Publikationen / vorgänge / vorgänge Nr. 161: Der ostdeutsche Weg

Der Struk­tur­wandel der Östlichkeit

Rund 6.000 Bücher sind seit 1989 zum deutschen Einigungsprozess erschienen, mehr als 38.000 Nachweise finden sich in der Literaturdatenbank www.wiedervereinigung.de zu diesem Thema. Zumindest von den Sozialwissenschaften ist der Osten Deutschlands also nicht vernachlässigt worden. Und nun, gut dreizehn Jahre nach dem Mauerfall, erscheinen auch die ersten Kompendien und Forschungsbilanzen. Zu den wichtigsten dürfte wohl die folgende tausendseitige Untersuchung zählen:

Alexander Thumfart: Die politische Integration Ostdeutschlands, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2002, 1.020 S., ISBN 3-518-12228-2; 20 Euro

Die Leistung Thumfarts ist beeindruckend, was sich nicht nur in dem 120seitigen Literaturverzeichnis widerspiegelt: Der Autor (vgl. seinen Beitrag in diesem Heft) zeichnet in großer Detailtreue ein umfassendes Bild des politischen Transformations- und Integrationsprozesses in Ostdeutschland. Vorangestellt sind dieser Bestandsaufnahme rund einhundert Seiten theoretischer Reflexion, in denen sich der promovierte Philosoph mit großer Verve allen Modellen, welche die Geistes- und Sozialwissenschaften zum Thema anzubieten haben, widmet. Dann schlägt Thumfart analytische Schneisen durch den wilden Osten: In mehreren Großkapiteln untersucht er 1. den Parlamentarismus, 2. die Parteien und das Parteiensystem, 3. die Verbände, 4. die Kirchen, 5. die Regierungen und die Ministerialbürokratie, 6. die Kommunen und 7. die Medien. Dabei kommt der Zettelkasten des Autors mitunter etwas übermäßig zum Einsatz: Selbst Hegel, Dilthey, Habermas und Eco fungieren bei ihm als Kronzeugen des Transformationsprozesses. Trotzdem kann man die wissenschaftliche Leistung nicht hoch genug bewerten; das Buch wird auf Jahre hinaus das Standardwerk zum Thema bleiben.

Eine sehr hilfreiche Überblicks-Publikation, die schnelle Orientierung ermöglicht, ist

Hans Bertram/Raj Kollmorgen (Hg.): Die Transformation Ostdeutschlands. Berichte zum sozialen und politischen Wandel in den neuen Bundesländern, Leske+Budrich: Opladen 2001, 485 S., ISBN 3-8100-2241-1; 32,90 Euro

Der fast fünfhundert Seiten starke Band vereinigt Aufsätze und empirisches Material zu den zentralen Themen der Einheitsforschung, wobei die Autoren durchweg Experten in ihren Teilbereichen sind. So schreibt Oskar Niedermayer über die Entwicklung des Parteiensystems, Max Kaase und M. Rainer Lepsius berichten über den Stand der Transformationsforschung und Gisela Trommsdorf und Hans-Joachim Kornadt setzen sich in einem nachdenklichen Beitrag mit dem Stand der inneren Einheit auseinander. Weitere Schwerpunkte sind Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, die politische Kultur und Fragen der Stadt- und Landschaftsentwicklung.

Im folgenden Band wird ebenfalls „harte Politikwissenschaft“ betrieben:

Jürgen Falter/Oscar W. Gabriel/Hans Rattinger (Hg.): Wirklich ein Volk? Die politischen Orientierungen von Ost- und Westdeutschen im Vergleich, Leske+Budrich: Opladen 2000, 711 S., ISBN 3-8100-2961-0; 51 Euro

Geht man davon aus, dass zwischen der Stabilität des politischen Systems und den Einstellungen seiner Bürger zu diesem ein enger Zusammenhang besteht, wird die politische Kulturforschung zu einem wesentlichen Faktor im Einheitsdiskurs. Die Herausgeber haben hier zahlreiche Beiträge versammelt, die um diese Themen kreisen: Wahlverhalten, politische Bildung im Osten, Parteienbindungen der Bürger, politische Wertorientierungen und natürlich auch den Rechtsextremismus. Das Projekt ist lobenswert, wenn es auch manchmal schwer fällt, den roten Faden der Publikation zu erkennen.

Die „Zonenkinder“ sind in den Feuilletons dieser Republik längst zum stehenden Begriff geworden. Nun werden sie endlich auch empirisch durchleuchtet:

Peter Förster: Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit. Eine Längsschnittstudie zum politischen Mentalitätswandel bei jungen Ostdeutschen vor und nach der Wende, Leske+Budrich: Opladen 2002, 357 S., ISBN 3-8100-3452-5; 35 Euro

Ohne Zweifel ein spannendes Projekt: Seit 1987 wurden vom Leipziger Institut für Jugendforschung insgesamt 1.281 sächsische Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 1972 und 1973 nach ihren Einstellungen befragt. Nach 1990 wurden die Befragungen unter veränderten Rahmenbedingungen mit den gleichen Jugendlichen fortgesetzt; an der jüngsten im Januar 2002 nahmen 354 von ihnen teil. Der Identitätswandel vom DDR-Bürger zum Bundesbürger scheint auch für diese Generation ein langwieriger und widersprüchlicher Prozess zu sein: Im Jahr 2000 fühlten sich 80 Prozent der Befragten als Bürger der Bundesrepublik, 77 Prozent aber auch als Bürger der untergegangenen DDR – unabhängig davon, ob sie gegenwärtig im Osten oder Westen leben. Wie sich Mentalitäten und Einstellungen im Laufe der Jahre verändert haben, welche Euphorien und Verunsicherungen die Jugendlichen auf ihrem Weg von Ost nach West durchlebten – hier lässt es sich detailliert und statistisch fein säuberlich dokumentiert nachvollziehen.

Den politischen Überzeugungen der jüngeren Generation ist auch

Gert Pickel: Jugend und Politikverdrossenheit. Zwei politische Kulturen im Deutschland nach der Vereinigung?, Leske+Budrich: Opladen 2002, 441 S., ISBN 3-8100-3580-7; 44 Euro

auf der Spur. Ihn interessiert hierbei die Generation der jungen Erwachsenen, die im Übergang zwischen Sozialisation in der DDR und in der Umbruchzeit nach der Vereinigung ihre ersten politischen Wertmuster und Einstellungen ausbildete. Im Zentrum der Analyse steht die Entwicklung von Differenzen in der politischen Kultur zwischen Ost- und Westdeutschland in den vergangenen zehn Jahren. Die Arbeit ist zwischen Jugendforschung und Forschungen zur politischen Kultur angesiedelt. Anstelle von Schwarz-Weiß-Malerei bietet sie einen zukunftsweisenden Einblick in die Nachwende-Kultur(en) Deutschlands.

Noch immer gehen fünf von zehn Schülern in Vorpommern zur Jugendweihe. Was zieht die Jugendlichen unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Wiedervereinigung zur Jugendweihe, was zur Konfirmation? Die Untersuchung von

Rainer Liepold: Die Teilnahme an der Konfirmation bzw. Jugendweihe als Indikator für die Religiosität von Jugendlichen aus Vorpommern, Peter Lang: Frankfurt/Main 2000, 422 S., ISBN 3631-35925-X; 50,10 Euro

basiert auf einer Anfang 1997 durchgeführten Befragung 14- bis 17jähriger Ostdeutscher. Liepold widmet sich in seiner Dissertation der Ausprägung und Funktion der Religiosität von Jugendlichen in Vorpommern und verdeutlicht aus religionssoziologischer Sicht die Zukunftsfähigkeit der Kirchen in den neuen Bundesländern.

Dass die Prozesse des Identitätswandels auch generationenübergreifend noch längst nicht abgeschlossen sind, macht das folgende Büchlein deutlich:

Maria Carolina Agoff: Auf der Suche nach neuer Identität: die Verortung einer ostdeutschen Generation nach der deutschen Vereinigung, Peter Lang: Frankfurt/Main u.a. 2002, 147 S., ISBN 3631-39984-7; 30,20 Euro

Die Autorin untersucht am Beispiel der Ost/West-Stadt Berlin, wie sich Deutsche aus beiden Teilen des Landes voneinander unterscheiden, was sie verbindet und was sie trennt. Nachvollzogen werden etwa unterschiedliche Gewohnheiten im Medienkonsum, in der Alltagsgestaltung sowie in der Selbst- und Fremdwahrnehmung der Menschen. Die Leitfrage der Studie ist, wie durch die Interaktion von Ost- und Westdeutschen in Berlin dort eine neue gesamtdeutsche Identität ausgeprägt wird und wie sich das spezifisch Ostdeutsche innerhalb dieses neuen Mentalitätsgefüges verortet. Dabei bedient sich Agoff überwiegend der thick description und der alltagsweltlichen Beschreibung.

Der Blick zurück kann auch bei der mitunter schwierigen Orientierung im Generationendschungel helfen: So galt der Geburtenjahrgang 1949 in der DDR als die „Personifizierung des Projekts Neuer Mensch“. Die soziale Realität der ersten Nachkriegsgeneration in Ostdeutschland untersucht das Buch von

Dorothee Wierling: Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR. Versuch einer Kollektivbiographie, Ch. Links Verlag: Berlin 2002, 591 S., ISBN 3-86153-278-6; 34,80 Euro

Für alle Lebensphasen dieser Generation vollzieht die Autorin die gemeinsamen und abweichenden Erfahrungen und Entwicklungsverläufe nach. Bestand der Antagonismus in ihrer Kindheit zwischen Aufbaupathos und Glücksauftrag, war die Jugend dieses Jahrgangs von Fortschritt, Revolte und Kontrolle geprägt. Nach 1989 stellt Wierling aufgrund der historischen Zäsur dieses Ereignisses die Frage nach dem Erfolg oder dem Scheitern im Curriculum der im „Jahr Eins Geborenen“.

Was haben Täve Schur, Ernst Thälmann und die Schäferhündin Laika gemeinsam? Sie alle waren hoch dekorierte Helden des Sozialismus, mehr oder minder tragische Figuren, die den Menschen Vorbild, Anreiz und Hoffnungsträger waren. Die Bedeutung von Helden und Heldenmythen für die Ostblock-Gesellschaften zeichnet der folgende Band nach:

Silke Satjukow/Rainer Gries (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR, Ch. Links Verlag: Berlin 2002, 312S., ISBN 3-86153-271-9; 19,90 Euro

Im Zentrum des Erkenntnisinteresses steht die Frage, welche Funktion diese Helden für die Stabilisierung der sozialistischen Gesellschaften hatten. Die Herausgeber begreifen den personalisierten Heldenkult als komplementäre Technik zur entpersonalisierten ideologischen Propaganda für abstrakte Ziele. Helden konnten zu Vertrauenspersonen der Menschen werden und das in sie gesetzte Vertrauen dann auch auf das hinter ihnen stehende Herrschaftssystem übertragen. Denn sozialistische Helden waren immer solche, die nicht nur auf sportlichem, ökonomischem, wissenschaftlichem oder politischem Gebiet eine besondere Leistung vollbracht hatten, sondern deren Taten aus Sicht der Propagandisten auch dazu geeignet waren, eine Verbindung zwischen Leistung, Person und Sache des Sozialismus herzustellen. Schön an diesem Band ist vor allem die breite, internationale Anlage. Die Palette der Helden reicht von Juri Gagarin über Sigmund Jähn bis zu dem ungarischen Rittmeister Alexej Gussew. Betrachtet werden alle diese Heldenmythen aus doppelter Perspektive: Es geht sowohl um ihre Produktion durch die Machthaber und die vielfach abweichende populäre Rezeption von unten.

Auch ein publizistischer elder statesman der Deutschlandpolitik hat sich mit einem Rückblick auf Teilung und Einheit zu Wort gemeldet:

Peter Bender: Fall und Aufstieg. Deutschland zwischen Kriegsende, Teilung und Vereinigung, Mitteldeutscher Verlag: Halle (Saale) 2002, 224 S., ISBN 3-89812-140-2; 13 Euro

Die dort versammelten Aufsätze Benders entstanden zwischen 1991 und 2001. Viele von ihnen blicken zurück auf die Zeit der deutschen Teilung. Was den Reiz der Lektüre ausmacht, ist die Tatsache, dass der Autor nicht nur vor dem Hintergrund seiner deutschlandpolitischen Erfahrungen während der Ostpolitik schreibt, sondern seine alten Erkenntnisse noch einmal vor dem Hintergrund der vollzogenen deutschen Einheit reflektiert. Es geht – natürlich – um West-Berlin, Willy Brandt und Erich Honecker, aber auch um die ökonomischen Geburtsfehler der Vereinigung und den langen und dornigen Weg zur inneren Einheit (vgl. Benders Beitrag in diesem Heft). Deutschlandpolitik revisited also. Gut, dass die bislang verstreut erschienenen Bender-Aufsätze jetzt in einem Band versammelt sind.

Szenenwechsel: Maueröffnung 1989. Vier anhand von Plastiktüten und Klamotten leicht als Ossis zu identifizierende Deutsche gruppieren sich um einen Fiat Panda. Einer von ihnen: „Also ehrlich, Erich, äh Egon, den real existierenden Kapitalismus hätten wir uns wesentlich dekadenter vorgestellt […] dieser Kleine da, nicht größer als ein Trabi, das soll der Konsumterror sein? Lächerliche 4,9 Liter bleifrei Super – ist das die spätkapitalistische Vergeudung knapper Ressourcen?“ So wie in dieser Anzeige von Fiat nutzten 1989/90 viele Werbetreibende das epochale Ereignis des Mauerfalls und des sich anschließenden Einheitsprozesses, um ihre Produktwerbung an politischen Motiven aufzuhängen. So begrüßte eine Bank die neuen Bundesbürger: „Willkommen in der nach oben offenen Gesellschaft.“ Systematisch untersucht wird dies jetzt in:

Alexander Roth: Werben mit der Wende. Wirtschaftskommunikation zur deutschen Einheit, Leipziger Universitätsverlag: Leipzig 2002, 168 S., ISBN 3-935693-97-4; 22 Euro

Das Konzept des Buches basiert auf der These, dass Werbung nicht nur ein Indikator für Zeitgeist ist, sondern auch politische Prozesse und gesellschaftliche Mentalitäten zu spiegeln vermag, die sich dann ex post rekonstruieren lassen. Dabei ermöglicht die Studie so manchen schrägen Seitenblick auf den Einheitsprozess und die damit verbundenen Erwartungen. Mitunter bleiben die Deutungen des Autors aber auch zu sehr der Perspektive der Werbewirtschaft verpflichtet, um wirkliches Erklärungspotenzial zu haben. Als wahrer Visionär dagegen erwies sich der Autoverleiher Sixt schon 1990: „Die Einheit wird teuer – SIXT bleibt günstig“.

Eine ethnologische Habilitation verfolgt das Ziel, die in Ostdeutschland einst so herbeigesehnten Verheißungen der liberalen Marktwirtschaft kritisch zu durchleuchten und von mythischer Verklärung zu befreien:

Birgit Müller: Die Entzauberung der Marktwirtschaft. Ethnologische Erkundungen in ostdeutschen Betrieben, Campus: Frankfurt/New York 2002, 245 S., ISBN 3-593-37084-0; 29,90 Euro

Mit der von ihr zwischen 1990-1994 durchgeführten sozialanthropologischen Feldstudie geht die Autorin der Frage von Macht und persönlicher Autonomie in drei Ostberliner Betrieben nach. Sie kontrastiert den planwirtschaftlichen Betrieb mit den Wirkungsweisen marktwirtschaftlicher Unternehmensideologien. Den Fokus ihrer Analyse richtet sie jedoch stets auf das Individuum, den Arbeiter: Haben die Beschäftigten im Übergang zur Marktwirtschaft an persönlicher Autonomie und Selbstbestimmung gewonnen oder verloren? Hat ihnen die Marktwirtschaft die Freiheit gebracht, die sie sich erhofft haben? Bei der Beobachtung der individuellen und kollektiven Strategien ermittelt die Autorin ein breites Spektrum gesellschaftlicher Theorien, auf das sich die Beschäftigten beriefen, um Einfluss auf den grundlegenden Wandel in ihren Betrieben zu nehmen: „Zu diesen Theorien gehörte die in den Schulen des Marxismus-Leninismus vermittelte Rolle der Produktionsarbeiter in der DDR ebenso wie die Lebensweisheiten der Prärieindianer, die in den DDR-Jugendgruppen populär waren“. Obwohl Müller den Betrieb als solchen bewusst nicht zum Gegenstand des Buches erklärt, sondern die Mikromechanismen der Macht ganz gezielt an den Betriebsarbeitern analysiert, gelingt ihr die Entzauberung der Marktwirtschaft nicht wirklich. Die Etablierung eines „Wir-Modells“ seitens der Beschäftigten vollzieht die Studie jedoch umso authentischer nach.

Herausforderungen anderer Art widmet sich Yasemin Niephaus. Ihr geht es um den Zusammenhang zwischen sinkender Geburtenrate und den neuesten familienpolitischen Reformen:

Yasemin Niephaus: Der Geburteneinbruch in Ostdeutschland nach 1990. Staatliche Regulierung generativen Handelns, Leske+Budrich: Opladen 2003, 103 S., ISBN 3-8100-3552-1; 12,90 Euro

Nach 1990 gelang es den ostdeutschen Frauen nicht, eine Alternative zu der an „der Leitidee der egalitären Doppelernährerehe“ orientierten Familienpolitik der DDR zu entwickeln. Ihre Wertvorstellungen schienen mit dem familienpolitischen Konzept der männlichen Versorgerehe der Bundesrepublik unvereinbar. Den Geburtenrückgang seit den 1990er Jahren untersucht Niephaus als „schöpferische Neuerfindung“ in einer vergleichenden Analyse ost- und westdeutscher weiblicher Lebensläufe, Einstellungen sowie den familienpolitischen Konzeptionen in den beiden deutschen Staaten.

Von den sich leerenden ostdeutschen Städten, die saniert oft Potemkinschen Dörfern gleichen, haben im Westen mittlerweile viele gehört. Doch das flache Land bleibt unbekanntes Territorium. Eine junge westdeutsche Journalistin hat sich aufgemacht, diesen Zustand zu beenden:

Tanja Busse: Melken und gemolken werden. Die ostdeutsche Landwirtschaft nach der Wende, Ch. Links Verlag: Berlin 2001, 247 S., ISBN 3-86153-234-4; 15,50 Euro

Ihre Reportagen schildern das stille Drama einer Modernisierungskrise von gigantischem Ausmaß. 1989 hatten in der DDR-Landwirtschaft 830.000 Menschen gearbeitet, zehn Jahre später waren es noch 135.000. Die Konfliktlinien in dieser Krise waren und sind schwer auszumachen: Frauen gegen Männer, westdeutscher Altbesitzer-Adel gegen ostdeutsche Neu-Unternehmer, großagrarische Ex-LPG-Strukturen gegen kleine Biobauern. Busse lässt die Betroffenen ausführlich zu Wort kommen; ihrem ethnologisch inspirierten Blick entgehen weder die Alltagsnöte des mecklenburgischen Landwirtschaftsministers noch die Erinnerungen pensionierter Landarbeiter. Trotz aller Tristesse taucht in diesem lesenswerten Buch so mancher mitunter bizarre Hoffnungsschimmer – wie etwa die Rettung der Spreewaldgurke – am Horizont auf.

„Ich denke gern an die DDR zurück“: Zonenkind Ralf, 22 Jahre und Jurastudent in Berlin, erklärt, weshalb er PDS-Wähler ist. Rita Kuczynski hat zwischen November 2001 und März 2002 zwanzig Interviews mit Lehrern, Studenten, Models, Fliesenlegern, Tierpflegern, Ärztinnen usw. geführt um herauszubekommen, warum sie der SED-Nachfolgepartei ihre Stimme geben:

Rita Kuczynski: Die Rache der Ostdeutschen, Parthas: Berlin 2002, 144 S., ISBN 3-932529-37-5; 14,50 Euro

Vor der Bundestagswahl 2002 erschienen, hätte man heute gerne gewusst, wie die zwanzig am 22. September wohl gestimmt haben. Trotzdem bekommt man einen tiefen Einblick in den Seelenhaushalt der ostdeutschen PDS-Wählerschaft: Hannelore, 78 Jahre, Rentnerin und früher Lehrerin: „Aber unfrei habe ich mich auch nicht in der DDR gefühlt.“ Ramona, 31 Jahre, Model: „Ja, ich bin nach der Wende Ostler geworden.“ Es sind oft gehörte, doch individuell erzählte Geschichten über 1989 und die Erfahrungen in den Jahren danach, die ein Westgesprächspartner so nicht zu hören bekommen hätte – mal skurril, mal nachdenklich stimmend.

Soziologie in der Form teilnehmender Beobachtung: Wolfgang Engler ist durch seine Studien zum (umstrittenen) Ethnologen unter den Deutern östlicher Daseinsformen in Vergangenheit und Gegenwart geworden (vgl. seinen Beitrag in diesem Heft). Sein viel gelesener Klassiker liegt nun auch als Taschenbuchausgabe vor:

Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Aufbau Taschenbuch: Berlin 2002 [1999], 348 S., ISBN 3-7466-8053-0; 9,50 Euro

Die Methode Engler konzentriert sich bei der Analyse der DDR-Gesellschaft mehr auf Filme, Romane und Kunstwerke als auf Datensätze und Statistiken. Eine auratische, symbolgeladene Sprache (ver)führt den Leser durch die historischen Stationen der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR. Englers Charakterisierung der DDR als „arbeiterliche Gesellschaft“ ist einflussreich geworden, auch wenn sie Sozialhistoriker kaum zu überzeugen vermag: die Arbeiter als zwar nicht politisch, aber kulturell und sozial herrschende Klasse der DDR. Nicht frei von Heroisierungen sind Englers oft zu emphatische Betrachtungen über DDR-Intellektuelle, auch wenn man z.B. wie im berüchtigten 11. ZK-Plenum 1965 oder nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 Tausende David-gegen-Goliath-Konstellationen entdecken kann.

Wie stark diese DDR-Gesellschaft den Osten Deutschlands weiterhin prägt, zeigt Engler in seinem jüngsten, ebenfalls heftig umstrittenen Buch:

Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen als Avantgarde, Aufbau: Berlin 2002, 207 S., ISBN 3-35102545-9; 16,50 Euro

Ob es sein letztes Buch über die Ostdeutschen ist, wie Engler einmal meinte? Am Material liegt es jedenfalls nicht. Es sind ungewöhnliche Quellen, die der Autor heranzieht, um ein Bild der Ostdeutschen in den 1990er Jahren zu zeichnen: Schulaufsätze beispielsweise oder die herausragenden Wittstock-Dokumentarfilme von Volker Koepp. Und das in unverwechselbarer Engler-Diktion präsentierte Bild fällt auch inhaltlich ungewöhnlich aus. Durch die Umwälzung fast aller Lebensläufe seien die Ostdeutschen besser als ihre westlichen Landsleute gewappnet für bevorstehende soziale Verwerfungen und das Ende der Arbeitsgesellschaft. Engler übt den anderen Blick jenseits eingefahrener Raster, auch wenn dieser „verrückt unhaltbar“ (FAZ) ist. Der Umsturz der Lebenswelt hatte für die betroffenen Menschen gewaltige Auswirkungen, die der Autor in sorgfältig durchkomponierten Kapiteln beschreibt. Allerdings: Die den Bewohnern eines „der größten Experimentierfelder der jüngeren Geschichte“ (87) von Engler darob verpasste Avantgarderolle wären, so steht zu vermuten, die meisten Ostdeutschen gerne schnell wieder los.

Die Renaissance ostdeutscher (Selbst)wahrnehmung in jüngster Zeit verdanken wir vor allem jüngeren Autorinnen und Autoren (vgl. den Beitrag von Alexander Cammann in diesem Heft). Sie versuchen in Essays, Reportagen, Erzählungen und Romanen dem Lebensgefühl Ost nachzuspüren. Umso interessierter greift man zu dem Buch einer Westdeutschen, das sich mit der Selbstfindung dieser Generation in Ost und West beschäftigt:

Susanne Leinemann: Aufgewacht. Mauer weg, Deutsche Verlagsanstalt: München 2002, 270 S., ISBN 3-421-05599-8; 19,90 Euro

Für die Berliner Journalistin, Jahrgang 1968, ist der Osten der nötige Umweg zur Lösung der Identitätsprobleme junger Westdeutscher. Anhand ihrer eigenen gescheiterten Liebesgeschichte mit dem jungen Ostdeutschen Andreas, den sie 1985 kennen lernt, rekonstruiert sie ihre frühe Osterfahrung. Der Mauerfall wird für sie zum Schlüsseldatum: „1989 war die Stunde unserer Generation. Aber wir machten sie uns nicht zu eigen.“ (192) Der sympathische Versuch, die Generation Golf durch den verspäteten Rückgriff auf die Chiffre 1989 zu politisieren mag naiv sein, vor allem, weil es eben doch einen Unterschied macht, 1989 am Fernsehschirm oder leibhaftig erlebt zu haben. Doch gelingt der Westautorin eine atmosphärisch dichte und genaue Schilderung der späten DDR, ein gesamtdeutscher „Anti-Illies“ und ein Buch „gegen den schokoriegelhaften Unernst, die bademantelgeschützte Selbstverliebtheit und die erkünstelte Kindlichkeit der „Generation Golf“ (Süddeutsche Zeitung).

Sich gegenseitig seine Biographien zu erzählen, ist seit Jahren die beliebteste Art der innerdeutschen Kontaktaufnahme geworden. Wie gut, dass man diese Geschichten über die wechselseitige Ost-West-Erfahrung nunmehr seit einiger Zeit gesammelt nachlesen kann:

Jana Simon/Frank Rothe/Wiete Andrasch: Das Buch der Unterschiede. Warum die Einheit keine ist, Aufbau: Berlin 2000, 237 S., ISBN 3-351-02521-1; 10 Euro

23 junge Journalisten, aber auch Anwälte, Lehrerinnen und ein Bundestagsabgeordneter erzählen ihre persönliche Ost-West-Geschichte, zugeordnet Großkapiteln wie „Freundschaft und Beziehungen“, „Kommunikation“, „Konsum und Stil“, „Freiheit“, „Karriere“ und „Lebensentwürfe“. Alle nur denkbaren autobiographischen Erlebnisse, Missverständnisse, Erfolge und Scheitern sind hier zu finden, mal komisch, mal tragisch; der Tonfall ist durchweg selbstironisch.

Die Herausgeberin Jana Simon, geboren 1972 in Potsdam und aufgewachsen in Ost-Berlin, heute Reporterin beim Tagesspiegel, hat sich im vergangenen Jahr erneut an autobiographischem Stoff versucht:

Jana Simon: Denn wir sind anders. Die Geschichte des Felix S., Rowohlt Berlin: Berlin 2002, 247 S., ISBN 3-87134-349-7; 14,90 Euro

Es ist die Geschichte ihres Jugendfreundes, den sie später über dem Erwachsenwerden nie ganz aus den Augen verloren hatte: Felix ist ein schillernder Typ, kickboxender Türsteher vor Ost-Berliner Diskotheken und Bordellen, Hooligan, Bach- und Teeliebhaber, Rommel-Verehrer, dessen bester Kumpel eher zur linken Szene gehört. Am Ende begeht er Selbstmord im Moabiter Gefängnis – für Simon wird es zum Vermächtnis, seine Geschichte zu rekonstruieren. Entstanden ist die Geschichte eines Abgleitens, gespiegelt durch die Erfahrungen der Autorin, deren eigenes Leben und die Treffen mit Felix. Er ist immer anders gewesen: ein Farbiger, dessen Großeltern als ANC-Sympathisanten aus Südafrika fliehen mussten. Reizvoll wird das Buch vor allem durch den zeithistorischen Hintergrund: Epochenbruch und Alltagswandel in Ostberlin vor und nach 1989 werden beschrieben. Die Seite-3-Reportagen-Sprache einer Tageszeitung mag zwischen zwei Buchdeckeln manchen Leser ermüden; doch Simons Bild vom Wandel im Osten ist von beeindruckender Tiefenschärfe.

Letzteres vermag man vom größten Bucherfolg, den junge ostdeutsche Autoren bislang zu verbuchen haben, leider nicht zu sagen. Aber darin mag gerade das Erfolgsgeheimnis von

Jana Hensel: Zonenkinder, Rowohlt: Reinbek 2002, 175 S., ISBN 3-498-02972-X; 14,90 Euro

liegen. Oft als östliches Pendant zu Florian Illies „Generation Golf“ apostrophiert, konstruiert Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, eine idealtypische Kindheit und Jugend der in den 1970er Jahren geborenen Ostdeutschen. Da ist viel von zahllosen nicht mehr existenten Ostprodukten die Rede, da wird umstandslos ein bisschen Lebensgefühl zusammengeschrieben, ein bisschen Erinnerung, ein bisschen Ost-West-Geschichten, ein bisschen Gegenwart, ein bisschen Deutung, aber ja nicht zuviel. Die Themenpalette ist reichhaltig, vom früheren Pioniergeburtstag bis zum heutigen Kennen lernen interessanter, aber – leider, leider – ignoranter Westmänner in dunklen Bars. Alles wird angerissen, nichts ausgeleuchtet. Der zusammengemixte Erinnerungscocktail ist leicht komsumierbar, hinterlässt aber einen schalen Nachgeschmack.

Die literarische Form der Erinnerung ist wie so oft genauer und gründlicher, zu sehen an den neun Erzählungen von

Gregor Sander: Ich bin aber hier geboren. Erzählungen, Rowohlt: Reinbek 2002, 139 S., ISBN 3498-06361-8; 14,90 Euro

Der Autor, 1968 in Schwerin geboren und mit diesem schmalen Bändchen debütierend, spürt dem Alltag verschiedener Generationen und Milieus nach 1989 nach. Der Ton ist still und lakonisch, erzählt werden normale und trotzdem besondere Geschichten im zeitlosen Raum, in dem eine ganze Epoche nachhallt und neue Klänge noch nicht zu vernehmen sind. In der letzten Erzählung trifft ein Mann nach zehn Jahren eine alte Freundin wieder. Ihre Wege waren auseinandergedriftet, als beide in der DDR nicht studieren durften, sie ging und er trotzdem blieb – und auch nach 1989 nicht neu anfing: „Ich war in der Spur, und auch wenn die, die diese Spuren festgelegt hatten, nach und nach verschwanden, kam ich da nicht mehr raus.“

Der gelungenste Versuch, die ostdeutsche Erfahrung einer jüngeren Generation zu beschreiben, findet sich im Erstling eines 1969 geborenen, in Berlin-Prenzlauer Berg lebenden Autors:

André Kubiczek: Junge Talente. Roman, Rowohlt Berlin: Berlin 2002, 223 S., ISBN 3-87134446-X; 16,90 Euro

Die Resonanz auf das Buch leidet bisher unter seinem missglückten Titel: Es ist tatsächlich ein „wundervoller kleiner Antibildungsroman“ (Die Zeit), ohne das spasskulturelle Zwangslachen der grassierenden Lesebühnen-DDR-Erinnerungsliteratur á la „Mein erstes T-Shirt“, die mit Literatur eigentlich nicht viel zu tun hat. Trotzdem muss man bei der Lektüre oft lachen: Der Hauptheld Less hat seine Kindheit in einer Kleinstadt im Harz verbracht, ändert eines Tages sein Outfit und beschließt, 16- oder 17jährig Ende der 1980er Jahre, in die legendenumwobene Hauptstadt der DDR zu gehen. Wer wissen möchte, wie es im Ost-Berlin in den letzten Jahren der DDR aussah oder es sich in einer kleinen Provinzstadt lebte, der möge dieses Buch lesen. Die Atmosphäre aus Stickigkeit, Ausweglosigkeit, Glückseligkeit und gleichgültiger Nischenfreiheit ist bislang nirgendwo so dicht beschrieben worden: „Wenn die allgemeine Vergeblichkeit groß ist, hält sich die persönliche Verzweiflung in Grenzen“, so eine der Freundinnen von Less über die Stimmung vor der großen Epochenschwelle, die man erahnt, vor der aber das Buch glücklicherweise endet. Auch in komischen Episoden scheint bei Kubiczek immer der DDR-typische Lebensernst hindurch, so wenn der Punkerfreund plötzlich die Einberufung zur NVA erhält.

Der Osten ist anders. In Kubiczeks Erstling wird jedem klar, warum das auch nach dreizehn Jahren Einheit so ist. Und das ist auch gut so: Die östliche Erfahrung, derart aufbereitet, wird zu einer Frischzellenkur für die häufig beklagte bundesdeutsche Geschichtslosigkeit.

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