Auf der Suche nach dem DDR-Gefühl
Zwei Neuerscheinungen stürmten im vergangenen Herbst die Sachbuch-Bestsellerlisten: Dieter Bohlens Nichts als die Wahrheit und Jana Hensels Zonenkinder. Dieter Bohlen lag wochenlang unangefochten an erster Stelle und fand über 500.000 Käufer. Aber die Zonenkinder waren ausdauernder. Nie lagen sie wie Bohlen ganz vorn, doch im Februar 2003 rutschte dieser weit nach hinten auf Platz 11 der Spiegel-Bestsellerliste, während Hensels Buch immer noch den fünften Platz innehatte. Über 115.000 Exemplare verkaufte der Rowohlt Verlag – und das fast ohne Werbung.
Bohlens und Hensels auf den ersten Blick so unterschiedliche Bücher eint jedoch noch mehr als ihr Verkaufserfolg. Beide Autoren haben Identifikationsbücher geschrieben. Sie erzählen Geschichten vom Aufstieg und Ankommen in der bundesdeutschen Gesellschaft aus einer ursprünglichen Außenseiterposition heraus – von unten nach oben oder doch zumindest von außen hinein in die Mitte. Es geht um erfolgreich gemeisterte, vielfach krisenhafte Leben, um Siege und Niederlagen. Den Leser zwingen sie dazu, Position zu beziehen. Man kann nur zustimmen oder ablehnen; in beiden Fällen definiert man sich selbst. Darin besteht das Geheimnis ihrer außerordentlichen Erfolge. Vielleicht spendet gerade solcherart Lesestoff in gesamtdeutschen Krisenzeiten besonderen Trost?
Nun mag es beim „erfolgreichsten Komponisten seit Mozart“ (Bohlen über Bohlen) noch einigermaßen erklärlich sein, weshalb eine halbe Million Menschen bereit ist, Geld für intime Details aus seinem Leben zu bezahlen. Dem omnipräsenten Dieter Bohlen kann man zwischen Superstar und BILD-Schlagzeilen schlecht entkommen. Im Falle einer unbekannten, 1976 geborenen Leipzigerin ist das anders – ihr plötzlicher Erfolg aus dem Nichts heraus ist in der deutschen Verlagsgeschichte nahezu beispiellos.
Zonenkinder im Medienrummel
Kaum ein halbes Jahr nach ihrem Erscheinen können die Zonenkinder schon eine beachtliche Rezeptionsgeschichte vorweisen. Sie begann im Osten: Das September 2002-Heft des Magazins, jener ob ihrer erotischen Fotos legendären ostdeutschen Zeitschrift, machte die Zonenkinder zum Titelthema und stellte das „widersprüchliche Lebensgefühl der 20- bis 30jährigen“ anhand der Autorinnen Jana Hensel, Jana Simon (geb. 1972) und Ines Langelüddecke (geb. 1976) vor (Das Magazin, September 2002: 14-19). Doch rasch wurden die Zonenkinder auch in Hamburg, Zürich, Frankfurt/Main und München entdeckt: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung begrüßte enthusiastisch die „Generation Golf des Ostens“ (FAS vom 8. September 2002). Ähnlich begeistert war der Spiegel vom „Höhepunkt in der Menge der Lebensbilder auf der Buchmesse“: Er fand das Buch „unprätentiös und unverschmockt, präzise und klar, mit lyrischen Passagen und literarischen Ambitionen“ (Der Spiegel Nr. 41 vom 7. Oktober 2002: 196-199).
Das sah die Neue Zürcher Zeitung ganz anders: Sie attestierte dem Buch eine krude „Mischung aus Selbstbezichtigung und Ostalgie, Selbstironie und pubertärem Mitteilungsdrang“ voller Platitüden (NZZ vom 26. September 2002). Auch in der Frankfurter Allgemeinen ging der ostdeutsche Rezensent Peter Richter mit den Zonenkindern ins Gericht: Es handele sich „um den hektisch zusammengeschriebenen Anführer der Sachbuchliste eines Verlages“, der „rechtzeitig zur DDR-Erinnerungswelle auf dem Markt sein wollte“ – „eine inhaltliche Fehlleistung“ (FAZ vom 5. November 2002, Literaturbeilage). Für die Süddeutsche Zeitung deutete deren ostdeutscher Feuilletonredakteur Jens Bisky Wolfgang Englers Die Ostdeutschen als Avantgarde und Jana Hensels Zonenkinder gemeinsam aus. Auch Bisky konstatierte: „Das greisenhaft kindlich geschriebene Buch interessiert als Symptom“; die „Wende hat die Vielfalt des Lebens im Osten enthüllt, die ‚Zonenkinder‘ werden als einfältige Gruppe gezeichnet.“ (SZ vom 9. Oktober 2002)
Bald schon setzte der Metadiskurs ein: die Deutung der Rezeptionsgeschichte. Der Spiegel thematisierte zuerst die vehemente Kritik an den Zonenkindern, angeblich vorwiegend von ostdeutschen Kritikern vorgebracht, entdeckte bei ihnen gar „geballte Wut“. Sowohl Verleger als auch Autorin meinten hilflos, dass sich wohl die Ostdeutschen am Henselschen ‚Wir‘ stören würden, da ihnen solcherart Zwangsvereinnahmung noch aus DDR-Zeiten verhasst sei (Der Spiegel Nr. 2 vom 6. Januar 2003: S. 138-140).[1]
Die ungewöhnlich polarisierte Debatte verschaffte dem Buch die nötige Aufmerksamkeit. Zahlreiche Interviews der Autorin und ihre souveränen Auftritte in vielen Talkshows, so in der denkbar westlichsten aller Fernsehsendungen, in der Harald Schmidt Show, taten ihr übriges.
Schwierigkeiten mit den Zonenkindern
Der Vorzug, kaum jemanden gleichgültig zu lassen, ist ebenso Teil des Buchkonzepts wie der Drang, möglichst viele anzusprechen. Das Buch ist vor allem auf Wirkung kalkuliert. Die knapp über 150 Textseiten plus fünf Seiten Glossar lesen sich rasch. Gegliedert ist das Buch in acht Kapitel: Kindheit, Heimatgefühl, Geschmacksfragen, die Beziehung zu den Eltern, Schule in der DDR und nach 1989, Freundschaften und Liebesbeziehungen, Sport und zuletzt Gegenwart und Zukunft der Zonenkinder. All das erinnert an Florian Illies‘ Generation Golf, weshalb beide Bücher häufig miteinander verglichen wurden – zu Recht. Das Buch des ehemaligen FAZ-Redakteurs endete in auch auf den Henselschen Versuch passender Selbstironie: „Wir haben, obwohl kaum erwachsen, schon jetzt einen merkwürdigen Hang zur Retrospektive, und manche von uns schreiben schon mit 28 Jahren ein Buch über ihre eigene Kindheit, im eitlen Glauben, daran lasse sich die Geschichte einer ganzen Generation erzählen.“ Fragwürdig und angreifbar wird Jana Hensels Adaption des Prinzips Illies allerdings durch etwas anderes:
Während in der Generation Golf der geschlossene Raum der Bundesrepublik der 1980er Jahre beschrieben wird, will Jana Hensel Kindheit und Jugend in der DDR/Ostdeutschland vor und nach 1989, also mithin in zwei verschiedenen Welten, schildern. Hinzu tritt noch die eigene Entdeckung des Westens. Drei Orte hat also dieses Buch – diese drei Erfahrungen und heterogenen Welten auf einen Nenner für möglichst viele junge Ostdeutsche bringen zu wollen, ist ein kaum zu bewältigendes Unterfangen. Zudem hat die Generationenkonstruktion bekanntlich ihre Tücken: Die alle einende Umbruchserfahrung läßt sich mit dem Wasser vergleichen, das für alle Schwimmer die gemeinsame Erfahrung ist – wobei letzteres auch noch zu klären wäre. Umbruch ist also nicht gleich Umbruch.
An diesem Maßstab gemessen, musste das Buch zu einem problematischen Fall werden. Hensels Handwerkszeug ist das Schleifpapier für die Oberflächenbearbeitung, nicht das Bohrgerät zum Vordringen in tiefere Schichten. Im Buch weckt sie zwar anfänglich die schönsten Hoffnungen: „Ich möchte wieder wissen, wo wir herkommen, und so werde ich mich auf die Suche nach den verlorenen Erinnerungen machen“ (14). Doch die werden rasch enttäuscht: Zu oft schon hat man sich an die Produktpalette der untergegangenen DDR erinnert, als dass man sich mit Beobachtungen wie „statt Puffreis aßen wir Popkorn, die ‚Bravo‘ ersetzte die ‚Trommel'“ (20) zufrieden geben würde. Mit wachsendem Ärger stellt man fest, dass Jana Hensels Erinnerungsarbeit nicht gerade intensiv war, obwohl oder besser gerade weil sie viel in alten Frösi-Ausgaben herumgestöbert hat: Oft genug reduziert sie das Kindsein im Osten auf die Erinnerung an ihre alljährliche Aufregung in der Nacht auf den 13. Dezember, dem Pioniergeburtstag (113). So östlich wie bei Hensel war der Osten zu DDR-Zeiten nie. Erstaunlich ist auch die eigentümliche Sterilität des Buches: Zwar ist andauernd von den Produkten, Orten und Erlebnissen einer Kindheit in der DDR die Rede, doch es entsteht kein Zusammenhang; alles wird hintereinander weg kurz angerissen. Diese andere Kindheit bleibt seltsam geruchlos, ohne Intensität.
Für die Zeit nach 1989/90 fallen ihre Beobachtungen deutlich reflektierter aus. Doch auch hier findet sich Abstruses, so die Verklärung Franziska van Almsicks zum größten Vorbild der Zonenkinder (147ff.) – von ihr selbst als „essayistische Idee“ entschuldigt (Berliner Zeitung vom 9./10. November 2002). Franzi dürfte ihre identifikatorischen Qualitäten, im Unterschied zu Britney Spears oder Robbie Williams, an nicht allzu vielen Zonenkinder-Wänden entfaltet haben. Zudem gibt es selbst noch in der fünften Auflage Fehler: beispielsweise die Verwandlung des Kirchenjuristen Manfred Stolpe in einen Pfarrer oder die von Rolf Schwanitz, Staatsminister im Kanzleramt, in einen „Carsten Schwanitz“ (73). Die Schwierigkeiten von Politik und Moral sind Hensels Sache ohnehin nicht: „Die Stasi-Diskussion geht uns am Arsch vorbei“, so ihr knackiges Statement (Saarbrücker Zeitung vom 2. November 2002).
DDR-Gefühl oder DDR-Erinnerung
Ein Trugschluss offenbart sich somit schnell: Es geht in Jana Hensels Text nicht um die Erinnerung an die DDR oder um die Umbrucherfahrung nach 1989. Denn sie erinnert sich nicht an ihre DDR-Kindheit, sondern versucht sie zu empfinden. Dieser Unterschied ist nicht zu unterschätzen: Die DDR mutiert im Rückblick zu einem DDR-Gefühl. Durch dieses DDR-Gefühl, das naturgemäß noch diffuser und schwankender als die Erinnerung ausfällt, ist das Andocken an vielfältige Erfahrungen möglich. Deshalb müssen die Zonenkinder auch an der Oberfläche bleiben, um diese allseitige Anschlussfähigkeit nicht zu gefährden. Das hat mit Erinnerungsliteratur im eigentlichen Sinne nicht mehr viel zu tun. Jana Hensel selbst hat oft darauf verwiesen, dass sie 1989 erst dreizehn Jahre alt war und somit viele Erfahrungen des DDR-Alltags nicht in ihr Buch hätte aufnehmen können. Umso drängender hätte sich ihr eigentlich die Frage nach der Prägekraft früher Bummi-Lektüre stellen müssen. Sehr schnell wäre sie dann bei anderen Dingen gelandet, die wichtiger für eine DDR-Kindheit gewesen sind, in ihrem Buch aber wenn überhaupt, dann nur schemenhaft vorkommen: Kinder, Eltern, Schule, Konflikte und Glücksmomente. Das wäre jedoch Erinnerungsarbeit gewesen, die das Risiko geringerer Kompatibilität eingegangen wäre.
Es bleibt ein erstaunliches Phänomen, dass Mitzwanziger glauben, ihre autobiographisch gefärbten Texte könnten unter solchen Umständen interessant genug für eine Veröffentlichung sein. Das spricht für ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Eine gewisse Erfahrungslosigkeit scheint das Verfassen solcher Erzählungen zu befördern. Die Erinnerungen eines jeden 60- oder 70jährigen Ostdeutschen wären allerdings um einiges spannender. Hensels nicht sonderlich interessante Geschichten profitierten vom Wissen um das Ereignis von 1989, das hinter ihnen lag: Dessen Licht würde auch noch dem Unbedeutendsten den Glanz historischer Wichtigkeit verleihen, so Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung (9. Oktober 2002).
Diese Entscheidung hätte Jana Hensel treffen sollen: schreibt man ein Generationenporträt, dann muss man mehr Inhalt bieten als schon oft gelesene Problemkonstellationen á la „Die Kaufhalle hieß jetzt Supermarkt“ (21), erst recht, wenn diese Generation vor dem Hintergrund der späten DDR inszeniert wird. Oder man schreibt die persönliche Erinnerung auf, vielleicht an das Leipzig vor und nach 1989, mit den Augen eines Kindes betrachtet. Dies hätte dann mit der dafür notwendigen Lust an der seelischen Tiefenbohrung indirekt sogar tatsächlich eine Generation kreieren können. Was für eine Chance wurde hier verpasst!
Die Strategien der Integrationsliteratur
Doch all diese Kritik kann die Autorin kaum treffen, denn sie verfehlt deren eigentliches Anliegen. Im Grunde bestätigen vielmehr alle Einwände ihr Konzept: Sie hätte beim Schreiben ihre Schulklasse vor Augen gehabt, Kinder von – in der DDR-Terminologie – ‚Asozialen‘, Funktionärskinder, Arbeiterkinder, Kinder aus bürgerlichen Elternhäusern. „Die sollen das Buch lesen können.“ (Berliner Zeitung vom 9./10. November 2002) Wer dieses heterogene Publikum erreichen will, darf sich um Genauigkeit nicht scheren. Daher ist auch das eigentümliche Changieren zwischen „Ich“ und „Wir“ ein genialer Schachzug des Buches: Er suggeriert immer eine Position der Autorin, wo für sie doch in Wirklichkeit die Resonanz beim Publikum zählt. Genau dies macht das Buch zu Integrationsliteratur: Der Erfolg misst sich hier nicht mehr an der Stimmigkeit oder Authentizität der Erinnerung, sondern an der medialen Resonanz. Die Zonenkinder sind ein Produkt, das als Konfektionsware Integrationsfunktionen erfüllt, ganz nach dem aus der Parteienwerbung bekannten Prinzip der Stimmenmaximierung. Es geht um die Integration in den Westen: östlich angehauchte Geschichtchen werden in die Formen und Farben des Westens übersetzt. Ihre Leistung besteht eben nicht in der Erinnerungsarbeit. Ostdeutsche können sehen, dass es eine der ihren mit den gleichen Geschichten, die auch sie hätten erzählen können, geschafft hat – sogar bis zu Harald Schmidt. Diese Literatur ist im doppelten Wortsinne angekommen. Jana Hensel hat verstanden, dass ihre Herkunft ihr Kapital ist, das, den Marktgegebenheiten angepasst, eine schöne Rendite abwirft: „Wir wollen Geld verdienen und allen zeigen, dass wir die Spielregeln des Westens gelernt haben und damit umgehen können“ (80). „Ich denke viel intellektueller, als mein Buch geschrieben ist“ – gerne glaubt man ihre nachträgliche Rechtfertigung (zit. n. Der Spiegel Nr. 2 vom 6. Januar 2003: 140).
Indem sie virtuos die Klaviatur der westdeutsch dominierten Öffentlichkeit mit scheinbar östlichen Geschichten bespielt, ist sie tatsächlich weniger ein „zwittriges Ostwestkind“ (74), sondern ein „erster Wessi aus Ostdeutschland“ (166). In diesem Sinne offenbart sich auch ein „Ich bin nie ganz angekommen in diesem neuen Deutschland“ (Langelüddecke 2003: 75) bei näherem Hinsehen als Koketterie mit einer allseits goutierten Fremdheit, die in Wirklichkeit sehr wohl anschlussfähig an westliche Rezeptionsmuster ist. Die „Verteidigung unserer Kindheit“ (ebd.: 78) ist unnötig, weil es den öffentlichen Resonanzraum ohnehin nach den „anderen“ Erinnerungen dürstet, solange die Form kompatibel ist. Doch dieser exotische Status bedeutet Anerkennung und Diskriminierung zugleich; in diesem Spannungsverhältnis liegt das eigentliche Problem.
Auch Hensels Sprache passt in ihr Konzept: Sie ist abgestimmt auf rasche Konsumierbarkeit und auf eine unbestimmte Sehnsucht nach Sentenzen. Wie sich östliche und westliche Diktion und sprachliche Motive mittlerweile ähneln können, illustriert folgender Vergleich: Jana Hensel teilt nicht nur ihre Initialen mit einer bekannten anderen jüngeren Autorin, sondern auch die Vorliebe für Inhalte von Jeans- oder Jackentaschen: “ […] die Jacke, die er immer trug und in deren unzähligen Taschen er früher alles Mögliche aufbewahrt hatte, Angelhaken, Vogelfedern, Nüsse und eine Paketschnur, einen kleinen, blauen Stein von der französischen Atlantikküste, ein Token für die Untergrundbahn in New York [usw.]“, heißt es bei der einen, und bei der anderen liest man: „und so habe ich keine Tasche mitgenommen, in der Jeans aber alle meine Sachen verteilt, Hausschlüssel, Zigaretten, Feuerzeug, ein paar Euro, einen Hühnergott.“ Es ist schwer zu erraten, von wem welcher klischeebeladene Text stammt – der erste findet sich bei Judith Hermann (Hermann 2003: 166f.), der zweite ist dem Schlusssatz der Zonenkinder entnommen (168). Auch die Sprache ist im Westen angekommen.
Der Osten als Traumlandschaft deutscher Gegenwartsliteratur
Jana Hensels Buch bedurfte eines Vorlaufs, um Resonanz zu erreichen. Vielerorts wurde schon auf den Boom der jungen ostdeutschen Literatur verwiesen, welcher den Zonenkindern vorangegangen war. Seit Mitte der 1990er Jahre reüssierten DDR-Retro-Parties, wurden Bücher wie Thomas Brussigs Helden wie wir zu Verkaufsschlagern, später dann Filme wie Sonnenallee von Brussig und Regisseur Leander Haußmann. Spätestens mit diesem Film war die DDR Pop geworden, auch für die Generation Golf. Dasselbe gilt in gewissem Sinne für die Berliner Lesebühnenbewegung: Witzige Geschichten aus dem Alltagsleben der späten DDR konnte man da hören, vorgetragen von den jungen Ostautoren Falko Hennig, Jakob Hein oder Jochen Schmidt – auch dies vor einem gemischten Ost-West-Publikum. Es war das Unernste an diesen Geschichten, das auch dem jungen Westler Spaß machte. Bücher wie Mein erstes T-Shirt oder Trabanten folgten – Integrationsliteratur, die eigene Absonderlichkeiten zur Resonanzverstärkung benutzte, um so in West und Ost anzukommen.
Doch auch hier lohnt ein genauerer Blick: Im Grunde ist das westdeutsche Interesse für den Osten ein altes Phänomen. Der Soziologe Heinz Bude hat 1996 mit Beispielen von Günter Grass bis Günter Gaus auf die DDR „als realexistierende Traum- und Trostlandschaft“ für bundesrepublikanische Bildungsbürger vor 1989 verwiesen: „Der Osten wird zum geheimen Wunschbild einer kulturellen Heimat, die der Nationalsozialismus zerstört hat.“ Bude weiter: „Da waren noch Geschichten möglich, die man sich im großen Konsumverein nicht vorstellen konnte.“ (Bude 1996) Diese Projektionsbeziehung setzte sich im bundesdeutschen Literaturbetrieb, der schon vor 1989 zu Recht großes Interesse an literarischen Erzeugnissen östlicher Provenienz hatte, auch nach dem Ende der DDR vielfach fort. Christa Wolfs Bücher verkauften sich weiterhin gesamtdeutsch blendend. Die ostdeutschen Dichter Volker Braun und Durs Grünbein erhielten den Büchner-Preis. Ingo Schulzes Simple Storys wurden zum gesamtdeutschen Bestseller. Doch allmählich wandelte sich das Rezeptionsverhalten, was am Beispiel einiger jüngerer Autoren sichtbar wird: Große Literatur wie das Debüt der 1971 in Ungarn geborenen Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Terézia Mora, ihre unter dem Titel Seltsame Materie (Reinbek 1999) gesammelten Erzählungen über ländliche Kindheiten, verkaufte sich nurmehr mäßig. Die nachwachsende westdeutsche Generation, nicht zuletzt in den Feuilletonredaktionen und Rundfunkanstalten, hatte Mitte der 1990er Jahre mittlerweile ihre eigene östliche Trostlandschaft auf der Sonnenallee entdeckt. Das waren die popromankompatiblen Formate, die Jungredakteuren die Abgrenzung zur ach so altmodischen Ästhetik der Altvorderen ermöglichten. Der Büchner-Preisträger des letzten Jahres ragt da als ein einsamer Fremdkörper aus dem Literaturbetrieb: Wolfgang Hilbig, 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geboren, musste unter solchen Umständen mit seinem großen, verstörenden Roman Das Provisorium (Frankfurt/Main 2000), der Schilderung einer entwurzelten Schriftstellerexistenz zwischen beiden deutschen Staaten während der 1980er Jahre, auf weitgehendes Unverständnis bei den nötigen Multiplikatoren stoßen. Vielleicht war er auch nur zu alt?
In jüngster Zeit mehrten sich ein paar Hoffnungsschimmer, es könnte aus der jungen ostdeutschen Literatur doch noch etwas werden. An erster Stelle wäre da André Kubiczeks (geb. 1969) Debütroman Junge Talente zu nennen. Auch Jana Simon ist in ihren autobiographischen Beobachtungen ostdeutscher Heranwachsender genauer als Jana Hensel: „Früher, ein Wort, das diese Generation der in den siebziger Jahren Geborenen zusammenhält – das einzige vielleicht. Sie hatten dieses komische Land noch miterlebt, das später unterging, sie waren sich einig in ihrem Hass dagegen oder in ihrer Gleichgültigkeit.“ (Simon 2002: 25) „Schließlich waren sie alle Kinder des Westens, die nur im Osten aufwuchsen, vorübergehend“, so ihre Beschreibung einer DDR-Kindheit (ebd.: 42; zu Kubiczek und Simon vgl. den Literaturbericht in diesem Heft). Man kann nur hoffen, dass diese zarten Pflänzchen durch das heftige Zonenkindergetrampel nicht zertreten werden. Vielleicht böte ihnen ein Abflauen der medialen Aufregungen einen Schutzraum; die Nischenexistenzen haben sie ja noch in ihren Genen.
Im Westen tauchen jene wieder auf, die auch jenseits der Sonnenallee Ostsucht entwickeln: Der Münchner Schriftsteller Hans Pleschinski hatte unter diesem Titel schon vor zehn Jahren ein schönes Büchlein über seine Jugenderlebnisse als Westdeutscher mit und in der DDR geschrieben. Zwischenzeitlich bezeichnenderweise fast vergessen, wird es in diesem Frühjahr neuaufgelegt: „Ost-Deutschland ist schließlich ein Teil meiner Seele“, so der Autor, der in einem kleinen Ort drei Kilometer entfernt von der Grenze zur DDR in der Lüneburger Heide aufwuchs (Pleschinski 1993: 8). Ähnliches findet sich im Buch der 1968 geborenen Berliner Journalistin Susanne Leinemann, das im vergangenen Jahr unter dem Titel Aufgewacht. Mauer weg erschien (vgl. den Literaturbericht in diesem Heft). Natürlich schimmert auch hier das Traumbild Heinz Budes hindurch: Der Osten wird zur Projektionsfläche für westliche Wünsche und Forderungen. Dennoch beeindrucken diese Annäherungsversuche durch ihre Intensität.
Im Wartesaal: die Zukunft der östlichen Erinnerungsliteratur
„Die Zeit wäre also reif für eine Ost-Berliner Kindheit um 1980“, diagnostizierte der FAZ-Literaturredakteur Richard Kämmerlings in Anlehnung an Walter Benjamins Erinnerungswerk noch vor der Veröffentlichung der Zonenkinder (Kämmerlings 2002: 109). Er verwies auf den besonderen Erfahrungsraum Ost, der zu autobiographisch grundierter Literatur prädestiniere. Lenkt der billige Erfolg der Zonenkinder diese Ansätze nicht dauerhaft in eine falsche Richtung? Gut sieht es jedenfalls im Moment nicht aus. Jana Hensels Verlag hat soeben die Lebenserinnerungen der Popmusikredakteurin der Berliner Zeitung – Jahrgang 1967, farbig und aus dem Osten – auf den Markt geworfen: Schokoladenkind. Meine Familie und andere Wunder von Abini Zöllner.
Erinnerung, sprich: Im Januar 1996 war die Geschichte der jungen ostdeutschen Literatur noch offen. In den tristen Tagen nach seinem Tod schien es einen Moment so, als ob der Geschichtsmystiker Heiner Müller zur neuen Ikone einer jungen Generation werden könnte. Auf den viele Tage dauernden Non-Stop-Trauer-Lesungen aus seinem Werk saßen zu Füßen der lesenden Schauspieler im Berliner Ensemble viele andächtige, junge, ernste Menschen, Ost und West bunt durcheinander gemischt. Auch Jana Hensel hätte sich dort schön gemacht, in ihren weißen, hohen Lederstiefeln. Vielleicht hätte sie sich von dort aus ernsthaft auf die Suche nach ihrer Geschichte begeben. Es sah zumindest damals so aus, als ob sich einige von dort aus an die fällige Arbeit an der Geschichte machen würden. Der utopische Augenblick verstrich allzu rasch.
Im diesem Herbst wird die Epochenscheide 1989 vierzehn Jahre zurückliegen. Vierzehn Jahre waren auch 1959 seit dem letzte Epochenbruch vergangen. Jenes Jahr sollte das wichtigste der deutschen Nachkriegsliteratur werden: Es erschienen Die Blechtrommel von Günter Grass und die Mutmaßungen über Jakob von Uwe Johnson. Der eine Roman drang tief in die deutsche NS-Geschichte vor 1945 ein, der andere sezierte die deutsche Gegenwart der DDR. Grass war 32 Jahre alt, so alt wie Judith Hermann heute, Johnson 25, ein Jahr jünger als Jana Hensel. Heute, im Jahr 2003, scheint die Auseinandersetzung mit dem, was vor vierzehn Jahren war und noch immer währt, keine vergleichbaren Ergebnisse zu zeitigen. Wir werden uns diesmal wohl noch etwas gedulden müssen.
1 Aus der Vielzahl weiterer Rezensionen seien besonders erwähnt: Der Tagesspiegel vom 15. September 2002 (Steffen Richter: Als die Dinge noch so hießen, wie sie waren); Die Welt vom 2. Oktober 2002 (Michael Pilz: Generation Zone); Rheinischer Merkur Nr. 45 vom 7. November 2002 (Marion Lühe: Oden auf den Goldbroiler); Freitag Nr. 46 vom 8. November 2002 (Ingo Arend: Der Setzkasten der Erinnerung); Literaturen 11/2002 (Martin Z. Schröder: Die DDR war gar nicht lustig); die tageszeitung vom 26. November 2002 (Jan Brandt: Mit der Krise steigt die Sehnsucht); Berliner Zeitung vom 2. Dezember 2002 (Natascha Freundel: Wir gehen ins Museum); Die Zeit Nr. 51/2002, Dezember-Literaturbeilage, S. 36 (Nadja Geer: DDR-Safari)
Literatur
Bude, Heinz 1996: Das Land, das an Gott grenzt. Sibirien, Auschwitz, Weimar, Bitterfeld: Der Mythos des Ostens und seine Spuren im deutschen Nachkriegsbewußtsein; in: die tageszeitung vom 18./19. Mai, S. 12-13
Hensel, Jana 2002: Zonenkinder, Reinbek
Hermann, Judith 2003: Nichts als Gespenster. Erzählungen, Frankfurt/Main
Kämmerlings, Richard 2002: Das Ich und seine Gesamtausgabe. Zum Problem der Autobiographie; in: Kursbuch 148, Juni, S. 99-109
Kubiczek, André 2002: Junge Talente, Berlin
Langelüddecke, Ines 2003: Gehen oder bleiben; in: Merkur 645, 57. Jg., H. 1, S. 75-78
Leinemann, Susanne 2002: Aufgewacht. Mauer weg, Stuttgart/München
Pleschinski, Hans 1993: Ostsucht. Eine Jugend im deutsch-deutschen Grenzland, München
Simon, Jana 2002: Denn wir sind anders. Die Geschichte des Felix S., Berlin