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vorgängevorgänge Nr. 183: Die öffentliche Familie09/2008Seite 1-3

aus: vorgänge Nr.183 (Heft 3/2008), S. 1-3

Der Gassen­hauer der Studen­ten­be­we­gung, dass das Private politisch sei, hat längst alle provo­ka­tiven Anklänge verlo­ren. Spätes­tens seit der demogra­fi­sche Wandel in den Grund­wort­s­chatz der politi­schen Klasse Eingang gefunden hat und die Gebur­ten­rate mit der gleichen Aufmerk­sam­keit verfolgt wird wie die Arbeits­lo­sen­zahl und das Wirtschafts­wachstum, seit mit Timss und Pisa der Kurswert des nachwach­sen­den`Hu­man­ka­pi­tals´­ver­messen und inter­na­ti­onal vergli­chen wird, ist die Familie zu einem Gegen­stand öffent­li­cher Erörte­rung und zu einem Zielge­biet politi­scher Inter­ven­tion gewor­den.

Die male bread­winner Familie hat sich zu einem Patch­work-En­semble vielfältig kombi­nier­barer Nahbe­zie­hungen gewan­delt. Was ehedem durch tradierte Normen und Bluts­bande geregelter Arkan­be­reich war, ist nun der fürsorg­li­chen Belage­rung durch eine Unzahl von Ämtern und Insti­tu­ti­onen ausge­lie­fert. Das Privileg der Erzie­hung teilen sich Eltern schon seit Längerem mit der Schule und, so erfor­der­lich, mit der Jugend­für­sorge. So sie alle versagen, bleibt die Straf­jus­tiz. Im Gegenzug ist die Erwar­tung an die Eltern gestiegen, dass sie ihren Beitrag zum staat­li­chen Bildungs­auf­trag leisten. Eine Anfor­de­rung aus der bei vielen Überfor­de­rung erwächst. Eine Überfor­de­rung zu der sich die Unsicher­heit gesellt, nicht mehr sagen zu können, was denn das Richtige f § das Kind sei. Die Antworten der Politik auf diese Frage wandeln sich, bisweilen wider­spre­chen sie sich, sind überla­gert finan­zi­ellen Restrik­ti­onen und partei­tak­ti­schen Erwägun­gen. Gleich­wohl lässt sich sagen, dass kaum ein politi­sches Feld in den letzten Jahren dermaßen an Stellen­wert gewonnen hat wie die Famili­en­po­li­tik. Das alles ist Grund genug, diese Ausgabe der vorgänge der öffent­li­chen Familie zu widmen.

Karin Jurczyk blättert die verschie­denen Facetten der „Veröf­fent­li­chung“ von Familie auf. Dabei verschwindet das Private jedoch nicht, sondern es verän­dert seine Struktur, wird teils koloni­siert, teils zur Verhand­lungs­sa­che. Es bleibt jedoch der Kernbe­reich, der Ort der Subjekt­bil­dung, ein Options­raum, der seiner­seits aber nach einer neuen sozialen Einbet­tung verlangt.

Sabine Andresen hinter­fragt das vielfach propa­gierte Ziel der „Verein­bar­keit von Kinder­er­zie­hung und Beruf“ auf die immanente Asymme­trie hin und analy­siert die soziale Bedingt­heit einer gelin­genden famili­alen Erzie­hung, die eben nicht vollends durch eine öffent­liche ersetzt werden kann.

Andreas Lange und Isabelle Krok beschreiben die Defami­li­a­li­sie­rung von Bildung und Erzie­hung vor dem Hinter­grund eines neoli­be­ralen Umbaus des Wohlfahrts­s­taates und den damit einher­ge­henden neuen Formen des Aktivie­rens des Bürgers. Der Human­ka­pi­tal­ma­xi­mie­rung setzen sie das Konzept einer Komptenz­för­de­rung im weitesten Sinne entgegen, die die Heran­wach­senden in ihrer gesamten Lebens­füh­rung betrach­tet.

Michael Opielka legt anhand der Famili­en­po­litik in Thüringen dar, wie der partei­po­li­tisch aufge­la­dene Streit zwischen materi­eller Förde­rung der Familie und Verge­sell­schaf­tung ihrer Funktion aufge­löst werden kann zu Gunsten eines Modells, das konser­va­tive Grund­vor­stel­lungen mit Elementen liberaler Markt­steu­e­rung, der
sozial­de­mo­kra­ti­schen Idee staat­li­cher Versor­gungs­ga­rantie und der garan­tis­ti­schen Idee eines univer­sa­lis­ti­schen Zugangs verbin­det.

Anne Lenze attes­tiert der aktuellen Famili­en­po­litik, dass sie zwar viele Einzel­maß­nahmen beschließt, aber an den entschei­denden, den struk­tu­rellen Benach­tei­li­gungen von Eltern mit Kind im Steuer­recht wie in den Systemen der sozialen Siche­rung wenig geändert hat. Kinder­lose sind in allen Berei­chen die Gewinner, während Eltern­schaft nicht selten in Armuts­ri­si­ko­zonen führt.

Maria Lore Peschel-­Gut­zeit zeichnet den in der langen Perspek­tive doch recht großen Wandel der Familie nach, wie er in der Rechts­spre­chung des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts und der entspre­chenden Gesetz­ge­bung seit Gründung der Bundes­re­pu­blik zum Ausdruck kommt. Für die Zukunft sieht sie in der Veran­ke­rung von Kinder­grund­rechten im GG eine ihr sympa­thi­sche Perspek­tive.

Chris­toph Butter­wegge erkennt in der wachsenden Kinder­armut einen Skandal, der zwar häufig mit den gewan­delten famili­ären Verhält­nissen begründet wird, seine eigent­li­chen Ursachen aber in der Flexi­bi­li­sie­rung und Preka­ri­se­rung der Arbeits­ver­hält­nisse
und dem Abbau des Sozial­staates hat.

Manuela Westphal weist nach, dass die Sozia­li­sa­tion von Jugend­li­chen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund sich nicht in ein Entwe­der-oder von Herkunfts- und deutscher Lebens­kultur aufspalten lässt, sondern in der Absorb­tion und Abgren­zung von beidem ein eigenes Profil formt.

Dirk Baier und Chris­tian Pfeiffer kommen bei der Auswer­tung der entspre­chenden Krimi­nal­sta­tis­tiken und Umfragen zu dem Ergebnis, dass nicht­deut­sche Jungend­liche vor allem im Bereich Gewalt­ver­halten häufiger krimi­nell sind als deutsche. Doch gibt es, entgegen der öffent­li­chen Wahrneh­mung, eine leicht abneh­mende Tendenz. Will man diese Tendenz verstärken, muss vor allem der schuli­schen Integra­tion mehr Gewicht
beige­messen werden.

Wolfgang Bergmann beschreibt die Folgen, wenn Eltern ihre Bezie­hungs­pro­bleme, ihre psychi­schen Insta­bi­li­täten, Ängste und Erwar­tungen auf ihr Kind proji­zie­ren.

Im Essay analy­siert Chris­toph Egle die strate­gi­schen Optionen der Grünen im Fünf-­Par­tei­en­-­Sys­tem. Eine doppelte Öffnung nach links und rechts ist in seinen Augen die erfolgs­träch­tigste Varia­nte.

Tamara Ehs geht mit einer Integra­ti­ons­po­litik ins Gericht, die das Maß des Tolera­blen an der Höhe der Minarette misst, die man im deutschen Stadt­bild für verträg­lich hält.

Thilo Sarazzin kommt bei seinen Überle­gungen zum Staat, seiner histo­ri­schen Entwick­lung und seinen Aufgaben zu dem Schluss, dass das, was er tun kann, in Zukunft erheb­lich einge­schränkt sein wird, durch die Last der Schulden, die er bereits angehäuft hat, und die größeren Belas­tungen, die eine alternde Gesell­schaft ihm aufbür­det.

Rezen­si­onen zweier Bücher zum Gedächtnis Europas von Peter Fischer und eines Buches über die insti­tu­ti­o­nelle Diskri­mi­nie­rung von Migranten von Kornelia Konczal runden diese Ausgabe der vorgänge ab, zu der ich Ihnen wie immer eine anregende Lektüre wünsche.

Ihr
Dieter Rulff