REZENSION: Leben ist mehr als Kapital
Ulrich Duchrow: Gerechtigkeit, Frieden und (Über)Leben. Erfahrungen, Kämpfe und Visionen in der weltweiten Ökumene, VSA, 2025, 299 S., 19,80 €.
Rechtzeitig zu seinem 90. Geburtstag bilanziert Ulrich Duchrow seine Erfahrungen, Kämpfe und Visionen für Gerechtigkeit, Frieden und (Über-)Leben unter der Maxime Leben ist mehr als Kapital. Er ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg und war Wissenschaftlicher Referent bei der FEST, Heidelberg, beim Lutherischen Weltbund, Genf, und vielfältig ökumenisch aktiv sowie Regionalbeauftragter für Mission und Ökumene der Evangelischen Landeskirche in Baden.
„Wie werden zukünftige Generationen noch leben können und was können wir dafür tun?“ (9). Diese zentrale Frage stellt er in aller Deutlichkeit auf der Grundlage des Konziliaren Prozesses gegenseitiger Verpflichtung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (JPIC), ausgerufen von der VI. Vollversammlung des ÖRK 1983 in Vancouver: „Die Kirchen sollen auf allen Ebenen […] zusammen mit dem ÖRK in einem konziliaren Prozess zusammenfinden“ (Müller-Römheld 1983: 116). Duchrow lässt die Lesenden in einer überfälligen theologischen und ökonomischen Analyse an seinen Erfolgen und Misserfolgen in Kämpfen gegen das kapitalistische Weltwirtschaftssytem teilhaben:
„Was wir den kommenden Generationen hinterlassen, […] nämlich den nach wie vor ungebremsten Ablauf eines Weltwirtschaftssystems, das mit Sicherheit die Auslöschung des ganzen Menschengeschlechts zur Folge hat, wenn wir es nicht schaffen, es zu stoppen und ein alternatives zu entwickeln und durchzusetzen. Denn das Kapitalistische ist zwanghaft auf grenzenloses Wachstum auf einer begrenzten Erde programmiert, weil das herrschende Kapital nach seiner Logik der Profitmaximierung per Konkurrenz wachsen muss. Und dies erfordert grenzenloses Wachsen des Konsums, der Produktion und damit der Erderwärmung.“ (9)
Das Buch ist in sieben Kapitel unterteilt:
Die 1960er Jahre – Progressive Perspektiven für Gesellschaft, Kirchen und Theologie
Der Lutherische Weltbund knüpft an die Bekennende Kirche an (die Jahre 1970-1977)
Ökumenische Basisarbeit für gerechte Strukturen (1978ff.)
Der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (1983-1990)
Die Verwerfung des imperialen Kapitalismus in allen internationalen Kirchenorganisationen
Kairos Europa (1990ff.) und die Reformation radikalisieren (ab 2010ff.)
Interreligiöse Solidarität für Gerechtigkeit in Palästina-Israel (ab 2009).
Darauf folgt ein Epilog zur Frage, was wir aus 50 Jahren Arbeit für Gerechtigkeit, Frieden und (Über-)Leben lernen und was in Zukunft besser machen können? Duchrow hält es für
„zentral wichtig, dass Menschen vor Ort an den Kämpfen um die globalen Entwicklungen teilnehmen […] Nur, wenn genug Gegenmacht von unten aufgebaut werden kann, besteht die Chance, dass Alternativen zum herrschenden zerstörerischen Zivilisationsmodell noch rechtzeitig entwickelt werden können“ (11/163).
Das leitende ökumenische Problem ist immer das Verständnis der Ekklesiologie, sprich der Identität der Kirche und ihres Dienstes an den Menschen. An einer Ekklesiologiestudie der Studienkommission des LWB zum Thema „Die Identität der Kirche und ihr Dienst am ganzen Menschen“ gegen die Abhängigkeit der Kirchen „von gesellschaftlichen, politischen und ideologischen Machtstrukturen und gegen den Hang zur Anpassung an herrschende Verhältnisse“ (35f./55f.) war Durchrow beteiligt. Gearbeitet wurde gemeinschaftlich mit der partizipatorischen Methode „der Vernetzung der internationalen Arbeit mit den brennenden Fragen der Kirchen auf allen Ebenen (von unten nach oben)“ (35). Der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist das ekklesiologisch „fundierte Projekt“ (117) für die Identität aller Kirchen, wie sie sich im Laufe der Geschichte auf unterschiedliche Weise entwickelt haben (Duchrow/Liedke 1987: 175ff.):
die jesuanisch-urchristliche-friedens-kirchliche,
die liturgisch-eucharistisch-kontemplative,
die großkirchliche,
die befreiungskirchliche Weise.
Die Ekklesiologie führt zum Kern des Glaubens, im Falle des Antirassimusprogramms (LWB von 1977) gegen die Apartheid in Südafrika zum status confessionis, ähnlich die Barmer Theologische Erklärung, Art. III von 1934 im Kirchenkampf gegen die Deutschen Christen (Bekennende Kirche) in Nazideutschland. Ekklesiologische Kriterien sind a) die „Einbettung der ethischen und politisch-ökonomischen Fragen“ (105) sowie b) die ökumenischen Basisorganisationen. Nicht immer ist dies der Fall. Die aktuelle Friedensethik der EKD etwa ist im Punkte der Atomwaffen und der militärischen Abschreckung nicht ausreichend, wohl aber die Friedensethik der Ökumenischen Versammlung Dresden-Magdeburg-Dresden 1989 des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR.
Die Ekklesiologie spielte bei der Vorbereitung und der Durchführung der VI. Vollversammlung des ÖRK in Vancouver 1983 beim Aufbau des Konziliaren Prozesses und Versammlungen bis hin zur Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Integrität der Schöpfung in Seoul 1990 eine kritisch-konstruktive Rolle.
Für das zweite Kriterium der Ekklesiologie, die Beteiligung aller Sozialgestalten auf allen Ebenen einer Kirche, haben Duchrow und viele Unterstützende 1990 das Ökumenische Basisnetzwerk Kairos Europa gegründet. Wurzeln sind der Konziliare Prozess und die internationale Kairosbewegung, wie das Kairos-Dokument aus Südafrika von 1985. Die Initiative soll den „Widerstand gegen den imperialen Kapitalismus und die Arbeit an Alternativen“ (163) fördern. Denn ohne „verstärkte Basisbewegung und den Aufbau von zivilgesellschaftlicher Gegenmacht wird es keine Transformation des tödlichen Weltwirtschaftssystems geben“ (163). Strategisch geht es einerseits um die Entwicklung von Widerstand und Verweigerung und anderseits um die Nutzung von Punkten, „Gegenmacht (zu) organisieren und makroökonomische und politische Entscheidungen pragmatisch in die erstrebte Richtung zu beeinflussen versuchen“, beispielsweise bei den Thema Rassismus und Migration (171). Durch Mitarbeit an ökumenischen Veranstaltungen, Konferenzen, Publikationen und mehreren Kampagnen, unter anderem für eine neue Finanzordnung und die Zachäuskampagne, hat Kairos Europa dazu beigetragen, dass alle internationalen ökumenischen Kirchenorganisationen „den imperialen Kapitalismus verwarfen und ein alternatives Wirtschaftssystem“ forderten – „ein kirchengeschichtliches Ereignis“ (225). Die deutschen Kirchen stehen bisher abseits gegen die Ökumene.
Duchrow hat die offensichtliche Problematik faktenreich und eingängig formuliert. Er bittet die progressiven Gruppen, Bündnisse mit Gewerkschaften und Kirchen „zum Aufbau einer Wirtschaft und Kultur des Lebens“ einzugehen. Er hofft, dass künftige Generationen „dann noch eine Lebenschance haben“ (236). Der Rezensent ist überzeugt, dass die ökumenische Bewegung wie bisher von Kommunikation, Dialog und Diskurs lebt. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte über die Voraussetzungen von Frieden in der Ökumene und in den deutschen Kirchen. In diesem Sinne ist dem Buch viel Erfolg auch bei Kritiker*innen zu wünschen.
Ulrich Frey
Zusätzlich verwendete Literatur:
Duchrow, Ulrich/Liedke, Gerhard 1987: Schalom. Der Schöpfung Befreiung, den Menschen Gerechtigkeit, den Völkern Frieden, Freiburg im Breisgau.
Müller-Römheld, Walter (Hrsg.) 1983: Bericht aus Vancouver 1983. Offizieller Bericht der Sechsten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Frankfurt am Main.