„Die große Trauer verhängt alles“ Zwei Wiederbegegnungen in Briefen von Emigranten und in Deutschland Gebliebenen nach 1945
„Heinrich Simon hat mir erzählt. Sie seien schön, Künstlerin und Jüdin, — wann kann ich Sie treffen?“ (Edschmid 1999: 8) Ein Billet, geschrieben 1916, der Anfang einer Geschichte. Kasimir Edschmid schickte es an Erna Pinner.‘ Den Auftakt des Buches, in dem dieses Billet zu finden ist, bildet ein Vorwort von Ulrike Edschmid, in dem diese erläutert, wie aus den über sechshundert Briefen, die Erna Pinner und Kasimir Edschmid wechselten, ein Buch in Briefform entstand (ebd.: 7-13): Briefe hier also nicht wie üblich als historische Dokumente, die so gedruckt wurden, wie sie überliefert sind, sondern bearbeitete Briefe, gelesen und montiert auf eine Weise, die eine besondere Form der Tradierung möglich macht. Erinnerung wird so zur Trauerarbeit.
Die Geschichte, die mit dem eingangs zitierten Billet beginnt, endet 1935. Im November verabschiedet sich das Paar auf dem Züricher Bahnhof. Erna Pinner fährt nach London, Kasimir Edschmid kehrt nach Deutschland zurück. Abgesehen von dem Billet und ein paar Fotos ist im Buch nichts über das Leben einer Malerin und Photographin mit einem Schriftsteller zu erfahren, das hier zerbricht. Die Geschichte in Briefen fängt an, als das gemeinsame Leben unmöglich geworden ist. Im April 1946 beginnt ein Briefwechsel, der erst mit Edschmids Tod im August 1966 endet. Das Buch entwirft diese Geschichte vom Ende her. Es geht nicht einfach nur um das Scheitern einer Liebesgeschich- te; die zerbrochene Liebe erscheint fast ‚als Banalität, weil sie verwoben ist in Brüche von ganz anderen Dimensionen. Genau aus dieser Perspektive von Brüchen werden die Briefe im Buch arrangiert: „Wir wollen nicht mehr darüber reden“ — der Titel setzt den Ton. Es gibt etwas, worüber nicht mehr gesprochen werden soll. Was aber ist es?
Die innere und äußere Wandlung des Lebens
Wie viele andere Paare und Freunde mussten sich Erna Pinner und Kasimir Edschmid trennen, weil in Deutschland mit aller Gewalt ein Unterschied etabliert wurde, der das Land zerriss und zerstörte. Erna Pinner, die „Jüdin“, musste ihre Heimat fliehen, wenn sie überleben wollte. Im 20. Jahrhundert war es nicht unbedingt der Mann, der hinaus musste ins feindliche Leben. Inzwischen sind mehrere Briefwechsel erschienen, die dieselbe Konstellation zeigen: Die Frauen verlassen das Land und wagen einen Neuanfang. Zurück blieben die Männer, die sich so oder so in Nazideutschland einrichteten. Erna Pinner verlor nicht nur Kasimir Edschmid, sondern auch andere Freunde, wie zum Beispiel Gottfried Benn! Elisabeth Blochmann und Hannah Arendt bauten sich in England und den Vereinigten Staaten ein neues Leben, Martin Heidegger blieb in Freiburg. So unterschiedlich die Korrespondenzen dieser Freundes- und Liebespaare auch sind, eine Gemeinsamkeit springt ins Auge: Die zurückgebliebenen Männer wollen nach dem Krieg mit ihren emigrierten und wiedergefundenen Freundinnen nicht darüber sprechen, was diese Trennung für sie und für die Freundschaft bedeutet. Was in Deutschland und in den von Deutschland besetzten Ländern geschah, darüber wird nicht gesprochen, darüber wird auch nicht im Wissen darum geschwiegen, was ungesagt bleiben muss. Es wird beiseite geschoben, verdrängt.
Als Erna Pinner einen Versuch des Sprechens wagt, geht Kasimir Edschmid nicht darauf ein. Im August 1946 schreibt sie ihm aus London: „Vor einiger Zeit hörte ich, daß Professor Simons, mein Arzt, der mich damals an der Kinderlähmung behandelte, in einem Konzentrationslager umgebracht wurde. Ebenso mein Vetter, der Nierenchirurg Pinner. Wie soll man solche Dinge je vergessen können oder das Grauen verlieren über die zu Lampenschirmen verarbeiteten Menschenhäute, die sich die diversen Frau Gauleiter in ihre Zimmer stellten?“ (Edschmid 1999: 44) Die Antwort kommt verzögert. Am 15. September antwortet Kasimir Edschmid: „Liebste Erna, offen gestanden, habe ich Dir länger nicht geschrieben, weil ich über einige Sätze in Deinem Brief vom 16.8. nicht hinwegkam. Wir wollen aber nicht mehr darüber reden, und ich will keine Mißverständnisse. Aber so sehr ich weiß, daß das deutsche Volk hundertprozentig auf den Nazismus hineinfiel — es hat doch mit den Menschenhäuten in seiner Gesamtheit so wenig zu tun wie seinerzeit mit den Untaten des Massenmörders Hamann [sic!], der seine Lustknaben zu Wurst verarbeitete und ein ganzes Stadtviertel damit ernährte. Ich schreibe dies der Gerechtigkeit halber. Nichts, aber auch gar nichts kann man summarisch behandeln, weil alles seine individuellen Voraussetzungen hat.“ (ebd.)
Ein Brief wie eine Fehlleistung. Er beginnt mit dem Wunsch, nicht mehr „darüber“, über die Verbrechen der Nazis zu sprechen. „Nicht mehr“ ist dabei ein Euphemismus, weil, noch gar kein Gespräch „darüber“ begonnen hat. Im ersten Brief, den Erna Pinner nach dem Krieg nach Deutschland richtete, war von den Spuren zerstörter Leben die Rede: Freunde, Bekannte, Angehörige; Theresienstadt, Westerborg, Auschwitz (ebd.: 39; Brief vom 20.7.1946). Noch versuchte sie zu erfahren, wer überlebte hatte, und wer nicht. Vom deutschen Volk dagegen ist in keinem ihrer Briefe die Rede. Sondern vom Grauen und davon, dass sie nicht vergessen kann. Eine scharfe Diskrepanz wird zwischen beiden Briefpartnern sichtbar: die Trauer um die toten Freunde ist nicht zu teilen. Und auch nicht das Grauen. In Edschmids Brief tut sich eine weitere Kluft auf: Indem er zurückweist, was nicht zur Debatte stand, erschwert er auch künftige Gespräche, in denen vorsichtig der Schritt von der Trauer und dem Grauen auf eine andere Ebene gewagt werden könnte.
Rituale des Alltäglichen als Artikulationsraum für das Nichtsagbare
Am 25. September 1946 schreibt Erna Pinner: „Hier ist schon lange Herbst. Die große Trauer verhängt alles. Nur die Dahlien und Herbstrosen leuchten unwahrscheinlich glutvoll.“ (ebd.: 46) Erst einige Wochen später entsteht ein erneuter Versuch, mit dem früheren Geliebten über das Geschehene zu sprechen: über ihre unterschiedlichen Lebensweisen und wie sie mit der großen Geschichte zusammenhängen. Während Erna Pinner seit der Flucht aus Deutschland allein lebte, hatte Kasimir Edschmid inzwischen eine um zwanzig Jahre jüngere Frau geheiratet und war Vater von zwei Kinder geworden. „Es ist wohl nicht möglich, in Zeitläuften apokalyptischer Bedrohungen Beziehungen aufrechtzuerhalten, wenn man nicht — neben dem besten Vorsatz — auch noch die Kraft besitzt, sich über Konflikte hinwegzusetzen, in die jeder so oder so geraten ist“, schreibt Erna Pinner im November 1946, bedauernd, dass ihr Brief vom 19. September den Freund gekränkt hatte. „Diese Ausführungen werden Dir höchstwahrscheinlich sehr theoretisch erscheinen, aber Leiden mißt sich an der Erschütterung des Inneren und nicht an dem Stoß der äußeren Dinge.“ (ebd.: 48)
Das „Leiden“ konkretisiert sich in der Folge, wenn Erna Pinner davon schreibt, wie unterschiedlich sich ihrer beider Lebensentwürfe inzwischen gestaltet hätten. Es habe sie viel Zeit gekostet, zu verstehen, dass Edschmids Eheschließung nicht nur eine „äußere Wandlung Deines Lebens“, sondern eine innere signalisiere. „In einer Zeit, in der Werte und Unwerte gleichermaßen auf den Scheiterhaufen geworfen wurden, kann ich sehr wohl verstehen, daß dies für Dich eine große Bereicherung bedeutete, eine Oase in der Gefühllosigkeit. Auch wenn ich zu dieser Überlegenheit der Einstellung nicht ohne großes Leid kam, so muß ich es doch als etwas für Dich Gutes anerkennen, daß Du wenigstens in diesen bedrohten Zeitläuften und in der schrecklichen Misere des Alltags ein Äquivalent gefunden hast, das Dir helfen möge, Dein Leben sinnvoll zu gestalten und Deine Arbeit jener Vertiefung zuzuführen, die das Ziel und der Trost alles Schöpferischen ist.“ (ebd.: 48f., Brief vom 19.11.1946) Die Antwort Edschmids ist sorgfältig und genau, doch fehlt eine entscheidende Ebene, die Erna Pinner in ihren Brief eingezogen hatte: die unauflösliche Verknüpfung von äußeren Bedingungen und individuellen Entscheidungen. Er wisse um „die Größe Deines Unglücks“, schreibt Kasimir Edschmid. „Dich aber bitte ich innigst zu begreifen, daß, nachdem ich einmal die Lebensform ändern mußte — und ich mußte es — ich auch dazu ja zu sagen gezwungen war.“ (ebd.: 50)
Am Anfang des nächsten Jahres dann der Abgesang. Keine weiteren Versuche mehr, über diese Unterschiede zu sprechen. Eine mit „so\4e1 Leid und Unglück geladene Zeit“ mache es unmöglich, sich schriftlich näher zu kommen. Ein letztes Mal schreibt Erna Pinner davon, „wie schwer ich im Grunde lebe, wie einsam und wie verschlossen.“ (ebd.: 51) Worüber aber kann man schreiben, wenn sich ein so großer Bereich des Schweigens etabliert hat? Im Briefwechsel, der nach dem „nicht mehr darüber reden“ erst richtig beginnt, blitzt noch im Misslingen etwas Neues auf. Da es Erna Pinner gelingt, den Freund in eine Korrespondenz zurückzuholen, können die Rituale des Alltäglichen zum Artikulationsraum für das Nichtsagbare und Nichtdarstellbare werden. Sc) lange wenigstens einer der beiden Schreiber um diese Diskrepanz weiß, springt die Frage nach den Brüchen immer wieder auf, auch wenn sie keine Antwort findet. Die Briefe zeigen, wie man Halt gewinnen kann, auch wenn die Grundlagen dafür zerstört sind. Sie zeigen, dass die Inszenierung von Kontinuität und Ritualen unterfüttert sein kann mit einer unstillbaren Unruhe. Für die Briefpartner bleibt etwas unabgegolten, deutlich gerade in den Momenten, in denen sie Erinnerungspunkte fixieren wollen — an Jahreswechseln, an Geburtstagen. Dass diese Unruhe lesbar wird, haben wir Ulrike Edschmids hinhörender Lektüre dieser Briefe zu verdanken: „Der Fluß der Kommunikation […] ist in der Intimität zweier Menschen auch der Versuch, den Faden nicht abreißen zu lassen und Nähe, die durch den Mangel an gemeinsamer Wirklichkeit zu entgleiten droht, im imaginierten Raum wieder herzustellen. Im Anschreiben gegen das Vergessen entstehen Rituale, die sich wie Jahresringe übereinanderlegen.“ (ebd.: 13)
Exil wird Heimat: Anneliese Rieß
Anneliese Rieß hat in mehrfacher Hinsicht eine außergewöhnliche Autobiographie verfasst (Rieß 2001).3 Eine Autobiographie schreibt man selbst, so will es der Regelkanon des Genres. Welchen Platz andere Menschen im komplexen Gefüge des eigenen Lebens zugewiesen bekommen, wie es mit dem Leben von Freunden, Geliebten und der Familie verknüpft wird, liegt dabei ganz im Benehmen des Schreibers. Anders in diesem Buch: Es mischt die Genres, denn Anneliese Rieß hat ihr Leben nicht ‚selbst‘ geschrieben. Nur die eine Hälfte des Buches wurde von ihr verfasst, die andere bekam sie zugeschickt: Briefe skandieren den Fluss der Erzählung, Briefe, die sie längst verloren glaubte und dann plötzlich wiederfand, und daneben Briefe, von ihr selbst sorgfältig aufbewahrt. Es sind Briefe aus der Kindheit der 1910 Geborenen und Briefe aus dem hohen Alter, verfasst in vielen Ländern und von sehr unterschiedlichen Schreibern.
So deutlich sprechen andere Stimmen in diesem Buch, dass die Geschichte eines Lebens sich öffnet zu einer gemeinsamen Biographie von Menschen, die die Erfahrung eines Bruches teilen. Viele trifft diese gleich in den ersten Monaten des Jahres 1933. Sie verlassen Deutschland in den ersten Monaten der nationalsozialistischen Diktatur. Andere fliehen ein paar Jahre später, als deutlich wird, dass noch die schlimmsten Befürchtungen von der Realität übertroffen werden. Sie alle gehen durch Länder, Berufe und Sprachen; sie alle versuchen, die Bruchstücke zerstörter Existenzen wieder zu einem Leben zusammenzufügen.
Mit den in Deutschland Zurückgebliebenen kann nach 1945 nur dann an die alten Freundschaften angeknüpft werden, wenn auch sie sich der Erfahrung eines Bruchs aussetzen. Und anders als in vielen bekannten Briefwechseln gelingt es Anneliese Rieß, ihre Freunde und vor allem ihre beste Freundin wieder ins Gespräch zurückzuholen, indem sie das verdrängende Schweigen der Zeit durchbricht.
Ende 1947 erfährt sie im amerikanischen Exil, dass ihre in Deutschland zurückgebliebene Freundin den Krieg überlebt hatte, dass ihr „Mann 1942 innerhalb einer Woche an Kinderlähmung gestorben sei. Auch hätte sie beide Eltern verloren. Die Mutter sei bei einem Bombenangriff umgekommen und in einem Massengrab begraben. Der Vater habe den Krieg überlebt, die Ruhr bekommen und sei verhungert. Sie hätte zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. […] Ich fing an zu weinen; ich konnte mich selber nicht verstehen. Wie war es möglich, daß ich nach dem, was geschehen war, mit Anna trauerte? Wie konnte ich von ihrem Unglück so berührt werden? Wurden meine alten Freundschaftsgefühle aus einem langen Schlaf geweckt? Ich überlegte lange, ob ich ihr schreiben sollte. In mir kämpfte der Wunsch, wieder mit ihr in Verbindung zu kommen mit der Frage, ob ich ihr je ohne Vorwürfe begegnen könnte, nachdem sie das Band zwischen uns zerschnitten hatte. Schließlich schrieb ich ihr und forderte sie auf, sich wegen ihrer Entscheidung und wegen so mancher taktlosen Bemerkung, die witzig gemeint, aber sehr kränkend war, zu rechtfertigen.“ (ebd.: 154)
„Ich wünsche mir Deine Freundschaft, aber ich kann sie nur erwidern, wenn wir Klarheit schaffen“
Doch der erste Brief aus dem zerstörten Land ist eine Enttäuschung. Warum die Freundin 1939 den Kontakt zu ihr abbrach, warum sie nach dem Krieg nicht versuchte, die geflohene Anneliese Rieß wiederzufinden, all dies blieb unerörtert. Ein zweiter Versuch war nötig, dieses Mal mit expliziten Fragen: „Dein Brief kam schon vor Wochen und die Fülle seines Inhalts und die unsentimentale Selbstverständlichkeit, mit der Du ohne Klagen Deine Sorgen hinnimmst, haben mich gerührt und meine Bewunderung erregt. Du warst schon immer eine Lebenskünstlerin und hast Schwierigkeiten gut gemeistert. Aber die früheren sind wohl kaum mit den jetzigen vergleichbar. Ich wollte Dir sofort antworten und setzte mich in der ersten ruhigen Stunde hin, um zu schreiben. Ich habe ja auch viel zu erzählen und den Wunsch dazu, aber es ging nicht. Ich brütete vor der Maschine, konnte nicht schreiben, überlegte warum, fand keinen Grund, gab es auf, und habe ein paar Wochen vergehen lassen, um Klarheit zu finden. Es ist mir nicht gelungen, aber ein ungewisses Gefühl hat sich eingestellt, und ich will versuchen, dies Gefühl in mitteilbare Form zu bringen (mich davon frei zu schreiben). Vielleicht können wir auf diese Weise das aus dem Wege räumen, was noch von meiner Seite unklar, von Deiner Seite unbewußt, den freien Fluß unserer Mitteilungen hindert. Neben mir liegen zwei Briefe von Dir, einer vom Juli 1939, ein Abschiedsbrief, in dem Du Deine Freundschaft mit mir (Du weißt wem) opferst [Die Freundin hatte sich mit einem SS-Offizier verheiratet. — B.H.]. ,Es steht zu vieles zwischen uns und wir beide haben uns sicherlich geändert‘. Du opferst Deine Freundschaft ‚nicht nur, weil ich muß, sondern auch, weil ich ‚ihm‘ fast alles, was ich jetzt bin und habe, verdanke‘. Du hattest einige Male schwer von mir geträumt. Der andere ist Dein Brief von vor ein paar Wochen, fast neun Jahre später. In diesen neun Jahren sind viele große Katastrophen über die Menschheit hereingebrochen, darunter die, die der Grund zu unserer Trennung war und deren Existenz Du bis zum letzten Moment geleugnet hast. Jetzt weißt Du längst, daß sie 6 Millionen Juden das Leben unter qualvollsten Umständen gekostet hat (nicht von denen zu reden, die in der Emigration elend zugrunde gegangen sind…). Und Du erwähnst mit keinem einzigen Worte in Deinem Brief sei es nur Deine Teilnahme an dem oder Dein Entsetzen über das Geschehene. Mißversteh mich nicht. Nicht Deine Stellungnahme vor dem Kriege, soweit ich sie noch selbst erlebt habe oder Du sie mir geschrieben hast, will ich widerrufen sehen. Es ist unwichtig, jetzt festzustellen, ob Du sie damals aus Angst, Opportunismus oder Unwissenheit genommen hast. Wichtig für mich ist, zu wissen, was Du jetzt fühlst oder denkst, ein Wort oder eine Andeutung würden mir hinweghelfen über das, was mich jetzt von Dir trennt. Ich kann Dir nicht ruhig plauschend von meinem Leben erzählen, wenn ich Dich noch höre: ‚Keinem Juden, der nicht was auf dem Kerbholz hat, passiert was‘. ,Da seht Ihr, wie zersetzend Ihr seid, Hitler hat ja ganz recht‘. Und dergleichen mehr. Es mag Dir jetzt ebenso traumhaft unwirklich erscheinen, daß Du unter dem Einfluß der ‚Atmosphäre‘ damals solche Dinge gesagt haben sollst. Glaube mir, Du hast. Es mag auch sein, daß Du schon lang erkannt hast und annimmst, daß ich weiß, es kann nicht anders sein. Oder aber Du hast die ganze Sache verdrängt, was ich geneigt bin anzunehmen, nachdem Du zweimal in Deinem Brief Deine Minderwertigkeitskomplexe in bezug auf Schreiben können und Bildung mir gegenüber erwähnst. Du warst von jeher eine gute Schreiberin und die Gebildetere von uns, wenn ich auch mehr Gelegenheit hatte, mich zu ‚bilden‘ durchs Studieren. Ich glaube, Du hast da eine Verschiebung vorgenommen, die es besser ist aus dem Wege zu räumen um der Klarheit willen. Laß mich noch einmal wiederholen, was ich durch meinen ersten Brief zum Ausdruck bringen wollte: ich wünsche mir Deine Freundschaft, aber ich kann sie nur erwidern, wenn wir Klarheit schaffen. Und das war offenbar nicht möglich, ohne die unerfreulichen Dinge der Vergangenheit ans Licht zu ziehen. Es ist keine Angelegenheit des Verstandes, der Moral oder sonst irgendeines Abstraktums, sondern eine Notwendigkeit meiner Person, ohne die ich nicht funktionieren kann. Ich hoffe, mein Wunsch nach Klarheit macht Dir meinen geraden und rücksichtslosen Angriff auf das Problem verständlich, und vielleicht gibt er auch Dir eine Möglichkeit, mir Deine Stellung klar zu machen und näher zu bringen. Ich erwarte Deine Antwort mit Ungeduld und bitte Dich, darin nach unserem alten Ideal Offenheit und Ehrlichkeit zu sprechen.“ (ebd.: 155f.)
„Aber es muß doch möglich sein, wieder zueinander zu kommen!“
Dieses Mal nimmt die Freundin das Wagnis auf sich und antwortet: „Ich schreibe nun heute endlich, nachdem ich den Kampf ausgekämpft habe, nämlich ob ich eine Doktorarbeit mit Disposition, Entwürfen, Ausfeilen und furchtbar viel Nachdenken abliefern soll, oder ob ich in meiner leichtfertigen Eintagsfliegenweise eine nicht erschöpfende —wie könnte man das wohl schriftlich ! — Antwort geben soll. Ich habe mich teils aus Bequemlichkeit, teils aus Zeitmangel und körperlicher Leistungsverminderung (Anämie und eine wochenlange Blasenentzündung), teils wegen der Anfechtbarkeit sowohl einer tiefgründigen Doktorarbeit als auch einer oberflächlicheren Berührung der Probleme in schriftlicher Form — im Gegensatz zu der einzig erlösenden, klärenden persönlichen Begegnung — zu Letzterem entschlossen. Du hast mit psychologischem Scharfblick richtig gesehen und mir erst richtig zu Bewußtsein gebracht: meine im vorigen (oder ersten?) Brief erwähnten Minderwertigkeitsgefühle rühren von einem ungewissen, uneingestandenen Schuldgefühl her, oder besser: schlechten Gewissen. So ungeniert ich oft mein Schandschnäuzchen spazieren führe, so voller Hemmungen bin ich, wenn es mir tiefernst zumute ist. Ich glaubte, daß ich so etwas Selbstverständliches wie Bestürzung und Beschämung bei der Aufdeckung des den Juden angetanen Unrechts nicht erst zu erwähnen brauchte. […] Dadurch und durch den Tod von noch mehr Millionen unfreiwilliger — ich kenne keinen, der etwa begeistert in den Krieg gegangen wäre! — Soldaten, den Existenzverlust Tausender nur durch Dummheit, Talmi-Idealismus oder Strebertum ‚schuldig‘ gewordener Pg’s, Verarmung, Elend und Hunger von Millionen Deutschen durch Luftkrieg, Eroberung und Besetzung dürfte unsere Schuld oder Mitschuld bitter gerächt sein. Ich wäre ja ein Unmensch, wenn ich nicht das Schicksal der Juden damals (und unser jetziges gleichermaßen) bedauern würde, wenn ich auch gleich hier das für Dich vielleicht erschreckende Geständnis einfügen muß, daß die Fülle und Dauer der mit angesehenen oder selbst erlebten oder berichteten Unmenschlichkeiten und Qualen meine Fähigkeit zu Mitleid u.ä. einfach abgestumpft haben. Wirklich innerlich berühren können mich — heute — nur Fragen meiner und meiner Kinder Existenz und die sogenannten ‚Ewigkeitswerte‘. Daß es die wirklich gibt, das hat mir jedenfalls die Apokalypse ‚enthüllt‘. Nie habe ich aufgehört, mit Trauer und Mitgefühl an die in der Emigration zu denken. […] Mein Abschiedsbrief vom Juli 39 lag mir die ganzen Jahre schwer auf der Seele. […] Der dumme Satz, den ich — besonders bemerkenswert bei meinem Gedächtnisschwund! — sehr wohl behalten habe (mit dem ‚verdanken% hätte entweder gar nicht geschrieben werden sollen oder die Hintergründe, warum ich ihn damals schreiben zu müssen glaubte, mit aufgeführt und geklärt werden. Sachlich spricht — auch unter heutiger Perspektive — noch einiges für seine Berechtigung. Wahrscheinlich bin ich weder erschöpfend noch deutlich genug in diesem Brief und gebe Dir unzählige Anlässe zu Widerspruch, Empörung oder gar Verletztfühlen. Aber anders kann ich gar nicht. Ich habe ja nichts zu verbergen, höchstens einiges zu bereuen. Und für dies alles, was Du mir vielleicht auf Grund dieses Briefes und noch von früher her vorwerfen zu können glaubst (Deine Berechtigung dazu mag ein Höherer entscheiden, der mehr weiß als Du und ich), bitte ich Dich von ganzem Herzen um Verzeihung. Ich habe große Furcht, daß wir uns etwa durch diese briefliche Diskussion auseinander reden und zum zweitenmal verlieren könnten. Schreiben ist eine gefährliche Sache. Und ohnedies ist eine Verständigung zwischen uns beiden wegen des so völlig verschiedenen Milieus des letzten Jahrzehnts etwas erschwert. Aber es muß doch möglich sein, wieder zueinander zu kommen! Instinktiv habe ich den Weg der Plauderbriefe gewählt; es liegt in meiner Wesensart, sowohl Schwierigkeiten zu umgehen und Unschönes zu übersehen als auch vom Äußerlichen ins Innerliche zu dringen, Du dagegen warst schon immer ernster und innerlicher veranlagt, Du mußt eben erst die innerlichen Grundlagen schaffen. Ich danke Dir übrigens auch sehr, daß Du diesen ersten Schritt getan hast, auch mir ist es gleich wichtig (nämlich, daß Du wieder Vertrauen hast), bloß meine Methode ist eine andere. […] Ich muß jetzt schließen, bin ganz erschöpft, nicht etwa weil mir das Schreiben schwer fiele, sondern wegen der inneren Anteilnahme. Ich bin nämlich recht ,zum Umpusten‘ — innerlich!“ (ebd.: 156-158)
Ein briefliches Netzwerk gegen die Zerstörung deutsch-jüdischer Kultur
Eine ungewöhnliche Debatte in Briefen. Sie ist der Auftakt einer erneuerten Freundschaft, die bis zum Tod der Freundin in den 1990er Jahren gepflegt wurde. In Anneliese
Rieß‘ Buch ist davon zu lesen, wie der Bruch mit einem Land, einer Kultur und einer Sprache nicht zu heilen, sondern produktiv zu bearbeiten ist. Dafür braucht man Freunde; das kann niemand allein. Anneliese Rieß schreibt über die, die ebenso wie sie aus Europa kamen und dort Freunde und Familienmitglieder zurücklassen mussten. Gleichzeitig gibt sie ihnen den Raum, mit ihren eigenen Stimmen auf das hinzuweisen, was in einem ähnlichen Schicksal nicht aufgeht. Jede, jeder hat etwas anderes dort drüben verloren und etwas anderes im neuen Land gewonnen. Sie schreibt über die Freunde, die in Deutschland blieben und die sie nach 1945 suchte und wiederfand. Auch ihnen wird eine Stimme gegeben für das, was ihnen inzwischen widerfahren ist. So werden Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten immer neu umgeschrieben und in Bewegung gehalten. Das „eigene“ Leben bekommt dadurch einen neuen Akzent: Es ist auch das, was Freunde ermöglichen und bereiten. Das Leben, von dem wir in diesem Buch lesen, ist ganz außerordentlich von Freundschaften geprägt.
Seit sechzig Jahren lebt Anneliese Rieß in den Vereinigten Staaten. Ihr Buch hat sie auf deutsch, in ihrer Muttersprache geschrieben. Es ist daher nicht nur ein Buch, das
Briefe enthält, sondern es ist selbst wie ein Brief strukturiert, zurückadressiert an das Land, das ihr damals keinen Raum zum Leben gab. Im Rückgriff auf das alte Medium Brief gelingt es, ein Netzwerk zu knüpfen, das der Zerstörung deutsch jüdischer Kultur widersteht. Nicht im Sinne einer Rettung, sondern in der Erinnerung an das, was man einmal wünschte und wollte.
- Erna Pinner wurde am 12. Januar 1890 in Frankfurt am Main geboren. Von 1906 bis 1914 studierte sie Kunst, zuerst in Frankfurt, dann bei Lovis Corinth in Berlin und schließlich in Paris. 1914 begann sie, lebensgroße Puppen herzustellen. 1921 erschien Das Puppenbuch, 1922 Das Schweinebuch mit eigenen Texten und Illustrationen. Seit 1925 unternahm sie längere Reisen mit Kasimir Edschmid nach Italien, Frankreich, Spanien, Marokko und Ägypten, Afrika und Lateinamerika. 1935 emigrierte sie nach England; 1947 wurde sie britische Staatsbürgerin. Sie arbeitete als Wissenschaftsjournalistin, Illustratorin und Autorin. Ihr Werk umfaßt knapp sechzig Bücher. Am 5. Mai 1987 verstarb Erna Pinner in London.
- Erna Pinners Briefe an Gottfried Benn wurden bislang nicht publiziert. Im ersten Brief, den der Schriftsteller nach dem Krieg an seine geflohene Freundin schreibt, heißt es ebenso vage wie lapidar: „Es ist unendlich nett von Dir, Dich meiner nach so vielen und so dunklen Jahren zu erinnern, aber auch ich habe oft Deiner gedacht.“ Kein späterer Brief bringt Licht in dieses „Dunkel“ (Benn 1957: 106; Brief vom 20.11.1946).
- Anneliese Rieß wurde 1910 in Hamburg geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg zog die Familie —der Vater war Kaufmann — nach Berlin. Sie studierte in Berlin und Freiburg, seit 1933 in Rom Archäologie. Nach der Promotion ließ sie sich in der Schweiz zur Kinderkrankenschwester ausbilden. 1939 floh sie nach New York, wo sie seither lebt. Sie arbeitete als baby nurse, später bei dem Psychoanalytiker und Spezialisten für Kinderanalyse Rend Spitz. Am New Yorker City College studierte sie Psychologie, worin sie später promovierte. Bis vor wenigen Jahren war sie als Psychologin tätig.
Literatur
Benn, Gottfried 1957: Ausgewählte Briefe, hg. von Max Rychner, Wiesbaden
Edschmid, Ulrike 1999: Wir wollen nicht mehr darüber reden. Erna Pinner und Kasimir Edschmid. Eine Geschichte in Briefen, München
Rieß, Anneliese 2001: Exil wird Heimat. Erinnerungen. Mit einem Nachwort von Barbara Hahn, Hamburg