Publikationen / vorgänge / vorgänge Nr. 233: 5. Berliner Gespräche - Kirchliches Sonderarbeitsrecht

Allen Anfein­dungen zum Trotz. Reiner Bernstein

vorgängevorgänge Nr. 233: 5. Berliner Gespräche - Kirchliches Sonderarbeitsrecht08/2021Seite 145-146

In: vorgänge Nr. 233 (1/2021), S. 145/146

Reiner Bernstein: Allen Anfeindungen zum Trotz. Meine Bilanz. AphorismA Verlag: Berlin 2021, 60 Seiten, € 10,00.

Kurz nach Erscheinen dieser kleinen aber feinen Schrift, ist deren Autor am 18. Februar 2021 verstorben. Auf diese Weise ist aus der Bilanz das Vermächtnis einer Persönlichkeit geworden, die ihr Leben dem wohl schwierigsten Thema der deutschen Geschichte und Gegenwart gewidmet hatte. Und aus der geplanten Buchbesprechung ist ein Nachruf geworden.

Reiner Bernstein hatte sich von Jugend auf mit dem Holocaust und mit Israel beschäftigt, war 1967 erstmals nach Israel gereist und war 1968 mit einer Untersuchung über den Widerstand deutscher Juden gegen den Antisemitismus während der Weimarer Republik promoviert worden. Im Jahre 1971 wurde er Geschäftsführer der noch jungen, unter ihrem ersten Präsidenten Ernst Benda noch auf kritische Solidarität mit Israel angelegten Deutsch-Israelischen Gesellschaft – ganz im Sinne der damaligen Bundesregierung, welche die Besetzung des Westjordanlandes missbilligte.

Jahre später kam es im Präsidium der DIG zum Streit um die Siedlungspolitik. Nachdem sich Bernstein immer mehr zum „Punchingball im Ring“ (17) gemacht sah und die Hauptversammlung ihm 1977 das Vertrauen entzog, trat er von seinem Amt zurück und aus der DIG aus. Zusammen mit jenen, die ihm aus Solidarität gefolgt waren, gründete er im gleichen Jahr den deutsch-israelischen Arbeitskreis für Frieden im Nahen Osten (diAK). Obwohl der Arbeitskreis unter seiner Herausgeberschaft bislang nicht weniger als 46 Bände veröffentlichte, vermochte er nach Bernsteins eigener Einschätzung letztlich doch nie aus dem Schatten der etablierten DIG herauszutreten.

2003 gehörten Reiner Bernstein und seine Frau Judith zu entschiedensten Unterstützern der „Genfer Initiative“, die der Deutsche Bundestag 2004 ausdrücklich als „wichtigsten und detailliertesten Beitrag zur Umsetzung“ der einst von Carter, Arafat und Begin vereinbarten Roadmap zu einer Zwei-Staaten-Lösung gewürdigt wurde.

2004 kam es allerdings auch zu einer lokalpolitischen Groteske in München. Im Gegensatz zur ganzen Republik hatte sich dort der Stadtrat ausdrücklich für ein Verbot der Verlegung sogenannter Stolpersteine ausgesprochen. Reiner Bernstein übernahm den Vorsitz der Initiative „Stolpersteine für München“. Der Stadtrat hielt aber nicht nur an seiner einmal eingeschlagenen Linie fest, sondern begann nun auch das Ehepaar Bernstein (mit Unterstützung der israelitischen Kultusgemeinde und des israelischen Außenministeriums) mit diffamierenden Verdächtigungen und Veranstaltungsverboten auszugrenzen. Diese unerhörten Begebenheiten, die nur von einem kleinen Teil der deutschen Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen wurden, lassen sich nun einschließlich der nicht unproblematischen Rolle von Teilen der Publizistik, der Bundesregierung (in Gestalt ihres Antisemitismusbeauftragten) und Justiz in dieser Bilanz nachlesen.

Die Humanistische Union München würdigte die beeindruckenden Leistungen des Ehepaars Bernstein im Jahre 2018 durch die Verleihung des Preises „Aufrechter Gang“. Auch kritisierten deutsche und israelische Intellektuelle 2020 in einem Offenen Brief an die Bundeskanzlerin die Verleumdungskampagne gegen Reiner Bernstein und forderte von Regierung und Europäischer Union entschlossene Schritte zur Verhinderung der israelischen Annexion palästinensischer Gebiete, um beiden Seiten eine „Rückkehr an den Verhandlungstisch“ zu ermöglichen (51).

Im letzten Kapitel finden sich die Eckpunkte des jüngsten Manifestes zur ganzen Angelegenheit – „Two States-One Homeland“. Auch dieses ist, wie schon die Genfer Initiative, aus den Zivilgesellschaften von Israelis und Palästinensern hervorgegangen.[1] Und hierin liegt wohl die Bedeutung des Lebenswerkes von Reiner Bernstein und zugleich sein Vermächtnis: alle Kräfte zu sammeln, um einen Sinneswandel in Deutschland herbeizuführen und zu einer friedlichen, gewaltfreien Lösung des Konflikts beizutragen. Sei es mit oder ohne Zwei-Staaten-Lösung.

[1] https://www.alandforall.org/english/?d=ltr