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Wieviel Markt und wieviel Inter­ven­tio­nismus braucht der deutsche Wohnungs­markt?

vorgängevorgänge Nr. 228: Wohnen - die neue soziale Frage03/2020Seite 73 - 80

in: vorgänge 228 (Heft 4/2019), S. 73 – 80

Wie weit darf und soll sich der Staat in den Wohnungs­markt einmi­schen? Um diese Frage beant­worten zu können, geht Carsten Kühl zunächst auf die Ursachen der hohen Mietbe­las­tungen in Deutsch­land ein. Er zeigt, dass diese verschieden sein können: Während in den angesagten „Schwarm­städten“ ein großer Zuzug herrsche, der die Nachfrage und damit die Mietpreise in die Höhe treibt, sind es in anderen Regionen eher der indus­tri­elle Nieder­gang, der bei sinkendem Realein­kommen die Mietbe­las­tungen steigert. Vor dem Hinter­grund dieser Diagnose bewertet der Autor aktuelle Lösungs­an­sätze wie die Berliner Initia­tive zur Verge­sell­schaf­tung großer Wohnungs­bau­un­ter­neh­men.

Aus ökono­mi­scher Sicht – insbe­son­dere dann, wenn man das markt­wirt­schaft­liche Paradigma zugrunde legt – bedürfen staat­liche Inter­ven­ti­onen am Wohnungs­markt einer beson­deren Begrün­dung. Die beiden tradi­ti­o­nellen Krite­rien für ein privates und mithin markt­fä­higes Gut werden nahezu perfekt erfüllt: Am Wohnungs­markt funktio­niert das Ausschluss­prinzip und es herrscht Rivalität im Konsum.

Die zahlrei­chen Regulie­rungen am Wohnungs­markt bedürfen deshalb aus ökono­mi­scher Sicht einer beson­deren Recht­fer­ti­gung. Das Vertrags­ver­hältnis zwischen Mietern und Vermie­tern ist detail­liert im Mietrecht geregelt. Die Wohnkosten Sozial­be­dürf­tiger werden im Rahmen der sogenannten Kosten der Unter­kunft staat­lich alimen­tiert und einkom­mens­schwache Haushalte können ihre Mietbe­las­tung durch den Bezug von Wohngeld reduzie­ren. Der Staat fördert den Bau von Sozial­woh­nungen und sorgt dafür, dass die Wohnungen über einen langen Zeitraum nur sozial­ge­bunden vermietet werden dürfen. Zudem gibt es ein staat­li­ches Wohnungs­an­ge­bot: Kommunen sind häufig Eigen­tümer kommu­naler Wohnungs­un­ter­nehmen und agieren damit unmit­telbar als Vermieter auf dem lokalen Wohnungs­markt.

Bei genau­erer Betrach­tung erschließt sich relativ schnell, dass Wohnen gesell­schafts­po­li­tisch und damit auch volks­wirt­schaft­lich anders zu behan­deln ist als die Alloka­tion „konven­ti­o­neller“ Konsum­gü­ter. Auf ein Automobil, auf ein Handy oder auf Schmuck kann man – wenn man es sich nicht leisten kann oder nicht leisten möchte – verzichten, auf ein „Dach überm Kopf“ nicht. Und natür­lich ist es mehr als das. Mit der Wohnung verbinden sich Zuschrei­bungen wie Heimat, Gebor­gen­heit, Rückzugsort oder Famili­en­le­ben. Wenn davon geredet wird, dass Wohnen ein soziales Grund­recht ist, dann stehen diese Beschrei­bungen Pate. Ein Grund­recht im verfas­sungs­recht­li­chen Sinne ist Wohnen in Deutsch­land freilich nicht. Aber der gesell­schafts­po­li­ti­sche Auftrag, dieses Thema nicht alleine dem Markt­me­cha­nismus zu überlassen, ist unstrei­tig.

Finan­z­wis­sen­schaft und Wohnungs­markt

Die Volks­wirt­schafts­lehre, speziell die Finan­z­wis­sen­schaft, hat Theorien und Krite­rien entwi­ckelt, wonach der Staat sich in das Angebot grund­sätz­lich markt­fä­higer Güter und Dienst­leis­tungen einmi­schen darf bzw. sollte. Die klassi­sche Finan­z­wis­sen­schaft kennt sogenannte merito­ri­sche – also wörtlich übersetzt: verdienst­volle – Güter. Bei ihnen würde zwar der Markt­me­cha­nismus funktio­nieren, weil die oben genannten Krite­rien für ein privates Gut erfüllt sind. Der Staat entscheidet sich aber für regulie­rende Eingriffe in den Markt­me­cha­nismus, weil die tatsäch­li­chen oder zu erwar­tenden Markt­er­geb­nisse angesichts der gesell­schafts­po­li­ti­schen Bedeu­tung – in diesem Fall des bezahl­baren Wohnens – als unbefrie­di­gend angesehen werden. Natür­lich bietet eine solche ökono­misch kaum exakt deter­mi­nier­bare Begrün­dung grund­sätz­lich einen großen subjek­tiven Ermes­sens­spiel­raum. Sie erfährt aber ihre Legiti­ma­tion regel­mäßig durch den demokra­tisch-pa­r­la­men­ta­ri­schen Willens­bil­dungs­pro­zess. Im Übrigen kann man davon ausgehen, dass es nicht umstritten ist, dass der Staat den Wohnungs­markt reguliert. Umstritten ist aller­dings, mit welchen Instru­menten und in welcher Inten­sität er inter­ve­niert.

Diese Frage beant­wortet weder die moderne Finan­z­wis­sen­schaft noch die moderne Wirtschafts­po­li­tik. Sie definieren verschie­dene gesamt­wirt­schaft­liche Ziele, die – neben den klassi­schen hoheit­li­chen Aufgaben – staat­liche Eingriffe grund­sätz­lich erlau­ben. Hierzu gehört eben auch die Vertei­lungs­po­litik, die die zentrale Recht­fer­ti­gung für Inter­ven­ti­onen am Wohnungs­markt ist. Eine Patent­lö­sung für die richtige Dosie­rung der Inter­ven­ti­onen gibt es aber nicht.

Blickt man auf die wohnungs­po­li­ti­sche Praxis der letzten Jahrzehnte in Deutsch­land, scheinen staat­liche Inter­ven­ti­onen auf dem Wohnungs­markt politisch breit akzep­tiert. Das gilt für direkte Trans­fer­zah­lungen ebenso wie für die Förde­rung des sozialen Wohnungs­baus. Das gilt für mietrecht­liche Regulie­rungen ebenso wie für die Aktivi­täten kommu­naler Wohnungs­bau­un­ter­neh­men. Der Dissens eskaliert an der Frage, welche Instru­mente, in welcher Dosie­rung die richtigen sind, um beste­hende Defizite auf dem Wohnungs­markt abzubauen.

Räumliche Ungleich­ge­wichte

Hinzu kommt, dass der Wohnungs­markt in Deutsch­land in den letzten Jahren zuneh­mend aus dem Gleich­ge­wicht geraten ist. Verschie­dene Entwick­lungen stellen die wohnungs­po­li­ti­schen Akteure vor neue Heraus­for­de­run­gen.

Wir werden weniger, wir werden älter und wir werden bunter, sprich multi­kul­tu­rel­ler. So lautete die gängige bevöl­ke­rungs­po­li­ti­sche Prognose für Deutsch­land bis ins erste Jahrzehnt dieses Jahrhun­derts. Die Gebur­ten­raten entwi­ckelten sich etwas stärker als prognos­ti­ziert, aber die Lebens­er­war­tung und der Saldo aus Zu- und Auswan­de­rung – trotz der Flücht­lings­ströme um das Jahr 2015 herum – lagen weitge­hend im Rahmen der Progno­sen. Trotz der zutref­fenden Diagnose, dass die Single­haus­halte in Deutsch­land zunehmen würden, konnte man von einiger­maßen stabilen, das heißt ausge­gli­chenen Wohnungs­märkten in Deutsch­land ausge­hen. „Deut­sch­land ist gebaut“, war eine ebenso richtige wie falsche Aussage. Genügend Wohnungen stehen zur Verfü­gung, aber eben nicht am richtigen Ort. Es ist die stark von den ursprüng­li­chen Prognosen abwei­chende räumliche Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung, und es sind die daraus resul­tie­renden diver­gie­renden Preis­wir­kungen auf den regio­nalen Wohnungs­märkten, die die Politik vor unerwar­tete Heraus­for­de­rungen stellen.

Dass sich der deutsche Wohnungs­markt – abwei­chend von den Prognosen – heute unaus­ge­gli­chen, mit zum Teil extrem angespannten Märkten präsen­tiert, hat wesent­lich mit dem Schwarm­ver­halten der sogenannten Pillen­knick-­Ge­ne­ra­tion zu tun. Die gebur­ten­schwa­chen Jahrgänge nach der Babyboo­mer-­Ge­ne­ra­tion streben überpro­por­ti­onal stark in die großen Städte, insbe­son­dere in solche mit Hochschu­len. Sie sind eine zahlen­mäßig vergleichs­weise kleine Alters­ko­horte, aber sie haben gerade deswegen ein beson­ders starkes Bedürfnis, mit ihres­glei­chen ihren Wohnstandort und ihren Way of Live zu teilen. Eine immer dienst­leis­tungs­ori­en­tier­tere und digita­lere Wirtschaft erleich­tert die Wohnort­wahl am gewünschten Ort. So sorgen Lebens­ge­fühl und der Trend zur Urbanität dafür, dass Wohnen in den Schwarm­städten zum Luxusgut wird und ländliche Räume gegen einen verödenden Leerstand ankämp­fen.

Soziale Ungleich­ge­wichte

Die sozialen Wirkungen dieser räumli­chen Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung wurden für Deutsch­land in den letzten Jahren vielfältig empirisch unter­sucht.[1] Ein wichtiger Indikator für das, was man als (noch) bezahl­baren Wohnraum ansieht, ist die sogenannte Mietbe­las­tungs­quote. Sie fragt danach, welchen Anteil die Brutto­kalt­miete am Netto­ein­kommen hat. Dabei wird eine Mietbe­las­tungs­quote von mehr als 30 Prozent – selbst­ver­ständ­lich ist das eine norma­tive Bewer­tung – gemeinhin als vertei­lungs­po­li­tisch proble­ma­tisch angese­hen. Vor diesem Hinter­grund sprechen die empiri­schen Befunde eine klare Sprache:

  • In zahlrei­chen deutschen Städten weisen weit mehr als ein Drittel der Haushalte eine Mietbe­las­tungs­quote von mehr als 30 Prozent auf. Dazu zählen natür­lich alle großen Metro­polen wie z.B. Berlin, München, Hamburg, Köln oder Frank­furt. In diesen Städten dürfte die Kausa­lität relativ einfach sein: Wirtschaft­lich prospe­rie­rende Schwarm­städte werden für immer mehr Menschen zu nachge­fragten Arbeits- und Wohnorten mit entspre­chenden Wirkungen auf die Mietpreise. Die Neuver­mie­tungs­mieten schießen in die Höhe und führen auch bei Besser­ver­die­nenden zu einer hohen Mietbe­las­tungs­quote. Aber auch Bestands­mieten erfahren in diesen Städten einen überpro­por­ti­o­nalen Preis­druck, der sich bei Bezie­hern niedriger Einkommen stärker auf die Mietbe­las­tungs­quote auswirkt.
  • Inter­es­san­ter­weise findet man die meisten Haushalte mit einer Mietbe­las­tungs­quote von über 30 Prozent vor allem in solchen Städten, in denen man dies zunächst nicht vermu­tet. Dass es in Städten wie Duisburg (45,1 Prozent) oder Bremer­haven (46,5 Prozent) einen höheren Anteil von Haushalten mit einer Mietbe­las­tungs­quote von über 30 Prozent gibt als in München (40,5 Prozent) oder Hamburg (42,8 Prozent) mag auf den ersten Blick überra­schen. Die Kausa­lität für die hohen Mietbe­las­tungs­quoten dürfte in diesen Fällen eine andere sein: In vom Struk­tur­wandel betrof­fenen Städten verlieren relativ viele Menschen ihre Arbeits­plätze und die verfüg­baren Einkommen entwi­ckeln sich deutlich unter­durch­schnitt­lich. Die Bestands­mieten passen sich dieser Entwick­lung nicht an. Sie steigen zwar nicht so stark an wie in prospe­rie­renden Städten, aber ein Rückgang der Mieten ist allen­falls bei Neuver­mie­tungen zu verzeich­nen. Im Gegen­satz zu den Schwarm­städten sind hier die hohen Mietbe­las­tungs­quoten nicht durch eine prospe­rie­rende, sondern durch eine stagnie­rende oder gar retar­die­rende wirtschaft­liche Entwick­lung getrie­ben.
  • Nach dem zuvor Beschrie­benen dürften die empiri­schen Ergeb­nisse mit Blick auf die inter­per­so­nelle Einkom­mens­ver­tei­lung nicht überra­schen. Bezieher niedriger Einkommen weisen im Durch­schnitt nicht nur eine signi­fi­kant höhere Mietbe­las­tungs­quote als Bezieher höherer Einkommen auf, sondern sie leben auch generell in schlech­teren Wohnver­hält­nissen, das heißt in schlech­terer Qualität und auf kleinerer Fläche. Zudem hat eine Studie [2] für einen Zeitraum von 20 Jahren unter­sucht, inwie­weit die Ungleich­ver­tei­lung der Einkommen durch die Wohnkosten verän­dert wird. Ergebnis ist, dass die Verän­de­rungen der Wohnungs­aus­gaben die Ungleich­ver­tei­lung der Einkommen (verfüg­bares Einkommen nach Abzug der Wohnkosten) in Deutsch­land seit Mitte der 1990er Jahre verstär­ken.
Die reine Markt­lö­sung

Der Wissen­schaft­liche Beirat beim Bundes­mi­nis­te­rium für Wirtschaft und Energie hat 2018 in seinem Gutachten „Soziale Wohnungs­po­litik“ eine klassisch markt­wirt­schaft­liche Lösung vorge­schla­gen. [3]Sozial­po­li­tisch nicht vertret­bare Mietbe­las­tungen sollen durch eine reine Subjekt­för­de­rung – sprich durch (verbes­serte) Wohngeld­zah­lungen – kompen­siert werden. Die staat­liche Förde­rung des sozialen Wohnungs­baus wird ebenso abgelehnt wie eine Verschär­fung mietrecht­li­cher Regulie­rungen, insbe­son­dere die sog. Mietpreis­bremse, mit der extreme Mietstei­ge­rungen bei der Wieder­ver­mie­tung verhin­dert werden sollen.

Verbes­serte Wohngeld­zah­lungen sind grund­sätz­lich geeignet, als zu hoch empfun­dene Wohnkosten abzumil­dern. Die notwen­digen Parameter stehen im Wohngeld­ge­setz zur Verfü­gung: Mieten­stufen erlauben eine regio­nale Diffe­ren­zie­rung, Einkom­mens­grenzen eine sozial­po­li­ti­sche Diffe­ren­zie­rung und das Ausmaß des Ausgleichs entscheidet darüber, inwie­weit Anreize erhalten bleiben sollen, die Mietbe­las­tungs­quote durch ein höheres Arbeits­ein­kommen zu reduzie­ren. Voraus­set­zung für die Effizienz dieses Instru­mentes ist aber, dass die Vermieter die höheren Wohngeld­zah­lungen an ihre Mieter nicht in die Miete überwälzen können, sprich eine entspre­chend höhere Miete abver­langen können. Genau diese Voraus­set­zung erfüllt der Vorschlag des Wissen­schaft­li­chen Beirats aber nicht. Im Gegen­teil: Er plädiert für eine Deregu­lie­rung des Mietrechts, in der Hoffnung, dadurch Inves­ti­ti­ons­an­reize zu generie­ren. Alleine aufgrund der derzeit noch immer zu erwar­tenden hohen Wertstei­ge­rungen bei Immobi­lien in Städten mit angespanntem Wohnungs­markt und aufgrund der extrem günstigen Refinan­zie­rungs­be­din­gungen auf dem Kapital­markt dürfte die Ursache für unzurei­chenden Wohnungs­neubau nicht beim (immer noch recht moderaten) Mietrecht liegen, sondern vielmehr bei der unzurei­chenden Bereit­stel­lung von bezahl­barem Bauland.

Es kann nicht Aufgabe des Sozial­staats sein, als zu hoch empfun­dene Mieten dauer­haft für einen immer größer werdenden Perso­nen­kreis durch Zahlung von Wohngeld quasi herun­ter­zu­sub­ven­tio­nieren und dabei auch noch Gefahr zu laufen, dass Wohngeld­ver­bes­se­rungen zum Teil über höhere Mietfor­de­rungen abgeschöpft werden. Sozialen Wohnungsbau abzulehnen bedeutet dann aber, perspek­ti­visch auf Sicker­ef­fekte infolge der Neubau­tä­tig­keit zu hoffen. Angesichts der einge­schränkten inner­städ­ti­schen Mobilität von Mietern und der auch immer höheren Mietbe­las­tung der Besser­ver­die­nenden gehört schon eine ganze Menge Optimismus dazu, darauf zu hoffen, dass teure Neuver­mie­tungen ein Mieter­ka­rus­sell in Gang setzen, auf das Bezieher niedriger Einkommen am Ende (bei bezahl­baren Mieten) aufspringen können. Die Erfah­rungen europä­i­scher Metro­polen wie z.B. London zeigen, dass sich die unregle­men­tierte Preiss­pi­rale stetig nach oben bewegt. Eine platzende Immobi­li­en­blase könnte dagegen zu einer Preis­be­rei­ni­gung auf dem Immobi­li­en­markt führen. Die US-ame­ri­ka­ni­schen und spani­schen Erfah­rungen aus der Immobi­lien- und Finanz­markt­krise vor rund 10 Jahren vermit­teln jedoch bei niemandem eine Sehnsucht nach einer solchen Art der Markt­be­rei­ni­gung.

Schließ­lich sind unange­messen hohe Mietzah­lungen nicht nur ein vertei­lungs­po­li­ti­sches Problem. Sie beein­träch­tigen auch die räumliche Flexi­bi­lität der Arbeit­neh­me­rinnen und Arbeit­neh­mer. Das kann zu einer Fehlal­lo­ka­tion der Produk­ti­ons­fak­toren und damit gesamt­wirt­schaft­lich zu Wachs­tum­s­ein­bußen führen. Insofern ergäbe sich auch eine wachs­tumspo­li­ti­sche Recht­fer­ti­gung, in den Wohnungs­markt einzu­grei­fen.

Vergesellschaftung

In der Stadt Berlin wird zurzeit eine andere Diskus­sion geführt: nicht mehr Markt, sondern mehr Staats­ei­gentum im Wohnungs­sek­tor. Initia­tiven streben ein Volks­be­gehren an mit dem Ziel der Verge­sell­schaf­tung nach Art. 15 Grund­ge­setz von Wohnungs­bau­ge­sell­schaften mit mehr als 3.000 Wohnein­hei­ten.

Die Gründe gegen eine solche Form der Verge­sell­schaf­tung liegen auf der Hand: Mit dem Kauf wird kein neuer Wohnraum in Berlin geschaf­fen. Es ist auch nicht davon auszu­gehen, dass die Objekte unmit­telbar nach der Verge­sell­schaf­tung billiger vermietet werden, zumal die durch­schnitt­li­chen Mietpreise der beiden großen privaten Berliner Wohnungs­bau­ge­sell­schaften eher moderat sind und nur unwesent­lich über dem Durch­schnitt des Berliner Mietmarktes liegen. Bliebe also nur das Ansinnen, poten­ti­elle künftige Mieter­hö­hungen zu verhin­dern oder abzumil­dern. Eine ursache­nad­äquate Politik müsste dann aber beim Mietrecht ansetzen, zumal es mit der sogenannten Kappungs­grenze (für Bestands­mieten) und der Mietpreis­bremse (bei Wieder­ver­mie­tungen) bereits entspre­chende Instru­mente gibt, die man bei Bedarf auch nachjus­tieren könnte. Ähnli­ches gilt für den Vorwurf, dass Mieter „raus­sa­niert“ oder durch unter­las­sene Instand­hal­tung „raus­ge­ekelt“ würden. Wenn so etwas legal funktio­niert, dann muss das Recht geändert werden und nicht die Eigen­tums­ver­hält­nisse. Es gibt ohnehin gute Gründe, bestimmte Regel­ver­stöße im Mieter-­Ver­mie­ter-­Ver­hältnis als Wirtschaftss­traf­sache zu behan­deln und nicht nur ordnungs­recht­lich zu ahnden.

Schließ­lich bleibt unklar, warum mieterun­freund­li­ches Verhalten ausge­rechnet bei der 3.000sten Wohnein­heit beginnen soll. Es ist nicht erkennbar, dass kleinere Gesell­schaften oder die große Zahl privater Vermieter sich signi­fi­kant anders oder mieter­freund­li­cher verhalten als die großen. Wenn das stimmt, ist der Vorwurf der Willkür nur schwer auszu­räu­men.

Ordnungs­po­li­ti­sche Grund­sätze haben in der Markt­wirt­schaft keinen Selbst­zweck, sie sind nicht sakro­sankt. Wenn man sie willkür­lich verletzt, können sie aber – Stich­wort Vertrau­ens­schutz von Inves­toren – erheb­li­chen Schaden anrich­ten. Wenn es großen Wohnungs­ge­sell­schaften gelingen sollte, sich Wettbe­werbs­vor­teile gegen­über konkur­rie­renden Mitbe­wer­bern zu verschaffen und diese dann zulasten der Mieter auszu­nutzen, dann ist das eine Frage des Wettbe­werbs­rechtes und nicht von Art. 15 Grund­ge­setz.

Die pragma­ti­sche Lösung

Wenn die radikalen Lösungen nicht taugen, muss man auf die pragma­ti­schen zurück­grei­fen. Will man eine als zu hoch empfun­dene Mietbe­las­tungs­quote von Bezie­hern niedriger Einkommen kurzfristig signi­fi­kant senken, ist tatsäch­lich eine Reform des Wohngeldes das Mittel der Wahl. Es wirkt sofort, wenn es durch entspre­chende mietrecht­liche Lösungen begleitet wird, die verhin­dern, dass Vermieter die höheren Wohngeld­zah­lungen in Form höherer Mieten abschöp­fen. Perspek­ti­visch können Wohngeld­zah­lungen aber nicht der Repara­tur­be­trieb für Defizite auf dem Arbeits­markt oder im Renten­system sein. Mittel- bis langfristig greift eine reine Subjekt­för­de­rung ohnehin zu kurz. Es muss neuer und zugleich bezahl­barer Wohnraum geschaffen werden. Das funktio­niert nicht von heute auf morgen, muss aber heute begonnen werden, damit der Wohnraum morgen zur Verfü­gung steht.[4]

Sozial geför­derte Wohnungs­be­stände sind in den letzten Jahren drastisch zurück­ge­gan­gen. Es liefen viel mehr Belegungs­bin­dungen aus als neuer sozialer Wohnraum geschaffen wurde. Die Gründe waren falsche demogra­fi­sche Erwar­tungen, der Trend zu Single­haus­halten und vor allem die unzurei­chenden Förder­be­din­gun­gen. Der soziale Wohnungsbau bleibt vor allem in Wachs­tums­re­gi­onen ein wichtiges Element der Wohnungs­po­li­tik. Die Förder­struk­turen müssen den Zinsbe­din­gungen auf den Finanz­märkten angepasst werden. Kommunen müssen über Konzept­ver­gaben und Sozia­l­quoten ihren Einfluss beim Verkauf oder besser noch bei der Vergabe von Baugrund­s­tü­cken im Wege des Erbbau­rechtes nutzen.

Langfristig wird entschei­dend sein, ob für die Kommunen Rahmen­be­din­gungen geschaffen werden, um in ihren Städten – insbe­son­dere im Bereich der Innen­ent­wick­lung – zusätz­li­chen bezahl­baren Wohnraum zu schaf­fen. Im Kern geht es um eine neue Boden­po­li­tik. Boden­ver­füg­bar­keit entscheidet nicht nur über die Gestal­tungs­fä­hig­keit der Kommu­nen. Boden ist auch der größte Preis­treiber auf dem Immobi­li­en­markt. Das Deutsche Institut für Urbanistik hat gemeinsam mit dem Bundes­ver­band für Wohnen und Stadt­ent­wick­lung eine „Boden­po­li­ti­sche Agenda“ entwi­ckelt, die konkrete und praxis­o­ri­en­tierte Maßnahmen aufzeigt.[5]

CARSTEN KÜHL Jahrgang 1962, Prof. Dr. rer. pol., Wissen­schaft­li­cher Direktor und Geschäfts­führer am Deutschen Institut für Urbanistik gGmbH in Berlin und Köln.

Anmerkungen:

[1] Lebhuhn, Henrik et al. 2017: Wohnver­hält­nisse in Deutsch­land – eine Analyse der sozialen Lage in 77 Großstädten, Düssel­dorf, Berlin; Holm, Andrej et al. 2019: Die Wohnsi­tua­tion in deutschen Großstädten – 77 Wohnpro­file, Düssel­dorf, Berlin; Dustmann, Chris­tian et al. 2018: Housing Expen­di­ture and Income Inequa­lity, IZA Paper Nr. 11953, Bonn

[2] S. Dunst­mann et al. 2018 (Anm. 1).

[3] Wissen­schaft­li­cher Beirat beim Bundes­mi­nis­te­rium für Wirtschaft und Energie 2018: Soziale Wohnungs­po­litik, Berlin

[4] S. dazu auch den Beitrag von Gerhardt in diesem Heft.

[5] Deutsches Institut für Urbanistik (Difu) et al. 2017: Boden­po­li­ti­sche Agenda 2020-2013, Berlin

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