Publikationen / vorgänge / vorgänge Nr. 253: Einengung der öffentlichen Diskursräume

REZENSION: Chinas ökonomische Entwicklung seit 1978 aus schum­pe­te­ri­a­ni­scher Perspektive

Land, Rainer: Chinas gelenkte Marktwirtschaft. Hintergründe eines Booms, Promedia 2025, 240 S., 23,00 €.

Mit seiner Monografie Chinas gelenkte Marktwirtschaft. Hintergründe eines Booms verfolgt der freiberufliche Wirtschaftswissenschaftler Rainer Land zwei aus seiner Sicht miteinander zusammenhängende Anliegen: Zum einen geht es ihm darum, die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von Joseph Schumpeter im Kontext des 21. Jahrhunderts zu betrachten und damit stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Zum anderen verfolgt er das Ziel, die ökonomische Entwicklung der Volksrepublik China (im Folgenden: China) seit Beginn der wirtschaftlichen Reform- und Öffnungspolitik im Jahr 1978 nachzuzeichnen. Der Zusammenhang beider Anliegen bestehe darin, dass ebendiese Entwicklung mithilfe von Schumpeter deutlich besser nachvollzogen werden könne als anhand neoklassischer und keynesianischer Ansätze (S. 7).

Im Zuge seiner dahingehenden Argumentation macht Land keinen Hehl aus seiner ökonomisch dezidiert linken Haltung. In dieses Bild fügt sich ein, dass Land im Rahmen seiner Darstellung ökonomischer Zusammenhänge primär an die Positionen linker Ökonom*innen anknüpft, wie Yanis Varoufakis oder Heiner Flassbeck. Trotz des mitunter sehr subjektiven und persönlichen Charakters des Buches sei angemerkt, dass sich die Auseinandersetzung mit Lands theoretisch und empirisch fundiertem Werk lohnt.

Das Buch ist in fünf übergeordnete Kapitel sowie ein Vorwort und ein kurzes Schlusskapitel gegliedert. Dabei sind die Kapitel eins und fünf jeweils theoretischer Natur und bilden damit eine konzeptionelle Klammer für die chinabezogenen Kapitel zwei bis vier, in denen Chinas ökonomische Entwicklung beschrieben und analytisch betrachtet wird. Die gewählte Struktur trägt dabei positiv zum Verständnis seiner Argumentationslinie bei, da sämtliche für die Analyse zentralen theoretischen Begriffe und Konzepte ausführlich erläutert und präzise definiert werden, bevor sie auf China angewendet werden. Exemplarisch hierfür steht das theoretische Kapitel eins, in dem der Terminus der gelenkten Marktwirtschaft durch eine klare und überzeugende Abgrenzung von der Planwirtschaft einerseits und der freien respektive regulierten Marktwirtschaft andererseits umfassend erläutert wird (insb. S. 13-19/85-98). Konkret definiert Land das oberste Ziel der gelenkten Marktwirtschaft folgendermaßen: „[…] [D]ie wirtschaftliche Entwicklung durch die Gesellschaft zu gestalten, statt sie den Märkten oder der Dominanz kleiner, aber mächtiger Interessengruppen zu überlassen! [Hervorhebung im Original]“ (S. 91). Wirtschaftliche Entwicklung begreift er dabei im Sinne Schumpeters nicht zwangsläufig beziehungsweise nicht allein als Wirtschaftswachstum, sondern vielmehr als „[…] Entdeckung bzw. Erfindung und [die] selektive Durchsetzung neuer Produktionsfunktionen, neuer Produkte und Verfahren [Hervorhebung im Original], die mit neuen Produktionsmitteln, Arbeitsweisen und Erkenntnissen verbunden sind“ (S. 21).

Während Lands Auseinandersetzung mit Schumpeters ökonomischer Theorie im Kontext des 21. Jahrhunderts – insgesamt betrachtet – überzeugt, fällt die Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas, an deren Schluss Chinas Einordnung als gelenkte Marktwirtschaft steht, hingegen stellenweise zu oberflächlich aus beziehungsweise erfolgt teils weder auf Basis hinreichend belegter noch überzeugend erläuterter Grundannahmen. Denn Land zufolge sind die drei essenziellen Komponenten einer gelenkten Marktwirtschaft „Geteilte Ziele“, „Gesellschaftlicher Grundkonsens“ und „Instrumente der Lenkung des Wirtschaftsprozesses“ (S. 94-98). Die Herstellung eines gesellschaftlichen Grundkonsenses und damit auch geteilter Ziele erfolge in der Realität allerdings nicht allein durch einen pluralistisch demokratischen Diskurs, sondern in Kombination mit meritokratischen und autokratischen Elementen (S. 96f.). In China sieht Land zwar letztere beiden Elemente als dominant an, er geht nichtsdestotrotz grundsätzlich von der Existenz eines demokratischen Diskurses oder der langsamen Entstehung eines solchen – wenn auch nicht im parlamentarischen Sinne – aus (S. 188/194-196).

Der zentrale Kritikpunkt diesbezüglich ist, dass Land in seiner Analyse des gegenwärtigen Chinas die aktuelle politikwissenschaftliche Forschungsdebatte hinsichtlich der Möglichkeiten und des Einflusses (zivil-)gesellschaftlicher Akteure am und auf den politischen Prozess in China nicht hinreichend würdigt, obwohl er die Widersprüche zwischen den Elementen Demokratie, Meritokratie und Autokratie erkennt (S. 190). Zwar belegt er seine Ausführungen zu China größtenteils mit relevanter und meist aktueller Fachliteratur. Doch setzt er sich insbesondere im Zuge seiner Betrachtung der Entstehung und Existenz eines vermeintlichen gesellschaftlichen Grundkonsenses sowie geteilter Ziele kaum mit den zahlreichen Stimmen im Forschungsdiskurs auseinander, die unter Xi Jinpings Führung (seit 2012) einen signifikanten Abbau (zivil-)gesellschaftlicher Beteiligungsformen und Diskursräume beobachten, die es unter Xis Vorgängern in Ansätzen bisweilen gab. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dieser von vielen Sinolog*innen und Politikwissenschaftler*innen vertretenen Position wäre essenziell gewesen, insofern Lands These von China als gelenkter Marktwirtschaft unter anderem auf der Annahme basiert, dass in China ein gesellschaftlicher Grundkonsens und geteilte Ziele hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes prinzipiell nach wie vor vorhanden sind (S. 97/187-189). Doch inwieweit diese Voraussetzungen in China in den vergangenen Jahrzehnten und derzeit tatsächlich gegeben sind, ist mindestens fragwürdig. Eine tiefergehende kritische Auseinandersetzung mit dieser zentralen Frage wäre daher notwendig gewesen. In Anbetracht dessen steht Lands ansonsten weitgehend schlüssige Darstellung von China als gelenkter Marktwirtschaft gemäß seiner Definition schlussendlich auf einem wackeligen Fundament.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Tatsache, dass Land an vielen Stellen seines Werks zum einen vermehrt Artikel aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia als Belege anführt und zum anderen, so seine editorische Notiz, Informationen mithilfe von auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierenden Anwendungen wie ChatGPT und DeepSeek recherchiert und verwendet hat. Letzteres betrifft vor allem Kapitel 3.4 (S. 157-167). Dementsprechend weist dieses Kapitel auch kaum konkrete Verweise auf die den Darstellungen zugrundeliegende Primär- und Sekundärliteratur auf. Wenngleich Land schreibt, sämtliche mithilfe von KI erlangten Informationen sorgfältig gegengeprüft zu haben, stellt sich dennoch die Frage, warum er nicht konsequent auf aussagekräftige Primärliteratur, etablierte Standardwerke und aktuelle Forschungsliteratur zu den betreffenden Aspekten verweist, anstatt auf fehleranfälligere Informationen.

Obgleich beide Kritikpunkte nicht zu vernachlässigen sind und vor allem ersterer ein zentrales Argument des Werks kritisch hinterfragt, soll dies nicht bedeuten, dass Land nicht dennoch eine überwiegend gelungene und anschauliche Darstellung der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas seit 1978, basierend auf einer interessanten und intellektuell anregenden theoretischen Perspektive gelungen ist. Seine zwei eingangs erwähnten Hauptanliegen erreicht Land damit grundsätzlich. Das Werk bietet somit allen Leser*innen die Möglichkeit, die ökonomische Entwicklung Chinas aus einer schumpeterianischen Perspektive heraus nachzuvollziehen. Es handelt sich angesichts der dargelegten Besonderheiten und Kritikpunkte jedoch nicht um ein im engeren Sinne wissenschaftliches Werk, sondern vielmehr um eine überblicksartige Darstellung des behandelten Themas für ein interessiertes Publikum ohne spezifisches Vorwissen. Denn Land gelingt es durchweg, sowohl wirtschaftswissenschaftliche Begriffe und Konzepte als auch Chinas Entwicklung anschaulich zu erklären und darzustellen.

Lars Konheiser

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