Publikationen / vorgänge / vorgänge Nr. 161: Der ostdeutsche Weg

"Wie fern ist meine Welt dieser Welt"

Durs Grünbein über Dichtung als Form der Überwinterung und seine Neugier auf die Macht

vorgänge: Herr Grünbein, lesen Sie selbst gerne Lyrik, die der Ihren ähnelt?

Grünbein: Die Dichtung, die ich gerne lese, muss gedanklich scharf sein und sie muss mich überraschen, mit immer neuen Bildern und immer neuen metaphorischen Aspekten.

vorgänge: Motiviert es Sie, fremde Lyrik zu lesen? Oder sind Sie sich für Ihr Dichten selbst genug?

Grünbein: Wahrscheinlich lese ich wenig Lyrik. Ich lese alles mögliche andere: naturwissenschaftliche Werke, sehr viel Romane, sehr viel Zeitung – leider, muss ich über Letzteres sagen. Die Euphorie lässt da allerdings zum Glück allmählich nach. Aber ich lese prinzipiell alles, was meinen Welthorizont erweitert, immer wieder neu. Und dann manchmal doch die Lyrik. Es ist, als ob man einen Schmuckkasten aufklappt und darin wirklich Kronjuwelen findet. So ist große Dichtung: so vollkommen und gelungen, dass man sie immer gerne betrachtet. Ich sage absichtlich ‚betrachtet‘. ‚Betrachten‘ ist genauer als ‚Lesen‘, denn wirklich gute Gedichte kann man betrachten wie Bilder.

vorgänge: Wenn aber die großen Romanciers in der heutigen Welt immer wieder erstaunliches Aufsehen erregen, das den Lyrikern notgedrungen vorenthalten bleibt – sind Sie da nicht mitunter zornig auf den ignoranten Zeitgeist?

Grünbein: Es hilft, wenn man sich klar macht, dass es bessere Zeiten gab. In früheren Zeiten kann man poesieverliebte Gesellschaften entdecken, neben poetischen Dürreperioden. Man muss sich einfach vor Augen halten, welchen Stellenwert Dichtung z.B. bei den Römern hatte, in der Renaissance oder eigentlich auch am Anfang des 20. Jahrhunderts. Das hilft einem sehr. Solche Figuren wie Rilke oder Hofmannstahl, auch Benn, waren nur möglich in einer Gesellschaft, die allgemein den Stellenwert des geschliffenen, konzentrierten Wortes, des lyrischen Ausdrucks geschätzt hat. Wenn das auf keinen Adressaten trifft, dann wird es schon schwierig. Aber es ist nicht hoffnungslos, weil wir nicht wissen, ob vielleicht wieder andere Zeiten kommen. So ist denn die Dichtung die Form der Überwinterung. Die Konzentration, die sie verlangt, erzeugt eine längere Halbwertzeit. Das Gedicht trotzt dem Zerfallsprozess. Meine Hoffnung: Je länger man am Wort arbeitet, desto mehr Zeit gewinnt man.

vorgänge: Es gibt die weit verbreitete Annahme, dass Lyrik immer zu dekadenten Zeiten aufblüht. Ist danach die heutige Zeit nur nicht so richtig dekadent, um der Lyrik Resonanz zu verschaffen?

Grünbein: Es ist gar nicht die Dekadenz, auf die es ankommt. Wenn ich mich zum Beispiel mit Baudelaire beschäftige, stoße ich dabei auf einen Vorfahren, der in einer früheren modernen Gesellschaft schon ähnliche Bedingungen vorgefunden hat. Baudelaire wurde zu einem Exponenten der Dichtung in industrialisierter Zeit, in der Zeit der Großstädte und neuer Medien. Das interessiert mich mehr als Verliebtheit in Jugendstil oder in die Dekadenz. Mich interessiert die Position des verlorenen lyrischen Ichs in einer unübersichtlichen oder unübersichtlich werdenden Gesellschaft – und das kann man am Ende des 19. Jahrhunderts vorfinden. Da findet man Brüder im Geiste. Dichtung ist aber immer gleichsam die Notration.

vorgänge: Es gehörte vor Zeiten für Schriftsteller und Dichter zum guten Ton, an Deutschland zu leiden. Sie erwecken nun nicht gerade den Eindruck, als litten Sie an diesem Land.

Grünbein: Vermutlich liegt es an der etwas anderen Vergangenheit. Ich bin als Mitteleuropäer aufgewachsen, zumindest am Rande Westeuropas. Ich habe den Sozialismus erlebt. Beim Gedanken an jeglichen Nationalismus kann ich nur lachen. Ich kenne nur das Verlangen nach Weltkultur. Mich hat gleich die Sehnsucht nach Weltkulturen angezogen. Es war mein Instinkt, weil ich immer aus der DDR weg wollte. Ich wollte in die Museen der Welt, ich wollte immer kennen lernen, was es überall gibt. Ich wollte moderne Kunst im Original anschauen. Das alles hat mich mehr verführt als irgendwelche politischen Ideen. Und wenn ich heute weniger enttäuscht bin – ich gehöre wirklich nicht zu denen, die furchtbar enttäuscht sind über den Zerfall der Blöcke und das Ende des Kalten Krieges -, dann ist es vor allem deshalb, weil ich das ganze als eine Chance betrachtet habe.

vorgänge: Bundeskanzler Schröder hat am Ende der letzten Legislaturperiode mehrfach Künstler ins Kanzleramt eingeladen, zu gemeinsamen Lesungen, Gesprächen, Abendessen. Der Kanzler selbst hat Ihr Buch Das erste Jahr auf einer öffentlichen Veranstaltung in Berlin gepriesen; Sie waren im Publikum zugegen. Haben Sie Verständnis dafür, dass man den Dialog mit der Politik sucht oder befremdet Sie das eher?

Grünbein: Ich muss zugeben, ich bin sehr neugierig. Ich habe zum Beispiel eine Einladung zu einer Reise mit Schröder nach Lateinamerika im Frühjahr 2002 angenommen. Es gibt eine interessante Geschichte, die mir auf dieser Reise passiert ist: Ein deutscher Journalist kam auf mich zu und wollte mir dringend ein paar Fragen stellen. Aber es war dann nur eine einzige. Er fragte: „Sie sind doch Dichter, ekelt sie nicht die Nähe zur Macht?“ Und da musste ich ihm sagen: „Nein, die Nähe zur Macht ekelt mich nicht. Da ich ein neugieriger Mensch bin, will ich die Macht kennen lernen.“ Die eigentliche Frage ist doch, warum ein Dichter mehr von der Macht angeekelt sein soll als andere Menschen. Das hat sicher mit dem fatalen Selbstbewusstsein der Dichter zu tun. Ich glaube, dass unsereins davon ausgeht, wir besäßen etwas, was unzerstörbar ist – egal, welche omnipotente ökonomische Form die Gesellschaft hat. Doch wenn dies stimmt, dann sollte eigentlich die Begegnung von Dichtung und Macht ein Gipfeltreffen sein. Doch die Ungleichheit bedingt, dass ich mich jederzeit zurückziehen kann.

vorgänge: Autoren wie Günter Grass oder Hans Magnus Enzensberger waren, früher zumindest, furchtbar enttäuscht, wenn sie trotz ihrer Unabhängigkeit manchmal nicht genügend von der Politik wahrgenommen wurden.

Grünbein: Nun ja, das ist eine Generation, die wirklich noch geglaubt hat, dass sie unmittelbar eingreifen kann mit dem Wort. Davon bin ich geheilt. Was uns alle ähnlich macht, ist das Interesse an exklusiven Begegnungen. Ich glaube, dass jemand wie Grass auf die Politik wie ein enttäuschter Liebhaber reagiert. Ich tue das nicht: weil ich schon so oft enttäuscht wurde, dass ich nicht mehr zu enttäuschen bin. Ich kann mir das also in aller Gelassenheit anschauen, weil ich weiß, wie fern meine Welt dieser Welt ist. Dies ist eine Urtrennung. Sie betrifft auch viele Alltagsphänomene. Aber zugleich gibt es wohl schon die Sehnsucht, möglichst viel wahrzunehmen, den Drang nach unmittelbarer Anschauung.

vorgänge: In den letzten Jahren wurde häufig und mit unterschiedlichen Wertungen der Begriff der Spaßgesellschaft durchdekliniert. Nachdem es eine Weile schien, dass alle, die eine Bedeutung erlangen wollten, zugleich komisch und witzig zu sein hatten, gab es spätestens nach dem 11. September wieder andere Signale. Sie wirken ziemlich seriös und scheinen eine gewisse Ernsthaftigkeit leben zu wollen. Ist es in Deutschland schwierig geworden, ernst zu bleiben?

Grünbein: Wir müssen von einem anderen Begriff sprechen und zwar von Libido. Ich glaube nicht, dass sich meine persönliche Libido beschränken lässt auf das komödiantische, auf eine Pointe oder auf den Witz. Ich verstehe, dass wir in einer Zeit leben, wo die Libido nach der schnellen Befriedigung strebt. Für mich ist die Welt ein komplexes Gebilde, in dem es das sarkastische Lachen und die unendliche Trauer gibt; beide treffen sich zur Zeit an derselben Stelle. Und wenn ich den sarkastischen Humor in der so genannten Spaßkultur finde, dann bin ich sofort mit ihr versöhnt.

vorgänge: Ist aber nicht Ernsthaftigkeit heute das eigentlich Subversive?

Grünbein: Bei Henri Bergson gibt es eine schöne Analyse, wie das Lachen in der modernen Gesellschaft funktioniert. Er geht davon aus, dass es viel mit der Mechanik zu tun hat. Er analysiert zum Beispiel das Clowneske, wie es im Slapstick dann Charlie Chaplin vorgeführt hat. Er meint, dass durch die Maschinisierung der Alltagswelt der Einzelne sich wieder erkennt als Slapstickfigur, als Scheiternder. Der Humor, der daraus entspringt, ist mir vertraut wie dem Pferd die Peitsche. Ich glaube aber nicht, dass es etwas wie die Spaßkultur wirklich gibt. Es gibt keinen allgemeinen Humor. Der Humor ist immer besonders. Zur Zeit ist er auf Seiten der Reaktion. Humor ist im Augenblick reaktionär.

Das Gespräch führte unser Prager Korrespondent Tomás Kafka

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