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Faschismus, Natio­nal­so­zi­a­lismus, Kommunismus und Stalinismus

aus: vorgänge Nr.26 (Heft 2/1977), S. 70-78

Faschismus und Kommunismus wurden häufig als totalitäre Ideologien, Bewegungen und Systeme einfach gleichgesetzt. In letzter Zeit hat man nun diese Sichtweise oft als eine rein formale total verworfen. Uns scheint heute eine irgendwo in der Mitte liegende Charakterisierung der komplexen Wirklichkeit gerechter zu werden. Dabei gehen wir davon aus, daß alle vier im Titel genannten Begriffe genauer zu umschreiben und voneinander abzugrenzen sind.

Faschismus und Natio­na­lismus

Der italienische Faschismus stellt sich als eine Art von Vorläufer des deutschen Nationalsozialismus dar. Dieser erscheint als die reifste Form des „Faschismus”: er ist aber auch dessen einzige voll ausgereifte „klassische” Erscheinungsform geblieben. Andere reaktionär-autoritäre Militärdiktaturen oder Zivilautokratien sollten nicht als faschistisch denunziert werden, so bösartig sie auch im einzelnen sein mögen. Es fehlt ihnen nämlich stets und überall an ganz entscheidenden Kriterien des Faschismus und Nationalsozialismus, die eben ganz anders als sonstige Diktaturen moderne Massenbewegungen und -ideologien implizierten. Der Begriff faschistisch ist so schwer zu erfassen, da es zwar eine Anzahl solcher Bewegungen gegeben hat und auch in Zukunft noch geben mag, diese bisher aber eben nur in Italien und Deutschland zur Macht gelangen und eine echt faschistische Herrschaftsform begründen konnten.

Kommunismus und Stalinismus

Anders verhält es sich da mit dem Kommunismus und Stalinismus. Die Geschichte kennt nicht nur eine ganze Anzahl recht verschiedenartiger kommunistischer Bewegungen und Ideologien – die Kommunisten haben auch in einer Vielzahl von Ländern die Macht an sich gerissen. Wir sind da also schon lange nicht mehr auf Rußland beschränkt – kommunistische Regimes erstrecken sich heute von der Sowjetunion bis nach China, von Kuba und der DDR über Polen und Rumänien bis nach der Äußeren Mongolei und Vietnam. Nun sind alle diese Regimes, so verschieden sie in ihrem industriellen Entwicklungsstand, in ihrer Geschichte und Größe auch sein mögen, doch alle in einem wichtigen Punkt identisch: sie waren und bleiben leninistisch und stalinistisch oder spätstalinistisch und das heißt auch eben totalitär. Die einzigen Ausnahmen bilden hier die CSSR in den späten 60er Jahren und in anderer Weise das Jugoslawien Titos. (Vielleicht nehmen auch noch Ungarn und Polen als „halbstalinistische” Staaten eine begrenzte Sonderstellung ein.) Daneben gab und gibt es aber kommunistische Bewegungen und Ideologien, die alles andere als totalitär oder stalinistisch oder auch nur leninistisch gewesen waren oder auch heute wieder sind. Wir denken dabei an den sogenannten Euro-Kommunismus, aber auch an die frühen Erscheinungsformen des Kommunismus überhaupt.

Unter­schiede und Annähe­rungen

Aus all dem ergibt sich schon, daß wir zwischen faschistischem und sowjetkommunistischem oder stalinistischem Totalitarismus unterscheiden müssen. Halten wir zunächst einmal daran fest, daß auch bei aller Annäherung Faschismus wie Sowjetkommunismus nie zu einer identischen und einheitlichen Bewegung und Ideologie verschmolzen sind. Selbst der deutsch-russische Nichtangriffspakt 1940 (der ein Höchstmaß an Annäherung bedeutete) blieb Episode. Faschismus und Stalinismus gleichen zwei Strömen, deren Quellen Welten auseinanderliegen, die sich freilich zur Zeit von Hitler und Stalin immer stärker anzunähern schienen.
Der Faschismus, der selber als Gegenbewegung und Reaktion auf den Kommunismus entstanden war, eignete sich manche kommunistischen Auffassungen und Verhaltensweisen an wie umgekehrt insbesondere Stalin auch viel von Hitler übernommen hat. Aus all diesen Gründen haben diejenigen nicht ganz unrecht, die den Faschismus als „braunen Bolschewismus” oder auch den Stalinismus als „roten Faschismus” haben deuten wollen, wobei allerdings die Adjektive braun und rot schon die nicht unwesentlichen Unterschiede andeuten. Mit Recht hat man daher auch gesagt, der Faschismus und der Stalinismus könnten nur in e i n e m Punkte miteinander verglichen werden; dieser Punkt ist freilich bedeutsam: beide sind und bleiben eben totalitär.

Nationale Prägung der Totai­ita­ri­sanen

Hier ist ein Wort über die nationalen Charakteristika dieser verschiedenen Totalitarismen am Platze. Der Faschismus war nicht zuletzt das Produkt der italienischen Gesellschaft und Kultur. Er spiegelte die Situation eines Landes wider, das gefangen blieb in den Widersprüchen eines modernen Kapitalismus, der von einer breiten radikalen, aber erfolglosen Arbeiterbewegung attackiert wurde, zugleich aber starke Reste eines agraren Feudalismus aufwies, der die Basis für die vorbürgerlichen Ober- und Mittelschichten bildete, die so zur Rebellion gegen die sozialistische Arbeiterbewegung als Auswuchs des Kapitalismus provoziert wurden.
Aber auch der Nationalsozialismus und der Bolschewismus als Leninismus-Stalinismus waren ganz entscheidend von den spezifischen Eigenschaften Deutschlands beziehungsweise Rußlands geprägt. Beide waren und sind bis ins letzte deutsch beziehungsweise russisch geblieben. Sie sind Ausdruck der Geschichte und Politik des jeweiligen Landes. Dabei haben Deutschland und Rußland das gemeinsam, daß sie sogenannte verspätete Nationen waren. In Deutschland lag dabei der Rückstand stärker im Staatlich-Nationalen, in Rußland im Wirtschaftlich-Gesellschaftlichen.
Natürlich dürfen wir nicht übersehen, daß Deutschland schon 1918 eines der hochindustrialisiertesten und technisch-organisatorisch fortschrittlichsten Länder der Welt war. Freilich herrschte auch hier, ähnlich wie in Italien, der Widerspruch zwischen der fortschrittlich-kapitalistischen Wirtschaft mit ihrer starken Arbeiterbewegung und den absolutistisch-feudalen Relikten im Staat und in der Landwirtschaft. Um so paradoxer ist der Umstand, daß die deutsche Novemberrevolution 1918 im wesentlichen doch nicht über den Rahmen einer bürgerlichen Revolution hinauskam und nun der Nationalsozialismus als extremste Gegenrevolution gegen diese spätbürgerliche Revolution in Erscheinung tritt – der Nationalsozialismus, nach Thomas Mann „eine Afterrevolution ohne jede Beziehung zur ldee der Menschheit und ihrer Zukunft”.

Die Anfänge des Kommunismus

Bolschewismus und Stalinismus sind dagegen nicht zuletzt Erscheinungsformen der Russifizierung des europäischen Kommunismus. Als , eine moderne soziale Bewegung läßt sich der Kommunismus bis auf die Arbeiterbewegung des 19.Jahrhunderts oder noch weiter zurück verfolgen. Zunächst waren Kommunismus und Sozialismus sogar noch fast auswechselbare Begriffe. Dabei wurde der Kommunismus von den radikalsten Intellektuellen, Arbeitern und ärmeren Bauern getragen. In diesem Kommunismus orientierten sich die großen revolutionären, radikalen und demokratischen Traditionen Europas zunächst vor allem an den Bedürfnissen einer aufsteigenden Arbeiterklasse. So suchte der Kommunismus die Sehnsucht der unterdrückten Volksmassen und insbesondere der Proletarier nach einer neuen und gerechteren Gesellschaftsordnung zu artikulieren. Mit der Stabilisierung des Kapitalismus nach 1848 begannen sich jedoch die arbeitenden Klassen mit dem Status quo abzufinden und ihre revolutionäre Ideologie zurückzuschrauben. Erst in der großen Krise des Ersten Weltkrieges formierten sich die radikaleren Kommunisten aufs neue – Einfluß gewinnen konnten sie aber selbst dann nur in jenen Teilen der Welt, die unter der Katastrophe ganz besonders gelitten hatten.

Bolsche­wis­mus: Von der Revolution zur Konter­re­vo­lu­tion

Die Russische Oktoberrevolution 1917 war ganz anders als die Deutsche Novemberrevolution nicht nur eine bürgerliche, sondern auch eine progressive bäuerlich-proletarische Revolution. Der Bolschewismus artikulierte zunächst diese revolutionären Zielsetzungen, schlug aber schon sehr bald in eine latente Konterrevolution um. Diese wandte sich schon in den 20er Jahren zunächst gegen die Intellektuellen, die als erste gleichgeschaltet wurden, dann zu Anfang der 30er Jahre gegen die Bauern, die ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit verloren, und dann vor allem seit Mitte der 30er Jahre als Stalinismus auch gegen die Arbeiter, die total unterworfen und versklavt wurden. Schließlich bekämpfte die Konterrevolution aber sogar auch die zunächst emanzipierten nationalen Minderheiten, die ganz besonders seit den 60er Jahren russifiziert wurden. Diese Gegenrevolution hat aber dennoch nie alle revolutionären Elemente total zu eliminieren vermocht. Man kann sie so gesehen mit Thomas Mann als eine „autokratische Revolution im byzantinischen Kleide” charakterisieren.

Russi­fi­zie­rung des Kommunismus

Die Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober 1917 und die Gründung der Kommunistischen Internationale 1919 trugen entscheidend dazu bei, daß sich der Kommunismus mit der ldeologie und Praxis der russischen Bolschewiki und der von ihnen kontrollierten kommunistischen Bewegungen identifizierte. Dabei gingen die Bolschewiki nach 1917 immer mehr dazu über, ihre Politik den Bedürfnissen eines ungeheuer weiten und isolierten, unterentwickelten und noch überwiegend agrarischen Kontinentes anzupassen, eines Kontinentes, der zudem seit Jahrhunderten Grenzland und Schlachtfeld zwischen europäischen und asiatischen Kulturen gewesen war. Im Verlaufe dieses Prozesses wurden im Kommunismus die typisch westlichen humanistischen und kosmopolitischen Werte derjenigen Komponente der russischen Tradition geopfert, die auf der Unterwerfung des Individuums unter die Gemeinschaft und deren
Führern beruhte. Diesen so russifizierten Kommunismus wollen wir als Bolschewismus beziehungsweise Leninismus-Stalinismus bezeichnen. Nicht zufällig hat dann dieser Zweig des kommunistischen Stammbaums auch seine ausgesprochen totalitären Züge entwickelt.
Nebenbei sei nur bemerkt, daß sich die Kommunisten selber wohl zunächst noch garnicht im klaren darüber waren, wohin ihre Form der sogenannten Diktatur des Proletariats führen würde. Wie Orwell richtig bemerkt hat: „Die russischen Kommunisten … besaßen nie den Mut, ihre eigenen Beweggründe zuzugeben. Sie taten so, ja, glaubten vielleicht sogar, … gleich um die Ecke liege das Paradies.”

Faschismus und Stali­nis­mus: totalitäre Säkular­re­li­gi­onen

Wir sprechen unter anderem auch deswegen vom Stalinismus wie vom Faschismus als einer Spielart des Totalitarismus, da sie uns beide so stark an Orwell erinnern. Sicherlich haben sie den Orwell’schen Idealtypus von Totalitarismus nie hundertprozentig realisieren können. Wenn nun auch der Begriff totalitär wie die meisten politischen Kategorien nicht eindeutig und nicht frei von Emotionen ist, so halten wir auch aus diesem Grunde doch an ihm fest. Er erfaßt nämlich, wie schon angedeutet, ein ganz wesentliches Merkmal beider ldeologien, Bewegungen und Systeme, nämlich die ungeheuer weitgehende Gleichschaltung des Einzelnen wie aller unabhängigen wichtigeren Gruppen, Organisationen und Institütionen gemäß den Interessen und Ideen der monopolistischen Herrschaftsspitze.
Der Faschismus wie der russifizierte Kommunismus treten zudem beide mit dem Anspruch auf, die Krise der modernen Gesellschaft, deren sie sich in der Tat bewußter sind als manche konservativeren Richtungen, überwinden zu können. So versprechen sie beide dem Menschen Brot für den hungrigen Magen, Sicherheit für das verstörte Gemüt und Gemeinschaft für das einsame Herz. Faschismus und Stalinismus fanatisieren ihre Anhänger zunächst in einem solchen Ausmaß, daß deren Geist und Glaube der Glut einer religiösen Bewegung gleichkommen. Aus diesem Grunde hat man beide mit Recht als Säkular- oder Sozialreligionen gekennzeichnet. Diesen Wesenszug hat Thomas Mann bereits 1950 großartig skizziert:.

„Der heilige Schrecken, die neue Kirche, der neue universelle bindende Glaube, welcher zu all seinen anderen Verheißungen Befreiung von der Freiheit verheißt, ist gefunden: das byzantinische Rußland, wo es bürgerliche Demokratie nie gegeben hat und Despotie gewohnte Lebensluft ist, schuf ihn; auf dem Grunde einer durchaus nicht östlichen, sondern der Entwicklung des westlichen Industrialismus entstammenden panökonomischen Welterklärung und Heilslehre von unbedingtem Wahrheitsgehalt errichtete es seine rechtgläubige, angeblich allein seligmachende Kirche mit heiligen Büchern, einem sakrosankten Dogmengebäude und allem Zubehör. Da sie zugleich Staat ist, diese Kirche, so treibt sie Machtpolitik – wen wundert es? Welteroberung ist ein uralter Traum, und jeder Glaube will die Welt erobern – auf die Gefahr hin, daß er dabei zum bloßen Mittel der Welteroberung wird.”

Indem der charismatische Führer -„der totalitäre Staatsmann ist ein Religionsstifter“ (Thomas Mann) – seine Anhänger mobilisiert und in einen Kreuzzug gegen wirkliche oder eingebildete Feinde führt, erreicht er auch, daß sich die Gefolgschaft seiner Macht blindlings unterwirft. Bei all ihrer Militanz und Gewalttätigkeit spiegelt dieser den Massen dabei immer wieder paradoxerweise gelegentlich auch das Traumbild der Gemeinschaft und des Friedens vor.

Wirtschaft­liche und soziale Umstruk­tu­rie­rung

Man hat mit Recht darauf hingewiesen, daß der Faschismus die überlieferte kapitalistische Wirtschaftsordnung im wesentlichen unverändert übernimmt, während der Kommunismus sie grundlegend verändert. Überall, wo der Kommunismus an die Macht gelangt ist, wurde der Großgrundbesitz aufgeteilt und die Industrie verstaatlicht. Zunächst erhielten die armen Bauern das Land, das ihnen später infolge der Kollektivierung der Landwirtschaft freilich wieder entzogen wurde. Die planmäßig durchgeführte Industrialisierung verschaffte den Arbeitern Arbeit (aber auch in wachsendem Maße Zwangsarbeit!) und Brot. Da aber weder die Bauern noch die Arbeiter frei sind, sich zu organisieren und etwa kollektive Tarifverträge abzuschließen, fällt es ihnen schwer, sich bessere Lebensbedingungen zu erkämpfen, wenn auch ein bescheidenes Maß an wirtschaftlicher Sicherheit und gewisse Aufstiegsmöglichkeiten für ihre Kinder zum Bild des Stalinismus gehören. Wobei der Lebensstandard dieser Klassen in ihrer Gesamtheit immer noch entscheidend hinter dem der entwickelten kapitalistischen Länder zurückbleibt.
Während der Faschismus im Bündnis mit den privilegierten Gruppen der Gesellschaft an die Macht kam, suchte der Kommunismus diese Macht jenen Gruppen zu entreißen. Die Verfolgung durch die Kommunisten traf daher zunächst die Aristokratie und die Bourgeoisie. Darüber hinaus erfaßte sie aber auch alsbald alle Individuen und Organisationen, die sich den neuen Herren nicht total unterwerfen wollten. Ja, der gegen die nicht-stalinistische Mitte oder Linke gerichtete Terror ist zuweilen rücksichtsloser und haßerfüllter als der gegen die konservative Rechte. Um seine Ein-Partei-Diktatur zu sichern, hat der Stalinismus schließlich Machttechniken angewandt, die denen des Faschismus ähneln. Er hat nicht gezögert, ganze Dörfer in die Einöden zu verpflanzen oder etwa seine Opfer zu zwingen, nicht begangene und nicht begehbare Verbrechen öffentlich immer wieder zu gestehen. Zwar hat die Ausrottung ganzer nationaler, religiöser oder rassischer Gemeinschaften als solche nicht auf seinem Programm gestanden – ein Auschwitz wurde im sowjetischen Machtbereich nicht betrieben. Die Versklavung von Millionen hingegen war typisch für den Hochstalinismus – Workuta mag als Symbol hierfür genannt werden.

Die Führungs­schichten

Bestand die faschistische Führung aus deklassierten Desperados aus dem Mittelstand, so sind die kommunistischen Führer vor allem Intellektuelle, qualifizierte Arbeiter, Techniker, die zum Teil aus der Arbeiterschaft aufgestiegen sind und sich rasch in normale Bürokraten und Technokraten verwandeln (schon um die Jahrhundertwende hatte der radikale russische Gesellschaftstheoretiker und Revolutionär Waclaw Machajski – Pseudonym A. Wolski – behauptet, der Sozialismus sei die Ideologie der Intellektuellen, der neuen Mittelklasse von Beamten, Technikern, Managern, nicht aber die Weltanschauung der Masse der Handarbeiter). Die autoritäre Charakterstruktur dürfte bei beiden „Eliten” vorherrschen, bei den Faschisten aber wohl zudem noch stärker der pathologisch-sadistisch-masochistische und paranoische Typus. Entsprechend mag der Stalinismus bei aller „Faschisierung” doch immer noch eine Idee rationaler, konstruktiver, „humaner” bleiben als der total nihilistische Nationalsozialismus.

Imperialismus

Kein Wunder, daß der Nationalsozialismus super-imperialistisch war. Er ging darauf aus, die Welt „am deutschen Wesen genesen” zu lassen. Hin-gegen fand der Stalinismus sich bald mit der kapitalistischen Umwelt ab, um seine Aggressionen vor allem gegen den inneren Feind zu richten. Zweifellos ist der Stalinismus weniger imperialistisch und expansionistisch gewesen als der Nationalsozialismus, freilich zugleich noch erheblich totalitärer als dieser. Im Gegensatz zum Faschismus bedarf der Stalinismus nicht des Krieges, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen oder die freilich in immer weitere Ferne rückende Weltherrschaft zu erlangen. So verherrlicht seine Ideologie auch keineswegs den Krieg als solchen – sie rechtfertigt ihn höchstens als Mittel zum Zweck.
Zwar erwartete man lange Zeit, daß Kriege und Krisen die kapitalistischen Länder von innen heraus so schwächen würden, daß diese schließlich zu einer leichten Beute für die eigenen kommunistischen oder auch faschistischen Bewegungen werden müßten. Die Kommunisten waren auf das „Schlimmste” – also auf den Sieg des Faschismus – gefaßt, erhofften aber zugleich das „Beste” – den Sieg des Kommunismus. In diesem Sinne unterstützte und steuerte der Kreml die kommunistische Weltbewegung. Zugleich rüstete er für den Fall einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den kommunistischen Staaten und einem möglicherweise faschistischen Machtblock. Hierbei gingen die stalinistischen Machthaber zwar kleinere Risiken ein, um ihre wirtschaftliche, politische und strategische Position zu verbessern; sie waren aber nie bereit, einen großen Krieg zu wagen. Mittels einer solchen zweispurigen Politik fällt es ihnen dann natürlich auch leichter als den Faschisten, immer wieder als echte Apostel des Friedens aufzutreten.

Kommu­nis­mus: Vorrang der Insti­tu­ti­onen

In der Nachfolge der materialistischen Geschichtsauffassung seiner Gründer geht der Kommunismus davon aus, daß die institutionellen und technischen Kulturbereiche stets grundlegender und wichtiger sind als die letzten kulturellen Werte. „Ewige Wahrheiten wie Freiheit, Gerechtigkeit usw.” waren bereits von Marx und Engels als Widerspiegelungen der „Ausbeutung des einen Teils der Gesellschaft durch den anderen” abgewertet worden, während die kommunistische Revolution „das radikalste Brechen“ „mit den überlieferten Ideen” mit sich bringen sollte.
Demgemäß wollte der Kommunismus ursprünglich im Gegensatz zum Faschismus die überlieferten autoritären Grundwerte durch ein neues humanistisches Ethos der Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit ersetzen. Sobald die Kommunisten in einem Lande die Herrschaft erlangten, stießen sie zunächst die politischen Institutionen radikal um und strebten nach totaler Macht über alle anderen Kulturbereiche. Die neugeschaffenen politischen, wirtschaftlichen und technischen Institutionen haben Vorrang in allen Lebensbereichen. Da der Stalinismus weniger als der Faschismus auf den totalen Krieg ausgerichtet ist, kann er seinen militärischen Apparat besser unter Kontrolle halten und die technischen und institutionellen Kulturbereiche rasch und gründlich modernisieren und integrieren.

Die Insti­tu­ti­onen als Zwangsjacke

In einer solchen Gesellschaft scheinen die politischen Institutionen keine Engpässe der Gesellschaft mehr zu sein – dafür werden sie aber nur zu bald zu Zwangsjacken für das im Prinzip total gleichgeschaltete Individuum. Auch dort, wo der technisch-wissenschaftliche und wirtschaftliche Bereich reguliert wird, bleiben Richtung und Geschwindigkeit seines Fortschritts im wesentlichen unkontrolliert. Die Institutionen dienen nicht primär dem Interesse des Menschen, sie bleiben stark auf die entpersönlichte Machtorganisation ausgerichtet. Aus diesem Grunde wird jeder, stehe er hoch oben in der institutionellen Hierarchie oder unten auf dem Grunde der sozialen Pyramide, zu einem Rädchen in der modernisierten totalitären oder autokratisch-bürokratisch-technokratischen Maschine, während der Bereich der letzten echten Humanwerte zusammenzuschrumpfen scheint.
Indem sich der Kommunismus im Verlaufe seiner Entwicklung zum herrschenden Regime , institutionalisierte, ohne daß es ihm dabei gelang, ein wirklich freiheitlich-egalitäres Gemeinwesen zu schaffen, wuchs die Enttäuschung über die ursprünglichen Ideale. Sie verwandelte sich immer mehr in eine oft recht zynische Verehrung von Macht und Erfolg, Effizienz und Ordnung. Die früher humanen Werte überlebten im Stalinismus nur noch als leere ewig wiederholte Schlagworte, die sowohl der Propaganda wie der Selbsttäuschung dienten. Paradoxerweise wurden zugleich viele der
zunächst verworfenen altmodischen Werte und Tugenden wie Liebe zum Vaterland und zur Familie, militärische Disziplin und Gehorsam gegenüber den jeweiligen Machthabern rehabilitiert. Anders als der Nationalsozialismus mag der Stalinismus die Fortführung der utilitarischen, technischen und industriellen Momente unserer Zivilisation gewährleisten, vorausgesetzt, daß so etwas bei gleichzeitigem Absterben des Bereichs echter menschlicher Grundwerte möglich ist. Aber selbst wenn er so, im Gegensatz zum Faschismus, dem Menschen sein tägliches Brot zu geben vermöchte, bleibt die Frage: Kann und will dieser Mensch auf die Dauer von Brot allein leben?

Der Stalinismus — eine verratene Utopie

Diese Frage stellt sich im Stalinismus wohl noch dringlicher als im Faschismus, da auch im Stalinismus, d.h. der russifiziertesten und totalitärsten Form des Kommunismus, die Utopie einer besseren Zukunft trotz allem nicht total verschwindet. Alles, was sich etwa seit 1917 in Rußland und seit 1945 in den anderen kommunistischen Staaten zugetragen hat, geschah ja immer noch irgendwie auch im Zeichen der Marx’schen utopischen Vision. Die Schreckensmaßnahmen eines Stalin wurden unter Berufung auf die „Klassiker” Marx, Engels und Lenin gerechtfertigt. Möglicherweise wäre ein anderes Regime, das sich nicht so sehr auf eine utopische Lehre berufen hätte, nicht weniger terroristisch gewesen – man denke etwa an den Nationalsozialismus, dessen Archaismus ja Welten von der Utopie trennten. Der Stalinismus war aber nun einmal, um Arthur Koestler zu zitieren, eine „verratene Utopie”, wobei die Enttäuschung über das Scheitern der großen Vision, vor allem aber der Versuch, das Versagen vor sich selber und den an-deren (vorallem auch den Kritikern im eigenen Lager) zu verbergen, wohl mit dazu beigetragen haben, den Terror noch besonders infam und die Täuschung ungewöhnlich perfid zu machen. Insofern aber die neuen Machtträger (nach Toynbee immer noch Futuristen!) doch nicht einfach total auf die Utopie verzichten wollen oder können, muß diese ihnen nun sogar zusätzlich zur ideologischen. Rechtfertigung ihrer Machtpolitik dienen. So nimmt schließlich in der Tat der „Gott, der keiner war”, die Züge Luzifers an, verwandelt sich die Zukunft der Utopie in die Gegenwart einer „Satanokratie”, wird die Theodizee der Utopie zur „Satanologie”.
Dennoch bleibt, fast bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und pervertiert, eine andere Komponente erhalten. Einen letzten Überrest an Humanum vermag selbst ein Stalin nicht zu vernichten. Wie ließen sich sonst die noch so bescheidene Entstalinisierung nach dem Tode des Tyrannen, vor allem aber auch ein „Prager Frühling” erklären?

Der Natio­nal­so­zi­a­lis­mus: Endgültiger Ausbruch aus der Geschichte der Humanität

Der Nationalsozialismus war. dagegen im Gegensatz zum Stalinismus nie ein gefallener Engel; er verkörperte immer nur das Böse schlechthin, bedeutete den endgültigen Ausbruch aus der Geschichte der Humanität. Mit der Formel „Destruction Arrayed” hat Arthur Koestler den totalen Nihilismus und Atavismus, Irrationalismus und Extremismus von Nationalsozialismus und Faschismus angedeutet. Gegensätze wie Toynbees Futurismus und Archaismus, Koestlers „Utopia Betrayed” und „Destruction Arrayed” sagen wichtiges zur Differenz von Stalinismus und Faschismus aus. Aber auch Thomas Mann hat den letzteren wohl richtig eingeschätzt, wenn er dem Nationalsozialisten Blunck entgegenhielt, gerade Schriftsteller und Dichter sollten wissen, „daß zwar das Leben sich allerlei gefallen läßt, daß aber das ganz und gar Unsittliche nicht vor ihm besteht”.
Hier ist eine Einschränkung des Begriffes „totalitär” am Platze: selbst zur Zeit des Hochstalinismus war eine totale Erfassung der gesamten Gesellschaft und Kultur im Sinne Orwells einfach technisch nicht möglich. Dem einzelnen verblieb ein, freilich außerordentlich beschränkter Privatbereich: die Familie bildete eine Insel im Meer der Unfreiheit; selbst die Kirche verschwand nicht ganz; die durchgehende Gleichschaltung von Naturwissenschaft und Technik erwies sich schließlich als unmöglich, gerade auch wegen der fatalen Folgen im internationalen Konkurrenz-und Machtkampf. Andererseits drang freilich die herrschende Ideologie in immer weitere Lebensbereiche vor, die organisatorische Erfassung des Einzelnen wie der Gruppen wurde immer rücksichtsloser durchgesetzt. Die tote Hand eines er-starrten Dogmatismus lastete unter Stalin ungeheuer schwer sogar auf Wissenschaft, Literatur und Kunst.

Chruscht­schows Reform­po­litik

Chruschtschows neo-leninistische Reformpolitik, die mit der Kritik am Personenkult Stalins vor allem nach dem 20. Parteitag 1956 eingeleitet wurde, unterschied sich vom Stalinismus durch den Abbau von Massenterror, die Hebung des allgemeinen Lebensstandards, durch größere Freiheit von Reglementierung für das Individuum, insbesondere auch im Privat- und Kulturleben. Man hat daher hierin mit Recht eine Art von „Liberalisierung” und einen Übergang von einem extrem totalitären zu einem eher autoritären Regime sehen wollen. Ja, Heinz Brandt hat in seinem Beitrag zu dem Sammelband „Entstalinisierung in der Sowjetunion” (herausgegeben von Reinhard Crusius und andern, Frankfurt 1977) Chruschtschow mit Lincoln verglichen: Jener habe die Privatsklaverei, dieser die Staatssklaverei abgeschafft. Auch Chruschtschow habe damit eigentlich eine neue Gesellschaftsordnung in der Sowjetunion begründet, die auch nach dem Sturze Chruschtschows nicht einfach rückgängig gemacht werden konnte.
Unterscheidet sich nachwievor das jetzige Regime vom Hochstalinismus durch die Schwäche der Ideologie, die weiter fortschreitende Verselbständigung von manchen Kulturbereichen, wie etwa vorallem der Wissenschaft und Technik, und eine wenn auch noch schwache, so doch wachsende Opposition insbesondere auch unter den Intellektuellen, so sucht die Parteibürokratie zum Teil wohl im Bündnis mit Militärs und mit Teilen der neuen Technokratie unabhängige Strömungen nun wieder immer mehr „gleichzuschalten” vor allem im kulturellen Bereich. Terror und Täuschung werden nun wieder in dem für ein totalitäres Herrschaftssystem „normalen” Maße eingesetzt.

Eine Mehrzahl von Kommunismen

Auf den Sowjetkommunismus war hier genauer einzugehen. Nicht nur wegen der realen Macht der Sowjetunion, sondern auch wegen der ideellen Ausstrahlung des Bolschewismus und Stalinismus auf viele Länder. Zweifellos wird die Hegemonie der Sowjetunion nun immer schärfer von China bekämpft – und China mag sehr wohl eines Tages den ersten Platz im kommunistischen Lager einnehmen. Aber selbst wenn wir von diesem Zweikampf der Supermächte absehen, kann man schon längst nicht mehr von dem Kommunismus oder Stalinismus sprechen. Wir haben es heute mit einer Mehrzahl von Kommunismen zu tun. Kommunisten nennen sich nun die Sowjetkommunisten ebenso wie die Chinesen, die Jugoslawen wie die Kubaner, die Stalinisten wie die Trotzkisten und Maoisten, total an Moskau orientierte Splitterparteien wie DKP (und SEW) ebenso wie die unabhängigen Massenparteien in Frankreich, Italien oder Japan.
Nachwievor folgen die meisten kleineren kommunistischen Parteien unkritisch der Führung des Kremls, wobei bei ihnen sicherlich die organisatorisch-finanzielle Abhängigkeit von diesem eine erhebliche Rolle spielt. Im großen und ganzen kann man bei allen kleineren Differenzen diese Strömungen als stalinistisch oder spätstalinistisch charakterisieren. Das trifft aber nicht mehr auf die großen kommunistischen Parteien Westeuropas wie die Kommunistische Partei Italiens, Spaniens, Frankreichs, aber auch auf die Kommunistische Partei Japans zu. Auch ihnen fällt es noch nicht leicht, wirklich eigenständig zu operieren. Allzu lange hatten sich ihre Anhänger daran gewöhnt, die Mißerfolge im eigenen Lande durch den Glauben an die Allmacht, Allgüte und Allweisheit der fernen Sowjetunion zu kompensieren. Diese blieb für sie immer noch das Paradies, ihre Führer waren die Götter, die ihnen den Weg zur Seligkeit ebnen helfen müssen.

Emanzi­pa­tion vom Moskauer Vorbild

Inzwischen aber kann man bei immer zahlreicher werdenden Parteien – wie etwa der italienischen oder spanischen, der japanischen und nun auch der französischen – Anzeichen einer Neuorientierung im Zeichen einer immer weiterreichenden Entstalinisierung feststellen. Diese beruht sicherlich nicht zuletzt auch auf den schlechten Erfahrungen, die die Kommunisten nach 1945 mit einer Strategie der Gewalt nach dem Vorbild der bolschewistischen Revolution machen mußten. Denn wo ist es ihnen überhaupt gelungen, mittels eines gewaltsamen Umsturzes an die Macht zu gelangen? Vielleicht in Asien, aber dort operierten die kommunistischen Parteien, die ja auch alles andere als legale proletarische Massenparteien waren, in einem ausgesprochen vorindustriellen Gesellschaftsmilieu. Auch Kuba war alles andere als eine moderne Industriedemokratie. Zudem hatte die Kommunistische Partei hier nichts unternommen, um der Revolution zum Erfolg zu verhelfen. Diese war das Werk des Individualisten Fidel Castro und seiner kleinen intellektuellen Freischar.
Sogar in Osteuropa wären die Kommunisten möglicherweise 1945 dem Kampf um die totale Macht ausgewichen oder wären unterlegen, wären diese Gebiete nicht in die Interessensphäre Moskaus einbezogen und von dessen Armeen besetzt worden. Abgesehen von Jugoslawien und Albanien erlebte sogar Osteuropa nicht so sehr eine echte Revolution der eingeborenen kommunistischen Parteien aus eigener Kraft als vielmehr eine mehr oder weniger versteckte Annexion durch die Sowjetunion. Auch deuteten bereits damals Österreich und Finnland an, wie gering die Chancen der Kommunisten überall dort waren, wo sie sich nicht auf die Bajonette der Roten Armee stützen konnten.

Der westliche Kommunismus als Trans­mis­si­ons­riemen zwischen Kapita­lismus und Bolsche­wismus

Die weitgehende Demokratisierung oder „Domestizierung” der kommunistischen Bewegung in Westeuropa heute scheint angesichts des noch immer stark betonten Gegensatzes von Kommunismus und Sozialdemokratie, vorallem aber auch im Hinblick auf die Gebresten der spätbürgerlichen Gesellschaft ein größeres Rätsel aufzugeben als die rasche Integrierung der Sozialdemokratie von 1914 in den damals blühenden Hochkapitalismus. Die heutige Anfälligkeit des Kommunismus gegenüber dem bürgerlichen Milieu, in dem er operiert, dürfte sich zum Teil so erklären, daß im Westen immer noch objektiv fortschrittlich-sozialistische Tendenzen spürbar sind, so schwach die entsprechenden Kräfte und Gruppen auch zeitweise sein mögen. Deutet man den Kommunismus in der westlichen Welt sozusagen als Transmissionriemen zwischen Kapitalismus und Bolschewismus, so verläuft die Bewegung je nach Vitalität des jeweiligen Systems mehr in der einen oder anderen Richtung. Während der unmittelbaren Nachkriegskrise tendierten die kommunistischen Parteien daher stärker dazu, östliches stalinistisches Gedankengut nach dem Westen „einzuschleusen”. Heute, da sich der Westen wie der Osten in einer mehr oder weniger latenten Krise befinden, wirken dieselben Parteien eher als „Bazillenträger” für die Infiltrierung fortschrittlichen westlichen Gedankengutes in den Osten.

Die Charak­ter­maske der kommu­nis­ti­schen Parteien

Diese Doppelrolle vermögen die kommunistischen
Parteien umso eher zu spielen, als sie von jeher eine zwiespältige Charaktermaske trugen: mitideologisch-regressiv-totalitären Zügen vermischten sich utopisch-revolutionär-libertäre Aspekte. „Welche dieser beiden Seiten überwiegt, hängt nun jeweils nicht nur von der historischen Situation, sondern auch vom Milieu und der durch dieses mitbestimmten Funktion ab. So konnten die kommunistischen Bewegungen in den unterentwickelten Kulturen stets stärker als Triebkräfte technisch-industrieller Modernisierung wirken, während sie im industriell und zivilisatorisch entwickelten Westen stets auch Produkte der Dekadenz der Gesellschaft waren. Solange sie nun ,leninistische` oder gar ,stalinistische` Ziele und Methoden kopierten, stärkten sie alle reaktionär-nihilistischen Kräfte und Tendenzen – waren sie in der Tat in einem Prozeß der ,Faschisierung` begriffen. Ihre jüngste Entwicklung scheint dafür zu sprechen, daß sie in dem Maße, wie der stalinistische Druck aus Moskau nachläßt, wieder die fortschrittlich-sozialen Momente ihrer ldeologie vitalisieren und so auch Anschluß an die anderen sozialistisch-demokratischen Richtungen zu finden vermögen. Die Frage, ob das im weiteren Verlauf zu einer weiteren Verbürgerlichung der gesamten Arbeiterbewegung oder zu einer revolutionär-libertären Renaissance führen wird, kann wohl nur die Zukunft beantworten:” (Ossip K. Flechtheim: Weltkommunismus im Wandel, 1965).

Grenzen eines überna­ti­o­nalen faschis­ti­schen Macht­an­spruchs

Was schließlich die Erfolgsperspektiven des Faschismus anlangt, so erscheint dessen „Endsieg” fraglich. Da der Faschismus nur dort triumphiert, wo die Krise besonders tief ist und alle anderen Bewegungen versagt haben, ist es unwahrscheinlich, daß er in der ganzen Welt gleichzeitig siegt. Der Faschismus eines bestimmten Landes ist aber seinem Wesen nach supernationalistisch und imperialistisch. Zu echter Zusammenarbeit mit anderen nationalen Faschismen ist er daher kaum fähig; vielmehr wird er eher andere Nationen und Rassen abstoßen, insbesondere wenn kein gemeinsamer Feind vorhanden ist. Die Reibungen des Dritten Reiches mit Italien und Japan verdeutlichen die Schwierigkeit einer übernationalen faschistischen Strategie.
Ein geschlossenes faschistisches Weltsystem ist daher nur als Ergebnis der Eroberung der Welt durch eine einzige faschistische Übermacht denkbar. Selbst wenn diese aber – etwa zusammen mit ihren faschistischen Satelliten – wider alles Erwarten schließlich doch einen echten militärischen Sieg erringen sollte, würde sie immer noch vor der selbst heute kaum lösbaren Aufgabe stehen, nach der gewaltsamen Unterwerfung von fünf Kontinenten und sieben Meeren diese ständig zu regieren. Es bleibt daher wohl nur die Orwellsche Alternative eines Nebeneinander mehrerer faschistischer Mächte, die sich in einem permanenten Kriegszustand befinden würden – ein infernalischer Zustand, der aber nicht ganz unwahrscheinlich sein dürfte. Wie groß der Preis wäre, den die Menschheit für eine faschistische Integration der Welt – vorausgesetzt, daß diese überhaupt möglich wäre! – zu zahlen hätte, haben wir bereits angedeutet. Es ist daher kaum übertrieben, wenn man mit Arthur Koestler die faschistische „Lösung” als „organisierte Zerstörung” diagnostiziert.

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Trachtet am ersten nach Nahrung und Kleidung, dann wird euch das Reich Gottes von selbst zufallen.

Hegel, 1807

Der Klassenkampf, der einem Historiker, der an Marx geschult ist, immer vor Augen steht, ist ein Kampf um die rohen und materiellen Dinge, ohne die es keine feinen und spirituellen gibt. Trotzdem sind diese letzteren im Klassenkampf anders zugegen denn als die Vorstellung einer Beute, die an den Sieger fällt. Sie sind als Zuversicht, als Mut, als Humor, als List, als Unentwegtheit in diesem Kampf lebendig, und sie wirken in die Ferne der Zeit zurück. Sie werden immer von neuem jeden Sieg, der den Herrschenden jemals zugefallen ist, in Frage stellen. Wie Blumen ihr Haupt nach der Sonne wenden, so strebt Kraft eines Heliotropismus geheimer Art, das Gewesene d e r Sonne sich zuzuwenden, die am Himmel der Geschichte im Aufgehen ist. Auf diese unscheinbarste von allen Veränderungen muß sich der historische Materialist verstehen.

Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen (IV), 1940.

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