heraufsetzung der Steuersätze wurde die Wirtschaftskrise nach 1929 überwunden und ein Teil der Kriegskosten im Zweiten Weltkrieg bezahlt (Deppe 2003: 102-118; 135-155). Das Aufkommen des Libertarismus in den 1960ern könnte man also als Folge dieses massiven Eingriffs der US-Politik in die Wirtschaft sehen.

Atlas! Welcher Atlas?

Ayn Rand bezeichnete sich selbst lieber als Objektivistin statt als Libertäre, die sie selbst als „hippies of the right” bezeichnet haben soll. Doch mit ihren philosophischen Überzeugungen kann sie dennoch dem US-Libertarismus zugerechnet werden. Objektiv bedeutet für Rand, wie Tibor Machan (1994: 58-62) deutlich zeigt, dass jeder die Realität erfassen und vollständig wahrnehmen kann. Da sie voraussetze, dass die Welt objektiv zugänglich sei, unterstelle sie auch allen Menschen, dass für sie das Wissen über die Welt rational zugänglich sei. Qua ihres Verstandes und Denkens könnten die Menschen objektiv und rational handeln. Ihr Eigeninteresse sei dabei ein Locke'sches, nämlich das natürliche Interesse an der Selbstbestimmung des eigenen Lebens, der (Wahl-)Freiheit und des Eigentums. Wahlfreiheit kann entweder allgemein als Wahl zwischen Leben und Sterben gesehen werden. Oder spezifischer betrachtet als Freiheit, sich für X oder Y entscheiden zu können, solange wie man die Freiheit der/s Anderen nicht verletzt. Wer nach Rand rational denkt, handele auch moralisch richtig und da sie die Erfüllung von Freiheitsrechten als elementar ansehe, ginge es grundsätzlich um frei oder nicht frei sein.


Der Titel „Atlas wirft die Welt ab” erklärt die Bedeutung von Ökonomie und Realität. Atlas, die griechische Mythengestalt, der die Welt auf seinen Schultern trägt, kann als Masse von Menschen gesehen werden, die die Welt am Funktionieren hält. Dabei hat Rand stets Menschen in einer kapitalistischen Ökonomie vor Augen, die durch die staatlichen Regulierungsmaßnahmen gestraft werden und sich trotzdem an der „schöpferischen Zerstörung” (Schumpeter) der Welt beteiligen; Atlas ist verletzt, „seine Knie knicken ein, seine Arme zittern” (Rand 1959a: 461). Würden demnach alle aus Rands Sicht moralisch handelnden Menschen der Welt den Rücken kehren, also die Welt abwerfen, würde sie zusammenbrechen. Diese Lage der Welt dient Rand als Dystopie für ihre eigenen Vorstellungen über die gesellschaftliche Organisation der Menschen.

Räuberisches Handeln des Staates

Der Staat wird generell als „Räuber” bezeichnet und mit einer „Horde schmieriger Politiker” (Rand 1959a: 79) gleichgesetzt. Den politischen Entscheidungsträger/innen[2] wird die stete Suche nach Möglichkeiten der Verstaatlichung der Wirtschaft unterstellt. Damit wird dem Staat als Ganzes und den Politiker/innen eine Irrationalität eingeschrieben. Die Ökonomie lebe stets in der Gefahr, dass die bestehende Freiheit beschnitten und ihr erwirtschafteter Profit verstaatlicht wird. Die Aufgabe der Lobbyist/innen sei es, die Wirtschaft vor dem Staat zu schützen und Gesetzesvorlagen so zu beeinflussen, dass sie möglichst nicht oder nur in geringem Maße Auswirkungen auf die Ökonomie haben können (Rand 1959a: 46). Die Macht der Politik und der politischen Verbände wird als perse schlecht dargestellt, deren einziges Ziele seien restriktive Gesetze, Verbotsbekundungen und Forderungen gegenüber der Wirtschaft (Rand 1959a: 302–305). Bei Rand fungiert die staatlich regulierte, nur auf Wohlfahrt ausgerichtete sozialistisch-totalitäre Politik als Dystopie. Im Roman stellen die politischen Entscheidungsträger/innen gar Überlegungen an, wie durch Gewalt und Überwachung die Menschen da-zu gezwungen werden können, „für das öffentliche Wohl ein[zu]treten” (Rand 1959b: 409).


Dieses Bild von Politik und staatlichem Handeln wird von Rand genutzt, um Gegenmaßnahmen aufzuzeigen. Sprich, ihre grundlegende Idee ist das Primat der Ökonomie über die Politik in allen bis auf zwei Bereichen. Zum einen in der Judikative. Die Gerichte sollen Recht sprechen, Rechtssicherheit gewähren und v. a, das Recht auf Privateigentum schützen. Zum anderen hat der Staat die Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen: „Der einzige wahre Zweck einer Regierung ist, die Rechte des Menschen zu schützen, was bedeutet: ihn vor physischer Gewalt zu schützen [Hervorhebungen durch S. W.]” (Rand 1959b: 385). Dieser Satz stammt von John Galt, der neben Dagny Taggart im Roman wichtig ist und als Anführer der freien Unternehmer/innen agiert, die sich gegen die staatliche Politik wenden. Auffällig ist, dass ein Unternehmer die wirkliche Aufgabe der Regierung definiert. Alle weiteren Kompetenzen und Befugnisse seien demnach überflüssig. Rand nimmt hier die Vorstellung libertärer Ansätze über den „ultraminimal state” (Attas 2010: 818) auf, der keine ökonomische Expertise hat und nur die Kernaufgabe des Gewaltmonopols nach innen und außen ausüben soll. Zudem wird durch die Betonung „des Menschen” statt „der Menschen” nur auf das Individuum verwiesen, welches geschützt werden und seinen Rechtsanspruch gewährt bekommen muss.


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