Publikationen / Mitteilungen / Mitteilungen Nr. 245

Nachruf auf Helge Klawitter

Nachruf auf Helge Klawitter

Helge Klawitter aus Essen hat sich nie in die erste Reihe gestellt, und auf den Delegiertenkonferenzen und Mitgliederversammlungen der Bundes-HU hat er sich in den letzten beiden Jahrzehnten rar gemacht. Aber gleichzeitig war er in Nordrhein-Westfalen kontinuierlich seit den 1970er Jahren eine verlässliche Säule der HU-Arbeit, die er auch mit eigenen, originellen Akzenten versah. Im Berufsleben Controller und Prokurist eines wichtigen Konzerns, hat Helge in der HU seine linken und menschenrechtspolitischen Interessen vertreten: beim Kampf gegen den § 218 und die Berufsverbote, bei der Kritik eines profitorientierten Miet- und Bodenrechts (ja, solche Themen gab es auch mal in der HU), bei der Begründung einer klaren Trennung von Staat und Kirchen und in friedenspolitischen Fragen. Während er in der Woche den Pflichten und äußerlichen Gewohnheiten des Managerdaseins nachging, fuhr er in den 1980er Jahren am Wochenende in das Friedenscamp nach Mutlangen, um die dort stationierten Pershing-II-Raketen zu blockieren.

Dass er nicht bei Theorien stehenblieb, zeigte er immer wieder: Er gehörte zu der Handvoll Leute, die 1971 das Bildungswerk der Humanistischen Union NRW auf die Beine stellten und damit staatliche Förderung für bürgerrechtliche Aufklärung ermöglichte; während andere „humanistische“ Reden schwangen, organisierte er Kurse, Tagungen und Diskussionen, zu Beginn z.B. auch eine Unmenge an Bildungsarbeit in NRW-Knästen. Seit das Bildungswerk dann ab 1978 professionalisiert arbeitete und auch expandierte, konnte er akzeptieren, dass das Themenspektrum sich ausweitete; er war weiterhin als Berater und Revisor im Hintergrund eminent wichtig, sorgte für die Seriosität der Ökonomie. Ein anderes Beispiel für seine Ernsthaftigkeit: In den 1990er Jahren nahm er aus Anlass der Jugoslawien-Kriege eine bosnische Familie in seinem Haus auf und organisierte mehrere Jahre lang eine Spendenkampagne für deren Unterhalt. Jahrzehntelange Mitarbeit im HU-Landesvorstand und die Finanzverantwortung dafür wollen wir gar nicht erst erwähnen….

Als er sich dann in den Ruhestand begab, nahm er ein Seniorenstudium im Bereich der Geschichte auf. Es war besonders die Wirtschaftsgeschichte, die ihn interessierte, hier konnte er an Themen und Anliegen aus seiner Studienzeit wieder anknüpfen. Zugleich engagierte er sich im Kampf gegen undemokratische internationale Freihandelsabkommen à la TTIP und CETA; in der Kritik ökonomischer Macht, intransparenter Verfahren und der Warnung vor der Umgehung von Umwelt- und Verbraucherschutzstandards konnte er sein berufliches Erfahrungswissen miteinbringen.

Seine Liberalität, geistige Offenheit und sein Humor ermöglichten es ihm, mit ganz verschiedenen Kulturen, Generationen und Situationen klarzukommen. Das Thema „menschenwürdiges Sterben“ war ihm seit vielen Jahren ein wichtiges, nicht nur abstraktes politisches Anliegen. Wir mussten akzeptieren, dass Helge Klawitter am 5. Oktober 2021 angesichts schwindender Lebensfreude und Mangel an politischer Hoffnung seinem Leben mit 78 Jahren ein Ende gesetzt hat. Seine rationale Freundlichkeit wird uns fehlen.

Paul Ciupke, Norbert Reichling

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