Vier Neuerscheinungen zur Zukunft der Arbeit
Durch die Krise hindurch, heißt es bei Aristoteles, kann man zur Katharsis gelangen. In diesem Sinne ist die Krise ein Umschlagpunkt, nichts grundsätzlich Negatives. Sie schafft die Möglichkeit, neue Horizonte zu eröffnen, Probleme zu bewältigen, freilich auch grausam zu scheitern. Die Arbeitsgesellschaften westlicher Prägung befinden sich derzeit in einer solchen Krise. Ihr wesentlicher Vergesellschaftungsfaktor droht als ökonomische Ressource mehr und mehr an Wert zu verlieren, während sein Wert als soziale Ressource zugleich inflationär steigt. Wichtig für Gesellschaftsformationen nach dem Muster der westlichen Industriegesellschaften wäre aber, beides in der Balance zu halten. Ein Ungleichgewicht, wie es derzeit mit hoher Massenarbeitslosigkeit, Rationalisierung und gleichzeitigen technologischen Phantasieszenarien existiert, droht beständig zu politischen und sozialen Verwerfungen zu führen.
Seit bürgerliche Gesellschaften die feudalen abgelöst haben, seit die Industrialisierung einsetzte, sind die Gesellschaften der westlichen Hemisphäre als Arbeitsgesellschaften einzustufen. In ihnen sind Protestantismus und Merkantilismus eine fruchtbare und dauerhafte Ehe eingegangen. Als Arbeitsgesellschaften kann man diese Gesellschaften deshalb bezeichnen, weil das Prinzip der Erwerbsarbeit ihr dominantes gesellschaftliches Strukturelement ist. Erwerbsarbeit ist darin das vorherrschende Prinzip der Selbsterhaltung; die Verfügung über eine Erwerbsarbeit erweist sich als entscheidender Aspekt individueller wie auch gesamtgesellschaftlicher Generierung von Sinn; nahezu jede Geste innerhalb dieser Gesellschaften ist kulturell über eine Analogie zur Arbeit definiert. Arbeit ist keine Tätigkeit in einem klar umrissenen sozialen Raum; sie ist in sämtliche Lebensbereiche der Individuen vorgedrungen.
Grundsätzlich ist das keine wirklich neue Erkenntnis. Mit dem Marxismus ist schon im 19. Jahrhundert ein analytischer Ansatz entstanden, der Gesellschaft unter genau diesen Aspekten der Arbeit und der Warenproduktion verstanden wissen wollte. Freilich geriet die „politische Ökonomie“ rasch zur Neuen Ökonomischen Politik, wodurch der Ansatz zusehends weniger anschlussfähig an allgemeine Diskurse wurde. Zudem krankte der Marxismus generell daran, Arbeit tatsächlich ausschließlich mit wertschöpfender Arbeit gleichzusetzen und auf der bloßen Distributionsebene in Augenschein zu nehmen. Aspekte der Kultur, der Symbolerzeugung, einer Ordnung der Dinge schienen vernachlässigbar zu sein. Seit einiger Zeit ist es nunmehr mit dem Marxismus weitgehend vorbei; doch sein rein ökonomischer Zugriff auf die Arbeitsgesellschaft hat sich gehalten.
Die Untersuchung der Arbeitsgesellschaften fand allzu lange ausschließlich durch die Industriesoziologie statt, und war dort, dem Titel zum Trotz, denkbar schlecht aufgehoben. Bis heute beschränkt sich die Industriesoziologie auf die Untersuchung ökonomischer Zusammenhänge, innerbetrieblicher Problemlagen, deprivativer Wirkungen von Arbeitslosigkeit. Erstaunlicherweise hat sie nie begriffen – oder unter der Erblast marxistischer Theoriebildung nie begreifen wollen -, dass sie eine Schlüsselkategorie zum Verständnis der modernen Gesellschaften in Händen hielt. Spätestens seit Beginn der 1990er Jahre wird die Auseinandersetzung über Genese und Konsequenzen der Moderne wieder auf das heftigste geführt. Aus der Industrieforschung aber fehlt bislang jeder substantielle Beitrag dazu. Es scheint, als müsse ihr Gegenstand durch andere entdeckt werden – Kultursoziologen, Kulturwissenschaftler, Philosophen, Historiker, Politologen. Sie alle erkennen die Zeichen der Krise und suchen sie unter den Vorzeichen von Arbeit, Erwerbsarbeit, Warentausch in Beziehung zueinander zu setzen. Plötzlich wird wieder originell an der Arbeit gearbeitet, teilweise mit beträchtlichem Gewinn. Akademisch könnte das erste Opfer der Krise der Arbeitsgesellschaften deren eigene Wissenschaft, die Industriesoziologie, werden.
Solche Todesstöße können scheinbar kleine Bücher führen. Ein vom Organisationssoziologen und Luhmann-Schüler Dirk Baecker herausgegebener Sammelband z.B. führt die disziplinäre Volte schon im Titel und proklamiert eine „Archäologie der Arbeit“:
Dirk Baecker (Hg.): Archäologie der Arbeit, Kadmos: Berlin 2002, 250 S.; ISBN 3-93165926-7; 17,50 Euro
Baecker hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die Kategorie „Arbeit“ wieder (und ausdrücklich jenseits der Industriesoziologie) zu einem Instrument der Gesellschaftstheorie zu machen (16). Die „Arbeit in Gesellschaft“ müsse man zum Thema machen, „weniger die Arbeit als solche“. Diesen Gedanken sollte man ernst nehmen; es ist zu wünschen, dass viele ihm folgen werden. Sein eigener Band löst das Versprechen in Form eines programmatischen, divergenten Manifests zum großen Teil ein. Am fulminantesten gelingt dies im längsten Beitrag des Bandes: Werner Hamacher, Literaturwissenschaftler in Frankfurt/Main, legt eine Theorie der Arbeit vor, die dezidiert vom Faschismus ausgeht – in der Verknüpfung der Frage nach der Arbeit des Faschismus mit dem „endogenen Faschismus der Arbeit“ (156) und jener Praxis einer „Aufarbeitung der Vergangenheit“. Wenn Arbeit, so Hamacher, die genuine Form der Selbstaneignung in modernen Gesellschaften ist, dann hat der Nationalsozialismus dies nur transformiert von einer individuellen Selbstaneignung zu der eines ganzen Volkes für sich selbst. Auschwitz erscheint dann als Arbeitsplatz, wo definitiv getötet wird, was nicht das eigene (Produkt) ist. Wenn Arbeit tatsächlich die wesentliche Form der Vergesellschaftung sei, so Hamacher, dann könne „die Gesellschaft der Arbeit immer nur die eigene Gesellschaft sein“ (168). Arbeit wie Gesellschaft verlangen Identität und Identifikation; Arbeit ist gekoppelt an ein eschatologisches Moment, das nur allzu leicht umschlagen kann in Gewalt. Der einzige Haken an Hamachers Entwurf ist dessen enge Bindung an einen ungeheuer konstanten Arbeitsbegriff, obwohl sich unübersehbar ein einschneidender Strukturwandel der Arbeit vollzieht, der weder ihren Begriff, noch ihre Gesellschaft oder Objekte unangetastet lässt.
Der Volkswirtschaftler und Philosoph Birger P. Priddat beschreibt diesen Prozess am Beispiel der Etablierung kurzfristiger Arbeitsverhältnisse, die gleichzeitig an enorme normative Anforderungen gekoppelt sind. Angestellte wie Arbeiter würden heute zu intrapreneurs, kleinen Unternehmern, deren Vertragsfähigkeit gegenüber dem Markt zunächst ausgebaut werde (73). Arbeiten bedeute prinzipiell, ein Wagnis einzugehen; der Unterschied zwischen Unternehmer und Arbeitnehmer ist auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Auch der Historiker Rolf Peter Sieferle wendet sich Transformationsprozessen zu und arbeitet heraus, dass Arbeit als Mittel individueller Selbstbestimmung im Kontext agrarischer Gesellschaften vollkommen unvorstellbar war. Die Verknüpfung beider Faktoren ist erst in einer technisierten Gesellschaft möglich, die ein Bild vom „Fortschritt“ hat, worin das Potential der Selbstbestimmung dann aber freilich durch ordres der Disziplin begrenzt werden muss. Baecker selbst spannt den Begriff der Arbeit in seinem Beitrag zwischen Überdetermination und Unbestimmtheit. Arbeit, führt er aus, wird in dem Moment sozial von Belang, wo sie dynamisch wird und soziale wie auch räumliche Mobilität ermöglicht. Von der warenproduzierenden Gesellschaft will Baecker rigoros abstrahieren. Erstens lasse sich der Arbeitsbegriff kaum auf die Arbeitnehmer begrenzen, zweitens greife unter dieser Prämisse die Kategorie der Arbeitsgesellschaft viel zu kurz. Diese Kategorie meine nämlich nicht die soziale Dominanz ökonomischer Arbeit, sondern dass in einer solchen Gesellschaft einfach alles als Arbeit begriffen werde, was „mit einem Aufwand verbunden ist“ (221).
Auch in einem weiteren Sammelband findet sich eine Ansammlung empirischer und theoretischer Überlegungen zu den aktuellen „Formveränderungen der Arbeit“, in der über den Begriff der Arbeit nachgedacht wird. Sie bleibt gegenüber dem Band von Baecker aber reichlich schal:
Detlev Claussen/Oskar Negt/Michael Werz (Hg.): Transformation der Arbeit, Neue Kritik (Hg.): Frankfurt/Main 2001, 181 S., ISBN 38015-0358-5; 15 Euro
Zwar sind die Herausgeber sichtlich bemüht, die ganze Spannbreite an Phänomenen abzudecken, die einem ad hoc zum Thema ‚Krise der Arbeitsgesellschaften‘ einfallen – New Economy, Flexibilisierung, Arbeitslosigkeit, Arbeitsrecht, Arbeit und Krieg. Aber genau hier könnte auch das Problem liegen. Dieses Buch ist ein hervorragendes Beispiel für eine Art von angestrengter Kritik, die sich Originalität genauso verbietet wie disziplinäre und analytische Breite. Dabei hätte das dargelegte Material durchaus einiges zu bieten. Zum Beispiel konstatiert die Sozialpsychologin Christine Morgenrotte in ihrem Beitrag über depressive Dynamiken in der Arbeitslosigkeit, Arbeitende in zeitlich befristeten, auch prekären Beschäftigungsverhältnissen täten so, „als ob der Arbeitsplatz auch langfristig sicher wäre“ (141). Aber statt daran eine Analyse dieses Tatbestandes anzuschließen, wird das Referat des Datenmaterials schon selbst als Analyse ausgegeben. Auch Achim Seiferts rechtswissenschaftliche Darstellung des Arbeitsrechts als eines disparaten Gegenstandes, das sowohl Aufgaben der Deregulierung des Arbeitsmarktes als auch Regulierungsfunktionen wahrnehmen muss, bleibt deskriptiv ein Oberflächendiskurs. Hier wurden jede Menge Themen verschenkt.
Eine Ausnahme bildet der Beitrag des in Deutschland nach wie vor viel zu unbekannten Moishe Postone. Als Vertreter einer „kritischen Theorie von Marx“ (15) legt der Historiker an der University of Chicago dessen Vorstellung von der zentralen Stellung der Arbeit in der Gesellschaft aus und verdeutlicht erneut, dass Arbeit (leider bei ihm ganz undefiniert) eine historisch spezifische Form sozialer Vermittlung organisiere – nämlich den Kapitalismus. Postone versucht, die Schwächen des „traditionellen Marxismus“ im Umgang mit der postliberalen Gesellschaft auszubügeln: Wenn man von Arbeit im Kapitalismus spreche, so Postone, könne man nicht bloß von technischen Prozessen sprechen. Wichtig hingegen sei, den Kapitalismus als „eine abstrakte Herrschaftsform zu kennzeichnen“ (26), die auf grundlegende gesellschaftliche Verhältnisse ausgreife – ohne dabei in eine hanebüchene Basis-Überbau-Legende zurückzufallen. Freilich, das bleibt Marxismus in nuce, aber es handelt sich um einen anschlussfähigen Marxismus, der durchaus etwas zur zeitgenössischen Gesellschaftsanalyse beitragen kann.
Ein konstanter Beiträger hingegen gerade zu den Problemen der Arbeitsgesellschaft ist der Philosoph und Soziologe Oskar Negt, ebenfalls aus der Denkfabrik der Frankfurter Schule stammend. Er hat ein dickleibiges Werk vorgelegt, das augenzwinkernd und rot statt blau an die alten MEW-Ausgaben erinnert:
Oskar Negt: Arbeit und menschliche Würde, Steidl: Göttingen 2001, 747 S., ISBN 3-88243786-3; 29 Euro
Negt versucht sich in vielem gleichzeitig. Eine theoretische Einkreisung des Gegners „Arbeitsgesellschaft“, die er ein für alle mal transparent machen will; eine Zuführung zu politischem Handeln sogar, das er in kleinen Exkursen am eigenen Beispiel heranzitiert; ein Resümee seiner bisherigen Arbeit, auf die er immer wieder anekdotisch verweist – das alles legt er mit diesem Buch vor. Am Ende der Lektüre ist man um viele Anregungen und Enttäuschungen reicher. Seinen Tiefpunkt erreicht das Buch, wenn Negt noch einmal die rein ökonomische Erklärung für den Nationalsozialismus und für Auschwitz herausholt, vom Antisemitismus jedoch nicht spricht. Auschwitz ist in diesem Buch vor allem deshalb eine negative Angelegenheit, weil es verunmöglicht, „den Arbeitsbegriff aus seinen tödlichen und entwürdigenden Umklammerungen zu lösen“ (474). Und auch Negts ans Ende des Buches gesetzte Abrechnung mit Giddens und Beck kann nicht wirklich überzeugen, sondern referiert vor allem alte Hüte, die in der Frage gipfeln, ob die Risikogesellschaft nicht doch „eine modifizierte Klassengesellschaft“ sei (603). Schließlich wehrt Negt sich verzweifelt gegen einen erweiterten Arbeitsbegriff, hält strikt am Erwerbsarbeitsbegriff mitsamt den zugehörigen gesellschaftlichen und theoretischen Paradigmen fest, fragt sich aber dennoch, weshalb es wohl sinnvoll ist, daran noch festzuhalten (129). Hier zeigt sich, wie sehr Negt der politischen Ökonomie verpflichtet bleibt. Die Arbeit in der Gesellschaft vermag er nicht sehen, bloß Konstellationen von Produzenten. Trotzdem ist diese Anstrengung, einen definitiv umfassenden Überblick über den Zustand der Arbeitsgesellschaft zu geben, beeindruckend, der von der Globalisierung über die Arbeitszeitpolitik (schon immer ein Steckenpferd Negts), die Rolle der Gewerkschaften und der New Economy, das Bildungswesen und die Kultur bis hin zur Atomtechnologie und dem Ende der DDR wahrlich nichts auslässt. Bleiben wird von diesem Buch der zentrale Begriff der „Erosionskrise“, den Negt erfolgreich geprägt hat. Die Erosionskrise ist jene Krise, die die Gesellschaft in einen Zustand der Transformation wirft, worin die alten Institutionen erodieren und in der es eine Katharsis kaum wird geben können.
Wenn der Kapitalismus die „Gesellschaft des Spektakels“ (Guy Debord) ist, dann könnte man versucht sein, aus diesem Spektakel eine Waffe der Kritik zu machen. Nicht weniger ist im Mai 2001 an der Berliner Volksbühne geschehen, als Arbeitslose, Intellektuelle, Pastoren u.a. zu einem Themenwochenende zur „Zukunft der Nichtarbeit“ und dem „Recht auf Faulheit“ luden.
Michael Jäger/Andrea Koschwitz/Gerburg Treusch-Dieter (Hgg.): Recht auf Faulheit. Zukunft der Nichtarbeit, Edition Freitag: Berlin 2001, 180 S., ISBN 3-936252-00-9; 12 Euro
Die Veranstaltung selbst mag gelungen gewesen sein, es zeigt sich aber, dass nicht jede Dokumentation ihren Zweck erfüllt. Schon in seiner Einleitung straft Michael Jäger die Intention des Bandes lügen, wenn er wohlfeil erklärt, „angeblich Faule“ hätten sich da als „Leute entpuppt, die mit Fleiß in bestimmten Tätigkeiten engagiert sind“ (6). Das ist allzu bieder und lässt die beabsichtigte Rehabilitierung der Faulheit gegen den Erwerbsarbeitszwang vollständig vermissen. Doch auch sonst ist bei der Lektüre nicht viel Gewinn zu machen. Es reicht eben nicht aus, einen Text, der Hegels Herr/Knecht-Kapitel paraphrasiert und der auf der Bühne vielleicht noch unterhalten mag, genauso in ein Buch zu drucken. Da bleibt nichts mehr übrig als Phrasendrescherei. Nicht anders verhält es sich mit weiteren szenischen Texten und dem Kabarett des im vergangenen Jahr verstorbenen Matthias Beltz. René Talbots „Proklamation des Jahrhunderts der Parasiten“ bringt das Dilemma der Veranstaltung schließlich auf den Punkt. Wird einerseits mit großer Geste die ätzendste Kritik an den herrschenden Verhältnissen geübt, so besteht andererseits ein grandios naiver Glaube daran, „eigene Lebensentwürfe und Selbstbestimmung“ (45) verwirklichen zu können. Da kommt das Denken doch zu kurz. Wohltuend dagegen Hans-Dieter Bahrs Interpretation von Castorfs Inszenierung der „Weber“. Bahr ordnet auch die Nicht-Arbeit in den Kontext der Arbeit ein, da sie als „passive Beschränkung der Aktivität ein konstitutives Moment des Arbeitens selbst sei“ (117). So zeigt er den Veranstaltern die beschränkte Reichweite ihrer vermeintlichen Provokation — der Arbeit entkommt so schnell niemand.