Der übersehene Unterschied
Zeitgenössische Kunst ist nicht gerade allgegenwärtig in den neuen Bundesländern. Am häufigsten erscheint sie noch im theoretischen Rückbezug auf die DDR oder als Bestandteil von Überblicksausstellungen und Retrospektiven. Deren Kuratoren versuchten bisher in der Regel, den als abgeschlossen erachteten Kunstraum DDR im Rückblick zu gliedern, einzuordnen und in seiner Bedeutung zu begreifen. Der jeweilige Erfolg dieser Versuche blieb umstritten: man denke an die hochemotionale Debatte und die heftigen Publikumsreaktionen zum dritten Teil der Ausstellungsreihe Aufstieg und Fall der Moderne in Weimar 1999. Es ist offensichtlich nach wie vor unklar, welche Form des Umganges mit dem künstlerischen Erbe des östlichen Landesteils angemessen ist. Der jüngste Versuch, die 2002 im Leipziger Museum für Bildende Kunst gezeigte Ausstellung Klopfzeichen (vgl. Blume et al. 2002), schaffte dann doch nicht, wie eigentlich geplant, den Sprung in die Berliner Nationalgalerie, weil letztere mittlerweile ihre eigene Sicht der Dinge vorbereitet und im Herbst diesen Jahres der Öffentlichkeit zeigen möchte.
Die Macht der Vergangenheit
Die Vergangenheit ist in all diesen Ausstellungen präsenter als die Gegenwart. Es gibt gegenwärtig vergleichsweise wenige Künstlerinnen und Künstler, die sich explizit mit Ostdeutschland und seinen aktuellen Problemen auseinandersetzen. Aber auch die Sicht zurück auf die DDR unterliegt einem allmählichem Wandel, je weiter 1989 zurückliegt. Die in den früher 1990er Jahren erfolgte künstlerische Auseinandersetzung mit den eigenen Stasi-Akten bei Cornelia Schleime oder die explizit am eigenen Leibe krankenden Explorationen der Autoperforationsartisten Brendel, Gabriel, Göhrs und Lewandowsky sind so heute kaum mehr denkbar (vgl. Tannert 1991). Die Vergangenheit ist offenbar schon zu lange
vergangen, der Feind abhanden gekommen und das Private keinesfalls mehr per se politisch. Ob dies ein Nachteil ist, muss dahingestellt bleiben.
Interessanter erscheint die Frage, warum überhaupt dem Zurückblicken auf das, was war, soviel mehr Platz eingeräumt wird als dem Blick auf das, was ist oder was sein könnte? Die Auseinandersetzung darüber, was im Osten der Republik ist oder sein wird, wird auf den unterschiedlichsten Feldern geführt. Kunstbetrachtung und -kritik könnten offensiver versuchen, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Diskursen herzustellen und Hintergründe zu beleuchten – vielleicht sogar auf zukunftweisende Art und ohne ständigen Rückbezug auf den allgegenwärtigen Erinnerungsstempel ‚Ost‘. Vielfach geschieht dies bereits. Denn der Osten taucht im Werk vieler in der DDR aufgewachsener Künstler als subtile Metapher auf, als individuelles Erinnerungsbruchstück oder versteckte Bezugsgröße. Und trotzdem lässt sich konstatieren, dass für die jungen Künstler, die Generation der in den 1960er und 1970er Jahren Geborenen, ihre Herkunft kaum noch eine Rolle spielt, zumindest nicht als Merkmal der Einordnung in irgendeine Form von Schule oder Tradition. Die Säulenheiligen werden, wie im Westen auch, eher individuell ernannt; die Traditionslinien der Hochschulen sind vor allem dazu da, um gebrochen zu werden. Allenfalls als Marketing-Formel werden noch Zusammenschlüsse suggeriert: So werden unter dem Stichwort östlich inspirierter Realismus Arbeiten von Künstlern versammelt, zwischen denen es außer der gemeinsamen Studienzeit in Dresden oder Leipzig kaum Verbindungslinien gibt. Die individuellen biographischen Bezugspunkte der einzelnen Künstler sind umso wichtiger, als sich mittlerweile die Lebensläufe innerhalb einer erstaunlich schmalen Bandbreite bewegen: Kaum eine ost- oder westdeutsche Künstlerbiographie ist mehr ohne den obligatorischen New York-Aufenthalt denkbar, das Stipendium in Nord-/Süd- oder West-Europa, die Reisen nach Asien, Südamerika oder Afrika, gern im Zuge einer der wie Pilze aus dem Boden schießenden Biennalen. Der internationale Ausstellungsbetrieb ist zu einem großen Wanderzirkus geworden, in dem die Lehrjahre in Form permanenter Ortswechsel stattfinden. Ausnahmen wie Neo Rauch mit seiner Verwurzelung in Leipzig bestätigen da nur die Regel. Solche ‚Abweichler‘ finden sich allerdings im Westen genauso; erinnert sei nur an den Preisträger der letzten Biennale in Venedig 2001 Gregor Schneider, dessen Bindung an sein Wohnhaus Ur (das durch immerwährende Umbauten eine Form von Eigenleben erhält) auch zentraler Dreh- und Angelpunkt seines Werks ist. Und als Ausnahme ist diese Verweigerungshaltung auch durchaus erfolgreich. Dennoch: Eigentlich will keiner auf seine Herkunft festgenagelt werden, weder die Künstler aus Halle oder Borna, noch diejenigen, deren Herkunft aus Nürnberg immer noch mit dem beliebten Verweis auf die Dürersche Tradition kommentiert wird. Dies gilt auch für die Scheidung in Ost oder West.
Strukturprobleme zeitgenössischer Kunst im Osten
Herrscht also in der Kunst allenthalben deutsch-deutsche Einigkeit oder vielmehr Ähnlichkeit? Die Strukturen des Kunstbetriebs sprechen eine andere Sprache. Dies lässt sich schon anhand der öffentlichen Zugänglichkeit zeitgenössischer Kunst im Osten des Landes zeigen. Die riesigen Leerstellen ergeben sich bereits durch die Aufzählung der
wichtigsten, sich explizit der internationalen zeitgenössischen Kunst widmenden Institutionen: das sind die Galerie für zeitgenössische Kunst und das Museum für Bildende Kunst in Leipzig, die Freunde aktueller Kunst in Sachsen und Thüringen, das Neue Museum in Weimar, die Werkleitz Gesellschaft und die von ihr veranstaltete Werkleitz Biennale, die Kunsthochschulen in Dresden, Leipzig, Berlin. Hinzu kommen Institutionen, die im Zuge der kulturellen Grundversorgung auch partiell Zeitgenössisches im Programm haben, dabei aber stärker lokal orientiert sind: die Brandenburgischen Kunstsammlungen in Cottbus, die Kunsthalle in Rostock, die Staatliche Galerie Moritzburg Halle und das Museum Junge Kunst in Frankfurt/Oder. Kommerzielle Galerien wie Eigen+Art und Dogenhaus sind nach wie vor in Leipzig präsent, während die Gebrüder Lehmann den zeitgenössischen Markt in Dresden dominieren. Ansonsten herrscht Stille: Es gibt keine überregional bedeutsamen Kunstvereine, Kunsthallen, gar Kunstmessen für zeitgenössische Positionen. Die einzige Ausnahme bildet Berlin, wo die zeitgenössische Kunstszene prosperiert und die Galerien schon seit Jahren vom Westen der Stadt und des restlichen Landes in den gar nicht mehr so wilden Osten ziehen, wo mehrere Privat- und Firmen-Sammlungen öffentlich zugänglich sind, eine Vielzahl von Institutionen ihre Häuser bespielen und sich diese diversen Epizentren jeweils gegenseitig in Konkurrenz motivieren.
Doch eben diese Zentralisierung ist einer der Hauptunterschiede der Kunstwelt in Ost und West. Natürlich ballen sich auch in den alten Bundesländern die institutionellen Räume besonders in den größeren Städten – Köln wäre hier als erstes zu nennen, neben Hamburg, Düsseldorf oder München. Und um die Institutionen spinnt sich ein dichtes Netz von Galerien, Off-Räumen und temporären Projekten. Aber das ist nur der eine Teil des Kunstbetriebes West. Der andere spielt sich anderswo ab, doch nicht unbedingt in einer anderen Liga: die Kunstvereine in Bonn, Hannover, Münster oder Aachen, Künstlerhäuser in Stuttgart, Oldenburg oder Esslingen, Institutionen wie das Kunstmuseum Wolfsburg oder das Zentrum für Kunst und Medientechnologie und das Neue Museum in Karlsruhe, die Kunsthallen in Nürnberg oder Bielefeld – und last but not least Kassel, das alle fünf Jahre mit der Documenta zum Bauchnabel der internationalen Kunstwelt wird.
Umwege zum Kunstparadies
Gründe für die Ubiquität des zeitgenössischen Kunstlebens im Westen und seiner teilweise schlichten Nicht-Existenz im Osten lassen sich viele finden. Und irgendwann stößt man immer auf den Faktor Geld. Sicherlich ist es so, dass im Osten sowohl die Gelder aus den Landessäckeln als auch aus den Privatschatullen der Bürger wesentlich spärlicher fließen – nicht aus Desinteresse, sondern aus reinem Mangel. Aber am Anfang einer künstlerischen Initiative steht selten nur das Geld, sondern viel öfter eine Idee und der Enthusiasmus einiger Menschen, die andere anstecken, überzeugen und damit etwas bewegen. Neugründungen sind zwar rar, aber sie finden statt: In Dresden wurde der Aufbau einer Städtischen Galerie begonnen, die mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Kunst ab 2004 ihre Ausstellungshallen öffnen wird. Mittlerweile gibt es auch einen Dresdner Kunstverein und selbst in Berlin machen Leipziger von sich reden: Mit der LIGA Galerie ist der Startschuss für ein zweijähriges Projekt gegeben, in dem junge Maler der Leipziger Hochschule für Bildende Künste eine Basis bekommen, von der aus der Sprung in deutsche und internationale Galerien gelingen soll.
Individuelles Engagement ist gerade im zeitgenössischen Bereich der bildenden Kunst der Humus, auf dem mit privater und staatlicher Düngung die Früchte gedeihen können. Für diese Düngung fehlen dem Osten leider oftmals noch die Ressourcen. Doch heißt das eben nicht, einfach in den Chor der Rufer nach neuen, größeren, wagemutigeren öffentlichen Investitionen einzustimmen, sondern vielleicht die Stimme zu erheben für Möglichkeiten des Umdenkens. Institutionelle Förderung sollte gerade in den neuen Bundesländern verstärkt auch auf Zeitgenössisches setzen und nicht nur die Besinnung auf klassische Schätze im Dresdner Zwinger fördern. Denn neben dem Traditionellen, dem gesicherten Wert und der Bedeutsamkeit des nationalen Kulturerbes, liegt die Stärke zeitgenössischer Positionen nicht in ihrer unmittelbaren Nutzhaltigkeit und Verwendbarkeit für Zwecke der Tradition, der Repräsentation und damit auch der Politik oder der Administration; sie liegt in ihrer aktuellen Reflexivität, dem Hinterfragen von Zuständen, von Entscheidungsgrundlagen, der Infragestellung von Normalitäten – auch und gerade in gesellschaftliche Umbruchzeiten.
Umdenken heißt aber auch, dass diejenigen, um die es in diesen Strukturen hauptsächlich gehen soll, nämlich die Künstlerinnen und Künstler stärker Anteil nehmen und einbezogen werden sollten. Man muss dabei die Welt nicht neu erfinden, denn vieles ist durchaus schon ausprobiert und angedacht, wie zum Beispiel die Produzentengalerien und artist run spaces zeigen, in denen Künstler schon seit den 1960er Jahren zu ihren eigenen Galeristen werden. Die Bereitschaft zu Unterstützungsaktionen, bei denen Künstler Institutionen helfen, ist ebenfalls da – wie gerade erst bewiesen bei der Auktion Zeitgenössische Künstler helfen Alten Meistern zugunsten der vom Hochwasser geschädigten Dresdner Sammlungen, in der allein der Erlös für ein Bild von Gerhard Richter bei 2,6 Millionen Euro lag. Nur müssen sich Personen finden, die diese Bereitschaft überzeugend fordern und fördern – auch und gerade für die nachwachsende junge Generation und für die Kunst ihrer nationalen und internationalen Zeitgenossen.
Umdenken heißt daher, beim Aufbau nichtvorhandener Strukturen nach neuen und alten Wegen zu suchen. Vielleicht auch, zunächst, in anderen Dimensionen zu denken, zeitlich begrenzter und mit geringerer materieller Stützung im Hintergrund. Vielleicht aber auch, die damit verbundenen neuen Möglichkeiten zu erkennen: In einer Situation, wo am Ende nichts geht, scheint mit einem neuen Anfang alles möglich. Wenn der Vordereingang zum Paradies verschlossen ist, bleibt nur der Umweg. Vielleicht liegt in diesem auch eine Chance, nicht nur für den Osten: mit Hilfe der Kunst in Kleistscher Manier eine — zumindest imaginäre – „Reise um die Welt“ anzutreten, um nach neuen Ansätzen und Allianzen zu suchen und herauszufinden, ob es nicht doch „einen Hintereingang ins Paradies“ gibt.
Literatur
Blume, Eugen et al. (Hg.) 2002: Wahnzimmer (= Klopfzeichen. Kunst und Kultur der 80er Jahre in Deutschland; Teilband), Leipzig
Tannert, Christoph (Hg.) 1991: Autoperforationsartistik, Katalog zur Ausstellung ‚Bemerke den Unterschied‘, 11. April – 5. Mai 1991, Kunsthalle Nürnberg
Internet
www.eigen-art.com/seiten_de/news/newtxt.htm (die neuesten Kataloge Neo Rauchs)
www.freunde-aktueller-kunst.de/ (Freunde aktueller Kunst Sachsen und Thüringen)
www.germangalleries.com/Museum_bildenden_Kuenste/ Klopfzeichen.02:html (Ausstellung Klopfzei-
chen in Leipzig)
www.gregor-schneider.de/ (zum Werk Gregor Schneiders)
http://hosting.zkrn.de/ctrlspace/d/texts/47 (über die Arbeit „Bis auf weitere gute Zusammenarbeit“ von Cornelia Schleime)
www.leipzig.de/museum_d_bild_kuenste.htm (Museum für bildende Künste Leipzig)
www.gzkl.de (Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig)
http://augentier.de/kusa/web/index.php/de/neu/allg/ (Neues Museum Weimar)
www.werkleitz.de/ (Werkleitz Gesellschaft)