Sie befinden sich hier: Start |Publikationen |vorgänge |Online-Artikel |

vorgänge: Artikel - 15.01.88

Ein gefährlicher Vordenker: Bernard Willms

Franziska Hundseder

aus: vorgänge Nr. 91 (Heft 1/ 1988), S. 11-13

 

»Mit erfrischender Klarheit der Gedankenführung«, so der Chefredakteur des NPD-Organs »Deutsche Stimme« Karl-Heinz Vorsatz, habe der Vortragende »mit der herrschenden Kapitulantengesinnung« abgerechnet, mit dem Antifaschismus, »der sich in Denkverboten und geistigem Spießertum niederschlägt, der bösartig um sich schlägt und zur Selbstaufgabe der Deutschen hinführt«. Und Vorsatz zitierte weiter: »Wer Angst davor hat, 'Faschist' genannt zu werden, der ist schon mehr als ein 'nützlicher ldiot', er ist bereits ein Kollaborateur der Feigheit«. Die Rede ist von einem Vortrag beim »Freundeskreis Rhein-Ruhr«. Das Thema »Die Nation als Prinzip« hatte sogar den NPD-Chef Martin Mussgnug vom Schwarzwald in den Ruhrpott gelockt. Und der derart belobigte Referent ist kein Alt- oder Neonazi, sondern Prof. Bernard Willms, Politologe an der Ruhr-Universität Bochum und — wie er sich selbst bezeichnet — »Nationalphilosoph«. Seit 1982 sein Buch »Die deutsche Nation  — Theorie, Lage, Zukunft« erschien, ist Willms zum wichtigsten Theorielieferanten der Neuen Rechten geworden. Der Bochumer Politikwissenschaftler hat einen wesentlichen Anteil daran, daß in den letzten Jahren nationalistische Ideologeme und deutsch-nationale Thesen wieder gesellschaftsfähig wurden. Nichts ist so notwendig für die Deutschen wie ein neuer Nationalismus, sagt Willms und ruft auf: »Boykottieren Sie die Vergangenheitsbewältigung! Sie hält Sie nur davon ab, frei zu sein und die Fragen nach der Zukunft zu stellen.«

 

Bernard Willms, 1931 in Mönchengladbach geboren, promovierte 1964 und war dann Assistent bei Helmut Schelsky. Nach seiner Habilitation wurde er 1970 Professor für politische Wissenschaften in Bochum und veröffentlichte u.a. Studien über Fichte und Thomas Hobbes. Mit seinem Buch über »Die Deutsche Nation« (1982) wurde er zum Professor des Neonationalismus, der seither in der Bundesrepublik bei Rechten aller Schattierungen fröhliche Urständ feiert. Während Willms nach 1970 fast jährlich mit einer Neuerscheinung auf dem Büchermarkt aufwartete, wurde seine Buchproduktion nach 1982 merklich geringer. Doch das nimmt auch nicht wunder, schließlich ist der Bochumer Professor seither in der konservativen bis ultrarechten Szene ein begehrter Referent. Eine kleine Auswahl: 1983 sprach der gefragte Hochschullehrer bei der Jahrestagung der »Gesellschaft für freie Publizistik« (GfP) in Kassel. Diese illustre Runde zählt laut Verfassungsschutzbericht zu den »rechts-extremistischen Kultur- und Weltanschauungsvereinigungen« . Der Vortrag erschien in »Nation Europa« — herausgegeben von dem NPD-Funktionär Peter Dehoust — unter dem Titel »Das deutsche Wesen in der Welt von morgen — die sieben Todsünden gegen die deutsche Identität und die auf sie antwortenden sieben Imperative«. Mit der Veröffentlichung der relativ auflagenstarken rechtsextremen Theoriezeitschrift wurden diese Thesen zu einem der meistdiskutierten Programme innerhalb des rechten Lagers. Ebenfalls 1983 trug Willms seine nationalistischen Konzepte bei der Tagung »Deutsche Identität heute« des »Studienzentrums Weikersheim« vor, dessen Präsident der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg Hans Filbinger ist, Willms beteiligte sich auch gemeinsam mit seinem Kollegen Robert Hepp, der in seinem Buch »Deutschland ohne Deutsche« gegen die »Unterfruchtigkeit« der deutschen Frau zu Felde zieht, an dem etwas kurzlebigen »Deutschlandrat«, der nach ein paar Monaten allerdings wieder aufgelöst wurde. 1984 trat Willms wieder beim Kongreß der »Gesellschaft für freie Publizistik« auf. Unter dem Motto »Mut zur geistigen Wende« referierten mit ihm auch die Professoren Haverbeck (Mitbegründer des »Reichsbundes Volkstum und Heimat«, Referent im Stabe Hess bis 1982 Präsident des »Weltbundes zum Schutze des Lebens«),  Hepp ( Thema: »Volkstod, ein deutsches Schicksal?«) und Richard Eichler (Schillerpreisträger des hinlänglich bekannten »Deutschen Kulturwerks Europäischen Geistes«). Im November 1984 sprach Willms beim rechtslastigen »Ring freiheitlicher Studenten« finden Räumen der Burschenschaft Germania.

 

Schließlich gibt Willms dem »nhb-report«, einem Magazin der Studentenorganisation der NPD ein umfangreiches Interview. Das Motto »Schlesien bleibt unser« hält er nicht nur »für politisch vertretbar« sondern er »wurde es auch verteidigen...«. Wer Angst habe, von Kommunisten »Revanchist« genannt zu werden, solle in der Deutschlandpolitik lieber schweigen.

 

Inzwischen ist Willms schon Stammgast beim Bundeskongreß der GfP. 1985 spricht er über »Die Deutschen als Besiegte«. Einen Tag später beschäftigt er sich bei der Burschenschaft Cimbria in München mit »Der deutschen Niederlage und ihren Auswirkungen bis heute«. Anschließend nimmt er an einer Podiumsdiskussion mit Franz Schönhuber, dem Vorsitzenden der »Republikaner« teil.
In einem Aufsatz für die »Deutschen Annalen 1985« aus dem rechtsextremen Druffel -Verlag in Leoni am Starnberger See, der im bayerischen Verfassungsschutzbericht ausführlich behandelt wird, stellt Willms die Information über Konzentrationslager im Dritten Reich als »Propagandaenthüllungen« der Siegermächte dar und unterscheidet spitzfindig zwischen tatsächlichen und behaupteten Verbrechen des Nazi-Regimes. »Das Bild des Grauens«, so Willms, »das die rassistische Verfolgungspraxis der Nationalsozialisten in der Beurteilung der Sieger angenommen hatte, wirkte dahin, das Selbstbewusstsein der Deutschen im Ganzen nachhaltig zu erschüttern.« Man muß diesen Satz zweimal lesen, denn es ist schier unglaublich, was hier ein Hochschullehrer schreibt. Es bedarf schon einer beispiellosen Unverfrorenheit, die Greuel der Nazis quasi als Ansichtssache darzustellen, als seien Konzentrationslager lediglich aus Siegerperspektive furchtbar gewesen. Schließlich wurde das Selbstbewußtsein der Deutschen nicht durch die alliierte Propaganda demoliert, sondern durch das, was Nationalsozialisten und ihre Helfer wirklich getan hatten und die Frage nach der Mitverantwortung dafür.

 

1986 legte Willms gleich drei Buchveröffentlichungen vor: »Idealismus und Nation. Zur Rekonstruktion des politischen Selbstbewußtseins der Deutschen«, »Standpunkt und Widerstand. Reden aus dem deutschen Elend« und »Thomas Hobbes. Das Reich des Leviathan«. Außerdem sind bereits die ersten zwei Bände des auf drei Bände veranschlagten »Handbuchs zur Deutschen Nation« erschienen. Am Band 1 »Geistiger Bestand und politische Lage« arbeiteten u.a. der Vertriebenenpolitiker Prof. Emil Schlee mit, der nach einer kurzen Episode bei den »Patrioten für Deutschland« inzwischen bei den »Republikanern« gelandet ist der in diversen rechtsextremen Zeitschriften publizierende Andreas Mölzer und Alain de Benoist, Cheftheoretiker der französischen »Neuen Rechten« Band 2 befaßt sich mit »den Fragen für die Existenz des grundlegenden deutschen Volkes in der Gegenwart« (Deutsche Stimme). In Band 3 sollen laut Verlagsankündigung »führende Naturwissenschaftler . . . die Voraussetzung für eine notwendige geistige Erneuerung Deutschlands und Europas« liefern. Der Hohenrain -Verlag wirbt für Willms u.a. in der Zeitschrift »SIEG«, einem der übelsten neonazistischen und antisemitischen Hetzblätter auf dem braunen Zeitungsmarkt. »Der Nationalismus«, so der Anzeigentext, »ist nun wieder wissenschaftlich anerkannt«. Bernard Willms ist in der Tat ein gefährlicher Vordenker.