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vorgänge: Artikel - 28.01.77

Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus und Stalinismus

Ossip K. Flechtheim

aus: vorgänge Nr.26 (Heft 2/1977), S. 70-78

Faschismus und Kommunismus wurden häufig als totalitäre Ideologien, Bewegungen und Systeme einfach gleichgesetzt. In letzter Zeit hat man nun diese Sichtweise oft als eine rein formale total verworfen. Uns scheint heute eine irgendwo in der Mitte liegende Charakterisierung der komplexen Wirklichkeit gerechter zu werden. Dabei gehen wir davon aus, daß alle vier im Titel genannten Begriffe genauer zu umschreiben und voneinander abzugrenzen sind.

 

Faschismus und Nationalismus

Der italienische Faschismus stellt sich als eine Art von Vorläufer des deutschen Nationalsozialismus dar. Dieser erscheint als die reifste Form des „Faschismus”: er ist aber auch dessen einzige voll ausgereifte „klassische” Erscheinungsform geblieben. Andere reaktionär-autoritäre Militärdiktaturen oder Zivilautokratien sollten nicht als faschistisch denunziert werden, so bösartig sie auch im einzelnen sein mögen. Es fehlt ihnen nämlich stets und überall an ganz entscheidenden Kriterien des Faschismus und Nationalsozialismus, die eben ganz anders als sonstige Diktaturen moderne Massenbewegungen und -ideologien implizierten. Der Begriff faschistisch ist so schwer zu erfassen, da es zwar eine Anzahl solcher Bewegungen gegeben hat und auch in Zukunft noch geben mag, diese bisher aber eben nur in Italien und Deutschland zur Macht gelangen und eine echt faschistische Herrschaftsform begründen konnten.

 

Kommunismus und Stalinismus

Anders verhält es sich da mit dem Kommunismus und Stalinismus. Die Geschichte kennt nicht nur eine ganze Anzahl recht verschiedenartiger kommunistischer Bewegungen und Ideologien – die Kommunisten haben auch in einer Vielzahl von Ländern die Macht an sich gerissen. Wir sind da also schon lange nicht mehr auf Rußland beschränkt – kommunistische Regimes erstrecken sich heute von der Sowjetunion bis nach China, von Kuba und der DDR über Polen und Rumänien bis nach der Äußeren Mongolei und Vietnam. Nun sind alle diese Regimes, so verschieden sie in ihrem industriellen Entwicklungsstand, in ihrer Geschichte und Größe auch sein mögen, doch alle in einem wichtigen Punkt identisch: sie waren und bleiben leninistisch und stalinistisch oder spätstalinistisch und das heißt auch eben totalitär. Die einzigen Ausnahmen bilden hier die CSSR in den späten 60er Jahren und in anderer Weise das Jugoslawien Titos. (Vielleicht nehmen auch noch Ungarn und Polen als „halbstalinistische” Staaten eine begrenzte Sonderstellung ein.) Daneben gab und gibt es aber kommunistische Bewegungen und Ideologien, die alles andere als totalitär oder stalinistisch oder auch nur leninistisch gewesen waren oder auch heute wieder sind. Wir denken dabei an den sogenannten Euro-Kommunismus, aber auch an die frühen Erscheinungsformen des Kommunismus überhaupt.

 

Unterschiede und Annäherungen

Aus all dem ergibt sich schon, daß wir zwischen faschistischem und sowjetkommunistischem oder stalinistischem Totalitarismus unterscheiden müssen. Halten wir zunächst einmal daran fest, daß auch bei aller Annäherung Faschismus wie Sowjetkommunismus nie zu einer identischen und einheitlichen Bewegung und Ideologie verschmolzen sind. Selbst der deutsch-russische Nichtangriffspakt 1940 (der ein Höchstmaß an Annäherung bedeutete) blieb Episode. Faschismus und Stalinismus gleichen zwei Strömen, deren Quellen Welten auseinanderliegen, die sich freilich zur Zeit von Hitler und Stalin immer stärker anzunähern schienen.
Der Faschismus, der selber als Gegenbewegung und Reaktion auf den Kommunismus entstanden war, eignete sich manche kommunistischen Auffassungen und Verhaltensweisen an wie umgekehrt insbesondere Stalin auch viel von Hitler übernommen hat. Aus all diesen Gründen haben diejenigen nicht ganz unrecht, die den Faschismus als „braunen Bolschewismus” oder auch den Stalinismus als „roten Faschismus” haben deuten wollen, wobei allerdings die Adjektive braun und rot schon die nicht unwesentlichen Unterschiede andeuten. Mit Recht hat man daher auch gesagt, der Faschismus und der Stalinismus könnten nur in e i n e m Punkte miteinander verglichen werden; dieser Punkt ist freilich bedeutsam: beide sind und bleiben eben totalitär.

 

Nationale Prägung der Totaiitarisanen

Hier ist ein Wort über die nationalen Charakteristika dieser verschiedenen Totalitarismen am Platze. Der Faschismus war nicht zuletzt das Produkt der italienischen Gesellschaft und Kultur. Er spiegelte die Situation eines Landes wider, das gefangen blieb in den Widersprüchen eines modernen Kapitalismus, der von einer breiten radikalen, aber erfolglosen Arbeiterbewegung attackiert wurde, zugleich aber starke Reste eines agraren Feudalismus aufwies, der die Basis für die vorbürgerlichen Ober- und Mittelschichten bildete, die so zur Rebellion gegen die sozialistische Arbeiterbewegung als Auswuchs des Kapitalismus provoziert wurden.
Aber auch der Nationalsozialismus und der Bolschewismus als Leninismus-Stalinismus waren ganz entscheidend von den spezifischen Eigenschaften Deutschlands beziehungsweise Rußlands geprägt. Beide waren und sind bis ins letzte deutsch beziehungsweise russisch geblieben. Sie sind Ausdruck der Geschichte und Politik des jeweiligen Landes. Dabei haben Deutschland und Rußland das gemeinsam, daß sie sogenannte verspätete Nationen waren. In Deutschland lag dabei der Rückstand stärker im Staatlich-Nationalen, in Rußland im Wirtschaftlich-Gesellschaftlichen.
Natürlich dürfen wir nicht übersehen, daß Deutschland schon 1918 eines der hochindustrialisiertesten und technisch-organisatorisch fortschrittlichsten Länder der Welt war. Freilich herrschte auch hier, ähnlich wie in Italien, der Widerspruch zwischen der fortschrittlich-kapitalistischen Wirtschaft mit ihrer starken Arbeiterbewegung und den absolutistisch-feudalen Relikten im Staat und in der Landwirtschaft. Um so paradoxer ist der Umstand, daß die deutsche Novemberrevolution 1918 im wesentlichen doch nicht über den Rahmen einer bürgerlichen Revolution hinauskam und nun der Nationalsozialismus als extremste Gegenrevolution gegen diese spätbürgerliche Revolution in Erscheinung tritt – der Nationalsozialismus, nach Thomas Mann „eine Afterrevolution ohne jede Beziehung zur ldee der Menschheit und ihrer Zukunft”.

 

Die Anfänge des Kommunismus

Bolschewismus und Stalinismus sind dagegen nicht zuletzt Erscheinungsformen der Russifizierung des europäischen Kommunismus. Als , eine moderne soziale Bewegung läßt sich der Kommunismus bis auf die Arbeiterbewegung des 19.Jahrhunderts oder noch weiter zurück verfolgen. Zunächst waren Kommunismus und Sozialismus sogar noch fast auswechselbare Begriffe. Dabei wurde der Kommunismus von den radikalsten Intellektuellen, Arbeitern und ärmeren Bauern getragen. In diesem Kommunismus orientierten sich die großen revolutionären, radikalen und demokratischen Traditionen Europas zunächst vor allem an den Bedürfnissen einer aufsteigenden Arbeiterklasse. So suchte der Kommunismus die Sehnsucht der unterdrückten Volksmassen und insbesondere der Proletarier nach einer neuen und gerechteren Gesellschaftsordnung zu artikulieren. Mit der Stabilisierung des Kapitalismus nach 1848 begannen sich jedoch die arbeitenden Klassen mit dem Status quo abzufinden und ihre revolutionäre Ideologie zurückzuschrauben. Erst in der großen Krise des Ersten Weltkrieges formierten sich die radikaleren Kommunisten aufs neue – Einfluß gewinnen konnten sie aber selbst dann nur in jenen Teilen der Welt, die unter der Katastrophe ganz besonders gelitten hatten.

 

Bolschewismus: Von der Revolution zur Konterrevolution

Die Russische Oktoberrevolution 1917 war ganz anders als die Deutsche Novemberrevolution nicht nur eine bürgerliche, sondern auch eine progressive bäuerlich-proletarische Revolution. Der Bolschewismus artikulierte zunächst diese revolutionären Zielsetzungen, schlug aber schon sehr bald in eine latente Konterrevolution um. Diese wandte sich schon in den 20er Jahren zunächst gegen die Intellektuellen, die als erste gleichgeschaltet wurden, dann zu Anfang der 30er Jahre gegen die Bauern, die ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit verloren, und dann vor allem seit Mitte der 30er Jahre als Stalinismus auch gegen die Arbeiter, die total unterworfen und versklavt wurden. Schließlich bekämpfte die Konterrevolution aber sogar auch die zunächst emanzipierten nationalen Minderheiten, die ganz besonders seit den 60er Jahren russifiziert wurden. Diese Gegenrevolution hat aber dennoch nie alle revolutionären Elemente total zu eliminieren vermocht. Man kann sie so gesehen mit Thomas Mann als eine „autokratische Revolution im byzantinischen Kleide” charakterisieren.

 

Russifizierung des Kommunismus

Die Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober 1917 und die Gründung der Kommunistischen Internationale 1919 trugen entscheidend dazu bei, daß sich der Kommunismus mit der ldeologie und Praxis der russischen Bolschewiki und der von ihnen kontrollierten kommunistischen Bewegungen identifizierte. Dabei gingen die Bolschewiki nach 1917 immer mehr dazu über, ihre Politik den Bedürfnissen eines ungeheuer weiten und isolierten, unterentwickelten und noch überwiegend agrarischen Kontinentes anzupassen, eines Kontinentes, der zudem seit Jahrhunderten Grenzland und Schlachtfeld zwischen europäischen und asiatischen Kulturen gewesen war. Im Verlaufe dieses Prozesses wurden im Kommunismus die typisch westlichen humanistischen und kosmopolitischen Werte derjenigen Komponente der russischen Tradition geopfert, die auf der Unterwerfung des Individuums unter die Gemeinschaft und deren
Führern beruhte. Diesen so russifizierten Kommunismus wollen wir als Bolschewismus beziehungsweise Leninismus-Stalinismus bezeichnen. Nicht zufällig hat dann dieser Zweig des kommunistischen Stammbaums auch seine ausgesprochen totalitären Züge entwickelt.
Nebenbei sei nur bemerkt, daß sich die Kommunisten selber wohl zunächst noch garnicht im klaren darüber waren, wohin ihre Form der sogenannten Diktatur des Proletariats führen würde. Wie Orwell richtig bemerkt hat: „Die russischen Kommunisten ... besaßen nie den Mut, ihre eigenen Beweggründe zuzugeben. Sie taten so, ja, glaubten vielleicht sogar, ... gleich um die Ecke liege das Paradies.”

 

Faschismus und Stalinismus: totalitäre Säkularreligionen

Wir sprechen unter anderem auch deswegen vom Stalinismus wie vom Faschismus als einer Spielart des Totalitarismus, da sie uns beide so stark an Orwell erinnern. Sicherlich haben sie den Orwell'schen Idealtypus von Totalitarismus nie hundertprozentig realisieren können. Wenn nun auch der Begriff totalitär wie die meisten politischen Kategorien nicht eindeutig und nicht frei von Emotionen ist, so halten wir auch aus diesem Grunde doch an ihm fest. Er erfaßt nämlich, wie schon angedeutet, ein ganz wesentliches Merkmal beider ldeologien, Bewegungen und Systeme, nämlich die ungeheuer weitgehende Gleichschaltung des Einzelnen wie aller unabhängigen wichtigeren Gruppen, Organisationen und Institütionen gemäß den Interessen und Ideen der monopolistischen Herrschaftsspitze.
Der Faschismus wie der russifizierte Kommunismus treten zudem beide mit dem Anspruch auf, die Krise der modernen Gesellschaft, deren sie sich in der Tat bewußter sind als manche konservativeren Richtungen, überwinden zu können. So versprechen sie beide dem Menschen Brot für den hungrigen Magen, Sicherheit für das verstörte Gemüt und Gemeinschaft für das einsame Herz. Faschismus und Stalinismus fanatisieren ihre Anhänger zunächst in einem solchen Ausmaß, daß deren Geist und Glaube der Glut einer religiösen Bewegung gleichkommen. Aus diesem Grunde hat man beide mit Recht als Säkular- oder Sozialreligionen gekennzeichnet. Diesen Wesenszug hat Thomas Mann bereits 1950 großartig skizziert:.


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