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„An die sich perma­nent und zu Tode emanzi­pie­renden Frauen im SDS“

Über die Keimzelle der Frauenbewegung,

aus: vorgänge Nr. 181, Heft 1/2008, S. 63-69

Die Worte des Titelzitates finden die Männer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in West-Berlin, um das erste Mal auf die Arbeit des – wie sie es nennen – Frauenarbeitskreises hinzuweisen.[1] Sie entstammen dem Protokoll einer Sitzung des West-Berliner SDS vom 15. Januar 1968. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Aktionsrat findet an dieser Stelle nicht statt. Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen war zu diesem Zeitpunkt gerade einen Monat alt und hatte am selben Tag die erste Flugschrift mit dem Titel „Wir sind traurig und wir sind neidisch gewesen“ und einen Aufruf zu der ersten Frauenvollversammlung am 26. Januar 1968 an der Freien Universität Berlin (FU Berlin) herausgebracht. Die Flugschrift enthielt eine beschreibende Selbstbezichtigung und die Ankündigung einer Verweigerung, eine theoretische Analyse der Situation der Frau und eine Abgrenzung von bisherigen Frauenbewegungen, hingegen keinen Angriff auf die Männer. Warum sich die Frauen genötigt sahen, sich vorerst allein zu emanzipieren und zu organisieren, mag an diesen Worten der Männer deutlich werden. „Frauen waren im Sozialistischen Deutschen Studentenbund von vornherein Mitglieder minderen Rangs,“ resümiert Peter Mosler (1977: 159) die Situation der Frauen im SDS.

Eine breite öffentliche Wahrnehmung erfuhr die neue Frauenbewegung in West-Deutschland Mitte 1971 mit der Anti-§218-Kampagne. Der frühste bekanntere Text des West-Berliner Aktionsrates zur Befreiung der Frauen stammt jedoch bereits aus dem September 1968. Die ersten Frauen, die sich als bald Bewegung begriffen, gab es jedoch bereits zur Jahreswende 1967/68. Nach der Arbeit im SDS war die Gründung des Aktionsrates mehr eine ultima ratio denn ein erster politischer Schritt. Sollbruchstelle des Aktionsrates war von Beginn an der als zentral empfundene Widerspruch zwischen dem verfassungstranszendierenden Ziel von nichts Geringerem als der sozialistischen Revolution und dem Versuch innerhalb der bestehenden Gesellschaft politisch werden zu können und eine antiautoritäre Erziehung zu ermöglichen. Zudem versuchten sie als Antiautoritäre ohne den „autoritären Ruf nach dem Gesetzgeber“ (SAR 332) auszukommen, was ihnen, nicht aber der späteren Anti-§218-Bewegung gelang. Auch für die Männer war der Aktionsrat und die damit aufkommende neue Frauenbewegung eine Herausforderung, an der viele scheiterten, wie das titelgebende Protokollzitat von Jörg Schlotterer und die (Nicht-)Reaktionen der SDSler auf die weitere Arbeit des Aktionsrates zeigten. Der Blick in die Quellen verrät jedoch, dass der Aktionsrat in der Anfangszeit weder eine männerfreie noch eine männerfeindliche Gruppierung war.

Kinder und Utopie

Die erste Aktion des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen diente der Lösung der Kinderbetreuungsfrage. Wobei er dafür nicht den üblich tradierten Namen Kinderläden wählte, sondern vorerst von Kinderkommunen sprach. War auch das erste, was sie unternahmen, sehr pragmatisch, so waren die Mütter des Aktionsrates keineswegs theoretisch unterbelichtet. Sie handelten aus einer politisch-theoretisch reflektierten Position heraus. Diese zu entwickeln fiel ihnen keineswegs leicht, lag doch in ihrem Handeln ein zumindest latenter Widerspruch zu ihren Zielen und Vorstellungen. Ihr erstes Ziel war und blieb eine sozialistische Revolution. Zugleich sahen sie, dass ob mit oder ohne Revolution die Befreiung der Frau in weiter Ferne lag. Sie standen also vor der Wahl zwischen einem Kampf für eine Revolution, die die Befreiung der Frau nicht garantieren mochte, und dem Kampf innerhalb einer Gesellschaft in der die Frau unterdrückt wurde und Kinder autoritär erzogen wurden. Dies war die Situation in der sich die SDS-Frauen befanden: Das Notwendige war nicht das Hinreichende. Eine antiautoritäre Erziehung konnte aber „von keinem noch so fortschrittlichen Kindergarten in unserer Gesellschaft“ (SAR 333) erreicht werden. Sie entschieden sich schweren Herzens nicht für das Hoffen auf die Revolution, sondern für das Handeln.

Die zwei bekanntesten Texte der frühen neuen Frauenbewegung enthalten ihre wesentlichen Positionen, wenn man so will, ihre politische Theorie: Die am 13. September 1968 auf der 23. Delegiertenversammlung des bereits auseinanderbrechenden SDS in Frankfurt gehaltene Rede Helke Sanders und der in dem von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Kursbuch 17 mit dem Titel „Frau · Familie · Gesellschaft“ im Juni 1969 erschienene Artikel „Die kulturelle Revolution der Frau“ von Karin Schrader-Klebert. Ihre dort formulierten theoretischen Standpunkte lassen sich bereits deutlich früher, im ersten Flugblatt vom 15. Januar 1968 belegen. So war schon zu Beginn ihrer Arbeit ihr politisches Denken sehr differenziert und elaboriert, die zentralen Positionen bereits herausgearbeitet. Es brauchte jedoch einiges an Leidensdruck, damit die Frauen sich als Frauen organisierten. Es waren Mütter, die dies taten, aber sie haben sich nicht als Mütter-Organisation sehen wollen.

Der Beginn der neuen Frauenbewegung in Deutschland

Die Geschichte der Frauen wurde in der Erinnerungskultur um ihre Anfänge beschnitten. Anfang 1968 begann die neue Deutsche Frauenbewegung. Doch nicht Anfang 1968, sondern erst Mitte 1971 wird der Beginn oder sogar nur der „erste Kristallisationskern“ (Kraushaar 2001: 27) der neuen Frauenbewegung in Deutschland verortet. Mit dem „Stern“-Titel „Wir haben abgetrieben“ aus dem Juni 1971 erlangte die neue Frauenbewegung erstmals eine breite öffentliche Wahrnehmung. In Frankreich gab es kurz zuvor ebenfalls eine solche Abtreibungs-Selbstbezichtigungskampagne mit großer Medienresonanz. Alice Schwarzer hatte die Kampagne in Frankreich miterlebt und später in Deutschland initiiert. Die Zeit vom Januar 1968 bis zum Juni 1971 wird hingegen landläufig nicht zur neuen Frauenbewegung gerechnet, mitunter mit Verweis auf die mediale und gesellschaftliche Reaktion auf die Unterschriftenkampagne.

Dabei war der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen für die neue Frauenbewegung in Deutschland die Organisationsform der ersten Stunde. Mit ihm wurde die neue Bewegung zum ersten Mal greifbar. Denn „schon 1968 gab es Stunden des Aufstands der Frauen, eine Revolte in der Revolte.“ (Mosler 1977: 159) So zumindest noch die Erinnerung im Jahre 1977 von Peter Mosler, der zum Zehnjährigen der Revolte einen Erinnerungsband mit dem Titel „Was wir wollten, was wir wurden. Studentenrevolte – zehn Jahre danach“ veröffentlichte. Auch das „Kursbuch“ brachte 1977 eine Ausgabe „Zehn Jahre danach“. „Man kann den Prozess der Bildung neuer Arten von autonomen Frauengruppen seit 1968 als ,Neue Frauenbewegung‘ bezeichnen.“ (Linnhoff 1975: 8)

Diese Einschätzung hat sich nicht gehalten. Der Beginn der neuen Frauenbewegung in Deutschland wurde um drei Jahre verschoben. In der Geschichtsschreibung über 68 werden der Aktionsrat und die später gegründeten Weiberräte meist nur als Stichwort genannt. So wurde zu dem legendären Tomatenwurf auf dem SDS-Kongress lapidar festgestellt: „Danach wurden überall in Deutschland ,Weiberräte‘ gegründet.“ Die Frauen haben zum Teil selbst zu einer Mythenbildung beigetragen. Die Vielstimmigkeit der sich selbst erinnernden übertönt die Bestrebungen einer geschichtswissenschaftlich fundierten Deutung dieses Teils der jüngeren Deutschen Ereignisse.

Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen bildete den Anfang. Auch wenn der Aktionsrat sich bald auflöste und als Organisationsform nicht stilbildend war, hatten die aktiven und bewegten Frauen des Aktionsrates und der später entstandenen Weiberräte eine notwendige Basis geschaffen, auf der die spätere §218-Bewegung aufbauen konnte. Die durch den Aktionsrat und die nachgegründeten Weiberräte geleistete Arbeit ist nicht unbedeutend, denn „diese Einrichtungen, die die 68er-Bewegung zeitlich überdauerten, trugen zu einer raschen Mobilisierung der bundesrepublikanischen Frauenbewegung im Protest gegen den Paragraphen 218 bei.“ (Schulz 12.04.2002: 3f.) Die Frauen der ersten Stunde waren theoretisch, aber auch praktisch politisch auf einem Stand, der später in der Bewegung kaum mehr erreicht wurde. Die spätere Frauenbewegung und die Anti- §218-Kampagne hatten sich schnell zu Gunsten eines verfassungsimmanenten Vorgehens und für den „autoritären Ruf nach dem Gesetzgeber“ (SAR 332) entschieden. Auf diese Weise hat die neue Frauenbewegung viel erreicht, jedoch eine nachhaltige gesellschaftliche Veränderung, wie sie die Frauen des Aktionsrates im Blick hatten, aus den Augen verloren.

Das erste halbe Jahr

Im Dezember 1967 begann die Geschichte des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen in der Küche von Marianne Herzog und Peter Schneider. Einige in Ost- und West-Deutschland sozialisierte Mütter aus dem SDS gründeten das „Aktionskomitee zur Vorbereitung der Befreiung der Frau“, wie es zuerst hieß. Unter diesem Namen veröffentlichten sie auch noch im Januar 1968 ihre erste bereits erwähnte Flugschrift. Konkretes Ziel der Frauen des Aktionsrates zur Vorbereitung der Befreiung der Frauen war es, politisch werden zu können. Konkreter Anlass war die Kinderfrage, die sie daran hinderte, an Demonstrationen und Veranstaltungen teilzunehmen. Doch die ersten Lösungsansätze – das mitbringen der Kinder zum Vietnam-Kongress in Berlin im Februar und die daraus entstehenden Kinderläden – brachten nicht das intendierte Ergebnis, die erhoffte Entlastung, um politisch arbeiten zu können.

Auch am Kampf gegen die Notstandsgesetze (SAR 296) beteiligten sich die Frauen im Mai 1968. Sie sahen sich in der gleichen Lage wie „unterdrückte Klassen und Rassen.“ (ebd.) Anlässlich der Bundestagsdebatte über die Notstandsgesetze wurde in einigen städtischen Kindergärten in Berlin gestreikt. In einem ersten formulierten „Selbstverständnis“ (SAR 301) vom 8. Mai 1968 verorten sich die Frauen im „antiautoritären Lager“. Sie haben erkannt, „dass wir die gesellschaftliche Unterdrückung der Frau nicht individuell lösen können“, und „dass die bisherigen Frauenorganisationen daran gescheitert sind, dass sie im autoritären Ruf nach dem Gesetzgeber stecken geblieben sind, dass sie auf staatliche Hilfe angewiesen waren, dass sie somit kein politisches Bewusstsein entwickeln konnten, dass den systemsprengenden Widerspruch ihrer Forderungen erkannt hätte“. Doch es gibt auch bereits erste konkrete Ergebnisse: Zwei Kinderkommunen existierten bereits, jeweils einen Tag der Woche „arbeiten Mutter oder Vater eines jeden Kindes“ (ebd.) in der Kommune. Männer waren von der Mitarbeit im Aktionsrat nicht ausgeschlossen, es gab auch tatsächlich welche die mitarbeiteten. Die Geschichte des Aktionsrates stark geprägt von dem revolutionären Dilemma, einerseits in einer abgelehnten Gesellschaftsform für Verbesserung zu kämpfen und anderseits der Einsicht, dass innerhalb einer Klassengesellschaft die angestrebte Emanzipation per se unmöglich sei. Es ist der „Widerspruch zwischen der Realität, in der sich die Kinderkommune befinden und der Realisierung eines utopischen Modells.“(ebd.)

Ende Mai 1968 (SAR 297) wurde dann der Name „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ angenommen, auch nannten sich die Kinderkommunen jetzt Kinderläden. Am 20. Mai 1968 wandten sich die Frauen in einem Brief an die bisherigen Teilnehmer. (SAR 297ff.) Mit dem Bau des FU-Kindergartens für 120 Kinder sollte immerhin im Sommer begonnen werden. Die Bezirksämter unterstützten die Kinderläden sogar finanziell. Jedoch fiel es den Frauen bereits schwer, Überblick über die „einigen 100 Leute“ (SAR 298) zu behalten, die inzwischen die regelmäßigen Treffen besucht hatten. Aktivposten der Anfangszeit waren Helke Sander (sie kam über die Anti-Springer-Proteste zum SDS) und Marianne Herzog. Diese beiden Namen fanden sich auf fast jedem Protokoll des Aktionsrates. Bereits im Juni war Hans Magnus Enzensberger an die Frauen des Aktionsrates wegen einer für Oktober geplanten Ausgabe des Kursbuches zum Thema „Ehe und Familie“ herangetreten.

Es gab aber innerhalb des Aktionsrates auch Aktionen nur für Frauen, so etwa ein Diskussions-Wochenende. „Die ganze Diskussion um das ,Private‘ ist ja noch nicht geführt worden“ (SAR 299) hieß es zu diesem Wochenende, auf dem die Frauen gemeinsam arbeiten wollten „ohne unterbrochen zu werden.“ (ebd.) Die Erträge dieser Diskussionen sind nicht zuletzt in der berühmten Rede Helke Sanders wiederzufinden, als Forderung nach einer „Politisierung des Privatlebens.“ Die revolutionäre Perspektive war klar: „Da die Frauen es sind, die die Familie auflösen, müssen wir es auch sein, die neue Modelle entwickeln. […] Wir müssen damit anfangen, das Bestehende umzufunktionieren.“ (ebd.) Die geplante Utopie sollte in einer Berliner Kinderladen- WG Realität werden.

Das erste Resümee fiel begeistert aus: „Wir sind immerhin schon einige hundert.“ (ebd.) Daraus Pläne für eine sozialistische Revolution zu schmieden, die aus West-Berlin auf West-Deutschland übergreifen sollte, mag heute überzogen erscheinen. Bedenkt man jedoch, dass „der Sozialistische Deutsche Studentenbund damals bundesweit kaum mehr als 2000 Mitglieder zählte“ (Kraushaar 2007: 8) und dennoch „vielen als der eigentliche Urheber der Unruhen, die die Republik erschütterten“ (ebd.) galt, wird deutlich, dass die SDS-Frauen auch eine kräftige Brise Zeitgeist geatmet hatten.

Im Juni 1968 war die Einschätzung der Arbeitslage nicht mehr so positiv. (SAR 273ff.) Mehr als zwanzig Arbeits-, Aktions- und Untergruppen hatten bereits die Arbeit aufgenommen. Zu vielfältigen Themen wie Kinderbüchern, Psychoanalyse des Kindes, psychologischer Beratung, dem Modell einer Gegenschule und der Erziehung zu weiblichem Rollenverhalten wurde in verschiedensten Arbeitskreisen gearbeitet, was von den Frauen des Aktionsrates kaum noch überschaut und koordiniert werden konnte. Zudem gab es eine Diskussion, ob Männer mitarbeiten durften. Es wurde bei den zentralen Treffen hauptsächlich über Organisationsmodelle geredet. Mittlerweile waren fünf Kinderläden entstanden. Auch die Gründung des Zentralrates der Sozialistischen Kinderläden West-Berlin im August 1968 führte zu theoretischen Spannungen, löste aber keine praktischen Probleme (nicht in dem von den Aktionsrätinnen intendierten Ausmaß.) Die meisten Frauen konzentrierten sich auf die Arbeit der Kinderläden und der Arbeitskreise, so dass eine zentrale Organisation nicht gelingen wollte und konnte.

All das ist allein im ersten halben Jahr geschehen. Es sollte noch drei Jahre bis zum Beginn der so viel präsenteren §218-Bewegung dauern und die bekanntesten Texte aus dem Aktionsrat waren noch nicht veröffentlicht. Die bekannteste politische Aktion geschah am 13. September 1968 im Anschluss an die Rede Helke Sanders vor den Delegierten des SDS. Da die Männer des SDS die Gesprächsaufforderung nicht annahmen, sondern zur Tagesordnung übergehen wollten, warf Sigrid Rüger einige Tomaten in Richtung des Podiums. Diese Aktion – nicht, was sie davor getan und erreicht hatten – fand Eingang in die Geschichtsbücher. Im Anschluss wurden in mehreren Städten Weiberräte gebildet, eine „halb ironisch, halb offensiv“ (Görtemaker 2004: 635) gemeinte Bezeichnung.

Wie der Aktionsrat ging auch der Frankfurter Weiberrat, der im November 1968 unter der Wirkung von Sander-Rede und Tomaten-Würfen gegründet wurde, aus dem SDS hervor. Der Frankfurter Weiberrat hatte vor seiner vorläufigen Auflösung im Wintersemester 1968/69 nur einen Großen Auftritt: Ein Flugblatt, verteilt im November auf der 23. Delegiertenversammlung des SDS,[2] welches mit dem inzwischen legendärem Satz endet „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen.“ In München bildeten sich die Rote Frauen Front und die Sozialistische Frauenorganisation München.

Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen wurde vom SDS nicht angenommen. In der SDS-Zeitschrift „Neue Kritik“ erschien bis zur Auflösung des SDS kein Artikel von dem oder über den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Ab Oktober 1968 war der Aktionsrat de facto gespalten. Versuche, den unterschiedlichen Arbeitsgruppen einen gemeinsamen Zentralrat zu geben, scheiterten. Aus einer der Abspaltungen entwickelte sich im Dezember 1970 der Sozialistische Frauenbund Westberlin.

„Die, die Kinder hatten, begriffen schneller“

Die Ziele des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen waren keine geringeren als die der Männer des SDS. Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen kritisierte die von der Neuen Linken nicht hinreichend reflektierte hierarchische Geschlechterordnung. Den SDS kritisierten sie als „elitäre Gruppe“, während sie sich selbst als „Basis-Gruppe“ sahen. (SAR 196) Entscheidend aber war: „Die, die Kinder hatten, begriffen schneller.“ (SAR 332) Es waren Mütter, die meinten, „uns brauchte keine wissenschaftliche Analyse erst klar zu machen, dass sich diese Gesellschaft grundlegend ändern muss.“ (ebd.) Keine der zentralen Ideen der Frauen kann dabei mit Fug und Recht originär genannt werden. Was hat also zu dem politischen Moment geführt, das die Frauen tun ließ, was sie getan haben? Sie haben die „konkrete Fraglichkeit der eigenen Lebenssituation“ (Siegfried Landshut) politisch-theoretisch begriffen und hatten die Möglichkeit danach politisch zu handeln. Sie befanden sich eben nicht in einem totalitären System, welches das nicht zugelassen hätte – auch wenn einige SDSlerinnen das anders gesehen haben mögen. Es gab den politischen Raum, den die Frauen betraten. Sie konnten handeln und waren in der Lage, anhand ihrer theoretischen und politischen Reflexionen, ihre eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse so zu schauen, dass ihre Handlungen zwar einen utopischen Impetus und auch – das soll hier nicht vergessen werden – verfassungstranszendierende Ziele hatten, ihr Handeln dabei aber auf das konkrete hier und jetzt gerichtet war. Das mag ein wesentlicher Faktor ihres Erfolges gewesen sein.

Auch die politischen Einordnung der Frauenfrage als Nebenwiderspruch wird behandelt: „Wir wurden ,links‘ und stimmten in den Chor unserer männlichen Genossen ein, dass die Emanzipation der Frau nur in einer Gesellschaft verwirklicht werden kann, die frei von Unterdrückung ist. Doch dieser allgemeine Singsang nutzte uns wenig, wenn es an die konkrete Arbeit ging. Wir hinkten ständig hinterher in diesem autoritären antiautoritären Kampf. Und die, die Kinder hatten, konnten nichts weiter tun als mal zu demonstrieren. Wir bekamen Angst und wurden immer lahmer. Wir begannen, politische Veranstaltungen zu hassen, da sie nichts daran änderten, dass uns die alltäglichen Probleme zu einem reaktionären Verhalten zwangen. Da wir nicht länger passiv, verkrampft, wehleidig, einsam bleiben wollten, nicht mehr auf den unverbindlichen Zufall eines verständnisvollen Verhältnisses angewiesen sein wollten, müssen wir trotz aller Interessengleichheit unsere ungleiche Situation aufnehmen, artikulieren und organisieren. Diese ungleiche Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass uns die kommende Generation ,am Halse hängt‘. Hier müssen wir aufhören, die Misere individuell lösen zu wollen, oder damit auf Zeiten nach der Revolution zu warten.“ Die Frauen des Aktionsrates folgten ihrer Einsicht und haben es geschafft, obwohl sie Ende 1967 noch weniger als 20 Frauen waren und obwohl der Aktionsrat bald auseinanderbrach, die Gesellschaft an einem nicht unwesentlichen Punkt zu verändern. Diese Leistung sollte heute, vierzig Jahre danach, gewürdigt werden.

[1] Die in diesen Artikel erwähnten Quellen sind Teil der Sammlung Aktionsrat (im Folgenden: SAR) im Berliner FFBIZ. (Als Teil des so genannten Handapparats Tröger, Signatur A Rep 400 Berlin 20) Die Rechtschreibung habe ich stillschweigend angepasst. SAR 257.

[2] Die 23. und letzte ordentliche Delegiertenkonferenz wurde nach einem Tagungswochenende im September 1968 in Frankfurt unterbrochen und im November in Hannover fortgesetzt.

Literatur

Görtemaker, Manfred (2004): Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main.

Kraushaar, Wolfgang (2001): „Denkmodelle der 68er-Bewegung“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 22-23, S. 14–27.

Kraushaar, Wolfgang (2007): Vorwort, in Fichter, Tilman P./Lönnendonker, Siegward (2007): Kleine Geschichte des SDS. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund von Helmut Schmidt bis Rudi Dutschke, Essen.

Linnhoff, Ursula (1975): Die Neue Frauenbewegung. USA – Europa seit 1968, Köln.

Mosler, Peter (1977): Was wir wollten, was wir wurden. Studentenrevolte – zehn Jahre danach, Reinbek bei Hamburg.

Schulz, Kristina (2002): „Der lange Atem der Provokation“. oder: Was die Heinrich-Böll Stiftung mit der neuen Frauenbewegung zu tun hat, in: http://www.glow-boell.de/media/de/txt_rubrik_3/Vortrag_Schulz.pdf; 05.03.2008.

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