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Die Kirchen als Instru­mente und Legiti­ma­toren der Wieder­auf­rüs­tung der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land

06. November 1991

aus: ders., Zur religi­ösen Legiti­ma­tion der Staats­ge­walt in der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land, Tübingen 1991, S. 35-48

Auf Dauer gesehen sind die Forde­rungen der Kirchen insge­samt nicht unwirksam geblie­ben. Das hat die Kirchen ermutigt sich mit immer neuen Forde­rungen an die staat­li­chen Organe zu wenden. Bald nach der Gründung der Bundes­re­pu­blik jedoch sollte der Staat seiner­seits in die Lage kommen, seiner­seits auf Gegen­leis­tungen der Kirchen zurück­zu­grei­fen. Nach dem Zusam­men­bruch des staats­po­li­ti­schen und bürger­lich-­sol­da­ti­schen Ideale des Dritten Reiches misstrauten die Bürger allen staat­li­chen Kundga­ben. Im ersten Schock der Nieder­lage hatten fast alle beteuert, keinem obrig­keit­li­chen Befehl mehr blind gehor­chen zu wollen. Die öffent­li­chen Insti­tu­ti­onen der Besat­zungs­mächte abhängig und auf die wohlwol­lende Unter­stüt­zung der Kirchen angewie­sen: In allen Angele­gen­heiten und aller­orten bedurften die neuen, oft unkun­digen und überfor­derten Verwal­tungs­or­gane der kirch­li­chen Protek­tion. Da sie anfangs auch keine demokra­ti­sche Legiti­ma­tion besaßen vielmehr von den Beset­zungs­mächten einfach – willkür­lich – einge­setzt waren, verschaffte ihnen die Zustim­mung und die Unter­stüt­zung der kirch­li­chen Funkti­o­näre das notwen­dige Vertrauen der irritierten Bevöl­ke­rung. Jeder Bürger­meister brauchte die Koali­tion mit dem Pfarrer der tradi­ti­o­nellen lokalen Mehrheits­kon­fes­sion. Ob bei der Wieder­ein­rich­tung der Kinder­gärten oder Schulen jegli­cher Art, ob bei der Betreuung der Flücht­linge und Heimkehrer, der Vertei­lung von Hilfs­gü­tern auslän­di­scher Organi­sa­ti­onen oder der Auswahl von Personen für öffent­liche Ämter, alles lief über kirch­liche Agentu­ren. Je mehr die alliierten Truppen sich bei den Regie­rungs­ge­schäften in den Hinter­grund zurück­zogen, umso mehr wurden die kirch­li­chen Amtsträger zu Legiti­ma­ti­ons­ver­mitt­lern für hoheit­liche Maßnahmen und zu Loyali­täts­be­schaf­fern. Kurz nach der Gründung der Bundes­re­pu­blik begann, begüns­tigt durch den Ausbruch des Korea­krieges im Jahr 1950, die Adenau­e­r-Re­gie­rung unter nachdrü­ck­li­cher „Ermun­te­rung der Nestal­li­ierten die Wieder­be­waff­nung vorzu­be­rei­ten. Am 26. Oktober 1950 – also nur dreizehn Monate nach Berufung der ersten Bundes­re­gie­rung – wurde das sogenannte „Amt Blanko als Vorläu­fer­organ des späteren Vertei­di­gungs­mi­nis­te­riums gegrün­det. Viele Deutsche hatten angesichts des erlebten Grauens im Krieg und durch­stan­dener Ängste und Schmerzen geschworen, niemals wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen. Die Meisten wollten keine Soldaten und schon gar nicht selbst Soldat werden. Aller­dings gab es auch eine keines­wegs geringe Gruppe von Berufs­sol­daten, die nichts anderes als dieses Handwerk gelernt hatten. Sie standen als Kader für die Wieder­be­waff­nung der Bundes­re­pu­blik zur Verfü­gung. Angesichts dieses Zwiespalts in dem sich die Bevöl­ke­rung der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land befand, kam die große Stunde der Kirchen: Hatten die Bischöfe noch vor fünfein­halb Jahren „für Führer und Vater­land“ beten lassen, so wurde auch jetzt wieder das alte Schre­ckens­bild des „gott­losen Bolsche­wismus“ beschworen, gegen das die Christen wachsam sein und rasch rüsten müssten, sollte das Abend­land nicht von den kommu­nis­ti­schen Horden überrannt werden. Zwar hatten Hundert­tau­sende Deutsche die Gewalt­taten der Roten Armee zu Ende des Zweiten Weltkriegs persön­lich zu spüren bekommen, und hatten nicht wenige die furcht­baren Begeg­nungen noch nicht verwunden, doch wollten die ‚meisten diese Wunden heilen und die Herzen gesunden lassen. Sie wollten Frieden und keine Rache. Remili­ta­ri­sie­rung war nicht gefragt, nachdem gestern noch alle Deutschen als Milita­risten gescholten worden waren. Also durften jetzt die Kirchen, die mit ihren Gebeten seit dem 19. Jahrhun­dert die preußi­sche Aufrüs­tung und danach die Rüstung des Deutschen Reiches sowie schließ­lich Hitlers Wieder­be­waff­nung begleitet hatten, auch diesmal helfen. Und sie taten es ausge­spro­chen gern, denn es ent sprach ihrer tiefsten Überzeu­gung: „Wer betet, zittert nicht“, dieser Spruch des vom katho­li­schen Militä­r­bi­schof­samt (1967)  heraus­ge­ge­benen Düchleins „Komm gut durch“ bringt es auf den Begriff: Religion, diese Religion, eine solcher­maßen vermit­telte Religion, ersetzt im Notfall Valium. Diese Religion ist gewis­ser­maf5en die geborene Verbün­dete jeder aufrüs­tungs­wil­ligen Regie­rung wie auch sicher­heits­be­dürf­tiger Landes­re­gie­run­gent). Nichts dürfte mit dem Chris­tentum vom emoti­o­nalen Ansatz her so harmo­ni­sieren wie die solda­ti­schen Tugenden des blinden Gehor­sams und der strikten Ordnung, des tapferen Drein­schla­gens und der uniformen Gefolg­schaft (vgl. 55. 2f.; 13f.). Dem entspricht auch die formale Überein­stim­mung dieser beiden hiera­r­chisch gestuften Herrschafts­ge­bil­den. Auf dem Hinter­grund der jesua­ni­schen Lehre mag das erstaun­lich erschei­nen. Dennoch ist festzu­stellen, dass das Chris­tentum eine durch­gän­gige Affinität zum Solda­ten- und Kriegs­wesen sowohl in seiner ideolo­gi­schen Grund­le­gung als auch in seiner religi­ösen Sprech­weise hat: Es gab seit alters­hehr Bischöfe als Heerführer und es gab Kreuz­züge, Ritter­orden und die kirch­liche Legiti­ma­tion der Kriege als „gerechte‘ Unter­neh­mun­gen. Das kirch­lich-hi­er­a­r­chi­sche System, mit seinen repres­siven Mecha­nismen bis ins Innere des Indivi­duums, setzt notwendig nach außen lenkbare Aggres­si­ons­po­ten­tiale frei. Wer sich weigert, als Soldat zu töten, wer deser­tiert – von welch mörde­ri­schem Heer auch immer – wurde von den christ­li­chen Kirchen geächtet und bestraft; nicht dagegen jener, der „seine Pflicht erfülle“ und mordete. Für die Aufrüs­tungs­pläne der Bundes­re­gie­rung als Erfül­lungs­ge­hilfin der Westal­li­ierten war angesichts der breiten Ableh­nung jeder Remili­ta­ri­sie­rung in der deutschen Öffent­lich­keit die Unter­stüt­zung der Kirchen lebens­not­wen­dig. Bejahte als erste gesell­schaft­liche Großgruppe die katho­li­sche Kirche die Wieder­be­waff­nung (Morsey 1965. 1026), so führten die Ausein­an­der­set­zungen um die Militär­seel­sorge auf der evange­li­schen Synode beinahe zu deren Bruch. Nach trick­rei­chen Manövern gelang es den, der formalen Militär­seel­sorge zugetanen Kirchen­lei­tungen und Kirchen­be­amten – oft ehema­ligen Wehrmachts­pfar­rern – entgegen einem Beschluss vom 29.6.1956, mit der Militär­seel­sorge dilato­risch zu verfahren, die Synode der EKD am 8.3.1957 dazu zu bewegen, dem Militär­seel­sor­ge­ver­trag zuzustim­men. Der Rat der EKD hatte nämlich bereits am 22.2.1957 den Vertrag unter­zeichnet(Müller-Kent, 1990, 77-84; Mutius 1960, 946). Damit hatten sich die Kirchen einmal mehr als die besten Verbün­deten der westli­chen Alliierten und des militä­ri­schen Gedan­kens erwie­sen. Die katho­li­sche Kirche zumal erklärte noch bis in die Zeit des II. Vatika­ni­schen Konzils (bis 1965) die Kriegs­dienst­ver­wei­ger­urig für Katho­liken als eitlen Verstoß gegen die objek­tive Ordnung und als Ungehorsam gegen die kirch­liche Lehre; sie konnte höchs­tens als Ausdruck des irrigen Gewis­sens eines Indivi­duums -tole­riert werden).Die „Wieder­her­stel­lung“ der katho­li­schen Militär­seel­sorge in der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land wurde am 4.2.1956 durch ein Dekret des II1. Stuhls mit der Ernen­nung eines Militä­r­bi­schofs definitiv abgeschlos­sen. Die Militär­seel­sorge ist „exemt“, also von der Juris­dik­tion des jeweils zustän­digen Ortsbi­schofs ausge­nommen und wird von einem Militär­ge­ne­ra­l­vikar bzw. auf evange­li­scher Seite von einem Militär­ge­ne­ral­dekan im Generals­rang gelei­tet. Die übrigen Militär­geist­lichten sind Beamte auf Zeit und werden vom Militä­r­bi­schof­samt bzw.Mi­li­tär­kir­chenamt, oberen Bundes­be­hörden die direkt dem Bundes­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium nachge­ordnet sind, jeweils bestimmten militä­ri­schen Komman­do­stellen zugeordnet (Niermann 1987, 1157). Diese insti­tu­ti­o­nelle Verzah­nung von weltli­cher Militär­macht und geist­li­cher Herrschaft ist eindeutig verfas­sungs­widrig (Fischer,319ß4. 253f.). Im militä­ri­schen Bereich sind nämlich staat­liche Behörde und kirch­li­cher Auftrag unlös­lich mitein­ander verquickt insofern einer­seits die kirch­li­chen Insta­nzen staat­liche Aufgaben wahrnehmen und anderer­seits die kirch­liche Verkün­di­gung mit staat­li­cher Hoheits­macht ausge­stattet ist und nach staat­lich-­mi­li­tä­ri­schen Regeln durch­ge­führt wird. Der von den Geist­li­chen beider Konfes­si­onen zu ertei­lende „lebens­kund­liche Unter­richt) eben so wie die Eides­un­ter­wei­sung, sin militä­ri­sche Pflicht­ver­an­stal­tun­gen. Die Militär­seel­sorge muss somit als Ort und Instru­ment religi­öser Motiva­ti­ons­bil­dung für auf andere Weise, etwa durch Politi­sche Argumen­ta­tion offenbar nicht zu vermit­telnde Legiti­ma­ti­onss­piele herhalten, (vgl.: Bamberg 1974, 145-154). Insbe­son­dere im Bereich der „Inneren Führung‘ war die Militär­seel­sorge von Anfang an als legiti­ma­to­ri­scher Bestand­teil gegen­über der Gesell­schaft und als stabi­li­sie­rendes und motivie­rendes Element in der Truppe geplant. Graf Baudissin hatte 1953 in seinem Entwurf „Lebens­kund­li­cher Unter­richt im Rahmen der Aufgaben des Militär­seel­sor­gers“ vorge­sehen, dieser Unter­richt sollte dem (wehrpflich­tigen!) Soldaten zu einer positiven Einstel­lung zum Vertei­di­gungs­auf­trag der Bundes­wehr verhel­fen: „Dadurch wird jede Verzer­rung, beson­ders die bolsche­wis­tisch materi­a­lis­ti­sche, in ihrem folgen­schweren Irrtum durch­schaubar werden und das Bewusst­sein uni den Wert unserer Lebens­ord­nung sich festi­gen. Dies wird damit…zur unabding­baren Voraus­set­zung für die
Bereit­schaft zur militä­ri­schen Abwehr.“ (Zitiert nach Müller-Kent,). Darum sollte der Seelsorger diesen Unter­richt nicht als Seelsorger, sondern als Angehö­riger Der Streit­kräfte „im Auftrag des für die Gesam­ter­zie­hung seiner Einheit allein verant­wort­li­chen Komman­deurs‘ geben (Müller-Kent, 65). Der Verhand­lungs­führer der katho­li­schen Seite mit der Bundes­re­gie­rung. Prälat Herth­mann23), setzte sich für eine möglichst starke und unabhän­gige Position des Militär­seel­sor­gers ein, wollte aber den dienst­li­chen Charakter der „Kaser­nen­stunden“ gewahrt wissen, da freiwil­lige Regelungen sich im militä­ri­schen Bereich kaum durch­setzen konnten‘ (sic!) (Memorandum für eine Militär­seel­sorge für etwaige deutsche Einheiten im Rahmen der Europä­i­schen Vertei­di­gung vom 29.1.1952, 151f.) (zitiert nach: Müller-Kent, 66). Der zweite Verhand­lungs­führer auf Seiten der katho­li­schen Kirche, Prälat Döhler, lehnte jeden überkon­fes­si­o­nellen und für jeden Soldaten verpflich­tenden Unter­richt ab und forderte eine konfes­si­o­nelle Ausrich­tung, da sonst „allzu leicht der Eindruck (entstehe), als ob dem Militär­geist­li­chen die Rolle eines militä­ri­schen An- und Eintrei­bers zufallen würde“ (zitiert nach: Müller-Kent 66). Es waren also weniger grund­sätz­liche Bedenken als vielmehr takti­sche Überle­gungen, die zu einer gewissen Behut­sam­keit ratn ließen. Der schlus­s­end­lich zwischen den Kirchen und der Bundes­re­gie­rung erzielte Kompro­miss ist in der zentralen Dienst­vor­schrift 66/2 (1959) formu­liert: Der lebens­kund­liche Unter­richt „hat die Aufgabe, dem Soldaten Hilfen für sein tägli­ches leben zu geben und damit einen Beitrag zur Förde­rung der sittli­chen, geistigen und seeli­schen Kräfte zu leisten, die mehr noch als fachli­ches Können den Wert des Soldaten bestim­men… Er soll dem Einzelnen die Quellen zeigen, die dem Leben Sinn geben, und zu Ordnungen hinführen, durch die die Gemein­schaft lebens­werte und damit vertei­di­gungs­wert wird.“
Das Problem der Freiwil­lig­keit der Teilnahme am Unter­richt wurde so gelöst, dass der Unter­richt während der Dienst­zeit statt­findet und alle Soldaten teilzu­nehmen haben; wenn sich jemand „nach gründ­li­cher Überle­gung“ zur Abmel­dung entschließt, ist für ihn entspre­chende Selbst­be­schäf­ti­gung anzuset­zen. Auch für das Konfes­si­ons­pro­blem wurde eine ein-ver­nehm­liche Lösung gefun­den: Während die Mannschaften konfes­si­o­nell getrennt unter­wiesen werden (sollen), findet der Unter­richt für Offiziere und zum Teil für Unter­of­fi­ziere überkon­fes­si­o­nell in Arbeits­ge­mein­schaften statt (Müller-Kent 68). In der Praxis werden dieje­nigen, die an diesem Unter­richt nicht teilnehmen, meist nicht zur „entspre­chenden Selbst­be­schäf­ti­gung‘ abgeordnet, sondern zu beson­ders unange­nehmen Dienst­leis­tungen heran­ge­zo­gen.
Es dürfte kein Zweifel bestehen, dass der lebens­kund­liche Unter­richt tatsäch­lich – wie Graf Baudissin es gewollt hatte „eindeutig eine militä­ri­sche Erzie­hungs­auf­gabe“ wahrnimmt (Müller-Kent, 65).
Mit der katho­li­schen Kirche war die Bundes­re­gie­rung – wie darge­stellt – recht kompli­ka­ti­onslos einig gewor­den. In der Sache bestanden kaum Diffe­ren­zen: Vertei­di­gungs­auf­trag und Vertei­di­gungs­ziel waren die gleichen geblieben wie bei der ehema­ligen Deutschen Wehrmacht. Es ging für die katho­li­sche Seite im wesent­li­chen um die Siche­rung möglichst günstiger Positi­o­nen. Aufgrund des Art. 27 Abs. 4 des Reich­kon­kor­dats von 1933 wurde bereits am 4.2.1956 durch Dekret des III. Stuhls die Militär­seel­sorge mit Ernen­nung des ersten römisch­ka­tho­li­schen Militä­r­bi­schofs für die Bundes­wehr errich­tet. Einzel­heilen wurden erst später, am 31.7.19G5, von Papst Paul Vt. im Einver­nehmen mit der Bundes­re­gie­rung durch Erlass der Statuten für die Seelsorge in der Deutschen Bundes­wehr geord­net. Die evange­li­sche Seite war dadurch in eine gewisse Zwangs­lage geraten. Wenn eine katho­li­sche Militär­seel­sorge existierte, durfte eine legale Grund­lage für eine evange­li­sche nicht fehlen. Wie oben angedeutet, war die Opposi­tion in den evange­li­schen Kirchen gegen den Militär­seel­sor­ge­ver­trag im März 1957 zusam­men­ge­bro­chen. Die einlen­kende Opposi­tion glaubte, wie Bischof Jacobi seine nunmeh­rige Zustim­mung begrün­dete: „Hier tut sich eine missi­o­na­ri­sche Möglich­keit auf, die Möglich­keit den leben­digen Gott und seinen Sohn den jungen Menschen in Uniform zu verkün­digen und diese Möglich­keit ergreifen wir ohne theolo­gi­sche Pauken und Trompeten, sondern schlicht und sorgsam und sehr besorgt. „Müller-Kent, 108). Was im Klartext wohl nichts anderes heißt: Wir wissen, dass wir Staat, Politik und Militär den unschätz­baren  Dienst  emoti­o­naler Stabi­li­sie­rung leisten (müssen bzw. dürfen), da wir für die Legiti­ma­tion des Krieges und die Loyalität der Soldaten sorgen. Wir tun das, weil wir darin die einzige Chance sehen nach der Konfir­ma­tion noch junge Männer unter unsere Kanzeln zu bekom­men. So wurde die Etablie­rung der Militär­seel­sorge tatsäch­lich zur bedeut­samen ökume­ni­schen Legiti­ma­tion der deutschen Streit­kräfte (Müller-Kent 111). Sie war ‚keines­wegs nur „Dienst der Kirche unter den Soldaten“, sondern – in erster Linie – Unter­stüt­zung der Insti­tu­tion Bundes­wehr: Sie legiti­miert die Abschre­ckungs­po­litik, hilft bei der inneren Führung und kämpft nachdrü­ck­lich, wenn auch nicht beson­ders erfolg­reich gegen die Folgen des gesell­schaft­li­chen Werte­wan­dels und gegen die sinkende Wehrmo­ti­va­tion unter den Soldaten (Müller-Kent, 402). Die evange­li­schen Kirchen sind synodal organi­siert. Die Synoden kontrol­lieren und normieren die Arbeit der Kirchen­lei­tun­gen. Die evange­li­sche Militär­seel­sorge dagegen wurde und wird von keinem kirch­lich-­syn­odalen Organ kritisch beglei­tet. Wenn es auch in der katho­li­schen Kirche keine ähnli­chen Organe gibt, so existieren doch wenigs­tens sogenannte Diöze­san- bzw. Pasto­ral­räte als beratende Organe der Bischöfe bzw. Pfarrer. Diese Organe sind im Bereich der Militär­seel­sorge auf den militä­ri­schen Bereich allein beschränkt. Es gibt keinen Einfluss der „Zivil­kirche“ auf die bürokra­tisch-hi­er­a­r­chisch organi­sierte Militär­seel­sorge.
Im Gegen­teil: Militä­r­ad­mi­nis­tra­tion und Militä­r-­Seel­sorger“ sind nach wie vor bemüht unlieb­same zivile Einflüsse äut5en­vor­-­zu­halLen und die durch die Militär­seel­sorge vermit­telte militä­ri­sche Prägung zu Gehorsam und Opfer­be­reit­schaft als vorbild­lich für die gesamte Gesell­schaft hinzu­stel­len. Graf Castell – Rüdes­hausen (Militär­dekan seit I968) formu­liert das geradezu symbi­o­ti­sche Zusam­men­wirken zwischen staat­lich-­mi­li­tä­ri­scher und kirch­lich-re­li­gi­öser Autorität im Jahr 1984 treff­lich, wenn er sagt: „Indem die Kirche in die Bundes­wehr Pfarrer entsendet, vermit­telt sie z.b. den wichtigen Wert „Soli­da­rität“… Kirche übt Solida­rität und legiti­miert und stabi­li­siert damit den Auftrag der Bundes­wehr.“(Müller-Kent, 390).
Das die evange­li­schen Kirchen in der ehema­ligen DDR – insbe­son­dere seit 1957 – eine geist­liche Daseins­weise entwi­ckelt haben, die sich keines­wegs als unpoli­tisch, sondern als öffent­lich-­kri­ti­sche Beglei­tung der politi­schen Gewalt versteht, hat ihnen ihre beson­dere, ihre wahre Freiheit ermög­licht und neue geist­liche Kraft gegeben. Diesen Entwick­lungs­vor­sprung vermögen westdeut­sche Militä­r­bü­ro­kraten und Militär­geist­liche offen­sicht­lich nicht zu verste­hen. Der Leiter der ostdeut­schen Außen­stelle des Bundes­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­riums, Werner Ablaß, forderte im November 1990 die (evange­li­schen) Kirchen der neuen Bundes­länder auf, ihre Ableh­nung der geplanten Übernahme des bundes­re­pu­bli­ka­ni­schen Militär­seel­sor­ge­ver­trages zu überprü­fen. Die (evange­li­schen) Kirchen seien – so meinte er – in alten Denkstruk­turen verhaftet (Frank­furter Rundschau vom 8.11. 1990). Es wäre zu überprüfen, ob nicht die westdeut­sche Auffas­sung den alten Denkstruk­turen entspricht und die ostdeut­sche neues religi­öses Leben und eigenes Selbst­ver­ständnis signa­li­siert. – Wie sehr die westdeut­sche Militä­r­füh­rung einer vorde­mo­kra­ti­schen Einheit von Kanone und Altar verhaftet zu sein scheint, beleuchtet eine Presse­mel­dung (Südwest­presse vom 6.4.1991). Danach soll der Chef des Bundes­wehr­kom­mandos Ost, General­leut­nant Jörg Schön­bohm bei seinen Antritts­be­su­chen bei den evange­li­schen Bischöfen – warum macht er die eigent­lich? – sagen: „Herr Bischof, hiermit biete ich Ihnen eine atheis­ti­sche Armee zur Missio­nie­rung an.“ Wenn dieses nicht nur ein schlechter Scherz ist, dürfte eine solche Redensart nicht nur eine grobe Geschmack­lo­sig­keit sein, sondern eine schwer­wie­gende Verlet­zung unseres Grund­ge­set­zes. Wo bleiben hier die Hüter der Verfas­sung? Die (evange­li­schen) Christen in der ehema­ligen DDR haben erfahren, da „jeder Christ, der vor die Frage des Wehrdienstes gestellt ist, prüfen muss, ob seine Entschei­dung mit dem Evange­lium des Friedens zu verein­baren ist.“ (Friedens­pa­pier der Bundes­synode „Bekennen in der Friedens­frage“ von 1987). In der DDR war beken­nendes Chris­tentum Pazifismus“. Die Synode des Evange­li­schen Bundes der Kirchen der (ehema­ligen) DDR hat darum – ohne Gegen­stimme, bei einer Enthal­tung – im September 1990 einer Auswei­tung des westdeut­schen Militär­seel­sor­ge­ver­trages eine Absage erteilt. Sie bekannte sich damit ausdrü­ck­lich zu ihrem Beschluss von 1987 (vgl.: A. Noack, in: Frank­furter Rundschau vom 7.11. 1990). Auf der EKD-Synode „in Trave­münde im November 1990 sind auch von westdeut­schen Synodalen die Wünsche der ostdeut­schen auf Revision des Militär­seel­sor­ge­ver­trages unter­stützt worden. Zwar steht für den Rat der EKD der Vertrag nicht zur Dispo­si­tion, doch ist die Debatte auch in den westdeut­schen Landes­kir­chen neu entfacht. Der Ausgang dieser Diskus­sion bleibt abzuwar­ten. Vermut­lich werden die westdeut­schen Kirchen von der ihnen lieb und vor allem teuer gewor­denen Einheit von Thron und Altar, von Heer und Pastor, nicht lassen wollen. Am Ende könnte es noch gar die Kirchen­steuer kosten: Und was dann? Mir steht es nicht an, darüber zu speku­lieren, was dann geschehen könnte. Darum sei nur ein kurzer Rückblick auf die evange­li­schen Kirchen in der ehema­ligen DDR gestat­tet: Sicher, sie waren einge­quetscht zwischen staat­lich partei­li­cher Kontrolle und den wohlmei­nenden Ratschlägen der reichen westdeut­schen Landes­kir­chen, an deren finan­zi­ellem Tropf sie hingen. Dennoch haben sie in dieser schein­baren Einge­engt­heit ihre geist­liche Freiheit und ihre eigene christ­liche gemeind­liche Identität gefun­den. Sie erfuhren unter äußerer Behin­de­rung etwas von der „Frei­heil der Kinder „Gottes“ in ganz neuer, vielleicht erstma­liger Form und überwäl­ti­gender Stärke. Eine Stärke, die endlich die vom Stasi-­Staat geschürte Verein­ze­lung, die ohnmächtig machende Angst überwinden konnte und die geballte Gewalt des Spitzel- und Partei­en­staates schließ­lich ins Wanken brachte. Zwar war es nur eine kleine Gemeinde, eine geringe Zahl; aber diese wenigen Menschen hatten die Freiheit erlernt und die Angst besiegt. Kein Wunder, dass auch jetzt die Herrschenden vor dieser kleinen, armen und wehrlosen Gemeinde bangen: Das partei­in­terne Papier des Evange­li­schen Arbeits­kreises der CDU/CSU über den Umgang mit den (evange­li­schen) Kirchen vom Herbst 1990 (Frank­furter Rundschau vom 5.10.1990) zeigt, die angst­volle Strategie der C-Par­teien zur Neutra­li­sie­rung dieser geist­li­chen Kraft: Durch Betei­li­gung an den Macht­struk­turen und finan­zi­ellen Ressourcen (= Kirchen­-­Steuer) sind die Kirchen der demokra­ti­schen Gesell­schaft, gegen die Wider­stand grund­sätz­lich verwerf­lich ist, zu integrie­ren. Vorzüg­lichstes Mittel der Integra­tion in die neuen staat­lich-­ge­sell­schaft­li­chen Macht­struk­turen ist die Militär­seel­sorge. In ihr sind staat­liche Gewalt und geist­liche Autorität zur univer­salen Herrschaft in vorde­mo­kra­ti­scher und vorauf­ge­klärter Manier verschmol­zen. In ihr sind verflos­sene Macht-, Gesell­schafts- und Herrschafts­vor­stel­lungen lebendig geblie­ben: Sie passen heute genauso wenig in eine freiheit­lich-­de­mo­kra­ti­sche Gesell­schaft wie vor vierzig Jahren. Sie sind obsolet gewor­dene Relikte einer staats­kir­chen­recht­li­chen Menta­lität die unter der Verfas­sung des Grund­ge­setzes keinen Ort haben können. Sie offen­baren ein autori­täres Verständnis, das Art. 4 des GG in sein Gegen­teil zu verkehren droht. Es ist zu wünschen, dass jene kleinen Teile der evange­li­schen Gemeinden der ehema­ligen DDR, die die „Wende“ angestoßen, erbetet, erlitten und erstritten haben, nicht nach dem Sieg über eine unchrist­liche Gewalt­herr­schaft nun von einer christ­li­chen Herrschafts­ge­walt auch noch um ihr geist­li­ches Selbst­ver­ständnis und ihre christ­liche Identität gebracht werden, nachdem ihnen die politi­schen Früchte bereits abgejagt wurden. Sie hatten die Verhei­ßung Mariens an sich erfah­ren:

  • „Macht hat er geübt mit seinem Arm und zerstreut, die stolzen Herzens sind. Herrscher hat er vom Thron gestürzt. Niedrige aber erhoben.“ (Lk 1, 52-53).

Sie hatten die Macht der Ohnmäch­tigen erfahren, weil sie nichts hatten als ihren Glauben an ihre eigene Stärke, weil sie gelernt hatten, ohne Angst zu leben, da sie nichts zu verlieren hatten. Darum waren sie frei: Wer Angst hat, ist unfrei; er Ist Gefan­gener seiner Besitz­tümer, er ist erpress­bar. Die Kirchen in der Bundes­re­pu­blik sind reich; sie haben viel und vieles zu verlieren; sie verlieren vor allem auch Kirchen­steu­er­zah­ler. Darum haben Sie Angst. Die Gläubigen nämlich haben sie zum großen Teil bereits verlo­ren. Die leben Ihren Glauben ohne die mächtigen Seelen­hü­ter. die gewalt­tä­tigen Glaubens­wächter und die frommen Unter­drü­cker der Freiheiten der Chris­ten­menschen. Es hat seinen guten Grund, dass der republi­ka­nisch-­de­mo­kra­ti­sche Staat wesent­lich ein Rechts­s­taat ist und ein Gebilde, in dem staat­liche Herrschaft und religiöse Autorität vonein­ander getrennt sein, in dem Glaubens-, Gewis­sens- und Infor­ma­ti­ons­frei­heit herrschen sollen. No die Bereiche der bürger­li­chen Rechte und Pflichten mit dem Glauben des Einzelnen und der geist­li­chen Macht religi­öser Organi­sa­ti­onen inein­ander fliesen, sind sowohl die bürger­li­chen Rechte der Menschen als auch die Freiheit der Religion gefähr­det. Religion wird dann zur Sklavin der Staats­ge­walt: Die diesbe­züg­li­chen Beispiele reichen von der russi­schen Kirche unter den Zaren zur protes­tan­ti­schen Kirche in Preußen und Württem­berg, vom Kirchen­staat des macht­po­li­ti­schen Papst­tums bis zu Musso­lini, vom katho­li­schen Stände­staat Schusch­niggs zu Francos terro­ris­ti­schem Gottess­taat. Im islami­schen Bereich sind – aller­dings in einem gänzlich anderen gesell­schaft­li­chen und ökono­mi­schen Kontext – Iran, Libyen und Saudi-A­ra­bien, in sich freilich sehr unter­schied­liche Formen funda­men­ta­lis­ti­scher Herrschaft, Beispiele für eine innige, der mensch­li­chen Freiheit und der persön­li­chen Verant­wor­tung und Entfal­tungs­mög­lich­keit abträg­li­chen Verquik­kung von politi­scher Herrschaft mit religi­öser Autori­tät… Dadurch wird diese umfas­sende Autorität schnell zu einer menschen­ver­ach­tenden, die Völker terro­ri­sie­renden Gewalt. Vom Staat beige­trie­bene Kirchen­steuer und die staat­lich organi­sierte Militär­seel­sorge sind darum nicht nur unter verfas­sungs­the­o­re­ti­schen Gesichts­punkten als unzuläs­sige Verqui­ckungen des politisch-welt­li­chen mit dem religi­ös­kirch­li­chen Bereich abzuleh­nen. Sie sind in einem freiheit­li­chen Staat nicht nur system­widrig, sondern sie sind eine ständige Gefahr sowohl für die Freiheit der Bürger als auch für die Religion, als einer eigenen – mögli­chen – geist­li­chen Dimen­sion mensch­li­cher Würde.