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Edito­rial

aus vorgänge Nr. 170: Rückkehr der Bürgerlichkeit, S. 1-2

Politische Gezeitenwechsel kündigen sich in gesellschaftlichen Phasenverschiebungen an. Dieses eherne Gesetz politischen Wandels galt auch bei der Bundestagswahl vom 18. September. Zwar blieb der prognostizierte Triumph des bürgerlichen Lagers aus, doch das Ende der rot-grünen Ära könnte – trotz Merkels Verlusten – ein Anfang für die bürgerlichen Parteien sein. Vorschnell riefen Lafontaine, Gysi und Konsorten eine „linke Mehrheit“ im Lande aus: Die Grünen waren und sind, parteiensoziologisch betrachtet (und in diesem Heft analysiert), längst verbürgerlicht, auch wenn sich das politisch (noch) wenig auswirkt.

Die gesellschaftlichen Koordinaten verschieben sich jedenfalls seit Jahren. Im Rückblick wird man sich dereinst über die Paradoxie Gedanken machen, dass das rot-grüne Lager, kaum an der Regierung, allmählich die kulturelle Hegemonie verlor, die es zuvor allem Anschein nach besessen hatte. Talkshowthemen und Bestsellerlisten belegen eindrucksvoll die intellektuelle Vorherrschaft von Henkel, Merz und Steingart; sie haben die postmateriellen Stichwortgeber der 1980er Jahre von Franz Alt bis Hans Jonas abgelöst. Der Zeitgeist prägt die Semantik: „Eigenverantwortung“ und „Leistungsbereitschaft“ sind die konsensfähigen Kernbegriffe der öffentlichen Debatten – und Schlüsselterminologien für die bürgerliche Gesellschaft. Der Klimawandel hat offenkundig Folgen: Die Bürgerlichkeit kehrt zurück, mit all ihren Chancen und Risiken.

Ganz verschwunden war sie zwar nie. Doch un- oder antibürgerlich, wie sich vor einem Vierteljahrhundert viele gaben, will heute kaum jemand mehr sein. Aus Affekten gegen wurde Identifikation mit Bürgerlichkeit. Der bürgerliche Wertehimmel steht hoch im Kurs; Familie, Kinder und Erziehung sind im Mittelpunkt gellschaftspolitischer Diskussionen. Und bürgerliche Lebensart – das Betreiben von Salons, das Sammeln moderner Kunst, die Pflege von kulturellen Traditionen – beschäftigt mittlerweile auch 30jährige. Sind das bloße Äußerlichkeiten eines „Bürgerlichkeitsspiels“, eines „Bürgerlichkeitsrevivals als Retro unter vielen anderen“, das ohne Verbindlichkeit einfach zur „reichen Angebotspalette ästhetisierter Lebensstillagen“ gehört (Gustav Seibt)? Wenn wir tatsächlich eine Rückkehr der Klassengesellschaft mit neuen und tiefen Spaltungen erleben, wie der Historiker Paul Nolte meint, so könnten solche Phänomene des Lebensstils Klassenbewusstsein gegenüber den Unterschichten schaffen. Der deutsche Bürger wird künftig in seiner Seele wieder den citoyen gegen den bourgeois verteidigen müssen.

Die vorgänge machen sich auf die Suche nach der Bürgerlichkeit: Ralf Dahrendorf und Paul Nolte diskutieren miteinander die Frage, wie bürgerlich die deutsche Gesellschaft der Gegenwart ist. Michael Th. Greven schaut mit einem von Dolf Sternberger inspirierten Blick auf die Wandlungen des Bürgers nach 1945. Die Spuren, die Joachim Ritter, Odo Marquard und deren Philosophie der Bürgerlichkeit im politischen Denken der Bundesrepublik hinterlassen haben, verfolgt Jens Hacke. Das Wechselspiel von gegenwärtigen Zivilgesellschaftsdebatten und Bürgertumsdiskursen präsentiert Stefan Meißner. So gegensätzliche Köpfe wie Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann werden von Joachim Fischer als Theoretiker der bürgerlichen Gesellschaft zusammengedacht. Die Grünen wandelten sich hinsichtlich Mitgliedschaft und Wählern zu einer Partei des Bürgertums: so die – die Bundestagswahl noch nicht miteinbeziehende – Analyse von Melanie Haas. In der schweizerischen Bundeshauptstadt Bern hat Daniel Schläppi das Fortleben elitärer bürgerlicher Assoziationsformen bis in die Gegenwart erforscht, während Elisabeth Conradi Haushalt und Wohngemeinschaft mit Hilfe von Aristoteles, Hegel und aktuellen Zivilgesellschaftstheorien untersucht. Jens Nordalm zeigt, wie fragwürdig gängige Formeln von „Verlust“ oder „Renaissance“ der Bürgerlichkeit im Grunde sind.

Ein aktueller Literaturbericht steht wie immer am Ende des Thementeils.

Den Imperativen von Imperien widmet sich anhand des US-amerikanischen Beispiels der Essay von Herfried Münkler, während Jutta Roitsch in ihrem Essay die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts seziert, die den föderalen Bundesstaat immer weiter unterminiert. Kommentare und Kolumnen sowie Rezensionen beschließen das Heft.

Am 4. Juni 2005 ist in Hannover 77jährig unser langjähriges Redaktionsmitglied Jürgen Seifert gestorben – für die vorgänge der schmerzliche Verlust eines leidenschaftlichen Mitstreiters und Mentors, dessen offener, kritischer Geist ohne Konventionen uns Vermächtnis bleibt. Wir würdigen ihn ausführlich in diesem und im nächsten Heft. In der Hoffnung, dass diese Ausgabe der vorgänge im Sinne des citoyen Jürgen Seifert intellektuelle Brücken zu bauen vermag, wünscht anregende Lektüre

Alexander Cammann

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