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Die Kirche und die Sexua­lität

vorgängevorgänge Nr. 233: 5. Berliner Gespräche - Kirchliches Sonderarbeitsrecht08/2021Seite 103-105

In: vorgänge Nr. 233 (1/2021), S. 103 – 105

Karlheinz Deschner, Das Kreuz mit der Kirche. Eine Sexualgeschichte des Christentums. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2021, 744 S., 32,- Euro, ISBN 978-3-86569-319-8.

Der Skandal um die zahlreichen Fälle der sexualisierten Gewalt gegen Kinder (zumeist mit dem verfehlten Begriff des „Kindesmissbrauchs“ bezeichnet) in den Institutionen der christlichen „Amtskirchen“ ist während der Corona-Krise ein Stück weit aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt worden. Neben der Notwendigkeit, die Täter durch die staatlichen Gerichte konsequent zur Rechenschaft zu ziehen, bedarf die Frage nach den Hintergründen der Aufklärung. Sind die Ursachen hierfür generell in den Machtverhältnissen in Organisationen, in denen Erwachsene mit Kindern zu tun haben, zu suchen? Oder sind hierfür die spezifische Geschichte, die Glaubenssätze und die Organisationsstruktur der christlichen Kirchen verantwortlich zu machen?

Wichtige Erkenntnisse hierzu liefert das – erstmals 1974 erschienene und jetzt neu aufgelegte – Werk des bekannten Religionskritikers Karlheinz Deschner. Im Mittelpunkt der Darstellung steht die dezidierte und mit zahlreichen Quellentexten belegte Kritik an der „Sexualfeindschaft“ und der Frauenverachtung der bis heute hochverehrten „Kirchenväter“. Der Autor beginnt mit einem kurzen Blick auf die matriarchalische Orientierung in frühen Kulturen und deren Kult der „Allmutter Erde“, der schließlich mehr und mehr durch die Anbetung männlicher Gottheiten verdrängt wurde. Er widmet sich sodann dem Ausgangspunkt des Christentums, nämlich dem Lebenswandel Jesu, den Deschner wohl als historische Person betrachtet. Christliche Askese, Zölibat und Frauenverachtung, so der Autor, ließen sich nicht auf das Verhalten Jesu stützen. Im Gegenteil: „Mit Frauen verkehrte Jesus in voller Freiheit. Er hielt sie nicht für minderwertig und setzte sie nirgends zurück; auch ihr Fehlen im Zwölferkreis der Apostel widerlegt das nicht, ist dieser doch eine spätere, den zwölf Stammvätern und Stämmen Israels entsprechende rein symbolische Konstruktion.“ (S. 76) Auch finde sich kein Wort Jesu gegen die Ehe. Seine Brüder, die später der Gemeinde beitraten, seien schließlich auch verheiratet gewesen, ebenso seine ältesten Jünger.

Schon aber der Apostel Paulus habe dann die Diffamierung der Sexualität und die Zurücksetzung der Frau eingeführt. So forderte dieser im 1. Korintherbrief: „Die Frauen sollen in den Gemeindeversammlungen schweigen, denn es kann ihnen nicht gestattet werden zu reden, sondern sie haben sich unterzuordnen.“ Der Mann sei „Gottes Abbild und Abglanz“, die Frau nur „der Abglanz des Mannes“ (S. 81). Es folgte die lange Geschichte der christlichen Dogmatik mit ihrer Geringschätzung der Frauen, mit ihrer Verteufelung der Sexualität selbst in der Ehe, wonach nur die „unbefleckte Empfängnis“ Mariens durch den mysteriösen Zeugungsakt des Heiligen Geistes keine Sünde darstellt. Anhand zahlreicher Zitate aus christlichen Quellentexten beschreibt Deschner die verschiedenen Facetten dieser Dogmatik einschließlich des Kults der asketischen Lebensführung, der Selbstkasteiung als Weg zur Vergebung der Sünden und als Ausdruck der Liebe zu Gott. Treffend beschreibt er den Herrschaftsmechanismus, den diese lebens- und liebesfeindlichen Postulate legitimieren sollen: „Die Kirche propagiert und will das Opfer, den Verzicht. Aber sie rechnet mit der Schwachheit der menschlichen Natur, die sie scheinheilig beklagt, während sie in Wahrheit ihr großer Trumpf ist. Sie rechnet mit dem Versagen gegenüber dem asketischen Ideal. Sie weiß, viele Verbote häufen die Schuld und steigern die Abhängigkeit des Gläubigen vom Priester, verschärfen das Sündenbewusstsein, den Zwiespalt, die Neurose … Der Sündenglaube ist also ein wesentliches Machtinstrument der Kirche, weshalb er immer wieder ihren Gläubigen eingeimpft, eingebrannt, eingegraben wird.“ (S. 476/ 477)

Fraglich ist allerdings die These des Autors, dass die systematische Sexualunterdrückung und die Verdrängung der Genussfähigkeit zu erhöhter Kriegsbereitschaft führten (S. 488). Zweifellos wurden im Namen des Christentums und mit dem Schlachtruf „deus vult!“ (Gott will es!) auf den Lippen zahllose Kriege geführt, neben den feindlichen Soldaten auch unbeteiligte Zivilisten niedergemetzelt, von der qualvollen Verbrennung von „Ketzern“ und „Hexen“ ganz zu schweigen. Aber sind „sexuell freizügige Völker“ wirklich friedlicher, wie Deschner behauptet (S. 480)? Die ethnographischen Belege hierfür (Samoaner, Trobriander) sind recht spärlich. Ist bei heutigen Kriegen neben die religiöse Legitimation oder an deren Stelle nicht längst die Lüge einer manifesten Bedrohung durch den Feind (so beim Überfall auf die Sowjetunion 1941 oder beim Krieg der USA gegen den Irak 2003) oder die Behauptung getreten, militärische Gewalt sei zum Schutz von Menschenrechten unverzichtbar (so bei der Bombardierung Serbiens durch die NATO 1999)?

Auf die von Klerikern ausgeübte sexualisierte Gewalt gegen Kinder geht der Autor nur vergleichsweise kurz ein. Homosexualität zwischen Priestern und anderen Männern, aber auch mit Knaben sei seit der Antike „gang und gäbe“ gewesen. Zitiert wird ein Trierer Bischof: „Ein Kurtisan ist ein Bube und eine Kurtisanin eine Bübin; das weiß ich sehr wohl, denn ich bin auch einer zu Rom gewesen.“ (S. 241) Als (ungeschriebene) moralische Maxime gelte dabei, dass es heimlich geschehe. So werde „beispielsweise die Unzucht mit einem Beichtkind nur dann mit immerwährender Buße und Deposition des Priesters bestraft, wenn das Verbrechen öffentlich bekanntgeworden ist.“ (S. 247) Nach dieser Maxime scheinen jedenfalls viele Prälaten der katholischen Kirche auch heute noch zu handeln.

In welchen Punkten die vor fast fünfzig Jahren erschienene Analyse Deschners auch auf die heutige Situation noch zutrifft, erörtert der Philosoph Michael Schmidt-Salomon in einem lesenswerten Nachwort. An der katholischen Sexualmoral, so konstatiert er, habe sich seither kaum etwas geändert. Heute müsse man allerdings ein stärkeres Gewicht auf die evangelikalen und orthodoxen Christinnen und Christen legen, die den Katholik*innen in Sachen Trans- und Homosexuellenfeindlichkeit, Missachtung von Frauenrechten oder Ablehnung der Sexualaufklärung längst schon den Rang abgelaufen hätten (S. 542 f.). Die Spitzenposition in puncto sexuellem Rigorismus, so Schmidt-Salomon, belegten heutzutage indessen die „totalitären Varianten des Islam“ (S. 538). Bei manchen auf Widerspruch stoßen dürfte allerdings seine in diesem Zusammenhang geäußerte Kritik an Teilen der Linken. Diese „haben in der Vergangenheit aus einem vermeintlichen ‚Minderheitenschutz‘ heraus jede noch so patriarchale, frauenverachtende und homophobe Einstellung in der muslimischen Community ignoriert. Dabei hat die politische Linke ihre eigenen Sprachspiele in solch absurder Weise manipuliert, dass ihr am Ende jede humane Kritik am politischen Islam als ‚rassistisch‘ und das Kopftuch als ‚Zeichen der Emanzipation der Frau‘ erscheinen konnte.“ (S. 545/546) Damit bietet jedenfalls das Nachwort genug Stoff für streitbare Debatten, auch wenn das Gesamtwerk die eingangs gestellte Frage nur in Ansätzen beantwortet.

Aus humanistischer Sicht kaum auf Widerspruch stoßen dürfte freilich das Plädoyer, das Schmidt-Salomon am Ende seines Nachwortes in eine Definition des Begriffs der „freien Liebe“ kleidet: Dieser meint, „dass jedes Individuum seine Vorstellungen von Liebe, Sexualität und Geschlechtsidentität selbstbestimmt und diskriminierungsfrei verwirklichen kann, sofern dadurch die Rechte Dritter nicht verletzt werden.“ (S. 547)