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Sexua­lität

Rede an die Nachgeborenen,

aus: vorgänge Nr.181, Heft 1/2008, S. 37-46

In Tom Wolfes jüngsten Roman „Ich bin Charlotte Simmons“, der das Treiben heutiger Studentinnen und Studenten an einem US Elite-College porträtiert, wird Adam, ein Student, zu Professor Quat zitiert. Er betritt dessen Dienstzimmer, bunte Poster prangen an den Wänden, Bob Dylan, Grateful Dead, Pink Floyd, The Who usw. „Gefallen Ihnen meine Poster? Sagen Sie Ihnen was?“, fragt Quat. „Nicht so richtig, Sir. Sechzigerjahre?“ antwortet Adam verunsichert. „Wie kommt es, dass Sie etwas über die Sechzigerjahre wissen?“, wundert sich der Professor. „Für die meisten Studenten könnten die genauso gut im achtzehnten Jahrhundert stattgefunden haben“[1].

Für Studentinnen und Studenten heute ist 1968 eine ferne und blasse Vergangenheit, die mit ihnen nur wenig zu tun zu haben scheint. Das aber ist eine falsche Annahme. Die Art und Weise, wie sie (und andere junge Leute) Ihr Liebesleben und ihre Beziehungen organisieren, die Art und Weise, wie sie sexuell handeln und in Fragen der Sexualität moralisch urteilen, ist ohne das, was man mit der Chiffre „68“ bezeichnet, nicht denkbar, auch wenn ihnen die alten Helden ganz und gar unbekannt sind oder ein wenig verstaubt und komisch vorkommen. Ich will versuchen, den Bogen zu schlagen von der sexuellen Revolte der 1960er Jahre zu den Enkeln der „Sexuellen Revolution“.

Was für Jugendliche wie eine Zeitreise „ins achtzehnte Jahrhundert“ sein mag, um Professor Quat noch einmal zu zitieren, ist für mich eine Reminiszenz an die gerade vergangene Gegenwart. Ich war 1968 30 Jahre alt und arbeitete schon seit einigen Jahren als junger Assistent an der Abteilung für Sexualforschung der Uni Hamburg. Ich war also nicht mehr Student, als die Studentenbewegung begann. Von meiner Generation sind nur diejenigen „68er“, die über den zweiten Bildungsweg, also schon etwas älter, an die Uni gelangten und 1968 noch studierten – wie zum Beispiel Günter Amendt, Reimut Reiche oder Martin Dannecker, die zu den herausragenden Protagonisten des Sexualdiskurses der Studentenbewegung gehören. Doch sehr schnell wurden meine jungen Kollegen und ich in den Strudel hineingerissen. Das Thema „Sexualität“ hatte eine hohe Valenz bei den Studentinnen und Studenten, unsere Seminare über „Sexuelle Sozialisation“, „Sexualität und Aggression“, über „Pornographie“ und „Ungewöhnliche Sexualformen“ waren übervoll. Es wurde hitzig diskutiert und gestritten, und nie wieder habe ich erlebt, dass Dozenten zumindest ebenso viel von den Studierenden lernten wie diese von jenen. Damit ist des Schwärmens von alten Zeiten genug. Nur noch soviel: Professionell wie persönlich brachten mich die Ereignisse auf einen anderen Weg, es war eine am eigenen Leib erfahrene und bisweilen durchlittene Zeitenwende.

Sexuelle Restauration: die 1950er

Doch beginnen wir mit dem Vorabend der Ereignisse. Als ich in den 1950ern in das Alter kam, in dem man sich für Präservative interessiert, verschwanden (auf Grund einer Verfügung der Bundesregierung) die klapprigen und rostigen Automaten mit der Aufschrift „Männer, schützt Eure (!) Gesundheit“ gerade aus den Pissoirs der Republik. Man wollte lieber die Moral der Jugendlichen schützen als ihre Gesundheit. Das war meine Begegnung mit der sexuellen Restauration der Adenauer-Ära.

Andere traf es härter, zum Beispiel schwule Männer. 1949 wurde nicht der §175 der Weimarer Republik, der homosexuelle Handlungen auch unter erwachsenen Männern unter Strafe stellte, ins Strafgesetzbuch der BRD übernommen, geschweige denn der Paragraph aufgehoben, sondern ohne Scham der 1935 von den Nationalsozialisten noch einmal verschärfte Paragraph rechtstaatlich legitimiert, obwohl die Alliierten alle nationalsozialistischen Strafgesetzänderungen kassiert hatten. Und die Rechtspraxis folgte nun wieder dieser Gesinnung. Razzien in der Subkultur, die nach Kriegsende wieder ein wenig erblüht war, mit zahllosen Verhaftungen und Denunziationen, standen auf der Tagesordnung.2
Und zum Beispiel Frauen. Eine Familienpolitik, die die kleine Familie, vor allem bei den „besseren“ Leuten, restaurieren wollte, erklärte die Erwerbstätigkeit der verheirateten Frau, Kindergärten und Schulhorte zu einem abstoßenden Spezifikum der „kommunistischen“ DDR und des Bolschewismus. Hausfrauen- und Mutterrolle wurden systematisch gefördert – ideologisch, finanziell und durch das Austrocknen der Möglichkeiten, Kindererziehung und Arbeit zu verbinden3. Ehen sollten mit Staatsgewalt verlängert werden, Scheidungen wurde erschwert, sie waren gegen den Widerspruch eines Partners nun nicht mehr möglich, auch bei amtlich festgestellter Zerrüttung nicht.
Die offizielle Moral von Kirchen und Staat trennten damals schon Abgründe von dem, was Männer und Frauen dachten und machten. Nach der ersten „Umfrage in der Intimsphäre“, 1949 im Gründungsjahr der Republik von Allensbach erhoben, gingen schon damals 90 Prozent der Männer und 72 Prozent der Frauen nicht mehr jungmännlich oder -fräulich in die Ehe; 85 Prozent der unter 30jährigen befürworteten ausdrücklich „intime Beziehungen zwischen unverheirateten Menschen“.4 Es war ein liberaler Vormärz, denn die Einstellungen wurden in den 1950ern noch einmal kurzfristig muffiger, eine Wiederholung der Allensbacher Befragung Anfang der 1960er Jahre zeigt das deutlich.[5]

Trotz manch aufmüpfiger Gesinnung und unerwünschtem Tun – die damalige Ahnungslosigkeit in Sexualfragen ist heute unvorstellbar. „Camelia gibt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen“ – stundenlang habe ich als Junge über diesen Slogan gegrübelt und konnte sein Geheimnis nicht ergründen; Mädchen wurden massenhaft von ihrer Regel überfallen und standen entsetzt im Blutbad; Abiturienten diskutierten allen Ernstes, ob ein Taschentuch, um den Penis geschlungen, nicht so nützlich sein könnte wie ein Kondom, dessen Erwerb in der Drogerie Jüngling wie Verkäuferin bodenlos peinlich war. Desinformation, Verdummung, sexuelle Behinderung und die Verschwörung des Schweigens waren massiv, einerseits; andererseits hatte das Abschieben der Sexualität in den Untergrund aber auch etwas Aufregendes, ereignislos und bleiern waren die Zeiten keineswegs: Kindliche Sexualspiele, bei denen man sich nicht erwischen lassen darf, sind atemberaubender als sexualpädagogisch vor- und nachbereitete Doktorspiele unter den wohlwollenden Blicken der Eltern; puberale Masturbation zwischen Verlangen, Angst, Schuld und Triumph über Verbote ist aufwühlender als die auf- und abgeklärte Nutzung einer Lustmöglichkeit des Körpers, deren man sich bedient oder nicht. Alle Klischees über die 1950er sind richtig: der Sex auf dem Rücksitz des Käfers oder im Wald und auf der Heide, und wenn es schneite, eben im Schnee. Selbst wenn sie’s gedurft hätten, ins „Kinderzimmer“ der elterlichen Wohnung, mit Kaffee trinkenden Eltern in der Küche nebenan, wie heute üblich, wären sie mit ihrer Liebsten oder ihrem Liebsten damals nicht gezogen. Rebellion, Abgrenzung von der Erwachsenenwelt, auch die Verachtung für deren verknöcherte Scheinheiligkeit, waren Stachel der Lust.

1968 und einige Folgen

Vor Ausbruch der Studentenbewegung war der Widerspruch zwischen der offiziellen Moral einerseits und der sexuellen Realität und Moral junger Erwachsener andererseits ins Groteske gewachsen und nicht mehr auszuhalten. Und genau zu diesem Zeitpunkt, 1966, machten wir unsere erste umfangreiche Studie zur studentischen Sexualität. Ich nehme schon einmal vorweg, dass wir von da ab die Sexualität der Studentinnen und Studenten nicht mehr aus dem Blick verloren und im Abstand von jeweils 15 Jahren 1981 und 1996 wieder untersuchten.[6]

Doch zurück zu 1966. Schon die Begleitumstände unserer Studie zeigten, dass sie in Zeiten des Umbruchs erfolgte. Während der Rektor der Universität Freiburg unsere Bitte, auch an seiner Hochschule die Befragung durchführen zu dürfen, ebenso verbindlich wie klar mit dem Hinweis ablehnte, solche Fragen möge er seinen Studentinnen nicht zumuten, schickte der Präsident der Freien Universität Berlin eine Delegation des SDS-ASTAs nach Hamburg. Die Kommilitonen diskutierten mit den Sexualforschern lange darüber, ob solche Erhebungen nicht neue Normen installieren und den Anpassungsdruck erhöhen würden, ob also hinter der liberalen Fassade des Unternehmens repressive Gefahren lauerten. Es gelang uns nur knapp, die Berliner für das Projekt zu gewinnen; darüber hinaus hatten die Hamburger Forscher eine eindrucksvolle sexualpolitische Lektion erhalten und begannen, Herbert Marcuse zu lesen.

Die Ergebnisse unserer Studie fassten Hans Giese und ich damals so zusammen (ich zitiere wörtlich, weil ich den aus heutiger Sicht etwas antiquierten Sprachduktus nicht verhehlen will):

„Die Studenten (gemeint waren Studenten und Studentinnen, G.S.) zeigen nicht nur Verhaltensweisen, die nach der offiziellen Moral als ‚unsittlich‘ oder ‚unzüchtig‘ gelten, sie bejahen sie zugleich: Das gilt insbesondere für die voreheliche Sexualität. Die ‚Verstöße‘ gegen die offizielle Moral erfolgen ohne Bewusstsein einer Normverletzung. Die sexuelle ‚Devianz‘ (in Sachen traditioneller Moral) wird nicht einmal mehr als konflikthaft erlebt. Die offizielle Moral ist durch informelle Standards als normativer Bezugsrahmen längst ersetzt, nach ihnen, nicht nach den überkommenen Moralvorstellungen wird gewertet“.[7]

Zugleich machten wir eine Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten aus, das heißt, die Studentinnen und Studenten erlaubten sich viel mehr als sie tatsächlich taten. Mit ein wenig liberalem 68er Pathos fuhren wir fort:

„Fast 50% der ledigen Studenten, Erwachsenen und seit Jahren geschlechtsreife Menschen, haben keine Koituserfahrung, das heißt, sie haben eine prominente Form und Möglichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen nicht vollzogen. Diejenigen mit Erfahrungen, haben sexuelle Beziehungen mit geringen Frequenzen und beschränken ihre Aktivität in der Mehrzahl auf einen Partner“.[8] (Die Missbilligung dieser Zustände ist unüberhörbar.)

Es gab einen doppelten Hiatus: Zwischen der offiziellen Moral und dem, was die Leute dachten einerseits und zwischen dem sexuellen Wünschen und sexuellen Machen andererseits Die 68er machten – neben vielem anderen – die sexuelle Heuchelei öffentlich und fegten sie beiseite. Eine sexualpolitische und -moralische Erschütterung ging durch alle westlichen Industriegesellschaften, und doch gab es deutsche Eigentümlichkeiten. Die Wohlanständigkeit der Eltern war in den Augen der Studentinnen und Studenten die Wohlanständigkeit von Mittätern und Mitläufern der Nazis, die über Sexualmoral tönten, um nicht über Kriegsschuld und Völkermord reden zu müssen. Ihre Fassade war besonders fadenscheinig.[9]

Deshalb faszinierte die deutschen StudentInnen Wilhelm Reich viel stärker als ihre US-amerikanischen oder europäischen Kommilitonen. Sie hatten auch das Glück, Raubdruck sei dank, Reich im Original lesen zu können und waren nicht auf seine verworrenen und verqueren im US-amerikanischen Exil entstandenen Revisionen angewiesen. Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“[10] wurde so atemlos gelesen wie seine sexualpolitischen Werke aus den 1930er Jahren. In seiner Person verband sich das Nachdenken über bürgerliche Kleinfamilie, autoritärem Charakter und Faschismus mit dem Nachdenken über sexuelle Unterdrückung und Befreiung. Seine Botschaft war verlockend einfach: Sexualunterdrückung führt zum Bösen bis hin zum Faschismus; Sexualbefreiung erlöst vom Übel, von Aggression, sexuellen Verirrungen (für Reich gehörte auch die Homosexualität dazu) und der Lust an der Unterwerfung. Sexualität war das Primäre und darin steckt ihre Mystifizierung. Und diese teilten die Studenten mit ihren konservativen Widersachern: Letztere sahen in der Befreiung den Untergang des Abendlandes und beteten 1970 vor dem Bayerischen Kultusministerium in München gegen die Einführung der Sexualpädagogik an den Schulen; erstere (die Studenten) erhofften von der sexuellen Befreiung die Geburt des neuen (und das hieß: sozialistischen) Menschen und „beteten“ auf ihren Demonstrationen für die Einführung nicht repressiver Sexualerziehung von der ersten Klasse an – nicht weil es vernünftig, sondern weil es „heilsbringend“ schien.

Und beide (Konservative wie Studenten) glaubten einträchtig und inbrünstig an die transformative Kraft des Sexuellen: Sex war nicht nur Sex, sondern Aufbruch in eine bessere Welt oder Ruin der bürgerlichen Gesellschaft.

Was die Studentinnen und Studenten taten, war dabei ganz weltlich. Sie rissen Mauern ein, doch sie schleiften eine Burg, die ohnehin nur noch Ruine war und störte: Die Burg „frühkapitalistische Prüderie und Triebverzicht“, genauer Konsumverzicht. Sie fegten Verbote beiseite, die in der entwickelten Marktwirtschaft, in der Demokratie der Konsumenten, längst dysfunkional geworden waren und betrieben ein Stück bürgerlicher oder kapitalistischer Modernisierung. Objektiv waren die 68er systemkonformer als ihre Väter, die sich als Bewahrer und ihre Söhne und Töchter als Zerstörer des Systems begriffen, denn sie, die rebellischen Studenten, initiierten systemsichernde Reformen. Die Studentinnen und Studenten begriffen das allerdings schnell und folgten nun eher Herbert Marcuse, der in seinem Werk „Triebstruktur und Gesellschaft“[11] wohl als Erster beschrieben hatte, wie freigegebene Sexualität – die orgastische Potenz Reichs hin und her – vereinnahmt und als Mittel gesellschaftlicher Kontrolle und kapitalistischer Effizienz genutzt werden kann. „Repressive Entsublimierung“ war ein zentraler Topos in Reimut Reiches „Sexualität und Klassenkampf“[12], der theoretisch anspruchvollsten Äußerung der 68er zum Thema „Sexualität“.

Doch die sexuelle Modernisierung der späten 1960er und 1970er Jahre, die bei aller Begrenzung und „Systemimmanenz“ Ketten sprengte, war nicht nur eine Sache der Studentinnen und Studenten. Sie war schicht-, generations- und vorliebenübergreifend. Jede Gruppe hatte ihre Agenten: Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten hatten Günter Amendt und seine „Sexfront“[13], für mich der schönste, frechste und un-verklemmteste Beitrag der 68er zur sexuellen Frage. (Er sprach, wohl als erster, mit Ironie und Witz über Sex, inszenierte ihn gelegentlich auch als Groteske und begründete eine Kommunikation über Sexualität, die die Massenmedien heute längst adoptiert haben.) Bürgerliche Erwachsene hatten Oswald Kolle, untere Ausbildungsschichten Beate Uhse. Und Schwule hatten Rosa von Praunheim, der mit seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ die zweite Schwulenbewegung zündete, und sie hatten Martin Dannecker und Reimut Reiche, die in einer großen und originellen empirischen Studie den „gewöhnlichen Homosexuellen“[14] beschrieben. Kolle und Uhse werden in ihrer Bedeutung gleichermaßen unterschätzt: Kolle versuchte behutsam, Paaren das Sprechen über Sexualität nahe zu bringen, und zwar solchen, denen die Studentenbewegung fremd und unheimlich blieb; Uhse besorgte mit Macht und Umsicht die Kontrazeption in der Republik, bis hin zur Entwicklung einer Kosten sparenden Trockenvorrichtung für ausgewaschene, wieder verwendbare Präservative.

Bis Mitte der 1970er war der Prozess der Liberalisierung im Großen und Ganzen abgeschlossen. Unsere 1981er Untersuchung an Studentinnen und Studenten machte Ausmaß und Grenzen des Liberalisierungsprozesses empirisch beschreibbar und dokumentierte erhebliche Veränderungen innerhalb eines kurzen Zeitraums von nicht einmal eineinhalb Jahrzehnten. Wir resümierten:

„Das 1966 relevante Spannungsverhältnis zwischen permissiven Einstellungen zur vorehelichen Sexualität und einer relativ geringen vorehelichen Koituserfahrung, besonders bei Frauen, ist 1981 nivelliert zu einer kongruenten Einstellungs-Verhaltens-Permissivität. … Die voreheliche Sexualität … ist in einem relativ kurzen Zeitraum zu einer ubiquitären Erscheinung geworden.“[15]

Der Kern der „Sexuellen Revolution“ lässt sich in der Tat einfach benennen: Die Ehe verlor ihr Monopol, Sexualität zu legitimieren, eheliche und nichteheliche Sexualität wurden gleich gestellt. Dieser Prozess hat viele Erscheinungsformen: Verheiratete und unverheiratete Erwachsene unterschieden sich nun kaum noch in ihrer sexuellen Aktivität; nichteheliche Beziehungs- und Familienformen wurden häufiger und salonfähig; schwule und lesbische Sexualität brachen aus dem Ghetto des Verbotenen und Abnormen und wurden zu „gesunden“ Variationen menschlicher Sexualität; und Jugendsexualität wurde üblich und gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Der Umbruch jugendlichen Sexualverhaltens erfolgte Ende der 1960er, Anfang der 1970er, eben auf der Höhe der „Sexuellen Revolution“. Die „Pille“, die in den 1960ern auf den Markt kam, trug zu dieser Entwicklung bei. Doch ihr Einfluss sollte nicht überschätzt werden, denn nur jedes fünfte Mädchen verhütete in den 1970ern beim ersten Verkehr mit der Pille. Die Liberalisierung war kein pharmakologisches Ereignis, wie gelegentlich behauptet wird. Seit den 1970ern ist im Hinblick auf das Alter beim ersten Geschlechtsverkehr übrigens nicht mehr so viel passiert.[16] Die „Subjekte“ der Jugendsex-Revolution sind heute gut 50 Jahre alt, also die Eltern der heutigen jungen Generation.

Aus den Experimenten der Berliner Kommunen 1 und 2 entwickelte sich eine neue, solide Lebensform Jugendlicher und junger Erwachsener: die WG, in der heute gut 20 Prozent der Studentinnen und Studenten wohnen, ganz pragmatisch, ganz unideologisch, ganz un-promisk. In meiner Generation hatten nun (Anfang der 1970er) die meisten ihr Coming out gehabt oder sich aus ihrer Ehe verabschiedet, die in der Regel gar nicht zerrüttet war. Das Beziehungsparadigma wurde gewechselt: Es folgte nun, wie Zygmunt Bauman zufolge das Leben überhaupt, dem Prinzip der Fitness, nicht mehr dem Prinzip der Gesundheit.[17] Bis dahin galt eine Beziehung als gut, solange sie nicht schlecht war, Langeweile und begrenzter Austausch, sexuell und emotional, galten nicht als „ungesund“. Nun aber fragten Mann und Frau sich, ob es nicht höher und weiter ginge, ob irgendwo mehr Abenteuer, mehr Nähe, mehr Intimität, mehr Aufregung, mehr Auseinandersetzung warteten. Lust und Drang sich umzusehen, nicht zu rosten, wurden größer. Aus dem Paar, das ehemals durch Institutionen, basale Aufgaben und rollenbedingte wechselseitige Abhängigkeiten zusammengehalten wurde, wurde ein rekreatives und Erlebnisteam. Beziehungen wurden „pur“, ihnen fehlen seitdem äußere Anker und sie bestehen in der Regel nur so lange sie für beide ein befriedigendes Maß an Intimität und Sich-Wohlfühlen gewährleisten. Sie sind potenziell periodisch und so wurde serielle Monogamie zur gängigen Verkehrsform. Zwischen den Monogamien ist man Single. Der Single entstand als neue Figur, Held und Heroine unabhängiger und unbändiger Sexualität – in der Phantasie und in den Medien; in der Realität meist unglücklich, nur im Wartestand auf den Nächsten oder die Nächste, sexuell eher depraviert und missgestimmt, eine Nebenfolge serieller Beziehungen. Die Ehe verlor ihr zweites Monopol: das Monopol, Beziehungen zu definieren. Ein Paar ist nun dort, wo zwei Menschen sagen, dass sie eines sind, unabhängig vom Personenstand – und vom Geschlecht der Partner. Als Folge dieser Entwicklungen leben immer mehr Kinder in einem Kunterbunt von Lebens- und Familienformen, ihre familiäre Welt wird vielfältiger, unübersichtlicher, fluider.[18]

Entmystifizierung

Doch zurück in die Vergangenheit. Ende der 1970er Jahre begann sich der Blues über Liebeslandschaften zu legen. Sex und Beziehungen hatten sich geändert, aber hohes Hoffen nicht erfüllt, das Glück – politisch wie privat – wollte sich nicht einstellen. Der Abgesang auf die „sexuelle Befreiung“ wurde am schönsten in den von Volkmar Sigusch und Hermann Gremliza herausgegebenen Heften „Sexualität konkret“ (19791986) [19] intoniert. „Erotik ist nur noch Alleinsein“, hieß es dort ebenso kulturpessimistisch wie wehleidig, und Bod Dylan nuschelte im Hintergrund. Tieftraurig begann einwichtiger Prozess: die Entmystifizierung der Sexualität von ihrer Überfrachtung mit Bedeutungen.

Doch vorher gab es noch etwas anderes zu erledigen, und das nahmen die Frauen in die Hand: Die Zivilisierung des durch die Liberalisierung deregulierten freien Liebesmarktes und die Gleichberechtigung von Männern und Frauen auf diesem Markt. Feministinnen setzten auf den liberalen Diskurs der 1960er Jahre den Selbstbestimmungsdiskurs der späten 1970er und 1980er. Sie thematisierten sexuelle Herrschaft und Gewalt von Männern und eröffneten ein Thema nach dem anderen: Vergewaltigung, Prostitution, Kindesmissbrauch, Pornographie, sexuelle Belästigung und – allen voran Alice Schwarzer mit ihrem Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“[20] – Machtausübung und -demonstration in der alltäglichen und herkömmlichen Heterosexualität.

In der Umgestaltung der Heterosexualität war der Feminismus schließlich ein überaus erfolgreiches Projekt. Die Gewaltdebatten brachten einen Sensibilsierungsschub bei Frauen, aber auch bei Männern, gegenüber Zwang und Herrschaftsausübung in der Sexualität hervor – und einen neuen Sexualcode, der die alten Verbote nicht wieder beleben, sondern den sexuellen Umgang ziviler machen wollte. Das Ergebnis habe ich Verhandlungsmoral, andere Konsensmoral genannt. Beurteilte die alte Moral sexuelle Akte – nichtehelichen Sex, gleichgeschlechtlichen Sex usw. – weitgehend unabhängig vom Kontext als „verwerflich“, so kommt es heute nicht mehr darauf an, was zwei (oder auch mehr) Partner miteinander machen, sondern wie es zu Stande kommt. Ob hetero-, bi- oder homosexuell, oral oder anal, zart oder ruppig, bieder oder raffiniert, normal oder pervers, mit Liebe oder ohne, ist moralisch ohne Belang. Von Belang ist, dass es vereinbart wird. Nicht äußere Autoritäten – der Staat, die Kirche – bestimmen das Richtig oder Falsch, sondern die Akteure. Insofern ist die Verhandlungsmoral demokratisch, sie ist eine Moral „von unten“, ein „Grassroots“-Phänomen. Auch Kondome und safe sex können ausgehandelt werden, und so wurde Verhandlungsmoral zu einem wichtigen Faktor der Vorbeugung von HIV-Infektionen und AIDS – und trug dazu bei, dass nach anfänglichen Irritationen, Ängsten und katastrophistischen Übertreibungen der Gefahr für die gesamte Bevölkerung Mitte der 1980er Jahre[21], die Bedrohung realistisch wahrgenommen werden konnte und dass die Krise das Sexualverhalten heterosexueller Männer und Frauen hier zu Lande nur wenig beeinflusste.

Das zeigte unter anderem unsere 1996er Studentenstudie. Die Verhaltensänderungen zwischen 1981 und 1996 sind sehr viel geringer als die zwischen 1966 und 1981. Auf den ersten Blick erscheinen die 1996er wieder etwas konventioneller zu sein, so nimmt z.B. die Treueneigung in festen Beziehungen wieder leicht zu. Diese Veränderungen hielten wir eher für pragmatisch als für moralisch motiviert und argumentierten so:

„Suchte man nach einer Formel für ihre (der 1996er Studenten/innen, G.S.) Sexualität, so träfe ‚pragmatisch‘ und ‚folgenabgeschätzt‘ die Verhältnisse wohl am besten. Sexualität wird als ein Bereich der Planbarkeit und Kommunikation konzipiert. Noch nie wurde so gut verhütet, noch nie gab es so wenige ungewollte Schwangerschaften und Abtreibungen, noch nie so wenige Geschlechtskrankheiten wie 1996. Die Sensibilität der Männer – die der Frauen ohnehin – für sexuelle Grenzverletzungen ist groß“.[22]

Lange glaubte ich, eine solche Pragmatik im Sexuellen oder Konzepte wie die Verhandlungsmoral gründeten sich auf einen beinahe rührenden Glauben an die Rationalisierbarkeit der Sexualität. Aber konfrontiert sie uns nicht vielmehr mit unserem rührenden Glauben an deren Irrationalität? Ehrwürdige Bilder und Konzepte unserer Kultur werden heute in Frage gestellt: Sexualität als Trieb und Wildheit, als schicksalsträchtige Kraft, teuflisch verlockend und höllisch gefährlich; Sexualität als letzter Hort unverstellter menschlicher Natur, als unbändige tabusprengende und transformative Kraft; Sexualität als ewiges Drama, als Verstrickung auf Leben und Tod. Diese alten Geschichten über den Sex – jenseits von Gut und Böse, jenseits der Vernunft, jenseits von allem – sind keineswegs verschwunden, wir hören sie gelegentlich noch von der Psychoanalyse, bisweilen auch von der Sexualwissenschaft, wir sehen sie im Kino und wir lesen sie in der schönen Literatur. Die Autoren oder Regisseure sind meistens ältere Männer (man denke an Verhoevens „Basic instinct“, Stanley Kubricks „Eyes wide shut“, Roman Polanskis „Bitter moon“ oder an Philip Roths letzte Romane), und ihre Geschichten wirken wie ein trauriges Hello and Good bye an die kulturelle Form der Erotik ihrer Jugend, an den Sexualmythos ihrer (und auch meiner und der 68er) Generation. Ich goutiere ihre Geschichten gerne und mit nostalgischem Schauer und weiß doch, dass diese Form der Erotik wie der Protagonist in Roths Roman ein „Dying animal“ ist. Wir haben uns längst verabschiedet von dem schaurig-schönen, schwarzromantischen bürgerlichen Drama der Sexualität, vom Mythos der Verdammung und Erlösung durch den Sex, der Mythos, der die rebellischen Studenten und die Fundamentalisten so innig einte.

Kein „Trieb“ treibt uns mehr zum Sex, sondern die Suche nach Affekten, Reizen, Vergnügungen, „thrills“, Bedeutungen verlockt uns; nicht Befriedigung im Sinne von Ruhe oder Bedürfnislosigkeit ist das Ziel, sondern das Spiel mit Erregungen, Erlebnissen und Empfindungen, die Nutzung der Ressource Sex. Zygmunt Bauman hat die Quintessenz zeitgenössischer, spätmoderner Sexualität besonders treffend formuliert: „Verlangen verlangt nicht nach Befriedigung. Im Gegenteil, Verlangen verlangt Verlangen“.[23] Die Studenten im Jahr 1966 hätten mit diesem Satz vermutlich nichts anfangen können, wir beginnen ihn zu verstehen.

„Sex ist so schön wie Skifahren, und das will was heißen“ schreibt ein Student unserer letzten Studie auf die Frage, was ihm Sexualität bedeute; „gehen wir ins Bett oder ins Kino“, erwägt ein junges Paar und täte beides gleich gerne. Oberflächlich und ein wenig banal, könnte man nörgeln. Aber es ist entmystifizierter, entdramatisierter Sex. Entdramatisierung geht einher mit der Option, über seine Sexualität verfügen zu können, sie auf die Tagesordnung zu setzen und wieder runter, ihre Kosten und Gewinne pragmatisch und effektiv zu kalkulieren. Das designierte Verlangen ist die Metapher, die an die Stelle der alten Metapher des mächtigen, irrationalen Triebes tritt. Und so scheint es, als hätten wir die Sexualität zu Beginn des Jahrtausends gründlich entrümpelt: von religiösen Vorschriften, vom Patriarchat (fast) und von der schwarzen Romantik des Bürgertums und der Psychoanalyse. Das ist nicht wenig für einen Zeitraum von 50 Jahren. Und die 68er haben diesen Wandel, wenn nicht bewirkt, so doch kräftig beschleunigt.

[1] Tom Wolfe. Ich bin Charlotte Simmons. Blessing, München 2005, S. 732 f.

[2] Dieter Schiefelbein. Wiederbeginn der juristischen Verfolgung homosexueller Männer in der Bundesrepublik Deutschland. Die Homosexuellen-Prozesse in Frankfurt am Main 1950/51. Zeitschrift für Sexualforschung 5, 59-73, 1992.

[3] Dietrich Haensch. Repressive Familienpolitik. Sexualunterdrückung als Mittel der Politik. Rowohlt, Reinbek 1969.

[4] Ludwig v. Friedeburg. Die Umfrage in der Intimsphäre. Enke, Stuttgart 1953.

[5] STERN Nr. 45-50, 1963.

[6] In den drei Erhebungen wurden jeweils zwischen 2000 und 3600 Studentinnen und Studenten von 12 bis 15 Universitäten befragt (Geburtsjahrgänge 1936 bis 1976); vgl. Hans Giese und Gunter Schmidt. Studenten-Sexualität. Verhalten und Einstellung. Rowohlt, Reinbek 1968; Ulrich Clement. Sexualität im sozialen Wandel. Eine empirische Vergleichsstudie an Studenten 1966 und 1981. Enke. Stuttgart 1986; Gunter Schmidt (Hg.) Kinder der sexuellen Revolution. Kontinuität und Wandel studentischer Sexualität.1966-1996. Psychosozial, Gießen 2000.

[7] Giese und Schmidt, a.a.O., S. 392.

[8] ebd., S. 395.

[9] Vgl. dazu Dagmar Herzog. Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Siedler, München 2005.

[10] Wilhelm Reich. Massenpsychologie des Faschismus. Sexpol, Kopenhagen 1933.

[11] Herbert Marcuse. Triebstruktur und Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1967.

[12] Reimut Reiche. Sexualität und Klassenkampf. Zur Abwehr repressiver Entsublimierung. Neue Kritik, Frankfurt a. M. 1968.

[13] Günter Amendt. Sexfront. März, Frankfurt a. M. 1970.

[14] Martin Dannecker und Reimut Reiche. Der gewöhnliche Homosexuelle. Fischer, Frankfurt a. M. 1974.

[15] Ulrich Clement, a.a.O., S. 76 f., S. 79.

[16] BZgA (Hg.). Jugendsexualität. Wiederholungsbefragung von 14-bis 17-Jährigenund ihren Eltern. Ergebnisse der Repräsentativbefragung aus 2005. BZgA, Köln 2006.

[17] Zygmunt Bauman. Über den postmodernen Gebrauch der Sexualität. In Gunter Schmidt und Bernhard Strauß (Hg.). Sexualität und Spätmoderne. Psychosozial, Gießen 2001.

[18] Vgl. zu dieser Entwicklung u.a. Gunter Schmidt, Silja Matthiesen, Arne Dekker und Kurt Starke. Spätmoderne Beziehungswelten. Report über Partnerschaft und Sexualität in drei Generationen. Verlag Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006.

[19] Volkmar Sigusch und Hermann Gremliza (in Verbindung mit Ingrid Klein) (Hg.). Sexualität konkret. Heft 1-7, konkret Verlag, Hamburg 1979 – 1986.

[20] Alice Schwarzer. Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Fischer, Frankfurt a. M. 1975

[21] Gunter Schmidt. Aids, Moral und Volksgesundheit. In ders. Das große Der Die Das. Über das Sexuelle. Reinbek, Rowohlt 1988.

[22] Schmidt (Hg.), a.a.O., S. 32.

[23] Zygmunt Bauman, a.a.O., S. 20.

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