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Wie antise­mi­tisch waren die 68er?

Aus: vorgänge Nr.181, Heft 1/2008, S.30-36

1. Neue Forschungen und Meinungen

Die schon seit längerem vor allem durch die Forschungen von Wolfgang Kraushaar aus den Quellen belegten Vorwürfe der judenfeindlichen Haltungen und Handlungen von Protagonisten der ´68er Bewegung weiten sich – nach Erscheinen von Götz Alys Buch „Unser Kampf“ – zu einer Generaldebatte über die Stellung von „1968“ in der (west)deutschen Geschichte sowie über die – anders kann man es nicht mehr ausdrücken – Ehre all jener aus, die damals mehr oder minder aktiv waren, heute vor oder kurz nach dem Eintritt ins Rentenalter stehen und stets wähnten, mindestens ihren Absichten nach und allen jugendlichen Torheiten zum Trotz, Wesentliches zur demokratischen Entwicklung der Bundesrepublik beigetragen zu haben.

Eigentlich könnte angesichts des großen Zeitabstands Gelassenheit herrschen. Wenn heute ob der Arbeiten von Kraushaar, Aly oder auch Koenen, in denen ja die Geschichte der Protestbewegung in allen Verästelungen erforscht wurde, eine erbitterte Diskussion über den Antisemitismus in der westdeutschen Linken geführt wird, wenn trotz des nur vermeintlichen Schlussstrichs von Peter Eisenmans Denkmal dererlei Fragen nach wie vor heftig erörtert werden, liegt das daran, dass vor dem Hintergrund eines nicht nur gefühlten, sondern tatsächlichen Linksrucks der Bevölkerung die Legitimität von „1968“ und damit des Weges einer Generation erneut auf dem Prüfstand steht.

Da mit dem Vorwurf des „Antisemitismus“ hierzulande notwendig die Gaskammern von Birkenau assoziiert werden, da er mithin für jede Person moralisch vernichtend sein muss, kann die Reaktion auf Kraushaar und Aly gar nicht anders als von Empörung und Wut getragen sein. Eine nüchterne Betrachtung des Antisemitismusvorwurf gegen Teile der damaligen Protestbewegung muss drei Fragen beantworten: was ist, erstens, überhaupt „Antisemitismus“; ist es, zweitens, denkbar, dass die europäische „Linke“, seit ihrem Entstehen im neunzehnten Jahrhundert in weiten Teilen antisemitisch war; sollte daher, drittens, die westdeutsche neue Linke, in diesen Traditionen stehend, wesentlich antisemitisch gesonnen sein?

2. Judenfeindschaft und ihre Formen

Sofern an Staatsverbrechen neben ökonomischen, territorialen und demographischen Interessen auch politische Ideologien mitbeteiligt sind, war Antisemitismus die wesentliche Ursache eines weltgeschichtlich einmaligen Verbrechens: der vom nationalsozialistischen Deutschland arbeitsteilig betriebenen Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden. Darin kulminierten unterschiedlich bemäntelte Formen von Judenfeindschaft und Judenhass, die der abendländischen Kultur von Anfang an eingeschrieben waren.

2.1. Was ist also Antisemitismus?

1. Antike, pagane Schriftsteller, z.B. der römische Historiker Tacitus, hielten die Juden für illoyal und abergläubisch, weil sie als Monotheisten den Kaiserkult ablehnten sowie Speise- und sexuellen Reinheitsgeboten folgten, die Angehörigen anderer Religionen nicht zugänglich waren.

2. Das Christentum, im Schoß unterschiedlicher jüdischer Glaubensrichtungen in der Zeit des Zweiten Tempels entstanden, konkurrierte unter dem Verfolgungsdruck der römischen Kaiser zunächst mit dem Judentum, um es dann zu beerben und ihm die historische Berechtigung abzusprechen. Unter Bezug auf die Evangelien und andere Schriften des Neuen Testaments wurden die Juden als die für die Kreuzigung Jesu verantwortlichen Gottesmörder, als Kinder des Satans und als ob ihres Unglaubens die Erlösung der Welt verhindernde Gruppe angesehen.

3. Im frühen christlichen Mittelalter spielte Judenfeindschaft ausweislich der überlieferten Quellen zunächst keine wesentliche Rolle. Erst mit der Krise der feudalen Welt im elften Jahrhundert, die sich in den ersten Kreuzzügen entlud, wuchs den Juden die Rolle des idealen Feindbildes noch vor den Muslimen zu. Allerdings: Die religiös gerichtete Ideologie des „Antijudaismus“ ließ verfolgten und bedrohten Juden noch immer die Möglichkeit offen, zum Christentum überzutreten und sich so vor Verfolgung zu schützen.

4. Die Zeit der Renaissance und der Reformation wies in Beziehung auf die Juden gegensätzliche Tendenzen auf: Während ein Teil der Christen begann, einen Begriff von der Würde des Menschen, jedes Menschen zu entfalten, verschärfte das reformatorische Denken Martin Luthers die theologische Judenfeindschaft ein weiteres Mal. Indem Luther dem Gott der Hebräischen Bibel und damit dem Glauben des Judentums Gerechtigkeit und Gesetz, dem Christentum und dem als Christus bekannten Jesus von Nazareth jedoch Liebe und Gnade zuordnete, rückte das Judentum an die Stelle all jener Kräfte, die eine menschliche Emanzipation verhinderten und wurde geradezu zu deren Inbegriff.

5. Die Zeit der Aufklärung zeichnete sich nicht nur durch eine scharfe Religionskritik, sondern auch durch eine von den entstehenden Naturwissenschaften inspirierte Entzauberung des Menschen aus, der nun nicht mehr als die von Gott gewollte Krone der Schöpfung galt, sondern auch als eine zoologische Gattung neben anderen. Indem die frühen Antisemiten des neunzehnten Jahrhunderts ihre Weltanschauung vor dem Hintergrund dieses quasi pseudowissenschaftlichen Weltbildes sowie der vorgefundenen antijudaistischen Tradition artikulierten, gaben sie schon im 19. Jahrhundert Metaphern Raum, die die Juden als auszurottendes Ungeziefer darstellten. Indem Juden nicht mehr als einem falschen Glauben anhängende Sünder, sondern als Angehörige einer sprachlich charakterisierbaren Rasse bestimmt wurden, sollte deutlich werden, dass es jetzt nicht mehr um Gesinnungen, sondern um objektive, schädliche biologische Einflüsse ging, die nur durch Entfernung von Juden aus den jeweiligen Volkskörpern behoben werden konnten.

Als Weltanschauung reagiert dieser moderne Antisemitismus auf die krisenhafte Entwicklung der kapitalistischen Moderne: auf Industrialisierung, Modernisierung, auf den Verlust verbindlicher Weltbilder und die Versachlichung menschlicher Beziehungen. Ihm erscheinen die Juden in einer paranoid verschwörungstheoretischen Sicht der Dinge, wie sie etwa in den vom zaristischen Geheimdienst erstellten „Protokollen der Weisen von Zion“ zum Ausdruck kommen, vor allem als geborene „Zersetzer“: Zersetzer der traditionalen Handwerks- und bäuerlichen Wirtschaft durch das Geld, Zersetzer von Religion und Sitte durch Wissenschaft und Aufklärung, Zersetzer des Staates durch Verrat und Illoyalität, Zersetzer gesellschaftlicher Autorität durch unbotmäßigen Journalismus sowie Zersetzer von Volk und Rasse durch Einbringen kranken Blutes. Nur eine solche Ideologie konnte das menschheitsgeschichtlich einzigartige Staatsverbrechen der Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden in den Jahren 1939 – 1945 für wenige motivieren und bemänteln.

6. Damit ist das Thema „Antisemitismus“ jedoch keineswegs vom Tisch – im Gegenteil. Heute hat der Antisemitismus vielfach die Form des „Antizionismus“ angenommen. Der Staat Israel erscheint als der „Jude der Völkerwelt“, von dessen Elimination man sich eine heilsame Entwicklung auf dem ganzen Globus erwartet. In Verbindung mit einer so erst im frühen 20. Jahrhundert ausgebildeten radikalislamistischen Judenfeindschaft sind so neue, antisemitische Massenbewegungen entstanden. Es zeigt sich, dass im Raum der globalisierten Welt antisemitische Massenbewegungen und Politiker wie zuletzt im Europa der Zwischenkriegszeit existieren. Sie finden sich freilich – mit Ausnahme Frankreichs und einiger Immigrantenmilieus in den Niederlanden, Belgien und Schweden – weniger in Europa als in der islamischen Welt. In Syrien und Ägypten laufen im staatlich kontrollierten Fernsehen unbeanstandet politische Soaps über die „Protokolle der Weisen von Zion“ sowie über jüdische Ritualmorde, während terroristische Ideologen wie der von der israelischen Armee umgebrachte Hamas Führer Rantisi zustimmend den französischen Holocaustleugner Roger Garaudy und die Hamas Charta ihrerseits zustimmend aus den „Protokollen“ zitieren. Was in der beschränkten Welt der Banlieus von Paris der Brandsatz gegen eine Synagoge ist, ist in den Krisenzonen der globalisierten Welt die „islamische“ Bombe. Der radikale Islamismus gefährdet nicht nur – wie in Frankreich – die innenpolitische Stabilität, sondern auch – wie in Pakistan und im Iran mit seinen nuklearen Ambitionen – den Weltfrieden.

2.2. Die Linke und der Antisemitismus

War die europäische Linke in Teilen antisemitisch? Diese Frage ist schnell beantwortet, die Geistes- und Ideologiegeschichte lässt keinen Zweifel: Schon der französische Frühsozialismus war – mit geringen Ausnahmen – antisemitisch und wähnte in den Rothschilds sowie einem angeblichen „jüdischen Finanzfeudalismus“ die Wurzel allen Übels. Viele russische Anarchisten – etwa Bakunin – waren glühende Judenhasser und auch deutsche Frühsozialisten wie der Komponist Richard Wagner, der junge Karl Marx und etwa später Eugen Dühring schrieben Sätze, deren antijüdisches Ressentiment und Hass mit noch so vielen Interpretationskünsten und Kontextuierungen nicht ausgelöscht werden kann. Dass der späte Karl Marx, der Verfasser des „Kapitals“ später die Kritik der „jüdischen“ Geldwirtschaft durch eine Kritik des abstrakten Kapitalverhältnisses ersetzte und einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie, August Bebel, sinnvoll, aber nicht unbedingt richtig, den Antisemitismus als den „Sozialismus des dummen Kerls“ bezeichnete, beweist nur, dass die real existierende Linke nicht in jedem Fall die Höhe ihres möglichen Gedankens erreicht hat. Was für die Geschichte der Linken im Allgemeinen gilt, gilt umso stärker für die westdeutsche Nachkriegslinke.

2.3. Antisemitismus in der westdeutschen Linken

Nicht erst seit Wolfgang Kraushaars Rekonstruktion des von dem Kommunarden Dieter Kunzelmann geplanten und angeregten sowie von dem Politdesperado Albert Fichter, der noch ein Jahr zuvor in einem israelischen Kibbuz arbeitete, geplanten Bombenanschlags auf ein jüdisches Gemeindezentrum 1969 in Berlin, sondern schon seit Martin Klokes profunder Arbeit über „Israel und die deutsche Linke“ aus dem Jahr 1990 ist der Befund klar: der vermeintlich politisch korrekte Antizionismus und Antiisraelismus, der keineswegs nur von radikalen Splittern der Linken vertreten wurde, war in den meisten Fällen ein Fall von Judenhass, wenngleich das Feindbild der jüdischen Wucherer nun gegen den kollektiven Juden, den so genannten „Vorposten des US Imperialismus“ ausgetauscht wurde. Dieter Kunzelmann fand in seinen (angeblichen) Briefen aus Amman nach dem missglückten Anschlag die passenden Sätze: „Palästina ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das“, so Kunzelmann im November 1969 in der Szene Postille, „noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax….Dass die Politmasken vom Palästinakomitee die Bombenchance nicht genutzt haben, um eine Kampagne zu starten, zeigt nur ihr rein theoretisches Verhältnis zu politischer Arbeit und die Vorherrschaft des Judenkomplexes bei allen Fragestellungen.“

Überwunden hatte diesen „Judenknax“ der wie Kunzelmann aus dem fränkischen Bamberg stammende Wilfried Böse, der im Sommer 1976 bei einer Flugzeugentführung jüdische und nichtjüdische Passagiere selektierte. Und Ulrike Meinhof, die zunächst flüchtige, dann eingekerkerte Ikone eines linksradikalen Terrorismus hatte noch aus der Haft, 1972, gemeinsam mit Horst Mahler den mörderischen Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft als „mutiges Kommando gegen zionistische Soldaten, die in München als Sportler auftraten“, gefeiert. An anderer Stelle meinte Ulrike Meinhof gar, dass der Antisemitismus in Wirklichkeit nichts anderes als Antikapitalismus sei, Ausdruck der unbewussten Sehnsucht der Menschen nach dem Kommunismus. „Auschwitz“, das hieß in Meinhofs Augen, dass „sechs Millionen Juden ermordet und auf die Müllkippen Europas gekarrt wurden als das, als was man sie ausgab – als Geldjuden.“ Eine verdrehte Reprise von August Bebels Einsicht oder die Apologie eines industriellen Massenmordes?

Diese Fakten sind nicht zu bezweifeln, streitig können alleine die Verbreitung derartiger Einstellungen sowie ihre systematische Deutung sein. Repräsentieren Kraushaars Funde lediglich die bizarre Geschichte einiger randständiger Desperados, die mit ihrem Irrsinn der ganzen Linken nachhaltig schadeten? Oder hat eine Variante der Totalitarismustheorie Recht, die allen revolutionären Welterlösungsideologien ein letztlich hasserfülltes, immer wieder in Mord ausbrechendes Ressentiment unterstellt?

Man kann Kraushaars Recherche entsprechend klinisch lesen: als Anfangssequenz eines Textes, als Vorspiel zu einem Drama gleichsam, in dem sämtliche späteren Motive – wenn auch unbewusst und noch verhüllt – schon vorliegen, als Grundierung, die die Strahlkraft des Bildes noch lange bestimmen sollte: Vom Termin der geplanten Bombenexplosion, dem 9. November, die ja nur wiederholt hätte, was einunddreißig Jahre zuvor massenhaft geschehen ist, über die offene Verbindung von Gewaltphantasie, geplantem bewaffneten Kampf und Judenhass zur Wahnidee, das eigene Bewusstsein sei von Juden besetzt („Judenknax“); von der Herkunft einiger Täter aus dem notorisch antisemitischen Franken bis zu Vorstufen der Planung des Anschlags auf die israelischen Olympioniken; vom Zusammenspiel des westdeutschen Verfassungsschutzes mit einer terroristischen Linken, die wiederum von der DDR unterstützt wurde. Von einem Plan des Verfassungsschutzes also, der noch 1969 den Tod von Juden in Kauf zu nehmen bereit war.

3. Aus der Distanz von vierzig Jahren

Aus der Entfernung von mehr als vierzig Jahren zeichnet sich so ein den einzelnen Akteuren vermutlich unbewusster Gesamtzusammenhang ab, der das linksradikale Aufbegehren gegen die Generation nationalsozialistischer Eltern als widersprüchlichen Identifikationsprozess mit ihnen und ihrem Judenhass offenbart. Zumal Götz Aly hat diesem Umstand, sieht man einmal von der streckenweise geifernd überzogenen Polemik seines Textes ab, Rechnung getragen: am Ende seines Pamphlets entfaltet er einen komplexen, sozialpsychologischen Zusammenhang, gemäß dessen die Eltern der „68er“, Aly bezeichnet sie als die „33er“ ihrerseits in einer Situation der Kälte und „Vaterlosigkeit“ aufgewachsen seien, die es ihnen nach der Begeisterung für den Nationalsozialismus, nach der Verstörung einer vom Krieg geprägten Adoleszenz sowie einer durch die deutsche Niederlage bewirkten Zerstörung aller Orientierungen unmöglich gemacht habe, den eigenen Kindern Vertrauen und Orientierung zu vermitteln. Somit wurden deren Kinder – die künftigen „68er“, so Aly – zu einer „emotional frierenden Generation.“, die ihr Heil „in der Simplizität“ suchte: „im Ausstieg, im gewaltsamen Absprung, in der widerspruchsarmen ideologischen oder prinzipiell „alternativen“ Selbstausrichtung…“

Das, was damals und in den Jahren danach als „Antisemitismus“ bezeichnet wurde, wies demnach zwei Komponenten auf: eine außerordentlich schlichte Theorie des Imperialismus sowie eine vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte nur als projektiv zu bezeichnende Wahrnehmung der in vielen Fällen tatsächlich diskriminierenden israelischen Politik gegenüber den Palästinensern sowie – auch dieser Nachweis gelingt Aly – ein in der Tat erstaunliches Desinteresse an der seit Beginn der 1960er Jahre mindestens juristisch höchst intensiv geführten Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Wenn überhaupt, so ließe sich sagen, wurde dieser Teil der Geschichte vor allem dazu verwendet, einen bitter ausgetragenen Generationenkonflikt gegen Eltern, die meist Täter oder Mitläufer waren, auszufechten. Deren Opfer interessierten dabei kaum.

Indes: ist das ein wirklich erstaunliches Ergebnis? Was anders wäre realistischerweise zu erwarten gewesen? Hätte eine Generation, die ja wie jede andere von ihren Eltern geprägt wurde, überhaupt die Chance gehabt, anders zu agieren? Die Revolte war, lässt man sich auf eine psychoanalytische Betrachtung ein, von einer tiefen Ambivalenz getragen. Der ödipale Aufstand gegen den Vater (und in diesem Fall auch gegen die Mütter) erfolgte mit deren eigenen Mitteln: mit einem zwar oberflächlich linken, aber dennoch in vielen Fällen unerbittlichen, dichotomen Weltbild, begleitet von einem hasserfüllten Ressentiment gegen „die USA“ und „den Zionismus“ sowie einer vielfach unbedachten Identifikation mit jenen politischen Kräften, die entweder von den USA oder dem Staat Israel bekämpft und unterdrückt wurden oder gar als Hoffnungsträger für eine befreite Gesellschaft galten. Spätestens bei der identifikatorischen Stellungnahme mit solchen Staaten und Bewegungen gingen denn auch Ressentiment und erfahrungsresistente Ideologie ein unauflösliches Amalgam ein. Das war jedoch in den Zeiten des Kalten Krieges keineswegs nur eine Angelegenheit der `68er.

4. … und der Kalte Krieg

In den ersten Junitagen des Jahres 1967 kam es zu einem Zerwürfnis zwischen damals etwa 60 Jahre alten sozialistischen Intellektuellen über die Haltung zu Israel und dem Nahen Osten. Im Juni 1967 wechselten der jüdische Linkssozialist und Professor für Pädagogik in Frankfurt/Main, Berthold Simonsohn und der Marburger Politologe Wolfgang Abendroth Briefe, in denen Simonsohn Wolfgang Abendroth um eine Solidaritätsbekundung zu Gunsten des Staates Israel bat. Abendroth lehnte dies in einem Brief, der in einer neuen, aus der Feder von Wilma Grossmann stammenden Biographie von Simonsohn enthalten ist, mit folgenden Worten ab:

„Auch bei dem gegenwärtigen Präventivkrieg muss daher Israel keineswegs nur den Feudalherren der monarchischen arabischen Staaten, sondern vor allem der Bevölkerung der im Wesentlichen progressiven republikanischen Militärdiktaturen als Vortrupp amerikanischer imperialistischer Interessen erscheinen. Deshalb ist eine Identifikation des sozialistischen Internationalismus in den kapitalistischen Staaten Europas mit der gegenwärtigen Politik Israels bei aller Sympathie für die israelische Bevölkerung völlig unmöglich.“

Simonsohn antwortete enttäuscht: „Niemand verlangt eine einseitige Identifikation des Internationalen Sozialismus mit der israelischen Politik, aber ich dachte, dass eine eindeutige Stellungnahme gegen Chauvinismus und Kriegshetzerei der Araber, gegen deren bedingungslose Aufrüstung durch die Sowjetunion und für ein Programm der Verständigung mit dessen Grundsätzen durchaus vereinbar sei. Ich bin der Meinung, dass es für Sozialisten auch in der Politik einen Grundtatbestand an moralischen Prinzipien gibt, die man nicht ungestraft verletzen darf.“

Dieser Briefwechsel zeigt, dass es bei dem, was man als (in vielen, nicht allen Fällen judenfeindlichen) „Antizionismus“ bezeichnen kann, nicht nur um ein Generationenphänomen, sondern um eine weltanschauliche Differenz ging. Eine Differenz, die von einer unterschiedlichen Betrachtung der deutschen Geschichte getragen war, einer Geschichte, in der damals der Holocaust noch nicht jene Bedeutung hatte, die ihm heute auf Grund intensiver Lern- und Diskussionsprozesse zu Recht zukommt.

Viele Angehörige der Protestbewegung, es stimmt ja, haben anders, nicht so „antizionistisch“ gehandelt oder lebten doch wenigstens in Umständen, die ihnen das Ausleben destruktiver Energien und die Übernahme elterlicher Delegation unmöglich machte. Darauf stolz zu sein, wäre ebenso töricht, wie sich im Rückblick von über vierzig Jahren als in jeder Hinsicht politisch zurechnungsfähige Individuen zu betrachten. Ebenso töricht wäre es freilich, die genannten judenfeindlichen Haltungen mit leichter Hand als vernachlässigbare Jugendsünde abzutun. Weise wäre es stattdessen, die eigene Bedingtheit anzuerkennen und zu realisieren, dass die unmittelbare, noch von den nationalsozialistischen Eltern geprägten Jahre ebenso vergangen sind wie die Zeiten des Kalten Krieges, der dieser Form der Judenfeindschaft erst politischen und moralischen Sukkurs verliehen hat.

Nicht vergangen, Gegenwart ist hingegen, dass derzeit mehr als 50 Prozent aller Deutschen glauben, dass Israel mit den Palästinensern im Prinzip dasselbe tut wie Nationalsozialisten mit den Juden.

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